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Erscheint in »wei Ausgabe«. — Bezug».»»««, durch den Verlag SO Pfg. monatlich, bnrtb die SPoft a Mk. so Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Langgaffe 27.

10,000 Abonnenten.

Abendausgabe.

PülMsches aus England.

Unser Londoner u.-Korrespondent schreibt uns irmterin 17. cr.:

Im Augenblick herrscht hier eine Art Waffenstillstand, denn der Feldherr des Schutzzollheeres liegt, vom Zipper­lein betroffen, auf dem Siechenbett, und wie einer der gegnerischen Heerführer, Mr. Asguith, soeben erklärte, müssen die Freihändler sich nun gedulden, bis Mr. Cham- bvrlmn, der kranke Held, ihnen wieder etwas zu attackieren gibt. Der Ex-Kolonialminister, der als Wahlspruch auf seine Schuhzollflagge das Motto geschrieben: „Hau'st du memen Juden, hau' ich deinen Juden", scheint aber nicht langer nach diesem handeln zu wollen, wenigstens ist er den Gegnern, die seine Argumente als Unsinn, seine Statistiken als trügerisch und ihn selbst, wie z. B. der Sekretär des „Cobden-Klub" es getan, als schamlosen Ver­leumder kennzeichneten, die Antwort schuldig geblieben. Seine Zeitungen sind darob offenbar in heller Verzweif­lung und beschäftigen sich in Ermangelung von etwas Besserem eingehend mit so uninteressanten Persönlich­keiten, wie der neue Kolonialminister, und mit deren Aus­lassungen. Dieser letztere hielt in seiner neuen Eigen­schaft soeben die erste öffentliche Rede in seinem Wahl­bezirk, die aber nichts als die alte, so oft schon aufge- warmte Schutzzollspeise bildete. Im Lager der Frei­händler rüstet man sich einstweilen flott zu weiterem Strauße, gewinnt neue Streitkräfte und macht die Reisigen mit den Schlichen und Kniffen der Gegner der- traut. Von nickst geringer Bedeutung ist die gestrige Er­klärung des Herzogs von Tevonshire, unter gewissen Be­dingungen die Wahl zum Präsidenten der Ilnionist Free Food League (Unionistische Freinah rungs-Liga) an­nehmen zu wollen. Aus jenen Bedingungen geht jedoch hervor, daß der Herzog, einst ein Freihändler vom reinsten Wasser, unter einem leichten Anfall der Chamberlainschen Krankheit, d. h. aber nicht etlva des Zipperleins, leidet Er will allerdings nichts von Zöllen auf Nahrungsmittel wissen, hält aber die Idee von den Wiedervcrgeltungs- zollen für eine zu gute, als daß sie nicht vom Parlamente erwogen werden sollte. Wie viele Gleichgesinnte, wurde er darin offenbar durch das Vorgehen Rußlands bestärkt, das sich dafür, daß England seinen eine Ausfuhrprämie erhaltenden Zucker mit einem Zoll belegte, mit einer gleichen Maßregel, indischein Tee gegenüber, revanchierte Iiußland verteuerte also für zahllose Millionen seiner Bevölkerung ein tägliches Lebensmittel, lediglich um

Rache zu üben, unter der wahrscheinlich nur ein paar große Teepflanzer, cmßerdem aber zahllose arme Teufel, ore indischen Plantagearbeiter, zu leiden haben. Es ist überraschend, daß man John Bull in seinen alten Tagen zwingen will, andere, wirtschaftlich noch in den Kinder- schuhen steckende Nationen auf ökonomischem Gebiete nach­zuahmen. Gerade jener Akt russischer Wiedervergeltung beweist doch, wie ungerecht die wasflmmäßige Handhabung der Zollpolitik die weitesten Schicksten des Volkes im Znteresse einer Einzelnen Klasse oftmals zu treffen ver­mag, und es wäre fürwahr wunderbar, wenn die britische Natron ihrer Regierung die Befugnis gäbe, in ähnlicher Wmfe mit ihr umzuspringen. Niemand hat übrigens bisherm klarer und einfacherer Art alle die Chamberlain­schen Schutzzollthevrien widerlegt, als Lord Goschen das soeben ,n öffentlicher Rede tat. „Wir leben auf einer Esten Hansel", sagte er, „bevölkert mit vierzig Millionen Menschen, und sind mit vier Fünfteln unserer Nahrungs­mittel vom Auslande abhängig. In dieser Hinsicht unter- scheiden wir uns also voii anderen Ländern, die man uns fortwährend als nachahmungswürdige Beispiele für unsere Zollpolitik nennt." Wie er weiter ausführte, baut Eng­land nur 22 % des von ihm benötigten Weizens, Deutsch- land dagegen bezieht nur ein Drittel seines Bedarfes und Franknnch kaum 2 % des seinen aus dem Ausland. Ob­gleich England also auf fremde Lieferanten angewiesen ist, bezahlt man hier für den Quarter Weizen etwa 7 Mark ivenrger als in Deutschland, und 8—12 Mark, ja sogar m manchen Jahren 13 Mark weniger als in Frankreich Die Differenzen stellen ungefähr die Schutzzölle in beiden Landern dar. Ganz besonders bemerkenswert ist der Unterschied im Falle Englands und Frankreichs, da in beiden Landern Weizenmehl allein für Brot Verwendung findet. Ähnliche Verhältnisse erwähnte Lord Goschen im Falle anderer Lebensmittel, deren 16 unlängst ein fran­zösischer Nationalökonom verglich und dabei feststellte, daß eine französische Hausfrau für eine gewisse Menge derselben, die eine englische 100 Schilling kosten, 130 Schilling zu bezahlen hat.

