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Morgen -Ausgabe.
Politisches aus England.
Unser Londoner u.-Korrespondent schreibt uns unterm
3. cr.:
Mr. Dalfour hatte den getreuen Waffenbrüdern von dm Netto mtt Umon of Conservative and Constttuttonal Assvcratwns m Sheffield gestern die enttäuschende Mt- tethmg zu machen, daß Lord Milner es ablehnte, dem . Ättmsterium als Koloinalminister beizutreten, über die Grund« dafür verlautete nichts, doch Lord Milner ist kein vermögender Mann, und die 5000 Pfund Sterling, dw er im Kolonialamt erhalten haben würde, hätten es chm kaum gestattet, all den Anforderungen zu genügen, dre rn pekuniärer Hinsicht an einen lettenden Minister gestellt werden. Dian nimmt freilich vielfach an, er wäre nur von dem Wunsche geleitet worden, das begonnene Werk in Südafrika nicht. unvollendet zu lassen, doch erscheint das völlig ausgeschlossen, da er es durch seinen Ikachfolger in Pretoria vom Kolomalamte aus hatte letten können. Tie Frage ist nun die, wo Mr. Balsour erneu neuen Mann hernehmen soll. Die Transferierung irgend eines der vorhandenen Kabinettmimster «u lenen Posten würde einzig und allein für den vorteilhaft fern, den er darum aufzugeben hätte,' aber einen Ausweg gibt es kaum. Selbst ein Bvlfour könnte es unmöglich wagen, den Kolonien etwa den Mr Brodrick aufzuhalsen, den man vom Kriege her in Montreal und Melbourne noch in gar zu unangenehmer Erinnerung hm. Dre Vakanzen sind zu wichltiga, als daß sie mit .fremden _ gefüllt werden könnten, und so blecht also nrchts^ übrig, als die Inhaber untergeordneter Posten avancieren zu lassen und neues Blut für die letzteren hwianzuziehen. Da wäre übrigens Lord Selborne der erste Lord der Admiralität, eine harntt.ne Null, die'man allenfalls in baS Kolonralamt zu setzen vermöchte, aber daß das geschieht, ist freilich nicht wahrscheinlich, denn Mr. Balsour hat m nicht dm geringsten Sinn für Humor.
heißt, wird der König unmittelbar nach London zuruckkehren. um die Verteilung der Siegel zu erleichtern die in England bekannüich die Rolle der kontinentalen Pottefeuilles übernehmen. Die unionistische Presse ließ es sich hier neuerdings ganz besonders angelegen sein, zu behaupten, Edward VII. nähme einen direkten Anteil an der Rekonstruktion des Schutzzöllner-Kaüinetts, wo- durch wahrichernlich aus die leHalen unter den händlerisch Gesinnten ein Druck ausgeubt werden solle.
Daraus scheint nian un Ausland geschlossen zu haben, der König spiele rn England doch mehr als eine Statisten- rolle, was rn hausbackenen Arttkeln deutscher Zeitungen so unsinnige Auslassungen, wie die folgende zur Folge hatte, dre hiesige liberale Blätter als etwas besonders ttrkomischev zitierten: „Die Zeiten sind vorüber, in denen auswärtige Kabinette jedem neuen Ministerium Englands gegenüber naht ohne Grund abwarteten, ob es nicht etwa m ferner Haltung von seinem Vorgänger gänzlich oder tettwerfe abwerchen möchte. Darin war ein Hauptgrund zu suchen, warum die Regierungen Europas nie so rechtes Vertrauen zu dem Fortbestände der Anschauungen jenseits des Kanals zu fassen vermochten. Diese Zeiten sind, ww gesagt, für die nahe Zukunft zweifellos vorüber, denn rm Könige ist der Fortbestand der von ihm als richtig erkannten polttischen Grundsätze verbürgt. So bedauerlich daher unter gewissen Umständen eilt Wechsel des Ministeriums oder eine Rekonstruktion eines Kabinettes erscheint, für die internattonalen Beziehungen find solche Krisen gänzlich ohne Belang. Der Monarch ist Europa gegenüber der Garant der Polittk Englands niemand anderes. Englische Konstitutionsformalitäten haben für den Praktischen internattonalen Polittker keinen