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W *»ei Ausgabe». —
Verlag: Langgaffe 27.
flfeemUAiasgabe.
Mer Tage Falirikarliriterm.
Was Göhre als Mann, hat vor kurzem die Amerikanerin Frau B. Russell als Frau getan, um bei ihrer Armenpraxis besser orientiert zu sein. Sie hat einige Lage in einer Londoner Fabrik gearbeitet und veröffent licht jetzt ihre Erfahrungen in einer hervorragenden enq fischen Monatsschrift.
Sie hatte sich in alte Kleider gesteckt und Toupier nadeln — das unfehlbare Abzeichen der Londoner Fabrik- madchen angelegt. Da sie „ungelernt" war, fand sie nur schwer Aufnahme; behufs Arbeitssuche mußte sie w-rederholt um iy z Uhr morgens ausstehen und vor rMriktoren warten.. Alle Mädchen in „ihrer" Fabrik mußten um diese Zeit auf stehen, um 6 llfyr zu arbeiten ansangen und blieben bis & Uhr ohne jede Nahrung Demgemäß legten sie bei der Arbeit „Abspannung und ^ntereiselopgkelt" an den Tag. Wer erst kurz nach b Uhr kam, wurde mit einem Abzug von 1 Penny bestraft; für eme halbstündige Verspätung erfolgte ein Abzug von 4 Pence.
. Während in Amerika weibliche Personen sich niemals im Wirtshause sehen lassen, fiel es der genannten Dame auf, daß sie in London deren Stammgäste sind. Selbst tuWzehnichrrge Mädchen werden sofort nach ihrem Eintritt ms H-abrikleben zum Trinken verleitet und man erwartet von ihnen, daß sie schon aus ihrem ersten Wochenlohn den engeren „Freundinnen" Bier und Schnaps be- zahlen. Alsbald werden sie aufqesordert, sich an sogenannten „Branntweinklubs" zu beteiligen, die darin be- Ite.jen, daß die „Mitglieder" vor einem Feiertag oder vor der Hochzert emes von ihnen eine Reihe von Wochen hindurch wöchentlich einen kleinen Betrag weglegen und die Gesamrsumme dann bei einem Trinkgelage in der Fabrik -der der Schanke verprassen. Überhaupt bildet die Trunksucht das Hauptlaster der englischen Jndustrie-„Hände". An freien Tagen besuchen die Mädchen mit dem aufae- sparten Lohn das Wirtshaus und bezahlen einander ie em Glas Whisky zu 2 Pence (17 Pfennig), was bei einer Gruppe von 6—6 pro Kopf 10 Pence oder einen Schilling macht; „zuweilen sind die Gruppen so groß, daß jedes Mädchen 2 bis 2% Schilling zu bezahlen hat", wobei es ^>0^2—15 Glas Schnaps trinkt! Aus die Frage, wie me Mädchen das bei einem Höchstlohn von 10 Schilling pro Woche bestreiten können, erhielt Mrs Russell die Antwort: „Sie sparen zuerst und bestreiten's nachher " Ein" ihrer „Kolleginnen", die siebzehnjährige Edith, erzählte
Dilettantin, sie werde sich am Ostersonntag mit chrem „Biirchieii, der stets betrunken" sei, verheiraten:
sagte sie, Satz sie ihn liebe im-ueö ^ rncht trunksüchtig sei. Die erst sechzehnjährige Annte K ^von, baß sie beranicht war, in einer Weise, als hanbeie Kopsichmerz, sie könne zwar für sechs Pence Whisky trU!t ert, j ei "ber dennoch wiederholt betrugen ge- I.W/''-neunzehnjährige Lily, die nicht einmal ein Glas dsikr "ertragen konnte, gestand mir, „sehr oft" einen Rausch zu ' > .Die Mehrheit der Mädchen dürfte kaum oft wirklich iftrunken sein, allein Sie meisten machen sich nichts daraus, zu- 1°!' cf t s PS v t . äu i cnt - Die Ursachen dieser Zustände liegen auf Uif &iefe Mädchen als Kinder Bier und Schnaps
jur ihre Eltern ans ocr Schänke holen mußten, machten sie sich ff bielcr trnh vertraut und da ihnen deren Besuch nie verboten o 6 f e Schanke die erste ZnsluchtSstätte der angehenden
rohnarbe,ter,Nncn. Die Erschöpfung nach einem langen Arbeits- ‘ a ® 7 k'.''".?k?u®ender Ernährung läßt das „pudlic Irouse" mit ^ "den Wirtin als angenehmen Erholungsort erscheinen. Alle „Ereignisse" — Hochzeiten, Geburten, Begräbnisse, Feiertage — werden mit Trinkgelagen gefeiert."
