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»K. Jahrgang.

«rfÄdn» tn zwei Ausgabe». — BezugS-Preis: durq denVerlag S» Pfg. monatlich, durch di« Post s Mk. La Pfg. vierteljährlich für beide

Verlag: Langgaffe 27.

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Abend -Ausgabe.

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„Wiesbadener Tagblatt"

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der Nachbarorte,

U1U bei sämtlichen deutschen Urichspostai,statten.

Politische Übersicht.

Es ist menschlich begreiflich, daß die Finanzminister niemals zn den popillären Leuten gehört haben. Steuern zahlen und sterben, so hat Franklin einmal gesagt, muß jedermann. Aber von beiden Dingen wollen die Menschen ungern hören. So ist es denn begreiflich, daß die K o n f e r e n z der F i n a n z m i n i st e r der deutschen Bundesstaaten, welche in dieser Woche in Berlin unter dem Borsitz des Reichskanzlers Grasen Bülow getagt hat, hier und da nicht ganz ohne Miß­trauen betrachtet worden ist. Skeptiker meinen, daß der hrnkende Bote der angekündigten Reichsfinanzreform in neuen Steuern bestehen könnte, hoffentlich behalten diese Pessimisten unrecht!

Der Pessimismus ist überhaupt heritzutage eine weit­verbreitete Erscheinung, das hat sich auch in der bayrischen Kammer gezeigt, wo es in dieser Woche eine Debatte größeren Stils über die politische Lage im allgemeinen und die Beziehungen Bayerns zu Preußen rm besonderen gegeben hat. Die Anschauung Yt weit verbreitet und sie gelangte auch in der bayrischen Kammer zum Ausdruck, daß der jüngste Kabinetts­wechsel in Bayern ein Zugeständnis an das Zentrum einerseits und an die partikularistischen Bestrebungen andererseits bedeutet habe. Was den letzteren Punkt be­trifft, so hat der Mnisterpräsident Frhr. v. P o d ew i I s m einer politisch bedeutsamen Rede sich beinüht, die nach dieser Mchtung hin gehegten Befürchtungen 51 t zerstreuen . Während in Bayern die parlamentarische Maschine ichon stramm im Gang ist, erwartet man in Sachse n von der neuen Kämmer lediglich, daß sie durch eine R e u r e g e l u n g des W a h l re ch t s eine Grundlage zu einer besseren Kammer schaffe. Indessen ist über das Maß der Reformen, welche die sächsische Regierung zu­gestehen will und auf welche die derzeitigen Bcehrheits- parteien eingehen werden, bisher soviel einander Wider­sprechendes berichtet worden, daß man sich noch immer keinen Vers daraus machen kann.

In P r e u ß e n befindet man sich noch immer in der Vorarbeit zu den Landtagswahlen, und die

Oie NeVOlutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

( 10 . Fortsetzung.)

Da erschien die Witwe und brachte den Kaffee.

Der Engels-Pitters-Oberam blickte von seiner Arbeit tmen Augenblick ans und erklärte energisch: „Den Kassie, den betahl ech. Hit eit half Dotzend Borgerbrctzeln noch verto!"

„Überlassen Sie mir diese Angelegenheit nur ruhig", Dehrte sich Gottfried, doch der andere erklärte: „Dat Lied tvill ich nicht umsonst haben. Es ist mir ein Andenken. Und den Stock, den ich Euch unten bei dem Radau in die Hand gedrückt Hab', den müßt Ihr von mir als ein An­denken mitnehmen, das tu' ich nicht anders."

Als er mit seiner Schreiberei fertig war, erkundigte er sich, welchen Namen er unter das Lied setzen solle.

„Gar keinen", entschied der Student.

L, meinte der Hausierer, „eigentlich ist es so das

beste. So was muß wirken, wie vom Himmel gefallen, bas muß sein wie der Wind, wie in der Bibel geschrieben steht: Du hörest sein Brausen wohl, aber du weißt nicht bon wannen er kommt und wohin er geht. Doch nein, tvas drunter müssen wir doch setzen." Er überlegte einen Augenblick und schrieb dann: „Der Wanderer." "

»Gut, gut", stimmte Gottfried bei. „Das ist ein gutes Pseudonym. Das paßt auch auf mich." Und er lummte leise vor sich hin:

„Ei» Sträuße! am Hute, den Stab in der Hand,

Zieht einsam der Wanderer von Lande zu Land."

