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Mr. ChamKerlmn.

Unser Londoner u.-KorvesPondent schreibt unterm 10. cr.: Bkr. Ehamberlain begann am vorigen Dienstag seinen Zolltarif-Feldzug zur Bekehrung der Ungläubigen mit einem energischen Angriff auf Glasgow, das eine der Hauptfesten des Freihandelsprinzipes im vereinigten Königreiche bildet. Man bereitete ihm einen glänzenden Empfang, aber dafür waren es auch nur die Gläubigen, die sich zu demselben eingesunden hatten, also Leute, die zu einer Überzeugung gelangt, zu denken ausgehört haben. Ehamberlain hielt seitdem täglich Reden, doch die in jener alten schottischen Stadt war ein Meisterstück, das in bezug auf Kühnheit der Phantasie alles übertraf, was er bis­her über sein neuestes Steckenpferd geäußert. Geraden verblüffend war die Gewandtheit, mit der er seinen Plan zur vollständigen Umwälzung der englischen Handels­politik vor seinen Zuhörern entfaltete, in dem- er mit toller Unverfrorenheit die falschesten Schlüsse aus Tat­sachen zog, alles auf der Hand Liegende, ihm aber nicht in den Kram Passende auf die Seite schob und mit geschick­ten Pirouetten um jede unangenehme Wahrheit herum­tanzte. Von dem alarmierenden Rückgang des englischen Handels, verschuldet durch „veraltete sinnlose Politik", entwarf er ein gar unheimlich düsteres Bild, und' ein sonnenglänzendes von den Wundern, die sein Schutzzoll-' system wirken würde. Englands Prosperität geht, nach Ehamberlain, mit Riesenschritten ihrem Ende entgegen, seine Handwerker und Arbeiter sind mit Arbeitslosigkeit bedroht, die sie schließlich zwingen wird, die teure Heimat als Auswanderer zu verlassen, und er weist den Rückgang an der Hand eines Vergleiches der Handelsstatiskiken von heute mit denen von 1872 nach. In letzterem Jahren nahm das englische Geschäft indes unter dem Einfluß der Be­endigung des deutsch-französischen Krieges einen plötz­lichen ungeheuren Aufschwung, und es ist für den Frem­den erstaunlich, daß Ehamberlain so einfältig sein sollte, es für den Vergleich heranzuziehen. weil er dadurch feinen Gegnern doch nur eine Waffe in die Hand gibt. Der Mann kennt indes seine Pappenheimer. Er besitzt einen großen Anhang im ganzen Lande, den er durch seine Keckheit und Redegewandtheit gewonnen, und er weiß, seine ihm folgenden Landsleute sind blinde Parteigänger, denen er den tollsten Blödsinn, ohne entdeckt zu werden, vorschwatzen kann, weil solch ein braver Unionist doch nun und nimmermehr die Aufklärungen in der liberalen Presse lesen oder einen Redner der Gegenpartei anhören würde. Die Ermittelungen, die angestellt wurden, um Anhaltspunkte für die Erwägungen eines Wechsels der englischen Zollpolitik zu finden, gelangten unlängst in Gestalt eines Blaubuches zu Veröffentlichung, aber Zitate aus diesem wurden bisher eigentlich nur in den liberalen

