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zur nächst»
470 .
Verlags-Fernsprecher No. 2983.
Donnerstag» den 8. Oktober.
Redaktions-Fernsprecher No. 82.
1903 .
Akend-Üiisgafoe.
Agitation und Aktion.
Mchts kommt bidm Personen des öffentlichen Lebens unbequemer, als wenn sie plötzlich aus Agitatoren zu Akteuren avancieren, als wenn ihnen eine Stellung zufällt, in der sie sich frei entfalten und in der sie aus Tadlern zu Besfermachern sich auswachsen können. Die Agitation hat es lödiglich mit Beschwerde, Wünschen und Vorschlägen zu tim, sie ist rein kritischer Natur, die Aktion soll aber den ersehnten Jdealznstand den Hindernissen zum Trotz in die Wirklichkeit übertragen. Unwillkürlich kommt dann den meisten die Erkenntnis, daß eng beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume sich die Sachen stoßen. Ja, gerade diejenigen Agitatoren, die aus den reinsten Beweggründen und mit der vollsten Überzeugung die radikalen Forderungen ver- tretm haben, werden in verantwortlicher Stellung bedenklich, mit vollem Nachdruck auf derm Durchführung zu bestehen, denn die Einseitigkeit, die jeder politischen, wirtschaftlichen und sozialen Agitation cmhaftet, ja anhasten muß, um auf weite Kreise Werbekraft auszuüben, würde, in die Tat umgesetzt, nickst nur zu Härten, sondern zu Ungerechtigkeiten führen. Und vor diesen wird sich jeder, der das allgemeine Beste will, hüten, denn jede Ungerechtigkeit ist eine böse Tat, die fortzeugend Böses muß gebären. Die Politik, unter welcher man im weiteren Sinne jede Einwirkung auf das öffentliche Leben begreifen kann, ist nicht nur aus Klugheit, sondern ebenso aus Gerechtigkeit die Kunst der Kompromisse. Die Kompromisse appellieren mit Erfolg cm das Anpassungsvermögen, das sich in gleicher Weise wie in der organischen Natur auch in der Kultur geltend macht. Freilich haben gar manche Führer nicht nur ihre Popularität eingebüßt, sondern sich dm Borwurf des Verrates cm ihren einstigen Gesinnungsgenossen .zugezogen, weil sie sich aufs Paktieren mit ihrm Gegnern einließen, um nur einen Schritt vorwärts zu kommen, in der Hoffnung, später an den ersten Schritt weitere Schritte fugen zu können.
Das fesselnde Schauspiel, welches die Entwickelung der Sozialdemokratie bietet, beruht gerade aus dem Zwiespalt, der zwischen Agitation und Aktion aufklafst, sobald es sich um die Erringung von Einfluß handelt. An die ,AIten" ist nie die Frage ernstlich herangetreten, ob sie ücht nur mitraten, sondern auch wohl mitraten könnten. Ihre Aufgabe konnten sie ohne Besorgnis, mittun zu müssen, in der Kritik, also in der Agitation, allein erblicken und sie haben wahrlich nichts geschont.
Bti? 6er Studienreise.
Original-Novelle von Rerthold Paul Förster. (5. Fortsetzung.)
Sie blickte mich dankbar an, und ich erzählte ihr in kurzen Worten weshalb wir nicht früher gekommen waren. Sie horchte gespannt aus meine Mitteilungen; ihre Blicks hingen angstvoll an meinem Munde, und ich sah, wie das leichte Gewand sich über der jugendlichen Brust immer stürmischer hob und senkte.
„Aber Sie waren doch wieder zusammen in Steinbach?" unterbrach sie mich einmal in steigender Unruhe.
„Ja, vor zwei Jahren; aber ich allein."
Ihr Gesicht entfärbte sich.
„Ohne den Herrn Walther?" fragte sie und blickte zu Boden.
„Gewiß, ohne ihn — aber jetzt ist er hier, und wir wohnen zusammen in der Mühle, und mm soll's wieder so werden, wie es damals war."
