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466 . Berlags.Fernsprecher No. 295 ».
Dienstag, den 6. Gütoder.
Redaktions-Fernsprecher No. 52 .
1903 .
Abend-Ausgabe.
Das Arbeiter-Paradies.
Ob der Streik ein gutes Kampfmittel sei, darüber sind die Meinungen selbst in den sozialistischen Lagern sehr geteilt, da auch, wenn der Sieg den Arbeitern verbleibt, oft soviel Not und Entbehrungen vorangegangen, so große Verluste entstanden sind, daß er doch einer halben Niederlage gleicht. Ein Land also, tn welchem es keine Ausstände gibt, könnte für beide Teile, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, als ein Paradies bezeichnet werden, würde dieser anscheinend beneidenswerte Zustand nicht um einen Preis erkauft, der auch, für die Arbeiter ein zu hoher erscheint, da dieselben aus dem Wege sind, die Henne zu töten, die die goldenen Eier legt. Natürlich ist es die neue, ja sogar die neueste Welt, wo wir dieses Land zu suchen haben; es handelt sich um Neu-Seeland.
Tiefe Kolonie hat sich der australischen Föderation noch nicht angeschlossen und verhält sich gegen wirtschaftliche Methoden im englischen Geiste durchaus ablehnend. Sie hat in dieser Hinsicht ihre Einrichtungen vollständig für sich, und zwar die radikalsten und sozialistischsten, die man sich nur denken kann. Doch sind Ausstände und Aussperrungen verboten, und zwar durch ein Gesetz von 1894, welches ausdrücklich erlassen wurde, um „dieBildung von industriellen Bereinigungen zu befördern und die Lösung von Konflikten zwischen Arbeitgebern und Arbeitern durch Versöhnungsversuche undSchiedsgerichte her- beizusührm." Unternehmer und Arbeiter sind verpflichtet, sich bei Streitigkeiten an ein Sühnegericht zu wenden, das an dem betreffenden Orte durch einen Richter, sinen Abgeordneten der Arbeiter und einen Abgeordneten der Arbeitgeber gebildet wird. Richtet dieses nichts aus, dann gehen die Partien an das Schiedsgericht der Kolonie, das aus einem Präsidenten besteht, den die Regierung ernennt, und aus zwei Delegierten, die wie oben erwählt werden.
Die Entscheidungen dieses Gerichtshofes sind für eine bessimmte Zeit bindend, und die, welche sich ihnen nicht fügen, unterliegen schweren Strafen. Um aber das Schiedsgericht anrufen zu können, ist es nötig, daß mindestens eine der beiden Parteien einer Vereinigung angehöre, da von dieser das Erkenntnis verlangt werden muß und eine Garantie vorhanden ist, daß es zur Ausführung gelangt. Der Zweck des Gesetzes ist also zum großen Teil die Syndizierung der Arbeiter zu fördern Letztere haben übrigens das Recht, zu verlangen, daß die
getroffene Entscheidung aus alle Unternehmer derselben Branche im Distrikt Anwendung finde, sie können die keiner Vereinigung Angehörenden, welche längere Zeit oder zu niedrigerem Preise arbeiten, vor den Richter bringen, kurz sie sind die Herren.
Die Richter erkennen diese Herrschaft nicht nur an, sie suchen sie noch nach Möglichkeit auszudvhnen. Viele Urteilssprüche sind also derart, daß sie die Arbeitgeber direkt zwingen, Arbeiter, die Verbänden angehören, den anderen vorzuzichen; es wird dies auch häufig klipp und klar ausgesprochen. Und wenn Arbeiter, die nicht Mitglieder einer Vereinigung sind, die gleichen Rechte verlangen wie jene, dann erhalten sie vom Richter meist die Antwort: Bildet eine Trade Union, dann wird mein Spruch auch aus euch Anwendung finden!