Wert. — Die politischen Grundsätze des Königs von England kennt sozusagen kein Mensch, und er verbürgt auf dem Gebiete der Polittk nicht das geringste. Wenn die Konservativen am Ruder sind, hat Edward VII. pro- lormJ. „xza und Amen" zu all ihren Maßregeln zu facreit un& iratfe das gleiche in dem Augenblick tim. wo bei dem forttvahrenden Wechsel die Radikalen oder Liberalen ans Ruder kommen. ^ Für die internationalen Beziehungen smd Krisen, wie die augenblickliche, daher von ungeheuerm Belang. Brache z. B. die Regierung heute zusammen und fiegten die Liberalen bei der dann kommenden Keneralwahl, so würde Mr. Chamberlain mindestens echs ^ahre warten niüssen, ehe er als Mttglied eines Kabinettes Gelegenheit fände, seine Schutzzollpläne zu 'ordern. Wenn man aber, wie er, 67 Jahre alt ist, wird langes Warten oft selbst den stolzesten Plänen gefährlich. Gelange es dagegen, ein populäres Ministerium zusammenzittromnieln, das zunächst das Volk mit dem Gedanken an Retalmttonszölle vertraut machte, so würde es, wenn dieses erst einmal Blut geleckt und ein Zoll- treit mtt Deutschland heraufbeschworen wurde, bis zur nächsten, unter normalen Verhältnissen erst Ende 1904 oder Anfang 190o stattfindenden Generalwahl eine hin- längliche wirtschaftliche Schulung erlangt haben, um Mr Chamberlain, dem Märtyrer, die triumphierende Rück, kehr und die Ausführung seines großen Streiches zu er möglichen.
Deutsches Deich.
Schulgesuiidhcitspflcgc.
Internationale Kongresse für Schulgesundheitspflege werden vom , nächsten Jahr an die schon so große Zahl der internationalen Kongresse vermehren. Man mag über das Kongreßwesen sonst denken, wie man will, so wird man derartige Versammlungen zur Förderünq gerade dieses .Zwecks jedenfalls mtt Genugtuung bö« grüßen, wie schulgesundheitspflege ist einer der wichtigsten Zweige der Hygiene, denn nichts kann an Bv aeutung den Forderungen gleichkommen, die für eine de- fundheitgemaße Erziehung unserer Jugend geltend atz. macht werden müssen. In der Volksgesundhettspfleg« un allgemeinen find während der letzten Jahrzehnte un- bestrettbare Fortschritte gemacht worden, und das Ver- diensfi das die Internationalen Kongresse für Hygiene und wemographw daran in Anspruch nehmen können, ist nicht gering Man darf daher erwarten, daß auf dem Gebiet der Schiilgesundheitspflege durch solche Versamm- luMen ähnliche Fortschritte zu vermitteln sein werden. Dw Zeit dafür scheint gekommen, da in allen bedeutenden für diese Bestrebungm eine Grundlage bereits sÄ?” m Deutschland durch den Allgemeinen weutscheri Verein für Schulgesundheitspflege, in Frankreich durch die Liga der Arzte und Familien zur Ver- besserung der, physischen und intellekttrellen Hy§ne fir der Schweiz durch die Schweizerische Ge- Msthast für Schulgesundheitspflege in Belgien durch die r^ZEeine Padologische Gesellschaft in Antwerpen, in Holland durch die Vereinigung zur Vereinfachung von P^Wngen und Unterricht in Arnhem, in England durch nie Gesellschaft der arzttichm Beamten für Schulen, irt Ungarn durch das Fachkomitee der Schulärzte und Vro- fessoren der Hygiene. ilLach den bisher gemachten Vor- schlagen sollen die internationalen Kongresse für Schul- gesundheitspflege alle drei Jahre stattfindm, der «ZKr der Woche nach Ostern des kommenden Jahres ^ Zur Leitung der Versammlung ist der Allgemeine Deufich« für Schulgesundheitspflege, als VersammlMgsoZ Nürnberg ausersehen worden. Die Hauptsprach«? ^ Kongresses werdm Deutsch, Französffch SX[2 schu- Nach dem bisher vereinbarten Programm wurdm die Arbeiten des Kongresses in 10 Abteilung^ £ S
und zwar nach folgender Vertellung: Hygiene ftec Schulaebaude und bps, •
Feuilleton.
