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Deuage mm Miesüatzener TaMatt.
Die Bildung liegt nicht im Wissen, sondern in der »
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Fähigkeit, die Harmonie zwischen sich" und J jiiftelitii.
der Welt her- £ Rosegger. ^ E
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(20. Fortsetzung.)
Gva Leoni.
Roman von Marie Bernhard.
Mechanisch war ich die Treppe zu meinem Zimmer mmtfuegm, Sufi n«r nicht dort (unsere dritte Ge- fahrtm Patte die Anstalt bereits vor einem halben Jahre verladen), und dus war mir lieb, denn der ohnmächtige Zorn arbeitete so heftig in mir, daß ich mich jetzt nicht hatte cniÄsprechen können. Mit fest geballten Händen, «tnander gepreßt, starrte ich, an meinem geöffneten Fenster stehend, mit großen, tränenlosen Augen r>? "Ä flammende Abendgold, das in verschwenderischer Pracht über Gebirge und See hingegossen lag. Ach, meine Seele war weit entfernt von der großen Bewunde- ruNg, die dieser Anblick sonst stets bei mir hervorgerusen hatte! Was meine Großmutter zu ihren Handlungen bestimmt haben, - was sie selbst darunter leiden mochte, und welcher Art die Erinnerungen waren, die selbst jetzt noch rn diese kühle, ruhige Stimme ein Stocken und Beben gebracht hatten, — alles das bedachte ich jetzt Nicht einen Ilugenblick! Ich war zu jung, zu unerfahren, um für etwas anderes Sinn zu haben, als für mein Leid für mern unverschuldetes Wch und für das llurecht das man nur angetan hatte und antun wollte! Ich konnte nichts für mein Dasein, nichts für das Gesicht, das die Sr mL 1 ? 11 ' gegeben und das meiner Großmutter meinen Ewck kaum ertragbar machte, — konnte nichts für das PsttchAefnhl, das sie trieb, sich selbst und mir eine grausame Marter aufzuerlegen! Welch' ein Leben würde ich unter den kalten, abweisenden Airgen dieser Frau führen — — und wenn diese Augen dann den Ausdruck an- nahmen, deir ich vor einer halben Stunde darin gelesen den Ausdrucks offenen Widerwillens, .... konnte ich das, .... würde ich das ertragen?
Wer was sollte ich tun? An wen mich wenden, wie ^arrfcmgen. um ihr zu entgehen, der gesetzlich jede Autorität über nnch zustand? Ich konnte davonlaufen! Gut -— gesetzt, es glückte nur, unbemerkt zu entkommen, — wohm sollte ich mich wenden? Ich wußte es nicht! Wen N?» m der weiten Welt, der mir Schutz, Hülfe, luuersmtzung gewährt hätte? Ich wußte niemand ! Ich war ein unmündiges, unreifes Kind, das nicktsdesto- weniger schon soviel Weltkenntnis besaß, um nicht ohne Älteres, ohne Zweck und Ziel in die Welt zu laufen! Ich besaß einige Kenntnisse, ich spielte sebr gut Klavier, — aber rch war nre darauf hin unterrichtet worden, andere das m lehren, was ich wußte, — und in jedem Falle war ich viel zu jung und kindisch, nm mir selbst eine Stellung zu schassen, — niemand würde mir Zutrauen schenken m» würde, so oder so, immer wieder in die Hände meiner Großmutter fallen, und war mein Los jetzt ein trauriges, so würde es, wenn ich mich offeir widersetzte, ein er barmungswürdiges werden.