So sind denn diese Verbände gewissermaßen obligatorisch und die Lohnherren haben sich dadurch gezwungen gesehen, sich ebenfalls zu solchen zusammen zu tun. Der Achtstundentag ist, nachdem er schon längere Zeit fast durchweg die Regel war, nun durch Gesetz festgesetzt, eben- so wie, daß am Samstagnachmittag und selbstverständlich am Sonntag nicht gearbeitet werden darf. Ebenso ist ein Minimallohn bestimmt und derselbe beträgt durchschnittlich 10 M„ während in Melbourne und Sydney die Arbeiter kaum 8 erhalten und in Süd-Australien und Queensland kaum 6 M. 50 Ps.
Wie man sicht, haben die Arbeiter von Neriseeland kernen Grund, mit ihrem Geschick zu hadern, und müßten :mt den Gesetzen der Kolonie vollauf zufrieden sein Doch setzen sie noch aus, daß die Urteilssyrüche des Schiedsgerichts nrcht schnell genug erfolgen. Dasselbe hat namlrch so viel zu tun, daß seine Entscheidungeir manchmal ein Jahr auf sich warten lassen, ein Beweis wie zahlreich die Streitigkeiten zwischen Arbeitgebern und -Nehmern sind.
.. Denn es erscheint nur naturgemäß, daß, wenn letzteren dre Zustande sehr behagen, erstere nichts weniger als m- frteöcn damit sind. Den Achtstundentag lassen die Meister schon gelten, aber sie erklären, daß das Gesetz die Löhne zu sehr erhöht habe und ihren Verdienst dadurch auf ein Minimum bringe. Einzelne Mgschinenfabriknnten be- haupten sogar, bei demselben nicht bestehen zu können und wollen daher eine Eingabe beim Sühnegericht machen damit eine Verminderung der Löhne eintrete Falls ihrem Verlangen nicht entsprochen wird, dann wollten sie dre Fabrikation einstellen und die Maschinen aus Amerika kommen lassen.
, Diese Drohung dürste aber wenig Eindruck ferbor= rufen, da Neuseeland derartig hohe Zölle dekresiert Hai
daß eine Einfuhr fast unmöglich ist. Infolge derselben hat auch die Industrie eine ziemliche Entwickelung ge- iiominen, immerhin ist es aber keine Frage, daß sie nur langsam vorwärts geht. Die anderen Länder schützen sich eben gegen die Kolonie ebenfalls durch Zölle. Früher hat letztere die Einwanderung begünstigt, jetzt haben die Arbeiter aber durchgesetzt, daß dies nicht mchr geschicht, da sie keinen Wettbewerb wünschen. So kommt denn Neuseeland nach und nach dazu, zwar seinen Markt selbst Zu. versorgen, aber ausschließlich für diesen arbeiten zu müssen und dies dürfte mit der Zeit seine Prosperität unterbinden. Dahin führt der Staatssozialismus,
Deutsches Deich.
Staatspapicre und Sparkassen.
Es ist in den letzten Tagen die Nachricht verbreitet worden, setteiis der maßgebenden Faktoren werde geplant, demnächst gesetzgeberische Vorschläge einzubringen, wo- nach dre deutschen Sparkassen gezwungen werden sollen, einen größeren Teil ihrer Einlagm wie bisher in Staats- Paprerm anzulegen und ebenso sollen die Aktiengesellschaften gezwungen werden, die Kapitalien ihrer Reservefonds ausschließlich aus-diese Weise zu verwenden. Diese geplante Maßnahme wird damit begründet, daß in den letzten Jahren der Kurs unserer Reichs- und Staats- anleihen stets in unsicheren Verhältnissen schwankte, welche mcksi geeignet waren, den Kredit des Reiches und der Einzelstaaten als besonders gut erscheinen zu lassen Viele kleinere Kapitalisten hatten als Besitzer von Staats- papieren unter diesen wenig stabilen Verhältnissen Kurs- embußen zu erleiden, trennten sich von ihren Papieren und verstärkten das Angebot, was von neuem Kurs- Herabsetzungen zur Folge hatte. Zwar macht sich die un- günstigere Bewertung der staatlichen Anleihepapiere auch m anderen Ländern, in England und Frankreich bemerk- bar, aber lange nicht in demselben Maße wie in Deutsch- land. Dies zeigte sich besonders nach der letzten Reichsanleihe rat Mai. Kaum daß der Jubel über die 47sach« Uberzeichnung der Anleihe verklungen war, sank auch bereits der Kurs der Anleihe, und der Ruf cm die Regierung, Maßnahmen zu ergreifen, welche eine Befestigung und Sicherung des Börsenkurses herbeisühren sollen wurde von neuem erhoben. Man kann dadurch zu der. Ansicht kommen, daß die durchgängige Herabsetzung des Zinsfußes unserer staatlichen Anleihen vor einem Jahrzehnt vielleicht bod) etwas verfrüht war. Besonders kleinere Rentiers, Witwen, welche aus ihren Kapitalien:
5luf der Studienreise.