Denkmals-Enthüllung.

wb. Berlin, 18. Oktober. Heute mittag 12 Uhr fand auf dem Platze vor dem Brandenburger Tor die feierliche Enthüllung der Denkmäler des Kaisers und der Kaiserin Friedrich statt. Die Standbilder ähneln in ihrem Auf­bau denen der Siegesallee, doch sind sie größer! sic werden flankiert von zwei gleichfalls heute der E-ffentlichkeit über­gebenen Monummtal-Brunnen aus Marmor, mit denen

sie eine einheitlich den ganzen Platz im Halbrund ein- schließende Anlage bilden. Das Standbild Kaiser Friedrichs,, der in Kürassier-Uniform dargestellt ist, von Prof. Brüft hat zur Seite die Büsten von General­feldmarschall Graf v. Blumenthal und Prof. v. Helmholtz, das Standbild der Kaiserin Friedrich, in Krone und Hermelin, von Bildhauer Gerth, zeigt die Büsten Professor Zellers und A. W. v. Hoffmanns. Das Wetter war nicht gut, ein feiner Sprühregen ging hernieder. Trotz­dem hatten große Menschenmengen die Grenzen der Ab­sperrung besetzt. Auf dem Festplatz selbst fand sich zahl- reiches, besonders geladenes Publikum ein. Es erschienen ferner die sämtlichen Damen und Herren aus der Um­gebung der Majestäten, die Herren des Hauptquartiers, Oberstkammerer, Hausminister und Kabinettchefs, dann der Kronprinz und eine große Menge von Prinzen, Notabilitaten und Vereine. Den farbenreichen, waffen- blitzenden Hintergrund bildeten Regiments-Abordnungen d« 1: Garde-Regiments zu Fuß, des Kürassier-Regiments ^Königin" Nr. 2, des Leibhusaren-Regiments Nr. 2, des Grenadier-Regiments, „Kronprinz", des Grenadier-Regi- ments „König Friedrich III.", des Infanterie-Regiments Nr. 33, des Infanterie-Regiments „Kaiser Friedrich HI.« Nr. 114, des Dragoner-Regiments „König Friedrich III." Nr. 8, des Infanterie-Regiments Nr. 80 und Offiziere Sr. Majestät Schiff „Kaiser Friedrich III.". — Vor im Brandenburger Tor stand die Leibkompagme des 1. Garde- Regiments zu Fuß mit Fahne und Musik, bei der kurz vor Beginn der Feier sämtliche Söhne des Kaisers ein- traten. Rechts und links davon stand zu Fuß je eine Schwadron des Kürassier-Regiments „Königin" Nr. 2, und des Leibhusaren-Regiments Nr. 2, ebenfalls mit L-tandarten und Trompeterkorps. Pünktlich um 12 Uhr erschienen die Majestäten vom Potsdamer Bahnhof her wer Kaiser in der Uniform der Totenkopfhusaren, dis Kaiferm m Äunklegrüner Robe. Nach Begrüßung der Fürstlichkeiten und Abschreiten der Fronten gab der Kaiser, auf der Mitte des Platzes stehend, das Zeichen zunr Begum der Feier, die Leinwandhüllen fielen, die Truppen präsentierten und riefen Hurra, der Kaiser alutierte, ebenso die Militärs, die übrigen Herren ent- blaßten das Haupt. Die ganze großartige Anlage bot sich nunmehr den Blicken dar, mit den rauschenden Wasser- dachen, mit den vorgelagerten Marmorballustraden, mit den weltausgreifenden Marmorrückwänden der Denk­mäler und der Brunen, gehoben durch ein reiches Arrange- ment von blühenden Pflanzen. Ter Kaiser und die Fürstlichkeiten schritten dann zuerst zum Denkmal Kaiser Friedrichs, wo S. M. einen kostbaren Kranz niederlegte dann zu dem der verewigten Kaiserin, der der Kaiser