„Es ist auch von wegen das: Da sollen sie suchen, wer's geinacht hat, da sollen sie den Dichter auf die Liste der Verdächtigen stellen, Nee, nee, da mögen sie sich die Köppe zerbrechen. Hm, das macht mir nun wirklich 'ncn Spaß,

Aufstellung der Kandidaturen ist jetzt schon stark vorge­schritten. Sehr spät ist mich die Sozialdemokratie mir chrem Wahlaufruf ans Tageslicht gekommen, aber die Maske welche der Wolf im Schafspelz sich vor das Angesicht gesteckt hatte, macht sich erstaunlich genug. Da rsi außerordentlich viel von allerlei Forderungen die Rede, welchen man in dieser oder jener Gewandung auch schon m den Wahlaufrufen der bürgerlichenLinken begegnet ijl Aber von all dem radikalen und revolutionären Phrasen- gedresch, von dem der Dresdener Parteitag widerhallte, ist m dem Wahlaufruf nichts zu hören und nichts zu sehen. Die Sozialdemokratie gedenkt also, gleichsam inkognito in die Landtagswahlen zu gehen.

Einen glänzenden Beweis dafür, wie die Sozialdemo­kratie praktische Politik treiben würde, weiin sie die Macht m Händen hätte, haben soeben die italienischen Sozialisten geliefert. Durch ihre Renommistereien mit dem un- Iiebenswürüigeii Empfang, den sie dem Zaren bereiten wollten, haben sie zum Schluß glücklich das Scheitern des Z a r e n b e s u ch e s zustande gebracht und da- drirch ihrem Vaterlande -eine keineswegs unbedeutende Schlappe in der auswärtigen Polittk, zugefügt. Tie weitere Folge aber, daß die Tragikomödie des Zaren- besiiches auch dem Kabinett Zanardelli den Rest gegeben hat, dürfte den Sozialisten, denen Zanar- delli weit freundlicher als die früheren Kabinette gegen- ubersiand, nichts weniger als angenehm sein.

Für den gescheiterten Zarenbesuch hat man sich unter­des in Italien init demFreudenransch der i t a l i e n i s ch- franzö fischen Verbrüderungsfeste ge­tröstet^ aber nun, nachdem der Festrausch verflogen ist und die nüchterne Wirklichkeit in ihre Rechte tritt, be- gmnt man in Italien bereits auszurechnen, wer den größeren Vorteil von dieser Entente haben wird

Man soll überhaupt die Freundschastsversicherungen, welche von Zeit zu Zeit zwischen den Oberhäupten der Staaten ausgewechselt werden, nicht allzu sehr über­schätzen, denn oft wohnen leicht beieinander die Gedanken während hart im Raume sich die Sachen stoßen Dies Wort dürfte auch von der neuesten e n g l i s ch - f r a n - 1 ° Annäherung gelten und es bewährt

ich weben in Japan, welches trotz des einstmals mit 0 viel Reklame verkündeten englisch-japanischen Freund­schaftsvertrages jetzt selber zuschen muß, wie es ange­sichts der Vorstöße des russischen Bären halb­wegs mit blauem Auge, das heißt wenigstens mit der besseren Hälfte Koreas davonkommt.

Im übrigen ist vom Welttheater noch zu berichten daß man in Kanada, wo man bisher mit dem engliscb"n Mutterlande so dicke war, jetzt mit England ob des un­günstigen Ausgangs des Alaska-Streites grollt daß die chronische Krisis in Ungarn den Staats­männern diesseits und jenseits der Leitha noch immer arges Kopfzerbrechen verursacht, daß die Kämpfe in M a r 0 k k 0 noch unverändert fortdauern und daß endlich die makedonischen Reformen noch immer die Seeschlange des Jahres 1903 bilden, die sich anscheinend in das Jahr 1904 hinüber schlängeln will.

Drntschrs Reich.

