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(i. Jahrgang»

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Mo. 467.

Berlaas-Fernfprccher No. 2953

Mittwoch, den 7. Oktober.

19V3.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

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Morgen «Ausgabe,

«merveorrlnullg unö »Wi«

®ie Umoiffenljett ist stets öex ^ycin b des Guten ge­wesen,' das gilt auch für das Gebiet der Trunksucht. Selbst heute ist man bekanntlich noch leicht geneigt, ihr fast mil­dernde Umstände zuzubtlligen und noch stets wird es auch in Deutschland vielfach einem Mann eher verziehen, trunksüchtig zu sein, als sich über gewisse konventionelle Anschauungen der guten Gesellschaft hinwegzusetzcn. Erst seit verhältnismäßig kurzer Zeit hat man bei uns für dre Behandlung der Alkoholfrage den nötigen Ernst ge­funden. Aber es hat sehr starker und unausgesetzter An­regungen bedurft, um sowohl bei den deutschen Regie­rungen, wie in den Kreisen der Arzte den Alkoholismus -als einen furchtbaren Feind der Bolksgesundheit er- 'schemeu zu lassen. Bekanntlich sträubt man sich hier und da auch in diesen Regionen noch immer, dem alten guten Freund als einen falschen und heimtückischen Genossen einen kräftigen Fußtritt zu geben; man möchte ihm gern noch ein Ehrenplätzchen zurechtrücken. Aber im allge­meinen wird sich doch Wissenschaft und Gesetzgebung immer mehr darüber klar, daß der Alkohol der unerbittliche Degenerator der Rasse und einer der größten Feinde der Volkswohlfahrt ist. -

Aus dieser Anschauung heraus ist auch die Stellung des preußischen Landtags zu erklären, der den auf die Bekämpfung des Alkoholismus gerichteten bekannten An­lagen des Grafen Douglas ein dankbar anzuerkennendes Entgegenkommen zeigte. Es wurde damals eine aus Abgeordneten, den preußischen Ministern, Vertretern des Reichsjustizamts und des Reichsamts des Innern be­stehende Kommission mit der Aufgabe gebildet, Vorschläge zur Abänderung der Gewerbeordnung im Sinne jener Anträge auszuarbeiten. Das ist inzwischen geschehen. Dre preußische Regierung hat jene Vorschläge der Reichs­regierung vor kurzer Zeit in Form einer Novelle zur Gewerbeordnung vorgelegt. Soweit der Inhalt bisher bekannt geworden ist, spricht die preußische Regierung die Überzeugung aus, daß der Kampf gegen den Alkoho­lismus namentlich mit Hülfe der Gewerbeordnung ge­führt werden müsse. Das ist unseres Erachtens nur be­dingt richtig. Wir unterschätzen den Wert guter gesetz­licher Bestimmungen ganz gewiß nicht, aber wir glauben, daß man sich hüten soll, Polizeivorschriften allzuviel Ver­trauen entgeaenzubringen. An solchen Vorschriften hat es gerade ans diesem Gebiet auch bisher nicht gefehlt. Aber wer ehrlich nnd ohne Voreingenommenheit prüst, der muß sich doch sagen, daß im Kampfe gegen den Alkoho-

lrsmus Polizeivorschriften sicher wenig wirksam gewesen sind. Genuß, man kann die Bedienung durch Kellnerin­nen verbieten — obgleich es noch gar nicht ausgemacht ist, daß durch sie gerade der Alkoholismus besonders ge­fordert wird — man kann den früheren Schluß der Schankstatten herbeiführen und härtere Strafbestimmun­gen für Wirte einführen. Das kann man, aber dazu ” ro J tc f* niatt leine Novelle zur Gewerbeordnung, denn was sie fordert, ist schon durch die besonders für das Wlrtsgewerbe überaus reich ausgestattete bestehende Ge­setzgebung zu erreichen. Es wimmelt in Deutschland geradezu von reichsgesetzlichen, partikularrechtlichen und ortsstatutarischen Paragraphen und Verordnungen, die ihre Spitze drohend gegen das Wirtsgewerbe richten. Aber leider ist diese Spitze meistens stumpf; viele dieser Verordnungen und gesetzlichen Bestimmungen werden nämlich sehr lässig oder wohl gar nicht gehandhabt. Es ist eben die alte Geschichte: der gute Deutsche glaubt, wenn er nur eine behördliche Verordnung, einen kräftigenPara- graphen hat, dann ist auch jegliches Übel gleich totge­schlagen.