Oie Nevolutzer.

Roman von Walther Schulte vom Brühl. (6. Fortsetzung.)

III.

Kriegerverein mit anderen Fcstgästen in der -Wirtschaft „Zum ehemaligen Ctsterzienser" einftel, wie er die Aase auinahm, die der König verliehen, wie sich ein Teil der -rerciiiler als „Dykrather Böcke" vom Mutterverein abzweigte Md den kraumcn Welm als Ehrenpräsidenten ernennen wollte, flrie der Student die Dykrather als naffe Wasicrpatrioten in -iner schonen Rede feierte und wie er deshalb samt dem EngelS- Pitters-Obcram verprügelt werben sollte, wie cr aber mit «Urem Gefährten glücklich über das Dach eines ZtegenstallS ins Freie und in die Freiheit gelangte.

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„Gott sei Dank! daß wir den hinter uns haben!" sagte der Klaubergs Klas, als in der Ferne das letzte Hurra­geschrei verklang. „Jetzt kommen wir an die Reihe! Meine Kehle ist fast schon ausgetrocknet trotz all dem Regen.",, Er traf die Meinung der meisten, und so ent­stand plötzlich ein großes Laufen und Gedränge gegen die uni das Münster gruppierten Häuser hin, in denen sich emige Wirtschaften befanden, die alle Räume, die nur vorhanden waren, zur Aufnahme der durstigen und hungerigen Festgäste bereit hielten. Am tollsten gings beim Wirt Ritter zu, der das „Gasthaus zum ehemaligen Zisterzienser" sein eigen nannte. Sein Haus ävar das pElichste und bot den meisten Raum, deshalb drängten Iich dort die Scharen der erquickungsbedürftigen Patrioten am heftigsten durcheinander. Auf der Flurtreppe, die vach oben führte, entstand ein fast lebensgefährliches Ge­brange. Der Dykrather Kriegerverein stürmte die hölzerne Schanze mit todesverachtendem Dftrte, obgleich »er Wirt händeringend im Flur stand und laut jammerte, baß die Treppe die schwere Belastung nicht tragen könne tznd gleich „zum Teufel wär'". Sie strafte aber seine Marte Lügen, denn sie stammte ursprünglich ans dem Kloster und war deshalb von gesundestem Eichenholz ^r Dykrather, Kriegerverein besetzte sofort als günstige «Stellung ein kleines Sälchen, das im Nu von Menschen Müllt war und in das sich immer neue Scharen ergossen, fluch der Engels-Pitters-Oberam und der fremde Student ' "asten sich bineinaedrängt und cs verstanden, auch ihren

Schutzbefohlenen, den kraumen Welm, durch all das Ge- woge mit sich zu schleppen. Als viele einsahen, daß bei einer solchen Menschenfülle, wie sie jetzt das Sälchen barg, doch nicht daran zu denken sei, Platz zu bekommen, flutete „der Strom zum Teil wieder ab, zumal es etwas ungemütlich in dem Lokal wurde. Die Dykrather nämlich, welche chre Fahne mit der stattlichen Stange nicht über die Treppe hatten schaffen können, ließen sie nun von außen durch das Fenster reichen, was auch noch mit einigen Schwierigkeiten verbunden war, die wiederum im Gefolge hatten, daß sich einige derer, die bei der Bergung des Dereinsheiligtums dienstbeflissen ans Fenster geeilt waren, plötzlich ihrer Stühle verlustig sahen. Auch der Hausierer hatte die günstige Gelegenheit nicht unbenutzt gelassen, für sich und seine beiden Genossen zu sorgen, und nun saßen die drei mit an dem längsten Tische, mitten Mischen den Dykrathern, unter die sich nur einige andere Platzsucher gemischt hatten.

