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U-. 476.
Montag» den 12. Oktober.
Berlags-Fernsprecher No. 2959
1903.
Rebaktions-Fernsprecher No. 52.
fifoend-Ausgabe.
Seinerzeit.
Mehr als 4 Jahre sind vergangen, seit im preußischen Landtag der heftige Kampf um die Kanalvorlage tobte. Sowohl der damalige Reichskanzler und preußische Ministerpräsident Fürst Hohenlohe, der freilich von einem Teil seines Ministeriums im Stich gelassen wurde und gegen die Intrigen eines anderen Teiles anzukämpfen hatte, wie auch der Kaiser selbst traten mit rückhaltslosem und begeistertem Eifer für das große Kulturwerk ein, dessen zwingende Notwendigkeit durch die ausführlichsten Denkschriften begründet worden war. Am 11. August
1899 hatte der Kaiser erklärt, er sei fest und unerschütterlich entschlossen, die Kanalvorlage zu verwirklichen und er stehe dafür, daß der Bau durchgeführt werde. Sechs Tage später fand im preußischen Abgeordnetenhaus die Abstimmung über den Mittellandkanal statt. Das Ergebnis bestand darin, daß die Vorlage mit 228 Stimmen der beiden konservativen Parteien und eines Teiles des Zentrums gegen 126 Stimmen der Nationalliberalen und Freisinnigen abgelehnt wurde, während der größere Teil des Zentrums sich der Mstimmung enthielt.
Alle Welt war gespannt, was nun geschehen werde, wie die Regierung die Ablehnung einer Vorlage hinnehmen werde, für die sie sich mst ihrer ganzen Autorität ins Zeug gelegt hatte. Und wie nahm die Regierung diese Mederlage hin? Mit Ergebung! Am
. Shtguft schloß Fürst Hohenlohe die Session mit einer Erklärung, in der es.hieß, daß die Regierung die M- lehnung des großen Kanalunternehmens aufs tiefste be- dauere, daß sie an diesem großen Werke unverbrüchlich festhwlte und sich der sicheren Erwartung hingebe, „daß che Überzeugung von dessen Notwendigkeit und Bedeutung rm Volke immer mehr Boden fassen und daß es bereits m der nächsten Session gelingen wird, eine Verständigung darüber mit dem Landtage der Monarchie herbei- zuftchren.
Die Regierung selbst machte jedoch keinen Versuch, m der nächsten Session „eine Verständigung mit dem Landtage der Monarchie herbeizusühren." Die Session
1900 kam heran, aber wer nicht kam, das war die Kanal- sorlage. Diese erschien erst, nachdem im Oktober 1900 Fürst Hohenlohe dem Grafen Bülow Platz gemacht hatte in der Session 1901 auf der Bildfläche, und zwar diesmal zur sogenannten „wasserwirtschaftlichen Vorlage" erweitert. Aber der wasserwirtschaftlichen Vorlage erging es nicht besser als vorher der Kanalvorlage. Die konser- vcstiv-klerikale Mehrheit trieb diesmal förmlich ihr Spiel nnt der Regierung, so daß dieser endlich der Geduldfaden riß. Am 3. Mai 1901 löste die Regierung nicht etwa
das Abgeordnetenhaus auf, sondern sie schloß einfach den
Landtag, dem dann noch mehrere Minister, nämlich die Herren v. Miguel, v. Hammerstein-Loxten und Brefeld, rn den „Ruhestand" folgten.
Am 8. Januar 1902 wurde die neue Session des Landtages eröffnet, und alle Welt war gespannt, wie sich die Regierung mit der Kanalvorlage abfinden, was Gras Bülow darüber zu sagen haben werde. Die Überraschung war nicht sensationell. Grat Bülow kündigte in der von ihm verlesenen Thronrede an, daß die Regierung dem Landtage „seinerzeit" eine neue Kanalvorlage unterbreiten werde. Das war alles! Am 13. Januar dieses Jahres trat der Landtag zu seiner letzten Session zusammen, aber von der Kanalvorlage war es still geworden. „Des Königs Namen meldet kein Lied, kein Heldenbuch." So konnte man mit Ubland von der Kanalvorlage sagen. Als die Thronrede zur Eröffnung des Landtags verlesen wurde, wartete man mit feier licher Gespanntheit auf den Passus, welcher die rätsel hafte „Seinerzeit-Wendunq" interpretieren werde, aber man wartete vergeblich.