Original-Novelle von Berthold Paul Förster.
(3. Fortsetzung.)
Am Nachmittage ging ich noch einmal zu Karnilias Wohnung, um dem Mädchen Lebewohl zu sagen. Ich hatte sie in den letzten Tage nur ganz flüchtig gesehen. Einmal glaubte ich, sie gegen Abend ans der Höhe zu be- leuchtenden Himmel ab. Doch ich mußte mich wohl geirrt haben, denn als ich hinauf ging, war sie nirgends mehr merken; ihre schlanke Figur hob sich scharf gegen den zu entdecken; was konnte sie dort oben auch noch wollm, da ihre Mutter im Sarge lag.
. Als ich an jene Stelle kam, wo ich gemalt hatte, und wieder über die Holzscheite hinweg auf dm Hof sehen konnte, standm dort mehrere Personen in lebhaftem Gespräch. Ich sah bald, daß es die Ölmüllerin sei mit dem prngen Manne, den ich für ihren Sohn hielt; auch ein Gerichtsbeamter war dabei, der ohne Zweifel ein Ver- Keichnis gemacht hatte von dem Inventar der Verstorbenen. Die wenigen Habseligkeiten lagen teilweise noch aus dem Hofe umher, andere waren bereits auf eine Karre geladen.
Eine alte Frau im Nachbargarteu stand am Zaun and blickte ebenfalls nach dem Hofe hinüber. Ich trat an sie heran und fragte, in dem ich mit dem Kopse nach dem Hofe deutete:
„Das ist wohl die Ölmüllerin ans Wiesenthal?"
Die Alte winkte mir heimlich mit dm Augen und sagte halblaut:
„Ja, die Alte dal"
„Wohl die Mutter von dem jungm Menschm?" forschte ich weiter.
„Das glaubt ein jeder", entgegnete sie niit spöttischer Miene; „ist aber sein Weibsen."
„Was? Das alte Frauenzimmer?"
„Na, ja —" fuhr sie fort und legte die Hand an den Mund, „'s ist auch solche Geschicht'. Natürlich ihr zweiter; er war schon dort, als der erst/ noch lebte — der pfiff schon lange auf 'm letzten Loch und tonnt' die Wirtschaft allein nicht mehr versorgen."
„lind zu einer solchen Person kommt das arme Kind?" seufzte ich sies auf.
Dis Alte zuckte die Achsel. '
„Lassen Sies gut fern, Herr; die schlimmste ist die Olmullerin noch lange nicht, und das Mädchen wtrd's nicht schlecht bei ihr haben."
Inzwischen war aus dem Hofe alles geordnet; auch Kamilla trat aus dem Hause. Noch einmal blickte sie zu den jetzt öden Fenstern hinauf, hinter denen manch' liebes Mal ein stilles freundliches Gesicht zu ihr hinab gesehen % at j e ~ dann folgte sie dm Müllersleuten, welche dm Hof verließen.
- Kamilla hatte mich gesehen und kam, um mir Adim zu sagen; wir standen wieder an derselben Stelle wo ihr vor einigen Tagen die harte Botschaft zugerufen wurde Schon war sie gegangen, als sie nach einigen Schritten stchen^blieb und noch einmal zu mir zurückkam,
. dank auch noch vielmals", sagte sie und reichte rmr me Hand.
^Wosür denn, mein gutes Kind?" fragte ich bewegt.
