iksvaötmr
Verlag: Langgaffe 27.
BBopgen-Ausgabe.
Sondergerichte.
Man wird keinen Widerspruch zu erwarten haben u«»-"von unserer Zeit sagt, sie habe einen demokratischen Grundcharakter. Auf allen Gebieten gehen Sie beherrschenden Tendenzen des Volksgeistes dahin, Orga- nvatronen zu schaffen, in denen die Gemeinsamkeit der Lebensfunktionen des nationalen Körpers ihren leben- dl«en Ausdruck findet, und zwar so, daß auf die Ge- «chlossenhett der früheren Verbände, auf die Absonderung m Kasten und Klassen, auf die eigentümlichen Sonöer- formen dieser Verbände verzichtet wird. An die Stelle der ständischen Vertretungen sind die Parlamente ge- I ^ cn '^ lc a ^ rt Zünfte gibt es nicht mehr, und die Versuche ihrer Wiederbelebung machen den Eindruck, als solle ein toter Körper galvanisiert werden. Nun aber be- trachte man die mannigfachen Neubildungen im Organis- mus der heutigen Gesellschaft im einzelnen, und man wird s ^ ~ '"wen, daß unbeschadet des demokratischen
Kerns Tendenzen mächtig werden, die uns wieder in die alteren sozialen Formen zurückzuführen bestrebt sind, sreillch gewandelt nach den gründlich veränderten Zeit- verhaltmssen. So hat man die Trusts, zu denen die moderne Volkswirtschaft auf dem Umwege über Kartelle und Syndikate hinörängt, moderne Zünfte genannt, teil- "Ut Fug und Recht insofern, als diese Bildungen ähnliche Zwecke wie die Zünfte des Mittelalters verfolgen, nämlich die Sicherung ihrer Mitglieder durch eine "'»"Sehende Ausgestaltung des Gesamtbetriebes unter möglichster Ausschaltung ihrer Bewegungsfreiheit. Die ^.e^snnnötschaft zeigt sich vor allem in der strengen und rücksichtslosen Absperrung nach außen hin. Indessen kann man sagen: Er» handelt sich hier um selbständige Re- gungen von Interessen und Interessenten, die zwar auf die Öffentlichkeit stark genug einwirken, dagegen die Ge- s-ZSebung nicht weiter bemühen, sondern sich völlig auto- nom außerhalb ihres Bereiches vollziehen. Man könnte Eit sagen: Diese Bildungen beweisen nichts gegen den
i™1rH'2i Keilk x Charakter der Zeit, da sie nicht von den Absichten und der Anschauung der breiten Volks- nassen getragen werden, vielmehr sich im Widerspruch mit ihr entwickeln. Der Einwand mag in gewissen Grenzen zugegeben werden. Es gibt aber triftigere Zeugnisse
SVr!! 5 » Hinneigung zur Abschließung in Kasten und Klassen erneut erwacht, und daß die Gesetzgebung dieser Hinneigung nicht im Wege ist. Diese Zeugnisse bte «L ,! t ^. er Znnahme der Sondergerichte dar.
^ oöen ,l” öen letzten Jahren nicht nur eine Reihe von Ehrengerichten für sogenannte höhere Berufsstände '^niien, wir haben auch die Gewerbegerichte bekommen, !"'^nnr sollen letzt Kaufmannsgerichte erhalten. An letzt uichts.Hegen die Zweckmäßigkeit vielleicht sogar Notwendigkeit der Sondergerichte bemerkt werden, und jeder unbefangene Beurteiler wird zugeben daß der Geist der ordentlichen Gerichte mit die Schuld daran tragt, wenn seine immer peinlicher empfundene Inkongruenz mit Geist und Wesen der Gegenwart den Forderungen nach Sondergerichten einen so mächtigen
Vorspann geleistet hat. Jedoch die Tatsache selber und vor allem die Leichtigkeit und die naive Selbstverständlichkeit, m,t der sich die Sondergerichte dem Bolksbewußt- sein erngefügt haben, bleiben darum nicht weniger ein Gegenstand belehrender Betrachtung. Bet der Einweihung des neuen Ziviljustizgebäubes in Hamburg beklagte der Chef der dortigen Justizverwaltung diese Sondergerichte, indem er u. a. ausführte, sie sollen den betreffenden Ständen angeblich eine billige, schnelle, sachkundige Rechtsprechung sichern, aber keiner dieser Vorteile dürfe das Vorrecht einzelner Stände sein. Der Staat .n^n feinen Angehörigen die Möglichste Schnellig- kert, Billigkeit, Sicherheit der Rechtshülfe. Gewiß, es ist l° r - Aber wenn der Staat nicht leisten kann, was er seinen Angehörigen schuldet, dann kommt man eben auf den Ausweg der Sondergerichte. Daß sie die oberste Stufe der Rechtsentwickelung bedeuten, wird keiner behaupten vre mehr wird die Fortentwickelung auch über sie einstmals wieder hinwegführen. Aber daß sie so lebhaft ver- langt und verhältnismäßig so schnell gewährt werden, das beweist, daß sie eine Notwendigkeit wenigstens in der^Zesi AaßCn ^nd trotz des demokratischen Zuges
Deutsches Reich.
