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^Dienstag, 14. September 1915.
Morgen - Ausgabe.
Nr. 427. ♦ 63. Jahrgang.
Der Krieg.
Starke russische Kräfte an der Serethmündung zurückgsworfen. — Zusammengebrochene russische vorstösie bei Strusow. — Bei Kozlow und Iezierna dieverbindung mit der österreichischen Zront am mittleren Strqpa hergestellt. — Oie Eisenbahn östlich Dubno erreicht. — Ein neuer Erfolg bei Verano. — Italienische Artillerie beschietzt ihre eigenen Truppen.
ver österreichisch-ungarische Tagesbericht.
W.T.-B. Wien, 13. Sept. (Nichtamtlich.) Amtlich verlautet vom 13. September, mittags:
Kusjischer Kriegsschaupla«.
Die russischen Angriffe gegen unsere o st g al i z i s ch e Front dauern an. An der Serethmündung wurden starke feindliche Kräfte zurückgeworfen. Der Kampf führte an zahlreichen Stellen zu einem Handgemenge in den Schützengräben. Nordwestlich von Strusow brachen mehrere russische Vorstöße unter dem Kreuzfeuer unserer Artillerie zusammen. Andere wurden mit dem Bajonett abgewiesen. In ver Nacht bezogen die bei T arnopol kämpfenden verbündeten Truppen eine auf den Höhen östlich von Kozlow und Iezierna eingerichtete Stellung, die an unsere auf dem Ostufer der mittleren Strypa befindliche Front anschließt. Die Bewegung wurde von dem Gegner nicht gestört. Bei Nowo-Aleksiniec sind heftige Kämpfe im Gange- Östlich von Dubno sind unsere Truppe» an die Eisenbahn vorgedrungen. In der Gegend von D e r a z n o warfen wir den Feind an mehreren Punkten, wobei sich das Wiener Landwehr- Infanterieregiment Nr. 24 besonders hervortat. Die k. und k. Streitkräfte in Litauen nahmen bei ihrem vorgestrigen Sturm auf das Dorf Szuraty 9 Offiziere und 1000 Mann gefangen l»nd erbeuteten fünf Maschinengewehre.
Italienischer Kriegsschauplatz^
An der k ü st c n l ä n d i s che n Front nahmen gestern die Kämpfe in den Räumen von Flitsch und Tolmein mit unverminderter Heftigkeit ihren Fortgang. Wieder wurden alle Angriffe unter schweren Verlusten für die Italiener zurückgeschlagen, wieder behaupteten unsere Truppen ausnahmslos alle Stellungen. Im Raume von Flitsch setzte der Feind, nachdem vormittags ein Angriff auf den Rombon und ein Durchbruchsversuch gegen die Höhe dieses Berges gescheitert waren, nachmittags Kräfte von südwärts her gegen den Iaworcek und die Golobar-Planina ein. Gegen Abend war auch dieser Vorstoß abgewiesen. Italienische Artillerie beschoß hier die A n s a m m - luungsniulden ihrer eigenen Infanterie mit sichtlicher Wirkung. Im V r s i c. wo der Gegner schon im vorgestrigen Kampfe über 500 Mann verloren hatte, brachen gestern nachmittag wieder Angriffe zusammen. De» Tolnieiner Brückenkopf griffen die Italiener vi e r m a I vergeblich an. Weiter südwärts herrschte verhältnismäßig Ruhe. An der T i r o l e r Front waren neuerliche Annäherungsversuche des Feindes- gegen unsere Popcna-Stellung ebenso fruchtlos wie alle früheren. Vor der Grenzbrücke liegen weit über 100 tote Italiener.
Der Stellvertreter des Chefs des Generalstabs: v. H ö f e r, Feldmarschalleutnant.
Die 38. Kriegswoche.