- ^>a lahm mich die braunen .Kinderaugen, wie an lauern Morgen, mit unsäglicher Traurigkeit an, und leise antwortete sie:
„Weil S' so gut zu mir gewesen sind."
Und ehe ich noch ein Wort sagen konnte, hatte sie mir ihre Hand entzogen und schritt gesenkten Hauptes, still weinend den Pfad hinab.
Unten warteten' die Müllersleute auf Kamilla Die Frau stand mit ihrem sauer-süßm Lächeln unbehilslich da; aber der Dcann nahm den Hut von seinen rabenschwarzen Haaren rrad grüßte mit gewandter Höflichkeit zu mir herauf. Dann sprach er mit Kamilla; doch ich verstand l ei » C ff\v® or * e , Zärtlich faßte er das Mädchen unter das Kinn und streichelte ihre Wange — mich erfaßte plötz- tlch ein unwiderstehlicher Ekel vor dem glattm Menschen.
.. A4 veiß nicht, wie lange ich dort gestanden und aus die stelle geschaut habe, wo das Mädchm meinen Blicken entschwunden war. Endlich sah id) Walther den Berg heraufkommen; er sah blaß und abgespannt au§. Ich ging chm entgegen und wir reichten uns stumm die Hände.
. „Sie sind ihr noch begegnet?" fragte ich. nnchdein wir eine Strecke schweigend nebeneinander hergegangM waren.
„Ja —" antwortete er und sah mich an, als wollte er noch etwas hinzufügen.
„Sie habeil Kamilla noch einmal gesprochen, Walther.
.Er blieb stehen und blickte nnch ruhig an:
„Ich habe ihr gesagt, Berger, ich käme im nächsten Sommer nach Wiesenthal."
„Das wollen wir auch, lieber Freund", entgegnete ich und klopfte ihm auf die Schulter.
*
Es sollte jedoch anders kommen.
Im nächsten Sommer mußte Walther die Schwester seiner Mutter nach der Riviera begleiten und wurde dort unerwartet monatelang an ihrem Krankenbette fest- gehalten: iin darauffolgenden Jahre starb die glte Dame. Da sie Walther zum Universalerben ihres nicht unbeträchtlichen Vermögens eingesetzt hatte, warteten seiner mancherlei Geschäfte, und auch der zweite Sommer ver- gmg, ohne daß er sein, Kamilla gegebenes Versprechen hatte eralosen können.
_ Ich war noch einmal wieder in Steinbach gewesen, im sommer nach unserem ersten Aufenthalt; aber nach Wiesmthal kam i* nicht. Ich wollte nicht dorthin, so gerne ich mich persönlich nach Kamilla umgesehen hätte. Walther hatte es, wie mir schien, absichtlich vermieden, von dem Mädchen zu sprechen, und ich war ganz im Un- klarm, wie es mit ihm stand. Andererseits hütete ich imch wohl, ihn an Kamilla zu erinnern, denn was hätte ich ihm und Kamilla damit nützen können.
Endlich aber, im dritten Sommer, kam er eines Tages zu mir iirs Atelier und sagte nur-
„Berger, ich habe jetzt gepackt!"
Ich reichte ibm die Hand, denn seine glücklichen Augen verrieten mtr, wohin er nun wollte.
„Kommen Sie glücklich wieder heim, Walther!"
. , "Das klingt ja faft,_ als ob Sie nicht mit wollten" rief er und sah mich zweifelnd an.
„Nun, wenn Sie mich mitnehmen wollen —" lachte ich; aber das kleine Mädchen und der wilde Junge sind jetzt doch verständig genilg, dächte ich?!"
Er tvurde ganz ernst.
da: um. Vielleicht ist das kleine Mädchen so
3ft«P 01 6 - — »mg«,
Ich wußte darauf nichts zu antworten und sagte-
»Sie haben getan, was Ihre Pflicht war ^'das weitere müssen Sie rn ©ebulb erwarten."
"Oder auch ertragen", entgegnete er düster
Drei Tage später waren wir in Wiesenthal/