Man wartet noch heute vergeblich. Wir gehen nicht nur einer meuen Session, sondern einer neuen Legislaturperiode des Landtages entgegen und im November finden die illeuwahlen zum preußischen Wgeordnetenhause statt. Aber noch heute weiß niemand mit Sicherheit, wie sich die Regierung zur Kanalvorlage stellt, ob. wann und in welcher Gestalt sie dieselbe einbringen wird. Den ersten Meldungen, daß die Kanalvorlage nicht wieder kommen werde, sind die Dementis auf dem Fuße gefolgt, und diesen Dementis folgten andere, wonach die Kanalvorlage ^ ar Ammon, aber dem Landtag nur zu einer Annahme oder Ablehnung „rm Prinzip" vorgelegt werden solle' Irgend eine maßgebende Erklärung für die Haltung der Regierung ist bisher vergeblich erwartet worden, obwohl in der Parlrimentsgeschichte kaum jemals der Fall zu verzeichnen gewesen ist, daß eine Regierung vor den Wahlen das Land in völliger Ungewißheit Wer ihre Stellung
sich drelst^^°^ Um bk *** politische Interesse
Daß die Regierung die Kanalvorlage, die „seiner- zeit kommen soll, nicht aufgeben kann, ohne ihr poli- tßches.Prestige emzubüßen, liegt auf der Hand Aber der Minister, welcher das Wort gesprochen hat: „Gebaut wird er. doch!", hat längst Herrn Bndde Platz gemacht, der sich über seine Stellung zur Kanalvorlage in beredtes Schwergen hüllt. An der Spitze des Landwirtschafts- Ministeriums steht Herr v. Podbielski, welcher sich mit dem Lausekanal nicht vor den Bauch stoßen lassen" wollte Wie aber denken die anderen Minister, wie denkt vor allem der preußische Ministerpräsident Graf Bülow über diese Frage, die noch vor den Wahlen einer Kläruna dringend bedarf? U. A. w. g. 3
Huf der Studienreise.
Original-Novelle von Bertholö Paul Förster.
(Schluß.)
Der Mond verzog sich langsam hinter den Wolken. Auch ich glaubte bemerkt zu haben, daß am Wehr sich etwas bewege; aber es mußte eine Sinnestäuschung gewesen sein, denn so sehr ich meine Augen auch anstrengte, ^ konnte nichts mehr sehen. Dann aber, während Walther halb ohnmächtig in meinen Arrnen lag, drang aus dem Rauschen des Wassers hervor ein markdurch- dringender, verzweifelnder Schrei durch die Nacht-
„Kamilla —" stöhnte Walther an meinem Halse.
< , ^ kurze, dumpfe Pause folgte; nur das Rauschen des Wassers klang zornig durch die Stille.
Unten im Hause war es lebendig geworden; man Mutzte auch dort den Vorgang bemerkt haben. Ein Rufen und Turenschlagen, Hin- und Herlaufen drang zu uns herauf. Walther ermannte sich, und beide stürzten wir zum Zimmer hinaus und die Treppe hinab. Unten war es wieder füll geworden, wir hörten die Stimmen schon oraußen im Freien; nur auf dem Flur neben der Haus- tur kauerte die alte Mutter des Ölmüllers und rang ver- Zweifelt die Hände.
,»Mein Sohn", jammerte sie, „mein Sohn!"