Darmstädler AugenblicksbUüer.
Eine Skizze zur Fürstenzusammenkunft am 6. Okt. 1903. Bon vr. Rudolf Figulus.
Wenn in den alten Tagen des unselig und unrühmlich entschlafenen Deutschen Bundes der undeutscheste Mann ans germanischem Blute, Fürst Metternich trauri- Angedenkens, die hohen Mitglieder der „Heiligen Allianz" in Aachen oder in irgend einer anderen Stadt des Gesamtvaterlandes zu einem Fürstenkongreß zusammentrommelte, so galt es sicherlich der Inszenierung neuer Maßregeln zur Unterdrückung jener freiheitlichen Bestrebungen, von denen selbst ein so maßvoller Geschichtschreiber wie Oskar Jäger sagt, daß man sie „ohne Schaden in ihrer Weise für des Volks urheilrge Rechte auf der Freiheit Rennlaufsbahn" sich hätte tummeln lassen können.
Heutzutage, tm Zeitalter der Eisenbahnen, durch die Ke Entfernungen innerhalb Europas zeitlich so sehr zu- filmmengeschrumpft sind, finden Zusammenkünfte hoher Fürstlichkeiten noch viel häufiger statt als vor zwei bis drei Menschenaltern. Ihr Charakter hat sich aber gegen früher außerordentlich verändert. Große internationale Fragen werden, was für die Sache jedenfalls viel zweckdienlicher ist, in Besprechungen der leitenden Minister oder der Botschafter vorbereitet und der Lösung zugeführt, und eff gehört immerhin zu den Ausnahmen, wenn bei de« Zusammenkünften fürstlicher Familien so hochpolitische und gefährliche Jntriguen angesponnen werden wie damals, als in Freüensborg, dem Schlosse der „Schwiegermutter Europas", eine Prinzessin aus orleanistischem Blute dem Zaren Alexander III. jenes Bündel gefälschter Dokumente unterzuschieben wußte, durch das die deutsche Politik der perfidesten Hinterhältigkeit und Doppelzüngigkeit überführt werden sollte.
Mit Ausnahme einiger wenigen, die seitdem aus dem Lyven geschieden sind, treffen die meisten Mitglieder dieses Fämilienkrcfics, in dessen Schoße damals das gefährliche, durch MsmnrM Energie und Offenheit aber jäh beendete Mnkefl'icl begonnen wurde, in der ersten Oktober« Woche in der stillen und vornehmen Residenz des Hessen-
t,m öort der Vermählung der Prin- sessm Alice von Battenberg mit dem Prinzen Andreas Ln F?.echenland beiznwohncn. Zu dem Zarenpaar, den Komgen^von Griechenland und Dänemark, dem ® ro tü tr / ten ^^gius von Rußland, gesellt sich der Prinz von Wales, und Kaiser Wilhelm, der wenige Tage später Darmstadt mne Zusammenkunft mit dem Zaren haben wird, lapt sich durch seinen Bruder, den dem Großherzog von Hessen nahe verschwägerten Prinzen Heinrich, vertreten. In der Rheinstraße, von der ein heute übrigens ganz unzutreffendes Spottvcrslein zu melden weiß'
Sv lang und breit die Rheinstrab' ist,
, . ES wimmelt dort ein Slkzefsist auf der Wilhelminenstraße, am Louisenplatz, von dessen hoher, roter Sandsteinsäule Ludwigs I. eherne Kolossal- daß in der Grafschaft Katzenelnbogen alles schön ,m rechten Gleise bleibt, und auf den Straßen, die zu der auf der Mathildenhöhe gelegenen, funkelnagel- neuen, mit goldenen Kuppeln geschmückten russischen fuhren, wird daher auf die Dauer einiger Tage höfischer Prunk und buntes Leben und Treiben herrschen, deren man hier gänzlich entwöhnt ist seit den Tagen nach denen die Ehe des mit Fug und Recht beliebten Landesfursten und seiner englischen Geumhlin, die sich in deutsche Art wohl nie zu finden bemüht hat, durch den Rlchterspruch- des dortigen Oberlandesgerichts geschieden wurde.