Der folgende Auszug aus Frau Rrissells Aufzeichnun- geir über dos innere Fabrikleben ihrer vorübergehenden ..rbeitsgenossinnen wird ebenfalls lebhaft interessieren: „Ihr „ciinner" bestand zumeist ans Butterbrot mit Tee ei f cn H?lben oder ganzen Penny Brasi kartoffcln oder Backs,ich oder syßc Speise zu kaufeu .Fleisch
fnoTV* fC ° r f i üe f j" i6rcn Magen. Sie teilen gern mitetnander was sie gerade haben und auch mir boten sie freigebig an- ich lehnte stets ab, wodurch ich sie zuweilen verletzte. Während des Essens lprachcn sie höchst ungeniert von ihren Interessen und Freunden, und ich hatte Mühe, ihre Fragen nicht so offen zu beantworten, wie sie die weinigen. Ich gewann sie immer lieber »nd empfand immer mehr, daß meine notgedrungen- Verstellung Mechte Entlohnung war für ihre bedingungslose Hingabe Jede hatte einen Burschen und sie wollten ei-fahren, ob der meinigc mich ebenfalls prügele, wie die ihrigen sie. „Sie - die „Burschen" sind alle -rrinker. . . . Gegen 1 jß Uhr begann im Saale all- g-m-ine Unruhe einz,,treten. Die Mädchen vernachlässigten die Arbeit, legte» d,e Schurzen ab und richteten sich das Haar zurcckt Punkt 1 /,6 stürmte alles ins Ankleidezimmer und war auf der Straße, ehe die Glocke zu läuten aufhörte. Sie waren über- »mtigcr liaunc, zogen unterwegs die Haustürglockcn und riesen alle vorbeikommcnden Männer an. ... Je besser ich sie kennen lernte, desto mehr bewunderte ich ihre Freundlichkeit und ihr gutes Herz. Obwohl eine einwöchigc Schließung der Fabrik bevorstand, steuerte lede 8 bis 6 Pence zu einer Sammlung für eine kranke Kollegin bei. ü
Huf öer Studtenreife.
Original-Novelle von Berthold Paul Förster (6. Fortsetzung.)
Sie schwieg und blickte vor sich hin, als sähe sie die Bilder jener Zeit vor sich austauchen.
„Kamilla", begann ich, „als du aber mit den Müllers- eutm bas Dorf verließest, und Walther dir noch einmal egegnete und sagte, er werde im nächstm Sommer nach Wiesenthal kommen —"
„D ja", rief sie, , „da bin ich mit leichterem Herzen gögangeu und Hab' mich willig in alles Fremde gefunden; aber " sie seufzte tief auf, „Sie kamen hylt nimmer. Run weiß ich's ja, weshalb nicht, und daß S' nicht ommen konntet:; aber damals ivußte ich's doch nicht und Hab manch' liebes Mal dahinten am Abhang gestanden, wo mail das Tal und den Weg mich Steinbach loeithin uversehen kann. Einmal aber ist der Olmüller neben mich getreten, ganz plötzlich — ich Mußt' nicht, woher er ge- wmmeil war,— und hat gesagt: Was schaust dahinab, -vcodel; die feinen Herreir kornnieir nimmer. Da bin ich sornig worden, und Hab' ihn hart angelassen, was 's ihn jteim küminern tät'!? Er ist aber ganz freundlich gerieben und sagte nur, er hält' mich nicht wollen kränken, und er werd' sich ja selber freuen, wenn der Maler sein versprechen halten wollt'. Ich aber bin nimmer wieder auf die Anhöh.' gegangen.
Damals war ich sechzehn Jahr' alt, ging aber schon Psi siebzehnte und war Wohl fast so groß wie jetzt. Der Olmüller hlieb immer gleich freundlich zu mir, und auch llu Haus', zwischen ihm und der Frau, Hab' ich nimmer biß böses Wort gehört; obgleich 's früher nicht so gewesen lfm soll. Bald aber schwätzten die Leut' allerlei erbärmliches Zeug; ich hält' ihnen mögen die Augen auskratzen. Einmal aber, wir waren auf dem Feld, der Müller uird ich, ka hielt er plötzlich auf mit der Arbeit; ich wußt' nicht warum, und als ich anfschaute, da stand er neben mir und Wb auf inich herab, daß mir's Blut siedend heiß in den stopf schoß. Als ich heim kam, sagt' ich der Müllerin, M hätt's mir überlegt, ich niöcht' wohl einmal in die Stadt und schau'n, wie 's da herging, und ob sie's mir vergönnte, dort, eine Stell' anzunehmen. Sie wollt' aber nichts davon hören. Nach einer Woch' aber sagte sie zu
Deutsches Deich.