Wie bisher standen ibie kriegerischen Ereignisse auf dem ö st l i ch e n Kriegsschauplatz auch in der vergangenen Woche wiederum im Vordergrund des Jnrer- esses. Äußerlich trat eine Änderung dadurch em, daß an Stelle des bisherigen Großfürsten als Ober* kommandierender der Zar selbst sich an die Spitze seiner Heere stellte. Innerlich werden sich kerne Wandlungen deswegen im russischen Heere vollziehen, wird sich an der Gesamtlage der Dinge auch nichts ändern. Eine völlige und gründliche Reorganisation des russischen Soldaten, Offiziers und Generalstäbs wird hierdurch nicht erfolgen. Die unentibehrlichen Grundlagen künftiger Siege sind in keiner Weise umgeb aut worden. Die kleinen Teilerfolge, welche unsere Feinde auf einzelnen Punkten der ostgalizi- s ch e n Front davontrugen, bedingen keine Änderung in der Ungunst ihrer Gesamtlage. Während unsere Front bei und südlich Tarnopol einem gewaltigen feindlichen Druck nach Westen nachgab, erwies sich der äußerste Sndfiügel allen Angriffen vollauf gewachsen. Weiter nördlich wurde bei Brody russischer Boden betreten, der südlicke Eckpfeiler des südpolmschen Festungsdreiecks, Dubno, erobert- Der Angriff gegen Rowno wird von Westen und Süden erfolgreich vorwärts getragen.
Mt den Mauern von Rowno wird auch über das
Schicksal des südöstlichen Galizien endgültig entschieden sein. Dann ist auch der Weg in das südwestliche Rußland für die verbündeten Armeen geöffnet. , Ebenso wie hier sin Süden die Tore Rownos, erzittern im Norden diejenigen von Riga, Dünaburg, Wilna. Mit jedem Tage schwinden die russischen Aussichten, diese Städte länger zu halten, immer , mehr. In der zurückliegenden Woche hörte man nichts von Unternehmungen zu Lande gegen Riga. Unsere Unternehmungen zu Wasser haben jedenfalls den entschiedenen Erfolg gehabt, daß die schützende russische Flotte entweder ganz oder teilweise «ins diesem Meerbusen abzog nnd hierdurch die Tätigkeit unserer Wasserflugzeuge gegen Riga möglich machte. An der Düna wurde in der Nähe eines weiteren Brückenkopfs bei Jakobsstadt erfolgreich gekämpft, feindliche Gegenstöße -beschränkten sich nur aus Verteidigung. Gegen Dünaburg schob sich an der westlichen Bahn die Armee Below naher heran. Bor Wilna wurde eine Soensperre geöffnet, der Bahnknotenpunkt westlich sowie der südliche von Lida mit Zeppelinbomben belegt. Ebenso wie im August unsere erfolgreichen Luftangriffe gegen die Bahnanlagen östlich Warschau die Vorboten eines neuen russischen Abzuges waren, könnte dies auch diesmal der Fall sein-
Die Hauptkampftätigkeit herrschte aber in dein werter südlich gelegenen Dreieck, dessen Grundlinie die Bahn Wolkowysk-Slonim bildet und dessen Spitze in -der Gegend um Ski-dsl liegt. Am Dienstag wurde nach hartem Kampf Wolkowysk erobert, am Mitt- woch wichen die Russen hinter die Sslwianka zurück. In drei Gruppen arbeitet sich das Heer des Prinzen Leopold von Bayern nordwärts gegen die Bahn Wffl- kowysk-Slonim: rechtsrückwärts Kavallerie der Verbündeten, nordwestlich an der Roshcmka deutsche Truppen und ebenso linksvorwärts an der Selwianka. An dem Unterlauf der Selwianba erstürmte die Armee Gallwitz die Höhen von Pieski, während östlich Grodno nach Säuberung des NseMen-Ufers am 10. September das Heer Scholz die äußerste Nordspitze des Dreiecks bei Sjkidel und nordwestlich davon abdrllckte. Durch Liesen schönen Freitagserfolg ist auch die weiter nördlich befindliche russische Front vor den Siegern von Kiowno höchst gefährdet.