Da bestimmt z. B. die neue Novelle, daß die Be- dürfnisfragc für Wirtschaften obligatorisch gemacht wer­den soll. Diese leidige Bedürfnisfrage, was hat sie schon ßur Enttäuschungen gebracht! Sie hat in den Groß- und Mittelstädten das überwuchern mit Bier- und Schank- wirtschaften aller Art nicht verhindert und wenn man sie obligatorisch macht, so wird sich bei dem bisherigen Ver­fahren im Grunde auch nichts ändern. Wir sind ja nicht gegen das Aufwerfen der Bedürfnisfrage, wir halten sie für durchaus berechtigt. Aber wir verlangen sehr drin­gend, daß bei der Beantwortung dieser Frage das Be­dürfnis auch wirklich mit dem erforderlichen Ernst ge­prüft wird und nicht etiva der Wunsch eines Baufpeku- lantcn, der ein zum Bierpalast geeignetes Haus erbaute die Bedürfnisfrage schließlich entscheidet. Nach der heu­tigen Praxis scheint man fast anzunchmen, daß überall, wo eine neue Straße entstanden ist, auch sogleich das Be­dürfnis für eine oder mehrere Kneipen, Mierpaläste" drückt man sich modern aus, vorhanden ist. Ja, wer hat denn aber ein derartiges Bedürfnis? — Wir haben diese Frage schon früher einmal aufgeworfen. Hörte man emals, daß die Bewohnerschaft einer Straße bei der zuständigen Behörde um die Genehmigung einer Kneipe petitioniert hat? Vielleicht geschieht das alle zehn Jahre wirklich einmal, aber dann ist cs klug, genau hinzusehen, welcher Interessent vielleicht die treibende Kraft derartiger Petitionen ist. So viel ist nach den bisher mit der Be­dürfnisfrage gemachten Erfahrungen sicher, daß auch eine obligatorische Einführung, der wir grundsätzlich, wie gesagt, durchaus nicht widersprechen, nur dann die er-

Feuilleton.

Montenegrinisches.

Die Schwarzen Berge. — Ganz gemütlich. — Cettinje keine Welt- ftadt. — Patriarchalisches. — Bolkshcer. — Nus der Geschichte Mantenegros. — Landschait. — Erzeugnisse. — Kindertype». — Maiskolben znm Nachtmahl. — Wein in HammelfellschlLnchen. — über Rjeka nach dem Skntarisce.

Bei uns zu Lande ist die landläufige Meinung die daß, wer eine Reise in die Schwarzen Berge unternimmt, tollkühn sein Leben aufs Spiel setzt, daß er unter Diebe und Räuber ginge und mindestens angeschossen den Heimweg antreten müsse. Dem ist aber absolut nicht so. Erstens sind die Schwarzen Berge garnicht schwarz, son­dern — grau. Zweitens sind die Bewohner dieser Berge wohl sehr arm und sehr schmutzig, sonst aber recht gemüt­lich, gastfreundlich und zuvorkommend. Antivari und Dulcigno „riechen" allerdings „stark nach Orient". Eettinje hingegen, die Hauptstadt des Landes, ist ein ver­hältnismäßig sauberes Bergstädtchen, das den Vorzug hat, ein Hotel zu besitzen, dessen Wirt im wahrsten Sinne des Wortes international ist, denn er kann sich in allen Sprachen Europas und außerdem noch in einem halben Dutzend der anderen Erdteile verständigen.

Wer nach Cettinje reist, muh nicht darauf rechnen, Prachtstraßen, Paläste und elegante Geschäftsetablisse- wents zu Gesicht zu bekommen. Wenn man auf dem Wege nach dem Orient ist, muß man genügsam sein. Der Orient bringt des Fremden viel und man muß nehmen, was wan vom Augenblicl^erviert bekommt. Und was einem w in Montenegro serviert wird, ist schon interessant ge­nug, um mit Grazie hingenommen zu werden. Wenn wtr uns in Skandinavien, in Irland, in Spanien oder Süditalien befinden, so fühlen wir uns immerhin noch m Europa. Und ebenso undenkbar ist es fast, daß hier, dicht an der Grenze der österreichischen Monarchie, alle europäische Kultur mit einemmal abschneiden soll. Das konnten ebenso gut Afghanen oder Kaschmirleute sein, die hier noch fast gänzlich in der Hauskommunion leben.