Professor Zicglcr über den Mcdcrgang des protestantischen Konfcssionalismus.
Der, Straßburger Professor Theobald Ziegler be- spricht m ferner Schrift „Die geistigen und sozialen Strömungen des 19 Jahrhunderts" auch die geringe Werbekraft der l:beral-theologisck)en Ideen im protestan- Er sagt: Der protestantischen Kirche fehlt diese Resonanz und diese Macht über die Geister (wie sie
mir, sie hätts sich bedacht, ich könnt's ja einmal ver- siicheii, und sie wollt' sehen, ob sie mir eine gute Stell' verschaffen könnt' Auch der Mann war's zufrieden, und ich giaubt, ich hatt ihm doch wohl Unrecht getan, weil mich das elende Geschwätz der Leute mißtrauisch machte Vierzehn Tag' oder drei Wochen d'rauf — ich weiß nicht genau — war die Müllerin tot; da bei'm Wehr ist sie h neingeraten — niemand wußt' wie? Da saat' ich dem Müller wieder, ich wollt' fort, und er meinte er tonnt s nur nicht verdenken, wollt' mich auch nicht halten, wa ließ er gleich sein' alte Miitter koinmen, in drei Tagen war s hier, und er bat mich, ich sollt' mir iioch so lange bleiben, bis die alte Frau sich ein wenig eingericht't hätt', damit s ihr nicht gar so sauer würd'. Das war mir ia recht, und ich könnt' doch auch nicht so ohne weiteres cavonlaiisen. Das war im Frühling vor'm Jahr. Und
?raM eF 1 ommer kam, da hofft' ich wieder, daß der Herr Walther kommen wurd', und über mein Hoffen Hab' ich's Hortgehen vergessen. Teui Müller sein' alte Mutter aber iimr gut gegen mich; ich merkt' bald, sie hatt' inich gern, und sie hielt mich wie ihr eigen Kind; der Müller aber hat mnmier ein Wort zu mir gered't. was mir nicht gepaßt hatt, und, die Mäuler der Leut' wurden ganz still. T-a wai s in diesem Frühjahr; der Müller war in der Stadt gewesen und kani über Steinbach zurück, weit er cort zu tun gehabt. Ich hätt' 'n halt gern gefragt, ob er dort nichts von Ihnen gehört; aber lieber wurd' 'ch mir haben dre Zimg' abgebissen. Hatt's aber auch nicht nötig, denn am Abend, als wir z'samnien bei'm Essen saßen, sagte er ganz ruhig: die Maler sind auch wieder in Steinbach gewesen. Da bin ich still in meine Kammer gegangen und Hab geweint und geweint, und Hab' an mein arm s Mutterle denken müssen und zu mir gesagt —" sie crfjofi cm wenig öcit Kopf und sah mich bittend an, „sein s nicht bos, danim, Herr Berger — und Hab' zu mir ge- inflt: ach, die feinen Herren aus der großen Stadt sind alle, eins, und wenn ich damals nicht ein Kind gewesen war, so wurd' ich grad' so unglücklich geworden sein wie mein gut s Mutterle. 's bat aber nicht gar so lang' ge- daiiert, da hat mich der Müller fragt, was ich noch fort wollte iind ob ich nicht lieber dablciben möcht' und ihm angeboren. Ich Hab' nicht ja und nicht nein gesagt; nur ich wollt s mir bedenken; aber so lang' sollt^ er mich gehen lassen, ^as hat er auch wohl 'ne Zeitlang ge-
der katholische Pnester hat) so gut wie ganz. In den sechziger und siebziger Jahren nahm noch eine größere Anzahl gebildeter Laien an den Känipsen des Protestanten Vereins , eifrigen Anteil, ein Mann wie Bluntschli ist da- sur typisch-. Heute kümmert sich um eine Versammlung dieses Vereiils in Berlin kaum noch ein Mensch, und die Fragen der Ritschlscheii Theologie sind Schulstreitigkeiten, die für die weiten Kreise der Gebildeten ohnedies kein Interesse haben, kaum daß der Apostoliknmsstreit einen Angenblick, eine mehr neugierige, als teilnahmsvolle Auf- merksamkeit hervori'ief; eine haben die Ritschl-
lchb" Theologen nicht hinter sich. Die religiöse Tendenz, welche sich m der Literatur seit etlichen Jchren spüren kayk, steht durch ihren Mystizismus im vollsten Gegensatz zu Ritschls Ansckjanimgen, ist also von der Theologie unp ihrer Entwickelung völlig niibeeinfliißt. Wo aber b eiben die protestantischen Massen? In Osteibien ist der Pastor zuweilen noch der Führer seiner B>miern bei den nrcht tu kirchenPolitrschem, sondern in nein polrtrich-konservatrvem Interesse, im großen ganzen aber ist gerade das arbeitende Volk der Kirche entfremdet, huldigt theoretisch dem Grundsatz: „Religion ist Privat- ache , und, bekennt sich praktisch zu einM oberflächlichen, bewußt antikirchlickien Materialismus. An die Stelle der Religion ist als das große Interesse der Zeit die soziale getreten. — Ziegler beurteilt die Sachlage nicht unrichtig. Aber es wäre wirklich mdlich einmal an der E'- die Konsequenzen aus solchen Tatsackjen zu ziehen, ^ctatt desseii sucht man künstlich den 51onfessionalismuS ^bj^r zu züchten und an ihm herumzuexperimentieren, statt ihn seinem Schicksal zu überlassen. Die Trennuna zwischen Staat und Kirche ist ja doch auf die Dauer nun einmal nicht zu umgehen.