Die Armee Mackensen kämpft in einem Raume, dessen südliche Grenze der D n j e p r - B u g - K a n a l und dessen nördliche die über die Ufer der Jasiolda fülhrenide Bahn bildet. Ungeachtet der großen natürlichen Hindernisse schritt der Angriff rüstig vorwärts. Ob das Ziel hier schon erreicht ist, geht aus den deutschen Meldungen begreiflicherweise nickt hervor. Ein gewisser Gegensatz ist aus den Freitags- und iSamstogs- berichten insofern erkennbar, als der bisherige Novd- slügel Mackensen am Bahnhof Kossom mit dem 10. September unter den Befehl der links anschließenden Gruppe -des Prinzen Leopold von Bayern getreten fft. Es sei hierbei nur erinnert, -daß nach dem erfo>lgreichen Weichsel-Übergang nördlich Jwangorod die bisherige Heeresgruppe Woyrsch au die Armee des Prinzen Leopold von Bayern angegliedert wurde. Die bisheri- :gen Ergebnisse der heißen Scklacht östlich Grodno erscheinen für uns durchaus befriedigend. Alle Angriffe der Russen brachen schließlich -ebenso in sich zusammen wie die passive Kraft der Berteidigung. Dieses hellflackernde Feuer deutscher Offensive flammte mit schönem Erfolge am 8. September in den Argonnen auf. Die nördliche Ausbuchtung der Franzosen am westlichen Waldrande wunde eingedrückt. Die gewaltige Beute am Kriegsmaterial spricht für die Bedeutung dieses Stützpunktes. Auch dem scheinbar unerreichbaren England führten zweimal unsere Luftschiffe die furchtbare ^üewalt unserer Kriegsmittel vor Augen.
Die 58. Woche dieses großen Krieges zeigte uns überall erfolgreiches Vorwärtskommen. Wenn -dasselbe nach der neuesten russischen Rechnung sich auch etwas verlangsamte, so übersehen hierbei unsere Gegner, daß der Verfolger Atem und Schrittlänge nach denen -des Verfolgten bemitzt und daß Werke, Wall und Graben von etwa ein Dutzend Festungen nicht nur umgelegt, sondern auch neu errichtet würden — nicht mehr für russische, vielmehr deutschen Zwecken dienstbar-
M.
*
ver Dank der dentschen Botschaft in Madrid für die vielen Glückwünsche zu unseren Siegen in Polen.
Berlin, 13. Sept. (Zens. Bln.) Wie der „B. L.-A." aus Madrid erfährt, ging der dortigen Presse folgende Mitteilung des deutschen Botschafters, Prinzen von Ratibor, zn: Auf Grund der von den verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Heeren in Polen erzieltem Erfolge, deren Krönung die Einnahme von Warschau gewesen, hat die deutsche Botschaft in Madrid seitens allen Gesellschaftsschichten angehörenden Personen so massenhaft Beglückwünschungen und Sympathieerklärungen erhalten, daß es ihr unmöglich ist, jedem einzelnen eine Erwiderung zugehen zu
lassen. Sie sieht sich genötigt, die Gefälligkeit der Presse in Anspruch zu nehmen und spricht auf diesem Wege ihren auf- richtigem Dank aus.
Der Sturz des Großfürsten noch immer Tagesgespräch.
Br. Stockholm, 13. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Eine heute -durchreisende russische politische Persönlichkeit schildert den Eindruck der Absetzung des Großfürsten auf die Petersburger Bevölkerung und das vorangegangene politische Intrigenspiel. Di-e Übernahme des Oberkommandos durch den Zaren löste durchaus nicht Begeisterung in den BevWe» rungskreisen aus. Man spricht die Befürchtung aus, nun! werde es erst recht nicht gehen. Außer der „Nowofe Wremja", die die Fahne nach dem Wind hängt, hüllen sich alle Refidenz- blätter und offiziellen Restripte in bedeutsames Schweigen. Die energische Opposition gegen den Großfüfften geht zurück auf die Rückkehr Rußkis und die Ernennung Paliwanows, die alles taten, um den Großfürsten beim Zaren zu deskre- ditieren. Nikolais strategische Absicht war es, noch weiter znrückzugöh'en und selbst Minsk noch zu räumen. Hier fetzte Poliwanows Opposition ein, der betonte, das bedemtze dis Revolution.
Großer Ministerrat in Petersburg.
Br. Kopenhagen, 13. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) „Berlingske Tidertde" meldet ans Petersburg: Der gesamte Mini ft errat -war gestern abend versammelt. Fünf Minister berichteten über die Verhandlungen mit de» Führern der Resormpartei. Das Arbeitsprogramm der Duma tvnvde eingehend erörtert. Mit großer Bestimmtheit verkantet, daß sich die Mehrheit des Ministerrates gegen den Arbeitsplan ausgesprochen hat.