Diese Hauskommunion — die Zadruga der Serbo- kroaten — wird patriarchalisch von einem Familien­iltesten geleitet, unter dessen Kommando oft 300 Personen und mehr stehen. Eine solche Gruppe nennen sie Bratstvo R>er Brüderschaft. Mehrere Brüderschaften bilden ein delo oder Pleme, erstereL bedeutet so viel wie Dorf, letz-

hoffte gute Wirkung haben wird, wenn man bei der Be» jahung dieser Frage nach viel strengeren Anschauungen! als bisher verfährt. Nicht der schöne Paragraph genügt, sondern seine Zluslegung muß überall nach sozialen Grundsätzen und seinem eigentlichen Zweck entsprechend erfolgen. Die Novelle will auch härtere Strafbestim­mungen einführen. Ganz recht. Ein Wirt, der sein vck, antwortungsvolles Gewerbe so ausübt, daß er eine Ge» fahr für die Volksgesundheit bildet, der Vüllerei treibt oder duldet soll mit Strenge zur Rechenschaft gezogen werden. Aber wir glauben, daß es dazu keiner neuen Paragraphen bedarf. Die härteste Strafe ist für einen Wirt dre Entziehung der Konzession und die ist heute den Behörden schon möglich, wenn die Betriebsführung eines Wirtes Anstoß in sittlicher Beziehung erregt. Die be» treffenden Bestimmungen sehen in manchen Ortsstatuten sogar außerordentlich gefährlich ans, aber der Paragraph allein macht es auch hier nicht, sondern die Anwendung. Und uns will scheinen, als ob diese Anwendung taft überall eine so ungemein wohlwollende wäre, daß es heute tatsächlich zu den großen Seltenheiten gehört, wenn eruem Wirt die Konzession entzogen wird. Er muß es dann sicher schon sehr arg getrieben haben und man kann wetten, daß ihm nicht die Völlerei im Alkohol allein den Hals gebrochen hat, sondern daß auch Weiber und Würfe! dMei erheblich mitgeholfen haben. Also wir sind gleich» falls dafür, daß den Wirten das Verantwortlichkeits­gefühl geschärft wird, aber wir können uns nicht mit den toten Paragraphen befreunden, denen es wie den Feuer- schlunden auf manchen alten Festungswällen geht: si, drohen wohl, aber sie schießen nicht.

Die Novelle wendet sich auch gegen die Wtnkelkneipen. Die soziale Gefährlichkeit dieser Schänken bestreitet kein Etnstchtiger, aber sie sind heute gleichfalls nicht erlaubt. Wenn sie blühen iind gedeihen, so ist das doch auch nur darauf zurückzuführen, daß die Behörden diesen dunklen Sch-ünkstälten, in btwtti fo iruxncfjcx dfyttxöftex ZuAxunöL fleljt, bisher zu geringe Aufmerksamkeit widmeten. Sy kommen wir fast zu der leidigen Überzeugung, daß dis gutgemeinte Novelle vielfach offene Türen einstößt. Wir lieben nun einmal die Paragraphenschwärmerei nicht und rn diesem Falle um so weniger, da wir wohl überall hand­feste Paragraphen haben, die bei fortdauernder energi- cher Anwendung üblen Zuständen im Schankwirtschasts. betriebe sehr bald abzuhelsen vermöchten, aber der Wille rn den Verwaltungen muß da sein in Staat und Stadt — und der fehlt heute noch an sehr vielen Orten!

Ohne Rückhalt erkennen wir an, daß fakultative Vor» chrrftcn zur Förderung des Ausschankes nicht alkoholi- cher Getränke gegeben werden sollen. Aber vielleicht ist cs richtiger, bei solchen Dingen nicht den Gesetzgeber, son-

teres so viel wie Stamm. Die einzelnen Stämme hin­

wiederum bilden dann wieder eine Nahija, deren es acht cm ganzen Lande gibt. Bei einer solchen streng patri­archalischen Verfassung kann es dann auch nicht wunder­nehmen, daß der Frauenkauf ziemlich stark im Schwünge ist, wie denn überhaupt die Frau in Montenegro eine sehr wenig beneidenswerte Stellung inne hat. Sie hat fast alle Arbeiten, namentlich die schweren, ausschließlich allein zu verrichten. Sie heiratet sehr jung, gewöhnlich mit zwölf Jahren. Die Folge davon ist, daß sie mit zwanzig Jahren völlig verblüht ist und besonders gegen die kräftigen und stattlichen Männer absticht.

Der Montenegriner ist zu drei Sachen wie geboren, zum Hirten, zum Jäger und zum Soldaten. Und diese drei bevorzugten Berufe zeugen zugleich von der Kultur­stufe, auf der Montenegro steht. Namentlich ist seine Heeresverfassung äußerst interessant. Montenegro hat ecu stehendes Volksheer. Jeder Mann im Alter von 16 bis 50 Jahren ist wehrfähig. Die Wehrfähigen zerfallen dabei in zwei Klassen, deren erste die Männer von 20 bis 40 Jahren und deren zweite die anderen bilden. Der ersten Klasse gehören doppelt so viel wie der zweiten Klasse an. Das stehende Heer bilden etwa 5000 Mann, das gesamte Heer 35 000 bis 36 000 Mann. Das ganze Heer kann in etwa einer halben Woche mobi­lisiert und kriegsbereit an der Grenze stehen, zumal die meisten Waffen — bis auf die Munition — Eigentum des einberufenen Soldaten sind, das er stets und ständig bei sich zu tragen pflegt.