Feuilleton.
Herbstwinöe.
Eine hygienische Betrachtung.
Von I)r. Karl Weißer.
r Höchste Zeit, für den Wind mal eine Lanze zu
reche» und ihm eine öffentliche Ehrenerklärung zuteil werden zu lassen, denn er ist ein wirklicher Wohltäter, oer leider verkannt und sogar gefürchtet wird.
• die reinigende Tätigkeit der Winde würde un-
mtt Är f Ä e Urnern Sumpfpfuhl gleichen, angefüllt Mi,pv' C * eI ' U,i nnd Rauch, mit fauligen, verpestenden Ausdunstungen, mit Krankheitskeimen aller Art. Nament- uch in jetziger Jahreszeit, wo nicht nur der sichtbaren Ptlze Wachstum seinen Höhepunkt erreicht, sondern auch ,f.. r unsichtbaren Krankheitserreger, würden ohne kräf- .ige Luftbewegung furchtbar verheerende Epidemien ent- itehen Besonders bei der gefürchteten Malaria hat man dies vielfach beobachtet,- je ruhiger die Luft ist, um so ™Sbwlnnt das Malariagift an Dichtigkeit, während Wälder und Felder zerstreut, verdünnt und in seiner Wirksamkeit bedeutend geschwächt wird Wie schön ist's im Herbst, wenn der trübe, auf Gemüt und Körper schwer lastende Nebel durch eine kräftige Brise nagt wird und lieblich die Sonne uns wieder anlacht' ~ le Befreiung von drückendem Alp empfinden dies namentlich alle Asthmatiker und Lungenleidenden.
Allerdings wird bewegte Luft von unserem Körper kalter empfunden als ruhige. Der Wind beseitigt die »uf unserer Haut in den Kleidern befindliche warme Luft- tch'cht und ersetzt sie durch kältere, die nun erst wieder auf --osten der Körpertemperatur erwärmt werden muß,- da- urch wird dem Körper fortgesetzt immer wieder Wärnie ""zogen. Es ist bekannt, daß man selbst außeroröcnt-
Einc Verdächtigung Deutschlands.
^ ., r . ^ I.. BerIin. 18 . Oktober.