Die Stimmung unter den Dykrathern war keine festliche mehr. Herr Manuel, der Präsident, sah aus, als wenn er Spinnen gefressen hätte, und ihm besonders brannten die tadelnden Worte Seiner Majestät wie Feuer in der Seele. Hatte er nicht stets auf die Reputatton des Vereins gehalten? War er es nicht gewiesen, der oft schon den lllk, den viele der Mitglieder mit dem kraumen Welm sich machten, verurteilt hatte? Und nun Mußte gerade ihm dies passieren! Er und sein Verein das Ge- spött des ganzen Landes! Vielleicht wäre es am besten, er schmisse nun dem so plötzlich zu Unehren gekommenen Verein „den ganzen Kram" vor die Füße. Während er sich diesen Gedanken noch durch den Kopf gehen ließ, kam, von, einer handfesten Magd gebracht, ein großes Tablett mit Getränken, Bier, Kümmel und Schnaps. Die flaue Stimmung wich dadurch einigermaßen und die Dykrather begannen, sich über das Unglück zu unterhalten, das sie betroffen hatte. Nur leise tauschten die ernsteren ihre Meinung darüber aus, bis der Herwerts Drickes auf den Tisch schlug und laut, erklärte, es wäre einfach ein Skandal,„und es bliebe einem nichts weiter übrig, als sich recht in den Dreck hinein zu schämen. Sofort wider- sprachen einige. Sie sckstimten sich noch lange nicht, und sie hätten keine Ursach, sich zu schämen, und schämen müßten sich nur traurige Kerls. Davon waren sie aber noch weit entfernt. Und einer, der HinkelS Au (August)

der zu den Widersachern des Präsidenten gehörte, erklärte sogar keck, die Sache hätte ihm vielen Spaß bereitet, denn hatte beim Vorbeischreiten des Königs so tüchttg „flugen links" gemacht, daß cr die Nase geschen hätte, die der Van der Pforten Manewel nach den Worten des Herrschers machte, und die sei so lang geworden, daß sie für alle Mitglieder des Dykrather Kriegervereins gereicht Es wäre zu komisch gewesen. Aber mit der langen 1 rastdentennase sei die Sache nun vollkommen erledigt, und man solle sich kein weiteres Kopfzerbrechen darum wachen. Gerade wollte Herr Manuel ob dieses Hohns Antwort erteilen, da ließ sich von einem Ende oe, Disches eine etwas heisere Stimme vernehmen: „Ich gehör zwar nicht zu beit Dykrathern, aber als alter Krieger kann ich s mitfühlen, wie einem ehemaligen Soldaten ums Herz ist, wenn er so was erlebt und aus dem Munde unseres allerhöchsten Kriegsherrn solchen Tadel Horm muß. Ihr seid sonst brave Kerls, Ihr Dyk- racher, und so kann ich nur sagen: Ihr tut mir leid!"

«. out(aiiv) Fürholt!" raunte man sich zu, und die meisten stwckten den Hals und blickten mit einer ge­wissen Ehrfurcht auf den silberhaarigen Alten am untern Ende der langen Tafel, dessen Brust mit vielen Medaillen u"d?en überdies das eiserne Kreirz schmückte. Man wußte, daß er mit Napoleon in Rußland gkivesen war, daß er sich später im Freiheitskriegs gegen die Franzosen durch große Tapferkeit hervorgetan habe, und er stand noch rm besonderen Ansehen, da man wissen wollte, genau so, wie er aussehe, mit seinem kecken, weißen Schnurrbart und seinen blitzenden blauen Augen habe seinerzeit der Marschall Vorwärts ausgesehen.

„UiiS ist nicht so zu Mute, daß wir einem leid tun imifeten , wehrte sich der Hinkels Au. Und als der Alte ^wb Mede fortzusetzen, wieder anhub: „Ja, Kameraden aus wykrath, ich, der alte Fürholt, sag' euch, Ihr tut mir leid!" regte, sich die Opposition noch stärker,- einige schrieen Wust durcheinander. Der Lehmupps Hannes aber, wegm semer bedeutenden 0-Beme Kruphusar (Kriechhusar) zu- benannt, der aus einem kleinen Schnapspüllchen während des ganzen Vormittags seinen Widerspruchsgeist gestärkt hatte, sprang nun auf, und, obgleich er dem Dykrather Verein nicht nngehorte, schrie er respektlos den Alten an- „Hault de Will!" (Halt's Maul!) Er möge sich selber leid tun. Elinge rohe Gesellen gröhlten Beifall, aber der

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