Montenegro bietet überhaupt eine Fülle des Inter­essanten.^ Schon die Geschichte des Landes ist interessant. Als selbständiges Fürstentum erscheint Montenegro be­reits im 14. Jahrhundert. Damals hieß es Zeta. Jahr­hundertelange Unabhängigkeitskämpfe gegen Serbien und gegen die Türken trugen viel zur eigentümlichen Bildung des montenegrinischen Volkscharakters bei. Heute noch stiert das Volkslied die Namen der Fürsten Stephan Ornogorai, Iwan Ornogorai und Danilo Pctrowitsch. Neben der Unabhängigkeit ,var es in der Hauptsache ein Kampf um die wirtschaftliche Selbständigkeit. Diese konnten die Montenegriner sich nur dadurch bewahren bah sie sich einen Zugang für Einfuhr und Ausfuhr zum Adriatischen Meere frei hielten. Auch um die Fischgerech­tigkeit auf dem Skutari-See tobten lange uns heftige Kriege. Der Berliner Vertrag vom 18. Juli 1876 sicherte ihnen denn auch fast alle Wünsche des Landes. Er gab den Montenegrinern nicht nur einen Landzuwachs von

5100 Quadratkilometer — größer war bis dahin fast das 7 . an £ nicht gewesen —, sondern sicherte ihnen auch den Besitz fast eines Drittels vom Skutari-See, sowie die Hafcnorte Antivari und Dulcigno. Seitdem hörten denn auch ^re Nerbereren zwischen Montenegro einerseits und Serbien und der Türkei andererseits auf. Die Verhäl- '''^^estaltcten sich sogar so günstig, daß Fürst Nikita an- fangs der achtziger Jahre dem Sultan in Konstanttnopel einen Besuch abstattete und mit hohen Ehren aufgenom- w n , n r!'^ < r Wie stark diese Freundschaft ist, dafür dürfte öcrbeste Beweis der sein, daß Montenegro trotz der un- ^ahe Albaniens und trotz der Gleichheit des Volkscharakters der beiden angrenzenden Länder in keiner Weise durch die Unruhen im Nachbarlande berühr" und in Unruhe gebracht wird.

r^\; m Z ntmCaX0 " n , Westen, Osten und Süden ve- »TU &£n unwirtlichen Norden des Landes bin ich — ' uurd über die außerordentlichen Ver» schiedenhetten staunen, die dieses Fleckchen Erde Hinsicht- lich seiner Temperatur, seiner Geologie und seiner Vege. tatton aufweyt. Eiche, Esche, Ahorn, Buche, Wachholder und Hollunder gedeihen in den Tälern des Westens in

r U iS 9J a - 8 Kartoffeln angebaut werden. Im Osten finden wir Apfel, Birnen, Pflaumen, Nüsse, Tabak ^ e ? n & en Wern. Der Süden hingegen, leider nur v" Ä fernes Gebiet, kennt die Feige, den Olbaum d e Rebe, die Granate, die Mandel, den Maulbeerbaum' ?} c .Quitte iind Sumach. Immergrüne Sträucher schmucken die Wälder. Oleander, Lorbeer, Myrte und Steineichen erinnern daran, daß wir uns auf einem Breitengrad mit Rom befinden. Hier sind auch die Be­wohner fleißiger und wohlhabender, nur bringt öa8 »vlebcr viele Verheerungen. Von einer nennenswerten Ausfuhr ist natürlich keine Rede. Sie besteht im wesent. ltchcn aus Hauten, Wolle, Honig, Wein, Obst und ZL machholz. selbst in günstigen Jahren übersteigt sie nie- malo zwei Millionen Gulden. Es gehört ebenso nicht viel l»azu, um in Montenegro zu den Begüterten *« öuhlcn. Wer ein Einkommen von 400 Gulden <680 M ) versteuert, gehört schon zu den „oberen Zehntausend" und wird von den Armen schon aus dem Grunde be e üet weil er gelegentlich Fleisch essen kann.

.. OTei ß en Spaß machten mir in Cettinje immei-

die Kinder. Zu putzig sehen die kleinen Kerle aus wenn ,e mit ihren langen, grauen Kaftans, ihrem beutelartiaen Hvsenboöenfortsah und ihrer schwarzen Rundmütze ein­herstolzieren. Die schwarzen Augen wissen so herzig „nd