m italienischen Blattern und nicht bloß in solchen
b f SPftP«“ W fOTt und fort mit Verdächtigungen der deutschen Politik gearbeitet, die es verschuldet haben soll, daß der Zar auf die Romreise verzichte. Zuerst be- gnugte man sich mit leisen Andeutungen, jetzt wird laut
s a3en - f°' deutscherseits sei tat*
schlich daraus hingearbeitet worden, daß eine starke Spannung zwischen Rom und Petersburg eintrete, und
unterstützt worden. Beschuldigungen hat man in der Wilhelmstraße die Wahl zwischen kühlem Ignorieren und entschiedenster Zuruckweisung eines der sinnlosesten jemals» erfundenen Märchen. Einstweilen wird das Gerede von hier aus geduldet, und es läßt sich ja versieben warum das geschieht. Angenehm ist es niemals sich von einem befleckenden Verdachte reinigen zu müssen/denn wer einer Unwurdlgkeit, die ihm fern lag, mit (?t>
tor i bc -J Qt Zunächst die natürliche Empfindimg, er brauche nicht zu antworten, weil es nicht möglich sei daß man an den Verdacht glaube Es tommt hinzu, daß an hiesigen maßgebenden Stellen nicht geargwohnt werden wird, die Geschichte von deutschen Zettelungen gegen Italien möchte irgendwo an einer "alremschen Regierungsstelle für wahr gehalten werden Gleichwohl imrd es kaum umgangen werden können den törichten und ersichtlich gefährlichen Ausstreuungen engegenzutreten. Die soeben aus Rom gemeldeten ^ monstratronen für eine italienisch-französische Nr- bruderung und gegen das Donaureich lassen zwar uns einstweilen aus dem Spiele, aber man ersieht aus ihnen wie gereizt die Stimmung in jenen Kreisen ist, die nur
liche Kälte verhältnismäßig leicht erträgt, wenn die Luft 1 « hierfür finden wir tm großen Matz-
tn ^E'brrien, wo die in den Wintermonaten fast vollkommene Luftruhe die Bewohner befähigt, selbst Temperaturen von - 50 bis -60 Grad ohne besondere Belästigung auszuhalten. Die Wärmeentziehung des
fi 01 9 « r f !?" 0t OTn öer Richtung der Winde ab, indem die Westwinde feucht und warm, die Ostwlnde trocken und mit pno.
Wie übertrieben aber die allgemeine Furcht vor den Winden ist, zeigt sich auch in Goethes „Faust", wo Wag- E vor der „wohlbekannten, dem Menschen tausendfältige wariit^ "0" ntlen Enden her bereitenden Schar" also
„Bon Morgen zieh'« vertrocknend sie heran Und nähren sich von deinen Lungen.
Es bringt der West den Sch^v^/ d^rH/ewlückt Um dich und Feld und Aue zu ersäufen". '
ni( ^ t franfe P^fnnen bildet der'Wind ein erfrischendes, kräftigendes Luftbad, welches ebenso günstia wirk nne an kaltes Wasserbad. Da auch keiner dem Wind.und Wetter sich ganz entziehen kann, muß eben icder seine Haut an kühle Luft gewöhnen, am crfolg- reichsten durch häufige Luftbrausen und Luftbäder. Stärkende Luftbrausen nimmt man morgens und abends beim An- und Ausziehen, indem man nicht nur öle Ober- kleider, sondern auch alle Wäsche recht schnell wechselt: das erfrischt köstlrch und gewöhnt öie Haut an Temperatur- unterschiede. Hat man sich am Tage zu irgend einer Gelegenheit nochmals umzuziehen, so verfährt man wieder so radikal. Noch wirksamer wird die Abhärtungskur, wenn man bei dieser Gelegenheit die Haut tüchtig reibt, frottiert oder bürstet, wodurch sie blutreich und unempfindlich wird, wie die Haut an Händen Und Gesicht. Diese tägliche Behandlung möge man immer mal unterstützen durch warme Wannenbäder mit nachfolgender kalter Brauie
auf eine Gelegenheit warten, um ihrer Abneigung gegen den Dreibund eine realpolitische Spitze zu geben. Fragt mau, welcher Grund für die deutsche Politik Vorgelegen haben könne, um den Zaren von Rom fernzuhalten, so bekommt man eine Antwort, die noch kindischer ist als ur- a Hf r :1 ^ r lleZnllme Schlußfolgerung. . Es wird in italienischen Blättern bchauptet, die deutschen Machenschaften seien ein Liebesdienst für Österreich-Ungarn ge- wesen, das sich durch die vermeintlichen Ansprüche ^tolliens auf die Westküste der Balkanhalbinsel beeinträchtigt fühle. In Wien habe man befürchtet, der Zar tonne infolge der natürlichen Sympathien Rußlands für Montenegro als das Vaterland der Königin von Italien dazu gebracht werden, die italienische Balkanpolisik moralisch zu unterstützen, und dies eben habe verhindert werden sollen. Es erübrigt sich wohl, ein Wort dagegen Zulagen, und doch wird vielleicht irgendwie gesagt werden ? u y, e "' lauter Hirngespinste sind, und daß die
deutsche Politik an dem Unterlassen des Zarenbesuchs a 9..^ e italienische Negierung selber, die Mittel und Wege hätte finden müssen, um dies Ereignis abzuwenden.