Zeitrmgen zumBeweise für die Haltlosigkeit der Chamber lamschen Behauptungen gemacht. Aus ihnen ging unter anderem hervor, daß Mehl und Getreide in Teutschland und Frankreich um den Betrag der in beiden Ländern erhobenen Einfuhrzölle teurer als in England sind und dm hiesigen Arbeiter ungleich besser als die jener Länder bezahlt werden. Der Ex-Kolonialminister. der sich gerade letzt als der zärtlichste Freund der Arbeiter aufspielt, be- hauptet kühn, seine Schutzzölle würden von den aus­ländischen Lieferanten getragen werden, und selbst wenn das nicht geschähe, vermöchte ein Arbeiter unter seinem Schutzzollsystem an jeden: Sovereign (20 Mark), den er ausgibt, doch i/ 8 d. (1 Pf.) gegen früher zu ersparen. Das rft fürwahr eine verlockende Aussicht, um derent­willen jeder Patriot ohne Verzug seine Zustimmung zu dem großen gewagten Experimente geben sollte, selbst auf d:e Gefahr hin. dadurch sich in Gemeinschaft mit Handel und Industrie ruiniert zu sehen. Was die Reziprozität mrt den Kolonien anbetrifft, so vermag der diesbezügliche Plan den patriotischen Sohn Albions auf dem Papiere wohl anzninuten, aber nicht nur ist man in Australien ganz und garnicht geneigt, dem Mutterland« für seine ^ndustrreerzengnisse Zugeständnisse zu machen, sondern o:e für die verschiedenen Kolonien in Aussicht ge- nommene Bevorzugung ist eine so ungleiche, daß es un­fehlbar sofort zu Eifersüchteleien kommen und England sich gezwungen sehen würde, auch Rohmaterialien mit Zollen zu belegen, um allen Kolonien gleichwertige Dor- terle breten zu können. Ohne Zweifel wird Mr. Cham- berlain einen großen begeisterten Anhang gewinnen, doch Aussicht aus einen Sieg bei der nächsten Generalwahl hat er / infolge der Spaltung unter den Unionisten und der weitgehenden Entrüstung über die tolle Wirtschaft der Balfourschen Regierung kaum.

Naumann über Bebel.

In einem bemerkenswerten Artikel, den die „Hilfe" veröffentlicht, spricht sich Pfarrer Naumann über Bebel aus. Einige Sätze daraus mögen hier verzeichnet wer­den. Naumann sagt u. a.:

„Im Mittelpunkt des Parteitages stand Bebel als Ankläger des mattgewordenen Parteigeistes. Bebel empfindet die Verweltlichung seiner Kirche. Der alte Märtyrergeist, der Geist des ersten Hclüenzeitalters und der ersten Liebe, geht dahin, die Partei wird breit, weit und voll von Köpfen, die den Anfang nicht mehr erlebt haben und die zwar noch die alten Worte sagen, aber nur etwa so, wie wenn eine Landessynode das Sturm­lied Luthers singt ... Es fehlt der Partei (nach Bebel) die proletarische Stimmung, die Entschiedenheit des Klaffenkampfes, der Glaube an das Endziel, die radikale Abtrennung vom Bürgertum, es fehlt die große, rote Illusion, am Ende einer alten Weltordnung zu stehen. Der Glaube an die Katastrophe, in der alles Alte versinkt und alles Neue em­

porkommt, ist nicht mehr zugkräftig, der Sozralismus richtet sich auf langes Lebeir innerhalb dieser Gesellschaftsordnung e r n. Diese Umwandlung hat Bebel selbst mitgemachsi gefördert und auch ziemlich weitgehend als notwendig begriffen. Von Zeit zu Zeit aber umfaßt es ihn wie un­endliches Heimweh. Dann wühlen die Geister seiner Jugend in seiner Brust, dann grollt er sich, daß er es so weit kommen ließ, und allen denen, die dazu mit­geholfen haben, und er fährt in die Höhe, um noch einmal von vorn anzufangcn und um noch einmal den Orkan der alten Hoffnungen brausen zu hören . . . Fast alle Propheten werden melancholisch, wenn sie alt werden. Es liegt das in der Natur ihres Berufes. Sie zogen aus, ein Paradies zu schaffen. Was nützt ihnen der Gemüsegarten, den sie fertig brachten? Und ferner: alle Herrscher von Geist und Gaben werden schwer für ihre Umgebung, wenn sie ihre Zeit langsam ertrinken sehen. Sie vertragen den Odem der neuen Periode nicht . . . Bebel hat die Arbeiter aus der faulen Bourgeoisie herausgezogen und nun verwandeln sich die Braven unter den Klängen der Arbeitermarseillaise wieder in Spießbürger. Das ist eine natürliche Ge­schichte. Ein aufsteigenöer Stand wird nicht täglich ver­zweifelter. Wenn Bebel theoretisch fest auf seiner materialistischen Geschichtsauffassung stände, nmixde er das Natürliche als das Unvermeidliche hinnehmen. Aber weit entfernt: er grollt den Personen, in denen sich die neue Entwickelung ausdrückt, den „Revisionisten".