Wir achteten nicht weiter auf sie und eilten den Leuten nach zum Wehr. Aus dem Dorfe hatten sich bereits mehrere Männer eingefunden und liefen angstvoll am Bache auf und ab, oder fischten mit Stangen im Wasser umher. Der Mond trat wieder aus den Wolken hervor und beschien die erregte Szene. Über das Brückengeländer lehnte der Ölmüller mit wildem Haar und totbleichem Gesichte; seine verglasten Augen schienen aus ihren §ohlen hervorzuquellen und stierten in den Strudel am Wehr. Ihm zur Seite aber stand die alte verrückte Christel; der kühle Nachtwind zerzauste ihr graues Haar Mid warf ihr die dünnen Strähnen über's Gesicht. Sie hatte den Müller am Arme gepackt und schrie ihm mit llellender (Stimme ins Ohr
Die tote Frau hat's versehen du gemußt — Mordslump!"
Immer neue Dorfbewohner kamen herbei — Männer und Frauen, auch Kinder waren darunter; einige hatten Kienfackeln gebracht und leuchteten zu beiden Seiten am Bach entlang und von der Brücke fyerah in das Wasser Der rote Schein hüpfte imd tanzte in den Fluten, er leckte an den Tannenstämmcu des Waldes empor und beleuchtete dw bleichen Gesichter.der erschrockenen Leute. Sie gaben sich redliche Mühe; es schien als ob jedesmal, wenn der Name Kuiunlla genannt wurde, mit verdoppelter Anstrengung gesucht wurde; aber es war alles vergebens.
„Es nützt alleweil nicht mehr", sagte traurig ein alter Manir und fuhr sich verstohlen über die Augen.
Nach und nach versammelten sich die Leiite wieder bei der Brücke; auch Walther und ich kamen zurück. Er deutete nüt der Fackel, die er trug, nach dem Wehr und sagte dumpf:
..„Sie behalten wieder Recht, Berger; wer da hineingerat, der konunt nicht wieder!"
Der Ölmüller stand noch immer an derselben Stelle, über das Brückengeländer gebeugt. Die Leute blickten scheu zu ihm hin; aber keiner wagte, sich ihm zu nähern.
„Das kann all' nicht helfen, Ölmüller", riefen einige. „Wir müssen halt morgen weiter suchen."
Er rührte sich.nicht. Die Männer blickten noch immer stumm und unschlüssig zu ihm hin; sie wußten nicht, was sie mrt ihm machen, sollten» aber ein jeder fühlte wohl, daß man ihn hier nicht allein lassen durfte. Da hörte ich neben mir einen humpelnden Schritt und sah gleich daraus, wie eine alte Frau sich, hastig durch die Menge drängte. Als die Leute seine Mutter erkannten, traten sie still und erwartungsvoll zur Seite. Ruhig ging sie auf ihn zu und erfaßte seine Hand.
„Komm., mein Sohn", sagte sie mit zitternder Stimme, und folgsam wie ein Kind ließ er sich von ihr fort imd nach der Mühle führen.
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Walther lag in vollen, Anzuge auf seinem Bette; schweigend saß ich iieben ihm und hielt seine Hand in der
Deutsches Deich.
Zur Handelsvertragsfragc.