Quacksalbereien an der römischen Frage.
y. Der frühere Präsident des Reichs-Versicherungsamts, l)r Bodiker, wird sehr erstaunt sein, wenn ec aus einer hiesigen Korrespondenz erfährt, daß er eine politische ^spielt habe, als er in den „Preußischen Jahr- i-iA0ft emen, Vorschlag zur Lösung der römischen ^ rr Bödiker hatte im Juli in der staatsimssenschastlichen Gesellschaft zu Berlin einen Dor- trag „WirtMftlE und Politisches aus Jtalim" ge- ^lten, an dessen Schluß ein paar flüchttge Ideen darüber
Stoischen der geistlichen und der weltlichen Gewalt m Italien wiederhergestellt werden t/nnte^^ Es war da gesagt worden, der Papst könnte vielleicht einen schmalen Landstreifen längs des Tiber zum Meere erhalten, damit er die Möglichkeit bekomme, ohne Berührung des italienischen Staatsgeb^is mit fremden Mächten in Verbindung zu Die em solcher bandwurmartiger „Staat" eit|tteren tonnte, und warum die Papstkirche, die doch Ganze geht, mit einer so lächerlichen Ab- Zudung zufrieden fein konnte, darüber hat sich Herr
fitfifnl toeüer « n Gedanken gemacht, und sein Vor- schlag ist denn auch nirgends anders denn^ als die
^ klugen und feinen Kopfes betrachtet worden, ^etzt aber wird in. der „Preußischen Korbe, spondenz von einer „mit den römischen^Werhältnissen besonders vertrauten Persönlichkeit" ein Langes und
siorbenen^w^ berichtet, daß Herr Bödiker vom ver- storoenen Papst empfangen worden fei, mit den Ministern
doü konferiert habe, auch mit Rampollw uw!
^ rn den„Preußischen Jahrbüchern" vielleicht ycheen wiedergebe, die in jenen Konkeivn--^ ^ntt iert" worden sind/ Kurz, es L so dar^M als stecke ein Plan hinter Bödikers Vorschlägen und
hinzugefügt wird, von 'einen .
nh n ^ n ,V ! öic,c einfachen Maßregeln gewissenhaft hne Unterbrechung durch, so wird man sich selbst im Sturm nicht erkälten, übrigens branchen Spaziergänger bei rauhem Wind ja nicht auf offener Landstraße m WÖöen fil ^ ™ Parkanlagen oder ein?« ?Ä ( e V7 öer Bäume dichter Bestand gegen jeden mmc mnn mtd) einen festen Regen- chN^nr mit, da dieser, gegen den Wind gehalten, den vor. zugüchsten Windfchirm bildet. Ängstliche Gemüter können noch in anderer Weise Vorsicht üben. Hierher gehört vor allem: Im rauhen Winde möglichst wenig zu sprechen damit die kalte, trockene Luft nicht direkt in Hals und kommt. Eine andere Vorschrift hat schon im Jahre 8ImoS Comenius in seiner „Sprachen, seniacht: „Des Atems halber ist die Ras gegeben"
B m Atmen durch die Nase wird die Lust erwärmt, ge,' reinigt und angefenchtet: die Nase bildet den natürt chen einzig richtigen Respirator. -'ururiuyen.
Das wichtigste aber ist und bleibt immer Gewöhnuno Haut durch obige Abhärtung an Wind und Wetter Abhärtung muß zur Lebensaufgabe jedes denkenden Menschen gehören, dem es darum zu tun ist, sein Leben nicht fahrlässiger Weise abzukürzen. Solchen Personen wird dann nicht jeder Luftzug, jeder Windstoß Erkäl. tungsfurcht und Rheumatismusangst cinjagen, sondern ste werden eine frische Windbrise labend und stärkend cmpfuiden, wie die gewohnte, tägliche Luftbrause beim Umziehen oder wie eine kalte Dusche nach warmem Vad7 Daun ruft gerade der kräftige Ostwind blühendes rotes ^E-hen hervor was so treffend geschildert ist in «K wchter' faj: X ' Geburtstag", wo die Schwieger-
„?trähli»ks Her, imd rotes Gesicht, das Hab ich beständia Auch wem, der Ost nicht weht. Mein Väterchen sagte mtr
Klopfend di- Mang', tch wlirbe noch kr°nk'°'vör lauter
Gesundheit'.
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