i «^=«i Morgen-Veilage des Wiesbadener Tagblatts, i »—
Nr. 214. Dienstag, 14. September. 1915.
(15. Fortsetzung.! $tlCÖClS CicBC. (Nachdruck verboten.)
Roman von Ailny von PanhuhS.
Die Marquise de Coroman hatte in ihrer zeremoniö- sen Werse durch ihre Kammerfrau bei der Gräfin Sor- Hagen artfragen lassen, ob sie ihr eine Unterredung ge» währeit würde. „Mit Vergnügen sähe die Gräfin dem Besuche der Frau Marquise de Coroman entgegen", lautete der Bescheid.
Was mochte die Dame nur von ihr wünschen, sann die Gräfin, hoffentlich hielt sie ihr keinen Vortrag über die Genealogie adliger Familien. „Die wäre wirklich fähig, mir einen Extrabesuch zu machen, wegen einer langweiligen Stammbaumfrage", Einte sie zu Friede!, die sich an den Strand hinnnterbegäb.
Die Marquise erschien. Ihr Gesicht barg sich wie immer unter einer dicken Pudövschicht und ihre dichten, weihen Haare lagen in wohlgeordneten Locken um den Kopf.' Daß die Marquise eine Perrücke trug, war außer Frage. Das Kleid aus stumpfer, schwarzer Seide klei» dete ihr schmale, kleine Rokokofigur ausgezeichnet und die für ihr Alter auffallend glatten ringsunkelnden Kinderhände spielten graziös mit einem Spitzenfächer: ein feines Rtuster, das sich Wer gelblich gewordene Elfenbemstangein spannte.
Die Gräfin ging ihrem Besuch liebenswürdig entgegen und geleitete die Marquise zu einem Sessel. Dann
fetzte sie sich gleichfalls.
„Meinen herzlichsten Dank, teuerste Gräfin, daß Sie mich empfingen", begann sie mit ihrer leisen Stimme. „Ich komme mit einer Bitte zu Ihnen, verzeihen Sie ma ch^rie, die Belästigung, doch bin ich überzeugt, Sie werden meine Bitte erfüllen. Adel muß ja zusammen- halten, nicht wahr, Gräfin?"
Die andere deutete ihre Zustimmung durch ein Neigen des Hauptes an.
„Ich habe plötzlich eine Ausgabe und sehe zu meinem Schrecken, in Einer Kasse befindet sich nicht mehr die nötige Summe."
Gleich monotonem Fliegensummen klang bas Stilnmchen in dem hohen Hotelsalon.
Befremdet schaute die Gräfin. Lebhafter bewegte die Marquise der vergilbten Elfenbeinifächer und schneller redete sie weiter. „Ich bin nun in einer großen Verlegenheit, «au» doute, wenn ich an meinen Notar depeschiere, habe ich das Geld nicht vor morgen. Am ersten, das ist in drei Tagen, schickt er mir so wie so eine größere Summe." Sie lächelte fast kokett 1 — wie nur alte Marquisen lächeln können, ging es der Gräfin durch den Sinn — „und nun möchte ich Sie bitten, meine liebe Gräfin Sorhagen mir auszuhelfen, nicht viel, nitr fünfhundert Gulden, in drei Tagen zahle sch zurück, mit tausend Dank."
Gräfin Sorhagen lächelte gleichfalls. Wenn die Bitte nicht größer war, die konnte sie leicht erfüllen. Sie entnahm ihrem silbernen Handtäschchen das Gewünschte und reichte die Scheine fieundlich der Marquise.
.^Sie sind charmant, Gräfin, ich bin Ihnen schr ver
pflichtet." Sie zog einen altmodischen Ring vom Fingen zwei Klauen hiellen einen Smaragden init Brillanten.
„Er gehörte der grand'-mfcre de Ooroman vous savez. die unter Robespierre die Guillotine bestieg, ein teueres Andenken, nehmen Sie ihn als Unterpfand für das Geld, Gräfin."
„Nein, Frau Marquise, bitte, dergleichen ist unter uns nicht nötig."
Die Marquise -hörte heute wieder besonders schwer, sie verstand die Einwände der Gräfin nicht und als sie mit nochmaligem Dank zur Tür schritt, lag der Ring aus dem Tisch. Gräfin Sorhagen schloß ihn in ihre Kassette, notgedrungen mutzte sie ihn vorläufig behalten, bis das Gchd zurückgczahlt war.
Nachmittags auf dem Wer fand sich die Marquis« nicht ein, auch ihre Enkelin nicht. Am nächsten Tage rrähmen im Hotel an der Tafel Fremsde die Plätze der beiden französischen Damen ein. Sollte die Marquise krank sein? Gräfin Sorhagen fragte den Hoteldirektor. Der erwiderte verbindlich, die Frau Marquise de Coro- NUN hätte infolge einer wichtigen Depesche, die sie heim- rief, bereits gestern nachmittag mit Fräulein Louison de Coroman abreisen müssen.
Ein paar Tage wartete die Gräfin noch ans Nachricht von der Marquise, dann vertraute sie die Geld' ggschichte der Baronin Stellfeld an.
„Wir sind einer Schwindlerin in die Hände gefallen", rief die aus und zog aus ihrem Portcinwnnaie einen Ring, der jenem, den die Marquise der Gräfin gab, voll« kommen glich.
„Der Ring der grand’-mfcre de Coroman von* saveX die unter Robespierre die Guillotine bestieg", säuselle die Baronin.
Ionkheer van Moelen stand tu der Nähe. Er ward aufmerksam. „Was haben Sie da für einen Ring, gnädige Frau", fragte er. „ich kann Ihnen nämlich den gleichen zeigen. Der Ring der grand’-mfere d« Ooroman", lachte «r, „die adelsstolze Marquise scheint uns ja allen solchen Ring zum Andenken hinterlassen zu haben. Meiner kostet mich tausend Gulden."
„Meiner fünfhundert", rief die Gräfin.
„Meiner nur dreihundert", schloß sich diq Baronin an.
Es gab aber noch mehr Leidtragende unter der Scheveninger Badegesellfchafii die Ringe der grand’- märe waren Stück für Stück vielleicht zehn Franken wert.
Scheveningen hatte Unterhaltungsstoss.
Inzwischen rückte die Heimreise der Sorhagenschen Damen allmählich näher und immer häufiger suchte van Moeleit die Gesellschaft der Komtesse.
„Er hätt nächstens um dich an, Jrichel", sagte foi« Gräfin, „und wirklich, ich glaube, ihr paßt schr gut zusammen. Jedenfalls denke ich, tun wir Mn den Gefallen, uns sein Schloß anzuschen. Schaden kann es ans keinen Fall."