Ms Susi eine Stunde später heranskam, fand sie mich mnner noch mit in einander verschlungenen Händen am offenen Fenster steh er: und in den Himmel starren an
g A Anglist. Tiüiiiuif \arliL A
§mn#h den 10 . Oktober.
welchem alle Glorie der Abendröte erstorben und in ein trübes, mattes Dämmerlicht zerflossen war. Aber als sie ihre warinen, Weichen Häm>e auf meine eistgkalten ^ ren ^eben sonnigen Augen nahe in mein Gesicht M), da konnte ich wieder weinen und auch sprechen. ~ ~ tlQ ^ in die ganze Sache keineswegs tragisch. ^Lchatzerl, das ist nicht so schlimm, glaub' du es mir! Daß sie dich nicht leiden mag und dich bös ansieht und deinen Anblick nicht ertragen kann, find' ich zwar ganz unverständlich, denn für mich» schaust du, kann es kaum was Lieberes und Hübscheres geben, als du bist, . . .
aber für dich ist das die beste Handhabe! Sdun mach' rasch zu, daß du ihr recht •—: — aber hörst du, recht sehr unausstehlich und unleidlich wirft, je eher, desto besser, acht, dann plagt sie dich und sich nicht weiter iind laßt dich laufen, und du darfst spielen und singen nach Herzenslust, und kein Mensch auf der weiten Gotteswclt darf dir böse Augen machen. So machst du es, verstehst du? Recht eigenwillig und widerspruchsvoll und unartig
bist du,-dann seid Ihr einander rasch los! Gott,
Everl, ich fiircht' bloß, du hast das Zeug nicht dazu, — du machst dir Gewissensbisse oder tust sonst ganz was ausgefallenes Dummes! Gelt, ich sollt' nur an deiner Stelle
m Dresden fitzen,-dieser lieben Großmama wollt'
ich wunderschön heimleuchten. Die sollte bald genug und übergenug haben von mir! Für mich war' 'das nichts weiter als eine richtige Hetz', wie wir auf gut Wienerisch sagen, iind ein richtiger Spaß! Aber meine arme Nachtigall wird abwechselnd fuchsteufelwild und danach wachsweich sein,-und das ist nichts für solche Groß
mutter ! Denen muß man anders kommen, als mit einem Tranenweidengesicht! Ist denn dein Humor ganz fort, du mem armes Hascherl?"
„ Cl * war ganz fort, und ich hatte das
Gefühl, als wurde er für immer hier zurückbleiben! Susi tröstete an mir herum, aber ohne rechten Erfolg. Da ich zu verweint aussah, um ziim Souper hernnterzugehen, so speiste Susi mir zur Gesellschaft oben auf unserem Zimmer. Wir gingen danach früh zu Bett, und ich verfiel bald in einen unruhigen Schlaf, in welchem ich immer noch schluchzte. —
Dann war es mir, halb wie im Traum, — und doch meinte ich wieder, ich wachte! — als neigte sich jemand ffef ulier mein Bett, und eine leise .Hand strich sanft über mein heißes, tränenfeuchtes Gesicht, und dazu flüsterte eine tröstende Stinrme:
Nicht weinen, mein Kind! Ich bin noch da und will dich lieben und dir Helsen, so gut ich kann! Nicht weinen, Editha, — fetzt da deine Augen geschlossen sind, so ganz
merne geliebte Editha!"-
Ich machte eine gewaltsame Anstrengung, den traumhaften Zustand abzuschütteln, richtete mich rasch auf meinem Lager empor und streckte meine Arme aus um die Gestalt festzuhcilten. Aber meine Hände griffen in
die leere Luft. — Niemand war da,-- nur das Mond-
licht spielte in zitternden Streifen ans dem Fußboden.
Als ich am folgenden Tage zu ziemlich vorgerückter Bormmagsstunde meine Großmutter wiodersah war sie nicht allein und der gefürchtete Augenblick ging besser vorüber, als ich gedacht hatte! Bladame Bellemont war noch anwesend, außerdem eine der Lehrerinnen und Frau Hannah Bertram, deren sprechende Augen mich er- mutigend und liebevoll, anschauten. So schritt ich rasch entschlossen auf meine Großmutter zu. führte ihre Hand
