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Morgen -Ausgabe.
Die polnische Gefahr.
Wenn es mit Reden und Vorsätzen getan wäre, wir hätten alsdann schon längst keine polnische Gefahr zu beklagen und zu befürchten. Me ungewöhnlich umfangreiche Programmrvde des Ministers des Innern gelegentlich der Enthüllung des PosenerBismarckdenkmals wird von Men nüchtern Urteilenden mit denselben gemischten Gefühlen vernommen, die wir den Polenreden des Grafen Bülow des Kultusministers und ebendesselben Freiherrn von Hammerstein im preußischen Abgeordnetenhaus? haben entgegenbrrnMn müssen: Man sieht ja und man freut bZ dessen, daß dre Regierung den ernsten Willen hat, die P Deutschtum zu erhalten und sie ihm, wo
das Deutschtum an Terrain verloren hat, wieder zurück- zugewinnen, Mer man wird in dem Maße kühler, in dem die Herren Minister wärmer werden. Ter bloße Bor saH kann nicht genügen, und die Mittel, mit denen er ver- lvirkücht werden soll, entsprechen nicht dem Vorhaben, >md bestenfalls imstande, nur eine verschwindend geringe Wirkung zu üben. Es ist wie wenn ein Damm von zwei Vceter Hohe gegen eine Sturmflut errichtet werden soll, dm drei und mehr Meter steigt. Solange die Flut den Wasserbautechnikern dm Gefallm tut, nur zwei Meter Hohe iin schlimmsten Falle zu erreichen, solange geht es ja ganz gut. Dann jedoch erweist sich der Damm als zu schwach, er wird fortgespült.
Man hat in den letzten Monaten nicht gar viel vom polnischen Krwgsschanvlatz gehört. Auf beiden Seiten . zeigt sich eine gewisse Erschlaffung nach allzu hitzigen Kämpfen, und so konnte es vom deutschen Standpunkt aus scheinen, als werde das Polentum doch zurückae- drangt, als fange die eingeschlagme Offensivpolittk an, verheißmermaßen zu wirken. Leider jedoch ist es nur Schein, kann es nur Schein sein. Dmn nichts hat sich of 1 Grundbedingungen geändert, die es mit sich ge- bracht haben, daß wir überhaupt von einer polnischen Gefahr reden dürfen und reden müssen. Me Deutschm in Posen und We,tprmßen werden an Zahl nicht mehr sondern andauemd weniger, die Polm werdm nicht weniger, sondern andauemd mehr, und mit diesem gleich Elemmtarereignis sich vollziehenden Tatbestände sit das Entscheidende gesagt, was gegm die gegmwärtige Polmpolitit zu sagm ist. Mese Politik arbeitet mehr mit mechanischen als mit organischen Mitteln, indem sie nicht darauf ausgcht, dem polnischen Gedanken seine aggressive nehmen, sondern indem sie diese Spitze noch verschärft durch eme kampfbeflissene Formulierung des deutschen Gedankens, eine Taktik, die nützlich sein konnte J®™, w ^jchtum dabei tatsächlich gestärkt würde' Das aber geschicht nicht, das geschieht um so weniger je leichter es dem Polentum wird, sich zur Abwehr wst^um ilngriff gerade der Mittel zu bedienen, die deutscherseits
unangewendet bleiben. Me Stärkung des polnischen Bürgertums findet im engen Zusammenhalt des Polen- bams rimner wieder ihre frische und stark spmdelnde Dudle, das Deutschtum aber vegetiert. Wo die Bedürfnislosigkeit des Polen noch Schatze sammelt, findet dsfr Deutsche die Verhältnisse zu eng und zu karg, er räumt dem polnischen Konkurrenten das Feld, nicht etwa um seinerjeits zu verkümmern, sondern um in den breiteren und reicheren Verhältnissen außerhalb der Ost- Provinzen einen besseren Boden des Gedeihens aufzu- suchen. Dies gilt von den deutschen Gewerbetreibenden m den Oftmarken, es gilt auch von deir deutschen Land- arbeitern, und der Prozeß wird von beiden Seiten her beschönigt, sowohl von dem Drange der Deutschen nach dem Weiten wie von dem Drange nach Konzentratton, der das polnische Element in seinen uralten Heimstätten zusammerchalt.
msS“ Gefahr wird nicht eher schwinden, als
bis eine entschlossene und weitsichtige Polittk der Agrarreform dem Osten neues Leben zuführt. Mer solange
n ^ ct r'i” 3 Trumpf ist, werden wir auf solchen
Umschwung wohl vergeblich hoffen.