Ich hoffte, meine Worte würden einen fröhlichen Widerhall in ihr wecken; aber wnlos wiederholte sie nur:
„Jetzt ist er hier —" und blieb mit geschlossenen Augen stehen; jedoch in demselben Augenblick fuhr sie mit der flachen Hand über ihre weiße Stirn und sagte in ganz verändertem, ruhigem Ton:
„Es ist heut gar so heiß, da flimmert's mir alleweil vor den Augen."
Wir hatten dm Ausgang des Waldes erreicht; die Mühle lag wieder vor uns. Kamilla blieb stehen und reichte mir die Hand; aber sie blickte an mir vorüber als sie sagte:
„Ich nmß noch einmal aufs Feld; hier gleich hinter'm Walde."
Als ich jedoch Miene machte, mit ihr zu gehm, erhob sie wie abwehrend die Hand:
„Ich komme gleich nach, Herr Berger."
Ich empfand wohl, sie wollte mit ihren Gedankm Mein sein, darum verabschiedete ich mich von ihr und schritt aus dem Walde heraus ans den Hof der Mühle, die »bereits im klaren Abendschattcn lag.
Ms ich mich noch einmal nach dem Mädchen zurück- wandte, glaubte ich sie weiter hinauf im Walde M sehen,
Für sie war der Proletarier die Achse der Welt, so gut tote, für den Bündler der Rittergutsbesitzer. Die „Jüngeren" dagegen, sie haben sich längst, wmn auch vorab in Kleinerem Kreise, zum Mittaten aufgeschwungm. Indem sch den Staatshaushalt zu bewilligen sich ent- schlossm, stelltm sie sich aus dm Boden der gegenwärtigen Verfassung, indem sie Regeln für Volksrechte irr Aussicht stelltm, ans dm Boden der nationatm Politik, rrnd indem sie einen Vizepräsidentensitz im Reichstag beanspruchen, bahnm sie eine Versöhnung mit der Monarchie an. Den „ R e v i s i o ni st e n " und ihren Freunden ist nicht mehr die Herrschaft des Proletariats, sondern die Gleichberechtigung des Proletariats Ziel. Dazu gehört, daß auch den anderm Bevölkerungsgmppm ihr Recht, aber freilich kein Vorrecht gewahrt bleibt.
In der Erkmntnis, daß dies jedoch unmöglich oder doch dem „allgemeinen Bestm" verderblich sein würde, wird der verständige Agitator dm „Bolldampflurs" stoppen, zum Lavieren sich bequemen und die den Augen der ferner Stehenden verborgenen Sandbänke und Klippen im Zickzack zu umschiffen suchen.
Nicht nur in der eigentlichen Politik, sondem auch in den anderen Bewegungm des sozialen Lebens tritt wese Erscheinung zutage; sehr klar z. B. in der Bekämpfung des Alkoholismus. Me Verfechter der Enthaltsamkeit sind die stürmischm Geradecmsfahrer. Sie sind die „zielbewußten" Agitatoren, die den Geist des Publikums auswühlm, die den einzelnen zwingm, Stellung zu nehmm — aber die Männer der Aktion sind doch schließlich die Vertreter des Mäßigkeitsprinzips, die auf Gesetzgebung und Verwaltung zwar nur noch einm bescheidenen, aber doch merklich wachsenden Einfluß gewinnen. Dabei soll der Nutzen zu der Notwmdig- keit einer radikalen Agitation nicht in Frage gestellt werden, obwohl deren äußerste Vertreter naturnotwendig in Fanatismus verfallen. Gewiß, ein Extrem löst das andere aus, was aber dem Volkswohl noch keinen verhängnisvollen Abbruch zu tun braucht, so lange nicht die Extremen zur Herrschaft kommen und dann als Akteure extrem bleibm und sich anschicken, ihr einseitiges Agitationsprogramm. durchzuführen.