„Was ist ein Nevistonist?" Eine Übergangs- erscheinung, eine lebendige Halbheit. Es gibt kein re­visionistisches Programm. Die Masse sieht noch nicht ein, warum sie eigentlich etwas Neues lernen soll. So kommt es, daß der Re­visionismus ein Zersetzungs- und Erschlaffungsprozetz ist, aber kein Programm. An Stelle des alten revo­lutionären Marxismus tritt die Programmlosigkeit, die Interesselosigkeit an prinzipieller Politik. Diesen Zu­stand der Revisionisten kennt Bebel und verachtet ihn ..

Bebel habe in Dresden, bemerkt Naumann, sich nur den Groll wider den Revisionismus von der Seele ge­redet. Das sei im Grunde kein Sieg gewesen. „So wie in Dresden ist noch nie an allen Parteiautoritäten ge, rüttelt worden. Auf allen Seiten sind Wunden . . . Bebel ist die einzige wirkliche Ursache einer bis jetzt unerhörten Herabsetzung der Genossen. Wie stolz hieß es einst in Liebknechts Munde, daß die Arbeiter mit der Wiffenschaft gehen! Wo ist die Wissenschaft? Der Glaube an die Unfehlbarkeit wankt. Die Masse hat Blicke in ihren Olymp hineintun können wie nie zuvor. Die Entzauberung hat begonnen . . ."

„. . . Und welche Intelligenzen sollen es jetzt wagen, den Sprung in die Partei zu machen? Schon jetzt ist die Zahl der politischen Intelligenzen in der Sozialdemo­kratie klein. Bebel hat selbst es gelegentlich beklagt, daß der Zustrom aus der Bildungswelt nach dem Fall des Sozialistengesetzes nicht größer war. Jetzt sind die Opfer, die von den Akademikern in der Partei verlangt werden, bis auf das Alleräußerste gesteigert. Man

Feuilleton.

An Gang durch die Ausstellung für Verbesserung der Frauenkleidung.

Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte

Gestalt gab!

Trüget doch öfter der Schein!

Ich mag dem Nutzern nicht trauen.

München, im Oktober 1903.

„Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!" An diesen Ausspruch des würdigen alten Pfarrers in Goethes „Hermann und Dorothea" mußte ich unwill­kürlich denken, als ich an einem der letzten Sonntage meine Schritte zu dem Studiengebäude des Neuen 'Nationalmuseuins in Münchei: lenkte und gleich in: ersten Raum der vom Verein für Verbesserung der Frauen­kleidung dortselbst veranstalteten Ausstellung einige Ab­bildungen von mißgestalteten Franenkörpern erblickte. Als ich aber näher zusah und die Entdeckung inachte, daß die armen, in der Taille unnatürlich zusammengepreßten Gestalten gar teine Abnormitäten darstellten, sondern lediglich die Formen des weiblichen Körpers, die sich bei dem größten Teil der Damenwelt unter dem Einfluß des Korsetts entwickeln, da fiel mir gleich die Gegenrede des bedenklichen Apothekers ein, die nirgends besser am Platze ist als hier: „Trüget doch öfter der Schein! Ich Mag dem Äußern nicht traue::."

In der Tat, wer käme auf den Gedanken, daß die eleganten Trägerinnen der heutigen Mode unter ihren 'zierlichen Korsagen eine Figur besitzen, die geradezu mit­leiderregend, wenn n:cht direkt abschreckend wirkt! Wer ivürde es unseren Modedamen ohne weiteres ansehen, daß sie, allerdings meist unbewußt — das sei zu ihrer Ehre tzesogt — mit Eifer darauf hinarbeiten, die ihnen von «er Statur verliehene Gestalt zu verunglimpfen? Die iUberwieaende MchrzM des weiblichen wie des männ­