-r.
25 Mre VdrsmscheiichMiW.
,.ä äsäs sssiss
U 0 U vier Tafeln mit Diagrammen begleiteter Bericlit ,,25 Jahre Todesursachenstatistik", bearbeitet auf Grund der Veröffentlichungen des Kaiser-lichen Gesundheitsamts und des Kai,erlichen Statistischen Amts. Er behandelt ^Sterblichkeit in den deutschen Orten mit mehr als 15 000 Einwohnern tn dem Zeitraum 1877 bis 1901. Diese Städte hatten 1877 7,3 Millionen, 1891 aber 17,5 Millionen Einwohner.
, . Das Ergebnis ist ein hocherfreuliches. In den deut-
tnnmn 1 *" 000 und mehr Einwohnern starben auf 100 000 Einwohner jährlich:
I« Jahrfünft »m^n
1877/81. 1897/1901. also mal so viel
Personen.
überhaupt. 28,73
darunter:
an Pocken . 1,5
„ Unterleibstyphus, gastrischem 11. Ncrvenfieber. . 48,6
„ Flecktyphus. 2,6
„ Kindbcttfieber .... 14,4
„ Masern und Röteln . . 27,6
„ Diphtherie und Bräune . 99,8
„ akuten Erkrankungen der
Atmungsorgane einschl.
Keuchhusten . 308,6
„ Lungenschwindsucht . . 357,7
„ an der Gesamtheit der in
dieser Statistik nicht namentlich ausgeführtcn. Krankheiten. 1426,7
20,46
0,04
10,4
0,06
5,1
21,3
31,1
258,5
218,7
1.8 mal
37,5 „
<2 „ 43,3 „
2.8 „
li :
1,2
1129,8 1,8 „
als in dem letzten Jahrfünft 1897 / 1901 .
Feuilleton.
Dann sollen wir mit dem Musikunterricht beginnen lassen?
Jüngst erregte der Aufsatz eines hervorragenden Meörzmers, der dies so überaus wichtige Thema von her volksgesundheitlichen Seite aus beleuchtete, größeres Auf- leyen auch in. weiteren Kreisen. Es knüpfte sich eine angere Diskussion an die hier ärztlicherseits ausge- .prochene These, daß es durchaus falsch sei, den musikali-
Unterricht in zu jungen Jahren beginnen zu lassen, sicherlich ist mit dieser Frage ein Gebiet berührt worden, >as in die Interessensphäre fast jeder einzelnen Familie Yineinragt. Gibt es doch, von unserem kleinen Mittelrande angefangen, kaum eine Familie, in der nicht mehr oder weniger auf die musikalische Ausbildung eines oder des anderen Sprößlings Wert gelegt wird. Die Eltern smd sich leider tn den meisten Fällen sehr im unklaren darüber, wann sie mit dem ersten Unterricht beginnen sollen. Häufig genug finden sie auch bet den eventuell m Frage kommenden Beratern nicht die genügende Be- tchrung. Der um seine Meinung gefragte Lehrer wird rn vielen Fällen nicht objektiv genug denken, um die alleinige richtige Antwort zu erteilen. Er spricht eben. Ms er weniger gewissenhaft ist, naturgemäß pro vlomo.