Wie verderblich es aber wirkt, wmn extrem« Par- teim ans Ruder kommen, dafür liefert z. B. das heutige politische Lebm in Sachsen einen trefflichen Beweis Wie furchtbar hat die politische Entrechtung einzelner Be- volkerungsschichtm durch die Mehrheit der konservativen Partei das bürgerliche Lebm vergiftet! Me zerüttend die Alleinherrschaft einer Partei auf derm eigme Anhängerschaft zurückwirkt, das offenbart sich immer mehr dadurch daß selbst durchaus konservative Kreise der Bevölkerung mit der herrschmden Partei nichts zu tun haben wollen
hat doch jetzt erst der Vorstand des Dresdener Hcmsbe- sitzervereins offiziell erklärm lassm, daß er „kein Interesse" an der konservativen Landtagskandidatur habe- Auch die „roten Stimmzettel", die am 16. Juni in dm vornehmen Wohnvierteln abgegeben wordm sind-, lassm allerhand Schlüsse zu. Me vor sechs Jahren in optima forma vorgenommme Dekapitation des vornehmsten Volksrechts hat zwar allmählich! dm Agrarkonservativen die Ziveidrittelmehrheit in der Zweiten Kammer des indnstriereichstm Staates verschafft, aber der Sieg trug den Keim der Selbstvernichtung in sich, die langsam, aber sicher sich vorbereitet, mag die gegenwärtige Landtags- Wahl ausfallm, ivie immer sie wolle. War inan in der ersten Zeit nach der Wahlreckstsverstümmelnng in dm ge- bildetm Schichten vielfach, wenn auch bedauerlicherweise, geneigt, diese Handlung als einen Akt der „Staatserhaltung" zu verzeihen, so ist doch die Stimmung längst umgeschlagen, da die Sieger sich als völlig leistungs- uAfähig gezeigt haben, aris eigener Initiative heraus das Volkswohl zu fördern. Und dies alles, weil man jeder Selbstbeschränkung entbehrte, welche davor hätte warum sollen, ein einseitiges Agitationsprogramm vermittels b^c zugefallenen Macht in die Aktion umsetzen zu wollen. Jede Alleinherrschaft vernichtet das Gleichgewicht, dmn dem Mißbrauch der Macht widerstehen höchstens große Geister. — n .
Deutsches Reich.
Kardinal Fischer über deutsches Wesen.
Aus A a ch e n , 6. Oktober, schreibt man der „Rhein.- Wests. Ztg." :^,Der Kardinal Fischer von Köln stattet zur Zeit unserer Stadt einm Besuch ab. Ihm zu Ehrm veranstaltete die Stadt gestern ein großes Festmahl. Aus der Rede, die der Kardinal bei dieser Gelegenh-eit hielt, heben wir folgende Stellm hervor: In seiner Erwiderung ans die Rede des Oberbürgermeisters teilte er mit, daß der jetzige Papst bei der Abschiedsaudienz der deutschm und österreichischen Bischöfe gesagt Hobe, er werde die gutm Beziehungen, die zwischen seinem Vorgänger und unserem erhabenen Kaiser bestanden haben, auch seiner- seits fördern und pflegen. Darauf warf er einen Rück- blick auf die Geschichte der altm Kaiserstadt und fuhr dann folgendermaßen fort: Das alte Reich ist zugrunde ge- gangm, ein neues erstanden. Und wenn auch die alte Kaiserstadt nicht mehr dm Namen verdient, so ist doch die ehemalige alte Kaiserstadt geblieben, was sie durch die Jahrhunderte ivar: eine gute, treue, reichstreue Städte Und da erinnere ich an den herrlichen Tag des vorigm- Jahres, wo der neue Kaiser eingezogen ist durch Aachens' Mauern in das Münster und in das Rathaus. Ich habe
wie sie dm Kopf gegen einm Baumstamm gelehnt hatte; ober tch konnte mich auch irren, und sie wollte ja allein bleibm.
Langsam und nachdenklich stieg ich die Treppe zu meinem Zimmer hinauf. Walther war inzwischen dort gewesen, aber gleich wieder davongerannt. Es war mir lieb, daß ich ihn noch nicht traf, denn mich ich bedurfte der Ruhe um meine Gedankm zu sammeln. Was ich gehört und gesehen hatte, bedmtete das etwas Gutes für meinen Freund? Weshalb denn nicht? Hatte sie uns nicht immer erwaxtet; hatte sie es nicht schmerzlich empfunden, daß Walther, den sie irrtümlich in Steinbach vermutete, nicht gekommen war? Und was mir in ihrem Benehmen befremdlich erschim, konnte das nicht seinen Grund darin habm, daß das Gerede der Leute, der Müller werbe um sie, ans Wahrheit berichte, und daß meinem Freuiide alsdann von dieser Seite mancherlei Aufregungen bevorstanden? Damals habe ich alles, was ich mir selber vorredete, wohl auch geglaiibt, aber jetzt weiß ich es, daß ich mit jenen Gedankm mich nur selber zur Ruhe bringen wollte.