L. Berlin, 10. Oktober.
Ein wichtiges psychologisches Moment ist bei der Be- urteilung der Handelsvertragsfrage ins Auge zu fassen, nämlich daß die Regierung in die Verhandlungen mit der grundsätzlichen Überzeugung eintritt, es wäre ein großes Unglück für Deutschland, wenn uns ein Handels- vertragsloser Zustand erwartete. Die Verhandlungen werden nicht geführt, beziehungsweise nicht vorbereitet mit dem kühlen Hintergedanken, daß es schlieUich auch ohne Tarifverträge gehen könne und müsse, sondern di« entscheidende Auffassung ist eben, daß alles daran gesetzt werden muß, um wieder zu gedeihlichen Verträgen zu gelangen. Einen Beweis dafür, daß dies die Stimmung und die Absicht der Regierung ist, hat man in der An- rundlgung vor sich, daß die neuen Verhandlungen nicht nur. mit den Staaten stattfinden sollen, mit denen wir bereits in einem Vertragsverhältnis stehen, sondern auch mit denjenigen, mit denen wir bisher nur ein Meist- begunstigungsverhältnis haben. So soll zunächst mit L-Panren und mit Portugal über den Abschluß von Tarif, vertragen verhandelt werden, vielmehr die Vorbereitun. gen zu entsprechenden Verhandlungen sind im Gange- und es rst.fern.er die Aussicht vorhanden, daß ein Tarif? vertrag mit den Niederlanden zustande kommt, wobei ei verhältnismäßig gleichgültig ist, ob die Initiative zu be. zuguchen Verhandlungen im Haag ergriffen w>erden durfte, wie es nach dortigen Meldungen den Anschein hat- jedenfalls darf man nsiederholt feststellen, daß Graf Bülow den ernstlichen Willen hat, die deutschen Wirt- schaftsrnteressen durch ein ausgedehntes, möglichst Viels Staaten umfassendes Tarifvertragssystem auf möglichst lange Zeit sicherzustellen. Der Gedanke, daß wir mit einem der gegenwärtigen Vertragsstaaten namentlich mit Rußland, in einen Zollkrieg geraten könnten, darf jcr bei der großen L^rfchredenheit der Interessen hüben und drüben nicht ganz außer acht gelassen werden, aber die überwiegende Wahrscheinlichkeit spricht für das Gelingen emer. Verständigung. Gewiß ist es noch zu früh, dazu« ich über die letzten und bestimmenden Zugeständnisse zu unterhalten, die deutscherseits (natürlich gegen ent- prechende Gegenleistung) Rußland gegenüber werden gemacht werden. Vielleicht hat Graf Bülow Glück, viel, leicht ist .das Interesse Rußlands an der Verhinderunq eines Zollkrieges so stark, daß man dort sehr schwere! Opfer nicht verschmähen wird, aber es könnte auch. sein, daß nicht weniger große Opfer deutscherseits zu bringen waren, und es erscheint hiernach nicht allzu kühn, sich vorzustellen, dasz Graf Bülow in der kritischen zwölften stunde unter die Getreidemindestzölle des neuen Tarifs herabgeht. Im agrarkonservativen Lager hütet man sich
. Im Hause war es wieder still geworden, nur das Geräusch ruhelos auf- und abwandernder Schritte drang zu uns herauf.
Nach einer Weile richtete Walther sich langsam empor. „Was hatten Sie mir noch zu sagen, als das Furcht- bare geschah?" fragte er trübe und sah mich forschend am Ich machte , eine beschwichtigende Handbewegung; ich ’.t* j*® m dieser Nacht nicht mehr sagen, aber er schüttelte traurig den Kopf:
„Was nützt es Ihnen, Berger, daß Sie es mir der» scksivergen? Morgen sagt's mir ein anderer, oder auch — ich selber."
Ta mußte ich wohl reden, so gerne ich es ihm für immer erspart hätte. ;
, . armer Freund", sagte ich. „wenn das Ent-
setzuche auch nicyt geschehen wäre — für dich war Kamillq doch verloren —"
®**« r ohne alle Absicht geschehen, daß ich die ver. trauliche Anrede gebraucht; aber in diesem Augenblick hatte ich nicht anders gekonnt, und Walther drückte mir. w-e zum Verständnis, still die Hand und sank auf sech
u^d wLte bitwAich. ai ' 3 Cr fdn ^cht m die Kissen
fhr j£ h°L"m"?iefer Nacht nicht mehr miteinander ge. sprachen. Wohl dem Manne, der in solcher Stunde noch
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Walther hatte sich wie ein Kind in den Schlaf geweint. •v 5 cf) nahm eine Decke und breitete sie über ihn. dann setzte
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Es war noch vor Tag, als cs unten im Hanse schon wieder lebendig wurde; ich wußte, die trmirige Arbeit der Nacht wukde letzt fortgesetzt. c
Das erste kalte Dämmerlicht kam; dann färbte sich der Himmel ,m Osten rosige Wölkchen zogen über das matte Blau. An den Spitzen, der höchsten Tannen glänzten stimme ^ tc ^ cr ' im Walde erwachten die Vogel-
