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Grande eliaine oder grande confusion ?

, Auf dem Welttheater sieht es zur Zeit ganz so aus tote bei der grande ehaine im Kontertanz, bei der sich zur Herstellung einer lebenden Kette alles in friedlich­freundlicher Einigkeit die Hände reicht. Aber die praktische Erfahrung des Tanzsaals lehrt uns, daß diese grande ehaine für gewöhnlich mit der Proklamierung der grande eonknsion endet. Wie auf dem Tanzball, so ist e§ auch oft genug auf dem Erdball, wo die hohe Politik sich abspielt. Auch dort endet die grande ehaine, die sich hier in der Form der Fürstenbesuche oder Schieds- verträge abspielt, oft genug mit einer grande eonku8ion, und man muß zuweilen noch froh sein, wenn dieser politische Contre nicht mit einem Recontre endet.

Diese Betrachtung drängt sich uns gleichsam von selbst aus, wenn wir die derzeitigen Vorgänge auf dem Welttheater, die sich in derTat ganz bühnenmäßig machen, ins Auge fassen. Auf dem Welttheater ist zur Zeit «rechter Hand, linker Hand alles vertauscht", gleichsam als ob das Kommando des Kontertanzes „Changez les places" ergangen wäre und alles sich vereinte, seine Platze zu wechseln. Österreich-Ungarn und Rußland, die berden Balkan-Rivalen, haben ihre einstige Eifersucht und mit ihr die Streitaxt begraben, um sich Wer die Dinge auf dem Balkan schiedlich-friedlich zu verständigen. F r a n k r e i ch und E n gll a n d, die beiden alten Gegner und geschworenen Feinde, die vom Krimkrieg bis zu Faschada sich mißtrauisch oder gar ausgeprägt feindselig gegenüberstanden, haben einen Schiedsgerichtsv ertrag ab­geschlossen, der zwar praktisch völlig belanglos ist, aber doch von beiden Seiten für den Beginn einer Ära der Verständigung ausgegeben wird.

. Und noch auffallender ist die Wandlung in den Be­ziehung en z wischen Frank re i ch und I t a I i e n. Der

Die Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl.

(6. Fortsetzung.)

„Man muß ihnen heut was zu gut halten", äußerte Manuel, der Präsident, indem er Hülskamp ansah und m bemühte, ihm durch das allgemeine Spektakel verständ­ig zu werden. Der Fremde machte offenbar einen vor- ellhaften Eindruck auf ihn, und Manuel fühlte das Be- mrfnis, in dem Chaos Anschluß an gebildetere Elemente 5u finden. Der Kaufmann aber, obgleich eine angesehene Persönlichkeit, war ihm zu demokratisch. Mit einem folchen Manne konnte ein Kriegervereinspräsident sich Nicht näher einlassen. So suchte er denn weitere Fühlung rnrt dem Studenten. Obwohl er ein gut Stück von ihm entfernt saß, neigte er sich weit über den Tisch und, seit: Hochdeutsch für einen Augenblick vergessend, rief er Gott- sned an: „Ihr haat studiert. Ich Han er auch su einen in «r Famillje!"

Gottfried verstand ihn nur halb, doch nickte er ihm zu, als habe er seine Worte vollkommen begriffen, worauf Maimel fortfuhr: „Ich weiß nicht, ob Ihr die Geschichte nnt Seiner Majestät gehört habt. Da hättet Ihr mal wieder gesehen, wie's kommen kann, wenn sich so ver­gebene Elemente in einem Verein zusammenfinden. Das ?at man nun davon, wenn man Fastelabendsgecken unter bch dulden muß. Das hat man davon! Ich werd' mir's Noch überlegen, ob ich da weiter mittun kann. Man Aamiert sich ja vor jedem anständigen Menschen, und Denn man sich's recht überlegt, kann man Seiner Majestät dte harten Worte nicht einmal übel nehmen."