"«b Personal-Nachrichten. Freiherr Speck von C t e r j b 11 r g , der deutsche Botschafter in Washington, tritt

Er beabttcktia? Urlaubsreise nach Deutschland an.

v ^abscchttgt, sich ttt Berlin einer Operation zu unterziehen den if} TÜ> ein leweres Ohrenleiden notwendig gewor-

* Berlin, 23. Oktober. Wie die „Nat.-Ztg." erfährt, ist an unterrichteter Stelle nichts davon bekannt, datz Verhandlungen über eine Reform der Eisenbahn- P e r s 0 n e n - T a r i f e in Aussicht genommen seien, u * Die geheime» Konferenzen. Die „Saale-Zeitung" berichtete dieser Tage, wie gemeldet, über geheime Kon­ferenzen, in denen über die Mittel und Wege beraten ivorden sei, die Sozialdemokratie erfolgreich zu bekämp­fen. Zu dieser Mitteilung, die allseits mit Skepsis aufge- nommen worden war, äußern sich jetzt die offiziösen „Berliner Polittfchen Nachrichten" wie folgt: Der Ausfall der Reichstagswahlen mit dem bedeutenden Anwachsen der sozialdemokratischen Stimmen hat die Vaterlands­freunde weitester Kreise mit Besorgnis erfüllt, und es ist nur natürlich, wenn eine Anzahl von ihnen das Be­dürfnis fühlt, ihre Meinungen darüber auszutauschen, wie den Feinden unserer bestehenden Staats- und Gesell­schaftsordnung am ehesten beizukommen sein würde. Ebenso natürlich ist es, wenn eine solche zwanglose Be­sprechung nicht an die große Glocke gehängt und der Öffentlichkeit nichts darüber gesagt wird, nicht aus dem Grunde, weil man Geheimniskrämerei treiben will, son­dern weil eben noch nichts Positives zu sagen ist. Es handelt sich um keinerlei Überraschung, sondern um einen Versuch, der, wenn er praktische Bedeutung erlangen soll, gerade vor der breitesten Öffentlichkeit gemacht werden muß. Anstatt solche, dem ganzen Ernste unserer inner­politischen Lage entsprechenden Vorarbeiten zu bekritteln, sollte vielmehr die gesamte nationale Presse es mit Ver­gnügen begrüßen, wenn aus den bürgerlichen Parteien heraus der Versuch gemacht wird, der Ausbreitung der sozialdemokratischen Prvpaganöa einen Damm entgegen­zustellen, ohne von der Regierung zu verlangen, daß sie ihre, bei der ganzen parlamentarischen Lage aussichtslosen Bemühungen erneuert, der Vergewaltigung der nicht wirklich zur Sozialdemokratie gehörenden Arbeiter auf gesetzgeberischem Wege ein Ende zu bereiten. Es ist wiederholt auch vom Negierungstische aus betont worden, die bürgerlichen Parteien müßten vorerst untereinander einig und entschlossen sein, in den Kampf mit der Sozial- demokratie einzutreten, und ihn mit derselben Rücksichts­losigkeit und Hintansetzung der eigenen persönlichen Interessen durchzuführen, ehe regierungsseitig etwas Er- prießliches geschehen könne. Was in jener Konferenz in Halle besprochen wurde, ist auch uns unbekannt. Die Teilnehmer an derselben sind aber Männer, deren natio­nale und politische Gesinnung dafür bürgt, daß sie mit Ernst und mit dem Vorsatze der Ausdauer an die schwere Arbeit herangetretcn sind. — Auf jeden Fall ist da noch eine weitere Aufklärung nötig. — Die „Saale-Zeitung" selbst hält gegenüber den Preßstimmen, welche die Wahr­heit der in einem Leitartikel des genannten Blattes ent-

daß^ ich das Lied bei Euch gefunden Hab' und daß Ihr mir s schenkt. Das ist mir das beste Andenken an diesen berühmten Tag. Wenn Ihr nicht gleich von dem Manewel 'rausgeschmissen werft und noch länger bei uns im Land bleibt, na. dann sehen wir uns wohl noch, zu­mal ich die Dörn für meine Stöcke von dem Heckengraf bezich. Aber wenn wir uns nicht mehr sehen, so haltet den guten, Knüppel in Ehren, den ich Euch gab. Und wenn ^;hr ihn mal ordentlich gebraucht, und wenn er Euch Nutzen bringt, daß Ihr vielleicht mal irgend so 'neu Lumpenkerl damit über den Schädel haut, dann denkt mal an den Engels-Pitters-Oberam."