Zum Falle Dippold.
K ihrem Leser-kreise erhält die „Franks. Volks- ZlEe über die grauenhafte Befttalität, die in d^iesem Falle verübt und fo iange geduldet wer-den konnte, folgen- den Notschrei:, „Unwilllürlich drängt sich da einM die Frage auf: Wie ist eine solche Greueltat in einem zivili- tericrt Lande möglich? Wir Deutsche leben doch nicht ] n rf oder in China! Ist der Hauslehrer der
allein-schuldige? Sind nicht auch die Eltern durch das Bliit, ihres Kmdes, besudelt und streng zur Rechenschaft zu zieh«!, wegen ihws Mangels an Fürsorge, woduÄ Kind verkommen ließen? Ist es nicht aeradeui sträflicher Leichtsinn beider Eltern, ihre hilslosm Kin^ einem^solchen, Scheusal, der bereits Beweise seines barbari- ck-en Terrorismus, mehrmals abgelegt hatte, unbe- ^^ ^und^alle^^ Ort anzuvertrauen,
Q ^ra C n &od> - baI ^ 9etan ' wenn er bei
r rf cl y .schon alles mit uns in Richtigkeit, und ZrH poschwiegen — mir war alles eins ge-
worden. Aber Hernack) ist mir ein Widerwillen gekommen, em Grauen vor dem Menschen —" '
auf still' und ich atmete erleichtert
auj. Utane Befürchtungen waren ja grundlos — sie h>atte fE^'berwillen gegen den Menschen empfunden. W^ uuders meinen, als daß sie ihn und seine Be-
ück - ^w?^^kpew-esm hatte. Nach kurzer Panse aber suhi sie mit steigender Erregung fort:
haben'S ja selber gehört, Herr Berger, was die alte Christel faselt. Lange haü' ich nicht gewußt, was sie eigentlich gemeint hat mit ihrem Geschwätz; aber — bab's
" :it
©in Schauder erfaßte ihre feinen Glieder- Vernveifelt rang sw die Hände, und ihre Augen nahmen wieder jenen Qn '- 1 -.-*^ p^te die flachen Hände qeZ
befjÄU' ÄS»*”” d ""‘ Scherz
me ^? cr 'st noch nicht alles - sie sagen noch
sprang, wie vor innerem Grauen gepackt enivor- wie hulfesuchend trat sie dichter an mich heran und blickte sch fnrchtsam uni, als könnte uns hier jemaiid belauicben ann fluiterte sie mir zu, und ihre Stimme klana heiser' tan "-^.derger - um mich - um mich MK '^
”* F ” nt Wit «f dir
„^amiffa", sagte ich und ergriff ihre feiickitkolt- Hand, „nehmen wir au, daß die Leute gelogen haben "
tunen öo6 id) ' ,mm auch nur einen
kurzen Augenblick, aber linmerbin einen ti,«,*« r- V 1
'asten Augenblick wünschte, die Leute nöchlm Me
heit gesagt haben. Dann fuhr ichAott!
„Wenn aber der Müller auch von dieser Schuld anm
frei wäre, kannst du einem Manne angehöreii für dein
ganzes Leben, vor dem dir arai.t. den du einer solL
fluchwürdigen /vat überhaupt fähig hältst?" en