Gurschkow soll Hanbelsminister werden.
Br. Haag, 13. Sept. (Eig. Drahtbericht. Zens. Bln.) Dem bekannten Oktobristeitführer Gutschkow wurde nach Meldungen aus Petersburg der Posten des Handelsministers angeboten. Gutschkow lehnte jedoch das Anerbieten ab, da die Regierung als Ganzes nach wie vor ans dem alten Standpunkt stehe.
klufruf an die russische Arbeiterschaft.
Die technische Überlegenheit der Deutsche«.
W. T.-B. Kopenhagen, 13. Sept. (Nichtamtlich. Drahtbericht.) Nach einer Meldung der „National Tidende" aus Petersburg fordert das militärische industrielle Zentralkomitee in einem Aufruf an die Arbeiterschaft diese auf, Vertreter in das Komitee zu entsenden. In dem Aufruf heißt es, daß die fürchterliche Gefahr das gesamte russische Volk zur Hilfe für die Armee rufe. Der Feind behaupte seine Macht durch seine technischeüberlegenheit und könne nur überwunden werden, wenn alle Kräfte und alle technischen Mittel vereinigt würden. Deshalb sei die Verteidigung Sache des gesamten Volkes.
Der neue Zivilgouverneur von Suwalki-
Der Oberpräsident Rüdiger v. Haugwitz auf Schloß Rosenthal ist zum neuen Zivilgouverneur von Suwalki ernannt worden. _
ver Krieg gegen England.
Unsere fl-voote an der Arbeit.
W. T.-B. Paris, 13. Sept. (Nichtamtlich.) Nach einer Meldung des „Temps" aus Nazaire hatte der aus Montreal eingetrosftne englische Dampfer „Norsemann" 23 Mann der Besatzung des englischen Dampfers „Mimosa" an Bord. Die „Mimosa" war 1tz7 Meilen südwestlich Fastnet von einem! deutschen Unterseeboot versenkt worden. Die Versenkung der „Mimosa" war bereits vor einigen Tagen gemeldet worden.
W. T.-B. Christiania, 13. Sept. (Nichtamtlich.) Ein deutsches Unterseeboot steckte am 10. September 12 Meilen südöstlich von Kap Lindenacs das norwegische Schiff „Presto" in Brand, das mit Grubenholz beladen war. Die Besatzung von 7 Mann wurde von einem Fischkutter anf- genommen und an Bord eines Lotsenbootes gebracht, das sie später an Land setzte. — Der Dampfer „Betzheim" wurde am 11. September früh, östlich von Kyvingen-Leuchtfeuer, von einem deutschen Unterseeboot angehalten und schickte ein Boot zu dem Unterseeboot. Nach 10 Minuten erhielt der Dampfer die Erlaubnis znr Weiterfahrt. Das Unterseeboot ging südwestlich auf ein mit Holz beladenes Schiff zu, das nach Weste« steuerte.
Neue Reuterhetze zur U-Bootkriegsfrage.
W. T.-B. London, 12. Sept. (Nichtamtlich.) Das Reuter» sche Bureau meldet aus New Uork: Die „New Uork Times" bemerkt zu der deutschen „Arabic"-Note, wenn sich die Kommandanten der Unterseeboote damit entschuldigen und ihre Regierung dadurch entlasten könnten, daß sie einfach erklärte«, in Selbstverteidigung gehandelt zu haben, würde die ganze Unterseebootfrage neuerdings aufgeroüt. — Tie „New Uork World" schreibt: Wenn jeder Unterseeboot- Kommandant selbst entscheiden kann, unter welchen Bedingungen ein Passagierschisf torpediert werden darf, ist die Erklärung des deutschen Botschafters Grafen Bernstorff wertlos. — Das Reutersche Bureau bemftckt,^ die amerikanische Presse halte den Zustand für kritisch, da die deutsche Regierung anscheinend ihr in der Vorwoche gegebenes Versprechen bezüglich dm Sicherheit von Menscherste^n zurücknehmen wolle.