Indes näherte sich eine schlechte Blechmusik dem Hause und plötzlich entstand außen ein wüstes Geschrei und Ge­johle.

„Hurra, der Kradepohler Gesangverein „Gemütlich- kcit!" rief der Hausierer, ans Fenster tretend. „Die meisten sind besoffen, und der Schulmeister, der sie kommandiert, scheint auch nicht ganz kapitelfcst mehr zu

Die Sangesbrüder hatten nicht sobald seine Figur hinter dem Fenster entdeckt, als sie ein lautes Triumph­geheul anstimmten.

„Wat brntt de Donnerkiel hee bei der Wettfrau to fetten!" schrie der Kirbergs Gus (Gustav), ein Schuster, dem man nachsagte, daß er selber seine Flickschusterei außer­halb des Hauses am liebsten dort betrieb, wo cs entweder etwas Gutes zn essen gäbe, oder wo die Frauensleute für seine Karessen ein Ohr hätten.

„Schwieg stell, Gus!" schrie einer. „Tn gönns' et dem Oberain nit!" Aber der Schuster verteidigte sich: „Nee, et es nur, weil he ns geweß alles weggefreten hat."

Der Hausierer hatte die Worte verstanden. Er öffnete das Fenster, nahm eins der Forellengerippe und wari es dem Schuster mit einem eleganten Wurf an den Kopf. „Da, Gus", ncf er, „do häst du auch noch jet. Em

oewrigen sind für dech noch en paar Stackfesche (Stock­fische) do. Ewwer ech glänw', se sind jet to hart für din bröcklige Teng (Zähne)."

Ein allgemeines Gejohle antwortete ihm, und eine Anzahl der hungrigen Sänger, die im Tal wohl genug zu trinken, aber nicht ausreichend zu essen erbalten hatten, orangte sich in wildem Ansturm in den Ladenraum, riß Speck, Würste und Burgerbretzeln herunter und entleerte einen Korb mit Brötchen und Weißbroten. Das Belle- mieten stand mitten unter ihnen und sorgte mit Energie, daß es mit der Bezahlung nicht zu kurz kam und seinen Profit bei der Geschichte machte. Oberam. hatte in- zwischen auf dem Glasschrank eine Ziehharmonika ent- deckt, die noch der selige Karl August Pieper mit kunst- geübten Händen und Knieen gespielt hatte.. Er holte sie herab, stellte sich ans Feiister und begann, die lustigsten Weisen zu spielen. Die Trunkenen unter den Sanges- brudern vernahmen es mit besonderem Vergnügen. Und als nun nach einigen Volksliedern Oberam mit kühnen Übergangen dem Pappdeckelbalg die flottesten Tanz- Melodien enttockte, da faßte sich ein Paar der Sänger und walzte unter allgemeinem Juchhe durch den' dicken Straßcnschlamm. Dies Beispiel wirkte ansteckend. Ein zweites, ein drittes Paar folgte und als Oberam immer gewaltiger und schneller in die Klappen Mid Sttfte griff, hupfte, tgiizte und schleifte es im Handumdrehen in Regen und Schlamm, als sei die Hölle losgelasseu.

t , »Jetzt Hab' ich genug von dem Festtag", sagte Gott- >rled lachend zu seinem Begleiter. „Ich will' vor der Nacht noch in Opladen sein."

„Und mich soll der Deuwel hole», wenn ich hier früher weggehe, als mich die Wittfrau 'nausschmeißt", lachte der Hausierer. „Und das hat gute Wege."

-Der Student legte etliche Fünfgroschenstücke auf den T,Ich, verabschiedete sich von dem Gefährten mit kräftigem .Handschlag und entwich durch die Hintertür aus dem