&---•= ) Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts. i » ■)
Nr. 215. Mittwoch, 15. September. 1915.
(16. Fortsetzung.) jttCvßlS CtCbCi <Nachdruck verboten.)
Roman von Anntz von PanhuyS.
Baronesse van der Burght, ein älteres Fräulein, eine entfernte Verwandte des Hausherrn, machte die Honneurs auf Oudeburg. Sie empfing die Gäste im Vestibül, einer geräumigen -Halle. Kolossale Schränke mit wunderlichem Schnitzwerk zogen sich an den Wänden entlang und dazwischen hingen die Bildnisse längst da- hingeschiebener Besitzer des Schlosses, neben ihren steifen blonden Gemahlinnen. Bequeme Lederstühle und einige Tische mit blumengeschmückten Vasen gaben dem großen Raum einen Anstrich von Behaglichkeit. Zwei Schlafzimmer im ersten Stock, verbunden durch einen Salon, nahmen die Damen auf, der schmale Kabinenkoffer, den sie mitgebracht, fand sich bereits vor.
„Ein geradezu fürstlicher Besitz ist dieses Schloß", äußerte Gräfin Sovhagen, „wenigstens so weit ich es bis jetzt zu beurteilen vermag-" Sie zog das dunkelblaue Seidenkleid an, das sie vorsorglich mitgebracht, und legte das weiße Stickereikostüm für Friodel zurecht. In einer halben Stunde ging es zu Tisch und in vornehmen holländischen Familien achtet man die Sitte, des Abends bei der Hauptmahlzeit in großer Toilette zu erscheinen.
Ban Moelen, die stattliche Gestalt im Frack, führte die Gräfin zu Tisch, mit freundlichem Lächeln bot die Baronesse van der Burght Friede! den Arm- Die Tafel tvar reich gedeckt mit auserlesenem seltenem Porzellan, tchwer und gewaltig funkelte das prächtige Silbergerät und zwei Diener servierten lautlos und aufmerksam. Friede! saß dem Jonkheer gegenüber. Er hob sein Sekt- glas und stieß mit ihr an. Wie ein unterdrückter Schrei klangen die dünnen Kelche zusammen. Friede! trank hastig. Heiß durchströmte der Champagner ihr Blut, schneller rann es durch ihre Adern und die Worte glitten leicht und gut über die Lippen.
Ein Wohlgcfühl, wie seit langM nicht mehr, war in Friede! und die Erinnerung an Hans von Bucken- bach trat zum ersten Male zurück vor dem Behagen der Stunde. Baronesse van der Burght nickte ihr mehrmals mütterlich liebevoll zu. Friede! gefiel ihr aus- nehmend. Gott sei Dank, daß Frederik van Moelen endlich ernstlich daran dachte, eine Gattin heimzuführen: es wäre doch ein Jammer gewesen, wenn Oudeburg mach seinem Tode an eine Seitenlinie fiele. Daß Frederik die Komtesse liebte, das hatte er ihr anvertraut, und daß sie seinen Antrag annahm, war nicht zu bezweifeln, sonst wäre sie doch nicht hierhergekommen.
Nach dem Speisen gab es im Nebenraum den Tee in papierdünnen chinesischen Täßchen.
„Darf ich Ihnen eine Zigarette reichen, Komtesse?" fragte der Jonkheer van Moelen.
„Gerne.' Sie nahm eine Zigarette aus der ihr dargebotenen Schachtel, und er hielt ihr dienstbereit das Lämpchen mit der winzigen Flamme entgegen. Dabei berührten sich zufällig beider Hände und die gutgeformte Männerhand bog sich zusammen, als wolle sie Friedels Hand festhalten-
«Morgen zeige ich Ihnen Oudeburg", sagte van
Moelen, „hoffentlich gefällt Ihnen unser alter Besitz* Sein Wunsch rankte sich durch seine Worte.
„Was ich bisher gesehen, hat mich entzückt", versicherte sie und trat an eine Vitrine, in der köstliche Alt- Japaner-Stücke standen, „so eine Inneneinrichtung wie auf Oudeburg gibt es nicht allzu häufig."
„Ererbt und erhalten", erwiderte er. Es drängte ihn, ihr zuzurufen: Das Dilles soll dir gehören, du junge kühle Schönheit, wenn du dich mir nur dafür fürs Leben anvertrauen willst! Doch das Plaudern der beiden älteren Damen riß ihn in die Wirklichkeit zurück. Die Baronesse erzählte gerade: „Ich besitze ein Häuschen in Utrecht, doch als Frederiks Mutter starb, zog ich auf seinen Wunsch nach Oudeburg, wenn er heiratet, gehe ich wieder heim in mein Häuschen'', ihr Blick traf sich mit dem des jungen Mädchens. Nun wußte Friedel, der Antrag stand nahe bevor. Und die beiden älteren Damen lächelten sich verstündnisroll an und in Friedel kroch Furcht empor, so dicht vor der Entscheidung zu stohen. Jonkheer van Moelen nierkte die Erregung der sonst so Beherrschten und deutete sie zu feinen Gunsten.
Man wünschte sich Gute Nacht und begab sich auf die Zimmer. Gräfin Sorhagrn blieb noch ein bißchen bei Friedel. Sie redete vergnügt davon, welch ein grobes Glück Friodel machte. Man war ja selbst das, was man als sehr wohlhabend bezeichne, vielleicht auch reich, aber dem Reichtum deS Jonkheern gegenüber bedeute es wenig. Das sehe man auf den ersten Blick. Und der Besitzer von Oudeburg wäre ein stattlicher, schöner Mann und kolossal verliebt. Das letzte unterstrich Gräfin Sovhagen in der Rede, die sie während des Auskleidens ihrer Tochter hielt. Hans sei ein dummer Junge dagegen und schließlich sei die Verlobung tnit ihm nichts als eine Kinderei gewesen.
Da rückte er Friodel plötzlich wieder greifbar nahe, er, den sie um jeden Preis vergessen wollte. Die hohe schmale Gestalt straff aufgerichtet, das braune Gesicht so knabenhast herbe — o, hätte die Mutter doch nicht von ihm gesprochen. Sie war so kräftigen Willens gewesen, Jonkheer van Moelens Frau zu werden, ein lautes „Ja" trollte sie ihm entgegnen, wenn er sie befragte, alleWelt sollte sie beneiden um dasGIück, das sie gemacht, bis sie selbst daran glaubte. Und nun — — 1
Dunkel und heiß lag die Nacht über Oudeburg und in der schwülen, schweren Nacht glitt die Sehnsucht wie Mer Blumenduft durch die Fensterscheiben und legt« sich in leichter loser Tranmgestalt um Herz und Sinne.
Baronesse van der Burght träumte von ihrem stillen Utrechter Häuschen hinter dein alten Domturm, von dessen Höhe herab die getragenen schweren Akkorde des Glockenspiels hineinklangen in ihre kleine Welt. Dann gleiten sie langsam festlich weiter hin über die Dächer der alten Stadt. Und die Dön-e bringen so viele Erinnerungen mit, — wenn man alt ist, sind Erinnerungen doch das Allerfchöl'.stL. Baronesse van der Burght lächelte im Traum.