81. Jahrgang. 1903.
an menre Lippen, wünschte ihr einen guten Morgen und fragte dann mit leiser Stimme: „Darf ich hoffen, daß du mm meine gestrige Heftigkeit verzechst?" Sie fixierte Mich einen Moment scharf und sagte: „Das wird die Zu- nunft und dein weiteres Betragen lehren!" woraus ich mich zu Madame wandte und sie viel ungezwungener bat, mir wegeii der gestrigen Szene nicht böse zu sein. Sie war mir nicht böse, ich las es aus ihreni guten Gesicht, und was sie Ermahnendes und Tadelndes zu mir sprach, bezog sich mehr ans den alten Grundsatz, die Jugend dürfe nre dem Alter gegenüber den Respekt aus den Augen sehen, als auf meinen speziellen Fall.
Wir frühstückten gemeinsam, Monsieur Bellemont kam dazu und Susi, die auch bereits ihres nahe bevorstehenden . Abgangs wegen von den Unterrichtsstunden dispensiert war. Susi spielte eine kleine Komödie, die mich, wäre ich in anderer Stimmung gewesen, außerordentlich amüsiert haben würde: sie trat meiner'Großmutter gegenüber mit dem ganzen Aplomb einer jungen österreichischen
Aristokratin auf,-ihre Reverenz war tadellos, sie
zügelte ihren Wiener Dialekt, ihre lachlustigen Augen und ihre lose Zunge höchst erfolgreich und spielte die Rolle einer sittsanien, korrekt erzogenen jungen Dame aus vornehmer Familie so gewandt, daß ich sie ganz verblüfft von der Seite ansah. Madame, ich sah es sehr wohl, hatte zuweilen große Mühe, ein Lächeln zu unterdrücken, Monsieur ließ sich nichts merken, Frau Hannah schaute Susi nnt großem Wohlgefallen an, und meine Groß- nnitter, um derentwillen das ganze Schauspiel in Szene ging, sah äußerst befriedigt drein und ließ sich von Susi die ganze Stammtafel der Rothkirchs, die mit Heino von Rothkirch unter König Weirzel begann und mit Clemens Günther, dem Gardekürassier, schloß, vorführen, wobei sie eine aufmerksame Zuhöverin abgab und beiläufig erwähnte, daß die Neuenbürgs ebenfalls eine sehr alte Familie und bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückzn- fuhren seien. Dre feierliche Grandezza, mit welcher Susi meiner Großmutter gegenüber saß, die verbindliche Manier, mit welcher sie sich oft zu mir, als zu ihrer „lieben Freundin Eva" wandte, um mich mit ins Gespräch zu ziehen, ist mir jetzt, in der Erinnerung, unend- lich spaßhafter, als es damals der Fall war. Unsere Unterhaltung wurde französisch geführt, meine Groß- mutter sprach cs mit ewas veraltetem Akzent, aber voll- kommen fließend, Hannah kam nicht sonderlich damit zu- recht und gab meistens die Zuhörerin ab, — auch, ich war ziemlich schweigsam und studierte meiner Großmutter Blick, der heute, wenn er einmal auf mir ruhte, einen eigen wachsamen Ausdruck hatte, als sei sie vor sich selbst auf ihrer Hut!
Ms wir uns erhoben, um eine Promenade durch den Garten zu machen, hörte ich, wie meine Großmutter Madame Bellemont ein Kompliment über Susü machte, ,,»ne charmante jeune fille et parfaitement 61ev4el" während dieselbe gepriesene Susi meinen Arm ergriff und mir zuraunte: „Menschenkind, ich amüsier' nnch ja gött- lich! Mach' kein solch' moroses Gesicht, sondern amüsier'- dich gleichfalls! Schaust du, so mußt du's mcwhen! Das ganze Leben rst Komödie, — warum nicht nach Kräften Mitwirken? Aber du bist halt immer so schwerfällig und so ehrlich und sichst alles so schwarz, mein Everl! Du mußt aus dir herauskomrpen und dir selbst einen Stoß geben, .... nicht alleweil' warten, bis ein anderer kommt und ihn dir erteilt!"
(Fortsetzung folgt.)
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