Gottfried nickte wieder und rief: „In der Sache hatte 2 recht, nur schade, daß da der Unschuldige mit dem schuldigen leiden mußte. In diesem Sinne . . . ." Und

erhob sein Glas und trank dem würdevollen Manne öv, was diesen offenbar sehr angenehm berührte und den Entschluß in ihm reifte, sich durch eine selbstiiberwindende Äede auch den Beifall der wenigen gebildeteren Elemente NN. Zimmer zu sichem und so die erlittene Schlappe nnigermaßen wettzumachen. Er beredete sich deshalb AN dem neben ihm sitzenden Vereinskameraden, dem Schlächtermeister Hartkopf, einem lusttgen, aber jetzt

alte Haß, für den Tunis und Bizerta die Denksteine bilden, rst tot oder — lebendig begraben, in welch letzterem Falle freilich mit der Möglichkeit einer Auferstehung gerechnet werden muß.. Indessen bei der Begeisterung, mit der der Besuch des Königs von Italien in Paris gefeiert worden rst, denkt man an solche Disakkorde der Zukunftsmusik mcht. Zur Zeit schwelgen die „lateinischen Schwester­nationen" in Wonne, und wenn der russische Zar nicht in der Furcht vor den Anarchisten lebte, dann wäre der fran­zösisch-italienische Verbrüderung in Paris die russisch, italtemsche in Rom gefolgt. Vielleicht, vielleicht auch mcht! Vielleicht ist der russischen Politik die französifch- italienische Verbrüderung unwillkommen und sie hat durch die Absage des Zarenbesuches einen Wermutstropfen in den vollen Becher überschäumender Freundschaft träufeln wollen.

. Es ist in der Tat nicht alles Gold, was glänzt, und dre kaltblütige Verurteilung dieser international-politi­schen Vorgänge ist dringend geboten. Wenn hier und da bereits aus Anlaß der erwähnten Vorgänge von einer neuen Gestaltung der Weltpolittk gesprochen wird, deren Basis ern Zusammengehen Frankreichs, Italiens und Englands, womöglich noch gar mit Einschluß Rußlands bilden soll, so ist dies in das Gebiet der politischen Phantasterei zu verweisen. Die Annäherung zwischen Italien und Frankreich, die ja keineswegs neuen Datums ist, sondern schon mit den Touloner Flottenfesten des vorigen Jahres begann, kann uns in keiner Weise beun­ruhigen. Damals war der Dreibund noch nicht er­neuert und die Kombinationen über eine Neugruppierung der Mächte hatten somit noch eine breitere Grundlage. Unterdes ist die Erneuerung des Dreibundes erfolgt, und zwar seitens Italiens nicht aus irgend welchen persön­lichen Sympathien, sondern aus der praktischen Erwägung heraus, daß Italien beim Zusammengeben mit Deutsch­land und Österreich-Ungarn besser auf seine Rechnung kommt als bei einem Zusammenschluß mit Frankreick). Ter Dreibund hat gegen die Extratour Italiens und Frankreichs um so weniger einzuwenden, als dadurch nur noch stärker die friedliche Tendenz des Dreibundes charak­terisiert wird.

So tvenig wie die französisch-italienische Verbrüderung wird der französisch-englische Schiedsvertrag eine Um- Wälzung der Weltpolitik herbeiführen. Beide Teile ver­folgen sogenannte „reelle Absichten". Frankreich sucht dw Freundschaft Englands, um seine Zustimmung für das erstrebte Protektorat über Marokko zu gewinnen. Und England verfolgt den Plan, Frankreich vomZweibund ab­zudrängen. um sich seinem alten Rivalen Rußland gegen- über eine stärkere Positt on zu schaffen. Frankreich ist vor

über den kränkenden Vorfall etwas verstimmten Maime. Hartkopf schien nicht einer Meinung mit seinem Präsi­denten zu sein, was diesen nur noch mehr reizte, auf seinem Vorhaben zu beharren. War Herr Manuel doch als ein hartnäckiger Rechthaber bekannt. Und so schlug der denn schließlich mit seiner magern, hartknochigen Hand auf den Tisch und sagte spitz: „Tat han ech gefeit (ge,agt), un wat ech gefeit Han, dat es reiht (recht)!" Das lvar die ständige Bemerkung, womit er bei Meinungs­verschiedenheiten jede weitere gegnerische Kritik abzu­schneiden pflegte. Und so begnügte sich beim nun auch der Schlächter. damit, die Achseln zu zucken, während Manuel in einiger Erregung sich erhob, energisch an sein Glas klopfte und mit seiner scharfen Stimme in das Getümmel hineinschrie: „Liebe Kameraden und Fest- genossen!" _ u