Wenn man von den Meinungen der Eingeborenen absieht, die ja schließlich doch Partei sind, und, durch eine rosa gefärbte Brille schauend, nur das Gute und Angenehme gelten lassen wollen, gibt es in Deutschland kaum eine größere Stadt, über die so verschiedenartige Urteile laut werden, wie gerade über Darmstadt. Der Berfaffcr dieser Zeilen, der der Entwickelung der Stadt durch eine lange Reihe von Jahren zu folgen in der Lage war, will, einer bewährten Gepflogenheit folgend, versuchen, Licht und Schatten gerecht gegeneinander abzuwügen, um so mehr, als er sich von einer Voreingenommenheit in diesem oder jenem Sinne vollkommen frei weiß.
Darmsiadt steht, um es frei herauSzilsagen, weit und breit in dem Rufe kleinstädtischer Langweiligkeit. Dieses Urteil ist übertrieben hart und ungerecht, birgt aber immerhin ein Körnchen Wahrheit. Wer auS dem lebhaften Stratzenleven des fast weltstädtisch zu nennenden Franlttirt herüberkommt oder unter den frischen Ein-
£r r Urttersuchungsmethoüen m W
schulgesundliettspslogL; Schulprogramme' llntM'ricbi- in der Gesundheitspflege für Lch wr und Schüler; MfiZ
rucken dcsregen Hafen- und Handelsverkehrs in Mann- ^Nainz steht, ist überrascht, daß sich das Leben Bewohner Darmstaöts, dessen Einwohnerzahl das
[iden St L> a r U - enb - 6cinarje "reicht hat, mtt einer erstaun- lrchen, fast beängstigenden Ruhe abspielt. Es mutet ihn
fafl L eIe ^aßen durchwandern kann, wo
für Haus in jedem Stockwerk die bekannten ti Äff au i Urgroßvaters Zeiten zu finden sind" ^ es den Bewohnern ermöglichen, Hund und Katz, und "^ "rlich erst recht die Menschen auf der Straße zu beobachten, ohne selbst dabei gesehen zu werden. Hai er rmige Erfahrungen darüber gemacht, L’L eS s"cht ganz leicht ist, in den verschiedenen, fast kreisen ^rttg gegeneinander abgegrenzten Gesellschafts-
Lk J U E^n, so ist ein abfälliges Ur
teil schnell fertig, das vielleicht noch eine ironische Nuance erhalt, sobald er bemerkt, daß die Autochthvnen lil merkwürdiger Prüderie an der ersten Silbe des Namens ihrer Stadt argen Anstoß nehmen und geflissent- <^ "Dan»n,tadt" mit zwei vollklingenden „m", aber °?,mL^^ussPrechen, obwohl das von Südosten der Stadt AaS ^Täat * flflr ltn& deutlich den Namen
Die meisten dieser und anderer Eigentümlichkeiten an denen sich tivrigens nur ein mimosenhaft angelegtes emnt verwunden kann, erklären sich ungezwungen aus der Entstehungsgeschichte der Stabt. Im Mittelalter ein unbedeutendes Dorf, das zum Lehensbesitz der Grafen von Katzenelnbogen gehörte, ward es durch eine Urkunde des Kaisers Ludwig des Bayern vom Jahre 1839 rur
Tehn v JD f ßCn ' i Me öe s r mit Mauern und Wällen um. geben dürfe uno in der er einen Wochenmarkt und einen Aoßvm'irkt haben solle. Gegen Ende des 15. Jahrhun- derts in den Besitz der Landgrafen von Hessen gelanat war Darmstadt, obwohl cs zu den Zeiten der aÄ Landgräfin" Karoline, also in der Sturm- und Drang" Periode der deutschen Literatur, ein bemerkenswerten Mittelpunkt des geistigen Lebens war, doch immc7 nur ein bescheidenes Städtchen geblieben, das iin Jabre mi nur 6700 Einwohner zählte, in dem es sich aber Lt und behaglich lebte. Noch um die Mitte des vorigen Ja^r. Hunderts konnte man die friedliche süddeutsche Residenz nicht besser charakterisieren, als mit den Versen in L„ P n Silvio Pellico, der unglückliche Gefangene an" dem