Ich hatte mein Zimmer wieder verlassm und schritt am Kanal entlang bis zur Brücke; dort stand ich und blickte, über das Geländer gebmgt, in dm Strudel hinab. Ein Luftzug trug die aufwirbelnden Wasserstäubchen kühl und erquickend zu mir herüber, und in der langsam herabsinkenden. Dämmerung erloschen die brennenden Farben des Tages; aber das Wasser gurgelte und rauschte zornig weiter. Das Getöse.des Wehrs hatte mein Ohr betäubt, daß ich dm Schall nahender Schritte nicht vernahm; doch an der vibrierenden Bewegung der Bohlen bemerkte ich, daß jemand sich mir näherte; als ich aufsah, erblickte ich Walther dicht neben mir. Er schaute jedoch an mir vorbei, und als ich seinm leuchtenden Augen folgte, bemerkte ich Kamilla, die regungslos und bleich diesseits der Brücke staiid. Rasch folgte ich meinem Freunde, der bereits ihre Hand ergriffen hatte.
„Kamilla!!" rief er.
Walther hatte mir feierlich gelobt, meiner ledernen Weisheit zu folgen und sich zu beherrschen; aber wenn je die ganze Liebesseligkeit eines jungen, glückstrnnkmen Herzens in ein Wort zusanimengefaßt wurde, so war es hier geschehen; und was der Ton der Stimme etwa noch
verschwiegen haben konnte, das verrieteii die glänzenden dunklen Augen. Später, aus unserem Zimmer, mußte ich trotz meiner sich steigemdm Unruhe über ihn lachen, weil er von mir auch noch verlangte, ich sollte einm M- thyrambus aus seine Selbstbeherrschung anstimmm.
Als er ihrerl Namen gmannt hatte, zuckte das Mädchen zusammen; ein Zittern flog über dm jugend- lichen Körper und ihre Augen blickten wie hülsesuchmd zu mir herüber. Ob Walther das nicht bemerkte; ob er in seinem Glücksbewiißtsein das anders deutete? Er- machte eine Bewegung, als wollte er ivie damals ihr schönes Haupt wieder zwischen seine -Hände nehmen; und wer weiß, was geschehen iväre, wenn ihn das „Gutm Abend" der altm verrückten Christel, die unbemerkt herangekommen war, nicht aus allen seinm Hinmieln geriffelt hatte. Er wandte dm Kopf hastig zu der Altm herum und inurmelte etwas zwischm dm Zäbnm, ivas ich nicht verstand — aber ein Segenswort wird es iiicht gewesen sein.
Christel War in der Richtung von der Mühle apr Kanal entlang geschritten, den leichten Klöppeltisch im Arme. Sie kam vom „Znrnckm" heim, ivie die Lmte imer Gegend es nennen, wenn sie sich mit ihrm Klöppel- tischchen besuchen und zusammen arbeiten und schwatzen Me Alte mochte beute wohl doppelt das Bedürfnis emsv suaden haben, znzurncken, und bei der Gelegenheit sich über Walther und mich unterrichten zu lassm
„Nun, Mutter Christel", fragte ich, „noch immer fleißig gewesen? Wofür ist die schöne Spibe dmn be- stimmt, welche Sie' arbeiten?"
Sie blieb sichen und setzte das Tischchen behutsam vor sich nieder.
. „Wofür?!" fragte sie und sah uns der Reihe nach grinsend an. „Der Kaufmann spricht, 's sei für ’n Braut- kleid — wer kann's wissen!"
„Nun, wenn der Kaufmann cs sagt, so wicd's wohl auch so fern", antwortete ich.
, „So—o?" machte sie gedehnt iind erhob drohend dm knöcherigen Finger. „Hat schon manche g'meint, zög' ihr Brautkleid an, und hernach war's 'n Totenhemd " duldig^ schwatzt ihr da, Christel!« rief Walther unge-
Beschwörend hob sie die alten Hände gegen ihn ans.