Einige schienen ihn nicht zu Worte kommen lassen zu wollen und bedrängten ihn mit Geschrei und schlechten Witzen. Da kam eine tolle Ulksttmmung über den Studenten; er sprang in die Höhe, schlug mit seinem Eichenstock gewaltig auf den Tisch, daß alle Gläser einen Hirpser machten, und brüllte: „Silenttum, Ihr Schrei­hälse! Dieser würdige Herr hat das Wort!"

Das schaffte etwas Ruhe, und Herr Manuel redete und sprach also: „Liebe Kameraden und Festgenossen. Wir alle haben soeben einer erhebenden, für unsere engere Heimat bedeutungsvollen Feier beiwohnen dürfen, einer Feier, die durch die allerhöchste Anwesenheit seiner von uns allen ^ mit landeskinderlichen Liebe verehrten Majestät des Königs erst die rechte Bedeutung erhielt. Unser teurer, so innig geliebter Monarch hat durch diese Anwesenheit eigentlich erst dem alten Wahrzeichen unserer Heimat, dem Kaltenberger Münster, gewissermaßen sein erlauchtes Siegel aufgedrückt, wofür wir hochdemselben nicht dankbar genug sein können. Durch einen traurigen Zufall und durch den Umstand, daß gewisse Leute denken, das ganze Jahr sei Fastelabend, ist der Verein, dessen Präsident ich zu sein die Ehre habe, in den Verdacht bei Seiner Majestät gekommen, daß er ganz aus Fastel- abendsgeckeil bestehe, was gewiß nicht der Fall ist."

„Doch, doch!" schrieen einige, aber Herr Manuel fuhr fort, seine Stimme noch mehr erhebend: „Nein, der Verein besteht. Gott fei gedankt, noch zum weitaus größten Teil aus Männern, die tvirkliche Männer sind, und die auch eine

1903 .

eine schwere Wahl gestellt, denn die Freundschaft Eng­lands schließt die Freundschaft Rußlands aus. Die letz­tere bringt zwar alles in allem geringe Dividenden, aber die englische Freundschaft gilt als „unzuverlässiges Papier" und hat deshalb nur geringen Kurswert.

Wir glauben nicht an die englisch-französisch-italie- räfdfje Entente, Wenn sie aber wirklich in absehbarer Zeit in die Reihe. der politischen Möglichkeiten rücken sollte, so läge es in der Natur der Sache, daß einer solchen Gruppierung eine d e u t s ch - österreichisch- russische korrespondierend gegenübertreten würde. Aber das ist, wenn es überhaupt Progrmnmusik ist. ferne Zukunftsmusik. Tie derzeitigen Vorgänge auf dem Gebiete der internattonalen Polittk sind nur einzelne Touren des großen politischen Kontertanzes, imb wenn das Schlußkommando „A votre plaee!" ertönt, dann wird sich alles wieder dort einfinden, wo es gestanden hat — ohne grande confusion!

formales Recht und das Rechtsgefühl des Ualkes

stehen leider häufig genug in empfindlichem Gegensatz zueinander. Wir erinnern an den kürzlich vorge- kommenen Fall, wo ein Vater, der eben dazu kommt, als ein Strolch seine noch im Kindesalter stehende Tochter zu vergewaltigen im Begriff ist und nun dem Unhold eine gehörige Tracht Prügel verabfolgt. Dafür wurde er wegen Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Gerichtsassessor Leisering sprach sich in der „Deutschen Juristen-Zeitung" im September über diesen Urteils, spruch aus und schrieb u. a.:

„Als ich diesen Fall in einem Kreise akademisch gebildeter Laien erörtern hörte, wurde allgemein die Ansicht gebilligt, datz wenn jener Vater in seiner Wut den Missetäter totgeschlagen hätte und dann vor ein Schwurgericht gestellt worden wäre, er sicherlich freigesprochen worden wäre. Auch zwei andere, eben­falls der Praxis entlehnte Fälle mögen bestätigen, daß die Meinung der Juristen in solchen Fällen von der Volksarrschauuna abweicht. Es passiert mir wiederholt, daß ein zehn- oder elf- jähriger Bursche mit Steinen nach mir wirft, ohne mich zn treffen. Es gelingt mir, den Jungen zu erwischen, und ich ver- setze ihm ein paar Ohrfeigen. Der entrüstete Vater des Jungen strengt Privatklage gegen mich an und beantragt meine Be- strafung wegen Körperverletzung. Der zweite Fall: X. hat dem A„ einem einfachen Manne aus dem Volke, unter falschen Bor- spicgelungen eine größere Summe Geldes abgcborgt. A. ver- klagt ihn schließlich auf Rückzahlung, erlangt auch ein vollstreck; bares Urteil, kann trotzdem aber nicht zu seiner Befriedigung ge. langen, da X. es inzwischen verstanden hat, sein pfändbares Ver- mögen an Verivandte zu verschieben. Dem A. reißt schließlich die Geduld, er sucht X. in seiner Wohnung auf und läßt sich dort, als er ihn nicht gleich findet, etwa zu den Worten hinreißcn: „Wo stjcckt denn der verfluchte Hund, der Betrüger?" X. beantragt darauf Bestrafung des A. wegen Beleidigung. Muß A. bestraft werden, weil er als ungebildeter Mann feiner Entrüstung zu kräftigen Ausdruck verliehen hat? Muß auch in den beiden

ihnen am Ende nicht gerade schmeichelhafte Krittk mit der Würde zu tragen wissen, die Anstand und ein gutes Ge­wissen verleihen. So wollen sich diese wackeren Männer denn auch nicht durch eine solche Krittk aus allerhöchstem Munde beeinträchtigen lassen, in dem Gefühl der Liebe zu dem hohen Herren; und aus diesem Gefühl der Liebe für unfern König fordere ich Sie denn alle cmf, kräftig mit nur einzustimmen in -den Ruf: Seine Majestät unser allergnadigster König, er lebe hoch, hoch und zum dritten Male hoch!"

Ob auch viele begeistert einsttmmten und der alte Veteran Fürholt gar auf seinen Stuhl stieg, die Mütze schwenkte und mit jugendlichem Feuer sein „Hoch!" schrie« daß die Wände widerhallten, ein großer Teil der An- wesenden zeigte doch in seinein Verhalten, datz er mit den Worten Manuels nichts weniger als einverstanden sei,. Ewige kreischten ihr „Hoch" in einer Weise, daß die oppo­sitionelle Absicht ganz unverkennbar zutage trat, andere schwiegen; einer quiekste mit durchdringender Stimme in das Getümmel hinein nicht anders, als werde ein Schwein abgestochen, und der trunkene Schleifer Kretzberg gab eine derart unflätige Majestätsbeleidigung von sich, daß ihm der Herwerts Drittes aus Schreck und Entrüstung den Rest semes Bieres ins Antlitz goß. Der Kulphusar aber erhob seine gellende Stimme und schrie höhnisch: „Dat

recht das es reiht! Jrscht (erst) sech en de Batterie (Gesicht) hauen loten und dann de Hank (Hand) lecken!"

Es hätte sich nichts Hand zu lecken, das überließ er dem Manewel, erklärte der Messerreider Körschken. Was ein rechter Kerl wäre, der käme keine drei Stunden her­gelaufen, um sich für seinen Patriotismus beschimpfen zu lassen. Er träte aus dem Kriegerverein aus, er täte nicht mehr mit. „Ech auch net!" „Ech auch net!" schrie ein halbes Dutzend andere Stimmen und der Hestermacher Franz Weidenbusch brüllte, „ihm sei der kraum Welin der den ganzeil Klüngel angerichtet habe, als Präsident noch lieber, ime einer, der sich für eineil allerhöchsten Nasenstüber so alleruntertänigst bedanken tät, wie der Prösident Manuel."

„So gründet doch einen eigenen Verein und nennt Euch die „Dykrather Krakehler". Oder noch besser, der König sprach ja was voll Bocksspielen, wenn ich recht gehört

8? ■ r.1^? enn !J Eud & doch die „Dykrather Böcke", riet der Engels-Pitters-Oberain.