Gedankengang ist: je früher das Kind mit dein Un- rerricht beginnt, um so länger habe ich den Nutzen davon. ^>ott sei dank gibt cs auch genügend wirkliche Pädagogen, me keineswegs einem solch verfrühten Unterricht das -Wort reden werden. Viele Eltern selbst neigen der Ansicht zu, daß cs sicher das beste sei, schon recht früh, etwa mit 7 Jabren, mit dem Unterricht zu beginnen,' denn auf dlesc- Art würde dem Kinde das Klaviersptclcn, um dieses handelt e« sich zumeist, viel mehr zur zweiten Natur,' me Finger mVen da noch viel gelenkiger, die technischen Fertigkeiten ließen sich im jüngeren Alter weit müheloser aneignen, und was der leider weit verbreiteten Torheiten
Jt n A\ diesen wenig klugen Leutchen stecken die schonen Geschichten von den Wunderkindern im Kopf, von em sechsjährigen Mozart und dem neunjährigen Chopin. Vor einer solchen Auffassung kann jedenfalls nicht genug gewarnt werden. Es kommt selten bei solch jugendlichem Musizieren etwas Ordentliches heraus. An himöert und mehr Fällen ist es beobachtet worden, daß seiche frühreifen Kinder in späterer Zeit durchaus nicht stichhieltcn. In einem Alter, wo andere, auf normalem Wege erzogene Kinder anfangcn, ihre Schwingen zu regen, sind diese sogenannten Wunderkinder körperlich und geistig schon abgearbeitet. Die Fälle, daß ans solchen Virtuosen in .Kinderschuhen im weiteren Verlauf hervorragende Künstler wurden, wie man natürlich ursprünglich erwartet hatte, sind auffallend selten. In diesem Wunderkinder-Typus zeigt sich ja allerdings das Extrem der zu bekänipfenden Anschaunngen. Aber gerade aus diesen besonders zutage tretenden krassen Bei- Wvlen läßt sich der beste Beweis für die unbedingte Schädlichkeit eines zu zeitigen Klavierunterrichts konstruieren. Im allgemeinen hat ja in unserer neuesten Zeit der früher so blühende Wunderkinder-Kultus abge- nommen. Unsere Kunstbedürfnisse haben sich, Gott sei'S gedankt, überhaupt etwas mehr idealisiert (d. h. nur bei dem wirklich intellektuellen Teil unserer Gesellschaft). Das sensationelle äußerliche Virtuosenkum, wie es sich früher in unseren Konzertsälen breit machte, nimmt nicht mehr den Raum ein wie ehemals. Die gastterende Primadonna erzielt heutzutage nicht mehr Logenplatzprcisc von 100 M. und mehr. In diesem Punkt haben die Wagner- schen Kunstanschauungcii, die wir Modernen mehr oder weniger in uns aufnahmen, gründliche Wandlung geschaffen.
Doch zurück zum eigentlichen Thema! Wie ist es möglich, daß ein Kind im Alter von 6 bis 7 Jahren mit Sachen gequält wird, deren Bewältigung selbst dem Erwachsenen ein gut Teil physischer und psychischer Kraft kostet. Wenn das Kind kaum die ersten Begriffe des elementaren Schulunterrichts in sich ausgenommen hat, wenn seine qetstige Spannkraft vollständig durch die stetig ,
Hierzu wird bemerkt:
„Diese Sterblichkeitsherabminderung ist ein Ergebnis des Fortschrittes auf vielen Kulturgebieten. Sie ist ein Ruhmesblatt in der Geschichte der deutschen Städte und der der Medizin,' aber auch die Gesetzgebung darf einen breiten Teil des Erfolges für sich beanspruchen. Haben die Städte durch Kanalisation, Wasserleitung, Straßenbesprengung, Besserung in den Abortvcrhült- nissen und in der Beseitigung der Abfallstoffe, Schaffung von Licht und Luft durch breite Straßen und grüne Plätze, Anlage von Bädern und Spielplätzen bessere hygienische Bedingungen, so haben die Fortschritte der Medizin und Chemie, die antiseptische und aseptische Behandlung der Wunden und die Bekämpfung der Ausbreitung der Infektionskrankheiten mittels der Desinfektion, das Beh- rrngsche Serum, die vermehrte Zahl der Arzte und des Heilpersonals, der Heilanstalten und Genesungsheime für die Erkrankten bessere Aussichten ans Heilung und für die Umgebung der Kranken besseren Schutz gegen Ansteckung geschaffen.
Von Leistungen der Gesetzgebung und Verwaltung seien hier nur das Jmpfgesetz, das so wesentlich war für das Verschwinden der Pocken, — das Krankenversiche- rnngsgesetz, dessen Einwirkung im Jahre 1886 beginnt, und das wohl einen starken Einfluß auf das Sinken der ftädttschen Stcrblichkeitskurve in den drei Jahrfünften 1897/91, 1892/90 und 1897/1901 gehabt hat, - die Ar- beiterschutzverordnnngen und die schärfere Nahrungs, Mittelkontrolle genannt."