lichen Geschlechts hat sich ja durch den jahrzehntelangen Anblick sogenannter Wespentaillen daran gewöhnt, daß die Begriffe „elegant" und „schön" nur für schlanke Taillen in Anwendung kommen können, und daß jeder weitere Umfang des Gürtels „pluinp" und „unästhetisch" er­scheine:: muß! Es braucht also nickst wunderzunehmen, wenn auch ich zuerst keinen Zusammenhang zwischen den bereits erwähnten karikaturartig wirkenden Abbildungen des unbekleideten Frauenkörpers und den daneben zur Schau gestellten neuesten Modebildetn finden konnte. Bald, sehr bald wurde ich jedoch anderer Meinung. Überall steht es ja klar und deutlich geschrieben, und der gesunde, durch keine Modetorheit verblendete Menschen­verstand findet es schließlich ohne Mühe von seihst, daß das Korsett, dieses unseren Damen so unentbehrlich scheinende Toilettestück, nichts anderes ist als ein mittel­alterliches Marterwerkzeug, dessen sich die heutige fort­schrittliche Generation in unserem Zeitalter, dem Jahr­hundert der Hygiene und der Ästhetik, wahrhaft schämen sollte.

Sd) muß gestehen, daß ich ohne sonderliche Neugierde dem Ausstelluugsgebäude zusteuerte, und daß ich bisher den auf die Verbesserung der Franenkleidung abzielenden Reformbestrebungen ziemlich gleichgültig gegenüberstand. Ter Besuch der Ausstellung hat mir jedoch gezeigt, tote notwendig imd zweckmäßig diese Bewegung ist, und ich glaube, daß alle einsichtsvollen Leserinnen und Leser diese meine Ansicht teilen werden, wenn sie sich die Mühe geben wollen, mit mir einen Rnndgang durch die wirklich recht interessante Ausstellung zu machen.

Im ersten der 12 Säle, die zusammen über 1000 Quadratmeter einnehmen, finden wir eine stattliche An- zahl von Bildern, Zeichnungen, Photographien usw., die alle die Schädlichkeit des Kprsetts veranschaulichen. Wir sehen da mit erschreckender Deutlichkeit die Verwüstungen, die der Schnürleib, vor allem der modernste, das sans- rentre-Mieder, am rtatitrlidEjcn Leib des Menschen ans- zuüben vermag. Die Rippen werde:: zusammengedrückt, der. Brustkorb muß sich verengen und verkümmern, der

Magen wird aus seiner natürlichen Lage verdrängt, dis Leber wird zusammengeschnürt, kurzum, alle die zarten und empfindlichen Organe, die unter der Brust liegen und durch keine widerstandsfähigen Küochen geschützt sind, er­leiden durch das Schnüren ungesunde Verengungen und Verwandlungen: sie werden, da sie in der Wespentaille keinen Platz mehr finden, nach unten gedrängt und er- zeuge,: schließlich einen vorgetriebenen Unterleib und eine Verfettung des unteren Rückens, wie sie das in der Aus- stcllung als abschreckendes und warnendes Exempel auf­gehängte Kaffernweib als gewiß äußerst unschöne Rassen- eigentünllichkeit besitzt.

Noch eindringlicher reden die in der nun folgenden anatomisch-pathologischen Abteilung zur Schau geste ll ten Stücke. Da sehen wir an Skeläten, Leichenmodellen, Röntgenaufnahmen und anatomischen Präparaten, wie unnatürlich-grausam uud vernunftwidrig die Mode­torheiten sind, von denen sich unsere Frauen nun einmal nicht trennen zu können glauben. Ist es nicht ein be- jammernswerter Anblick, jenes junge Mädchen mit dem widernatürlichen tiefen Einschnitt in der Taille und dem typischen, immerwährenden roten Strich, der so recht dis Qual verrät, die alle diese armen Körper unter dem Korsett empfinden müssen? Und dort, die elegante Modedame, wie sieht sie in Wirklichkeit, d. h. unbekleidet, aus? Sind das auch noch jene schönen Formen, die die Natur dem weiblichen Geschlecht verliehen hat und dis wir an den herrlichen antiken Frauengestaltm, an einer Venus von Milo und an anderen bewundern? Wer da noch nicht begreift, daß unser heutiger Geschmack verbildet und daß das Tragen eines Schnürleibes der ärgste Feind der Gesundheit und der Schönheit ist, der muß mit Blindheit geschlagen sein oder cr ist so verblendet und in alten Tradittonen befangen, daß er nicht sehen kann und nicht sehen will.

Wie Herr I)r. Neustädter, der zu verschiedenen Zeiten des Tages den Führer durch die Ausstellung machte, her- vorhob, behaupten die meisten Damen, ohne das Korsett ans dem Grunde nicht auskommen zu können, well man