Erfreulich ist auch die stetige Verminderung der städtischen Sclbstmordziffer. Im Jahrfünft 1877/81 kamen 31, rm Jahrfünft 1897/1901 aber nur noch 24,5 Selbst, morde auf 100 000 Einwohner.
„Es steht zu vermuten, daß die Abnahme der Selbstmorde zusammenhängt mit erleichterten Erwerbsbe- dingnngen, zunehmender Wohlhabenheit, Hebung der Lebenshaltung, Tatsachen, für die die Einkommen-, die Vermögens-, die Sparkassen-, die Lebensversscherungs, und die Berbrauchsstattstik die Beweise liefert."
Ein sehr unerfreuliches Bild bietet aber die Gruppe der akuten Darmkrankheiten (einschließlich Brechdurchfall). An ihnen starben in den Orten usw. des ganzen Reichs auf je 100 000 Lebende:
Im Jahrfünft 1877/81: 264,1 Personen „ „ 1882/86: 253,1 „
„ „ 1887/91: 258,2 „
„ „ 1892/96: 256,6 „
„ „ 1897/1901; 287,8 „
Man hat hier also eine Krankheitsgruppe vor sich, der gegenüber kein Fortschritt gemacht worden ist, eine Todesursache, der im letzten Jahrfünft bedeutend mehr Personen zum Opfer gefallen sind, als in jedem der vier vorhergehenden Jahrfünfte. Da an einigen Krankheiten dieser Gruppe (Brechdurchfall, Durchfall, Magen- und Darmkatarrh) besonders viel ganz junge Kinder sterben wäre es möglich, wenn die Gebnrtsziffer auf 100 000 Einwohner 1897/1901 eine sehr viel höhere als in den vorher- gehenden Jahrfünften gewesen wäre, daß durch das un.
wachsenden Anforderungen des allgemeinen Bildungsganges in Anspruch genommen wird, sollte man alles vermeiden, um das junge Gemüt außerdem mit Aufgaben zu beschäftigen, die überhaupt noch außerhalb des bis oahm entwickelten geistigen Horizontes liegen. Be- wegnng und Luft, das sind die beiden Hauptfaktoren,
.„ e öas Entwicklungsstadium in dem Alter von 6 bis 10 Jahren von alleiniger Wichtigkeit sind. Das vor dem ’• J?hre an völlige Freiheit gewöhnte Kind hat ohnedies daunt zu tun, sich den plötzlich veränderten Lebensbe- dingnngen, die das lange Sitzen und Anfmerken in der Lchule mit sich bringt, anznpassen. Erst wenn sich der junge Körper ordentlich gekräftigt hat, wenn die geistige Tätigkeit des Zöglings gehörig geweckt und geschult worden ist, soll man mit solch nervenanspannendem Studium wie es die Musik und besonders der Klavicrnnterricht mm einmal ist, den Anfang machen. Eine der am wenigsten erfreulichen Erscheinungen in unserem Musikleben Nt.die erschreckende Gedankenlosigkeit, mit der in so vielen fällen vvn Männlein und Weiblein musiziert wird. Und das ist meist das traurige Ergebnis eines zu frühen Un- tcrrichts. Das Kiild kann in dem vorerwähnten Alter unmöglich seine Gedanken so konzentrieren, daß es bei den technischen Übungen eine stete Kontrolle über die Finger ausznübcn vermag. Es wird also von vorhercin gcdankcn- und interessenlos üben. Die Tonleitern und Etüden werden ganz mechanisch, ohne irgend welches Be- wußtseln von dem Ziveck dieser Fingertrainicrungen gespielt. Die Folge davon ist, dass der Schüler zu Übungen die mit Aufmerksamkeit geübt, täglich nur etwa eine halbe Stunde erfordern, die dreifache Zeit gebrauchen wird, um den gleichen Nutzen daraus zu ziehen. Das Kind wird auf diese Weise unnütz gequält und ermattet gar bald in seinem Interesse. Es verliert schließlich die Freude am Unterricht, und damit ist seine musikalische Zukunft besiegelt. Ist erst einmal der Widerwille geweckt, dann ist's in den weitaus meisten Fällen ein- für allcinal vorbei mit der Liebe zum weiteren Unterricht. Ans solchen Leuten denen man bei Zeiten das Klavierspieien verleidet hast
