Wiksbaöklier Tsgblstt.
51. Jahrgang.
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Verlag: Langgaffe 27.
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Horflen-flKsgabe.
Soüalpolitische Umschau.
— Anfaug Oktober. —
©atfer Wilhelm hat bei der Enthüllung eines Denkmals seines Großvaters in Danzig den deutschen Arbeitern em Vertrauensvotum erteilt. Wenn man sich der scharfen Worte erinnert, die der Monarch wiederholt gegen die politisch radikalen Arbeiter richtete, so verdienen die Danziger Auslassungen, um so mehr Beachtung, namentlich wenn man berücksichtigt, daß sie in die Zeit nach einem beispiellosen Wahlsiege des politischen Radikalismus in Deutschland fallen. Der Kaiser wies mit Recht daraus hin, daß mit der Einigung des Reiches auch die Steigerung bsx Lebenshaltung breiter Arbeiterschichten zusammenfalle. Er führte aus, nur in einem feftgefügten starken Staatswesen werde die deutsche Arbeiterschaft einen geregelten Lebensunterhalt und Vertrauen für die Zukunft finden können. Daher habe auch der Arbeiter ein Interesse an der unverminderten Stärke deA Reiches Ter Kaiser wies aus die Siege hin, die der Deutsche auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens errungen habe und betonte, das sei nur möglich gewesen durch die große Erfahrung und den hohen Stand der Bildung der deutschen Arbeiterschaft. Er knüpfte daran die Hoffnung, daß in allen Arbeitern das Bewußtsein lebendig geblieben, daß sie zuerst Deutsche seien. Solange man diese Empfindung hege, werde das Vaterland sich weiter entwickeln zum Segen und zur Freude auch der Arbeiter. Wir müssen gestehen, daß uns diese kaiserlichen Worte besser gefallen haben als jene von der „vaterlandslosen Rotte"' Wer den deutschen Arbeiter kennt, der weiß, daß er trotz seines Radikalismus, der ihm vielfach aufgepfropft ist durch die vehler der besitzenden Klassen, nicht anfinational ist. Die Worte des Kaisers werden auch in Arbeiterkreisen wohl- toenö berührt haben. Sie waren keine Kpiegserklärung, wie so manche frühere Rede, sondern ein Beitrag zur Ver- ständigung. Wir sind uns der breitm Kluft, die sich zwischen einem Hohenzollern und radikalen Arbeitern auftut, durchaus bewußt, aber wir glauben, daß die politische Verbitterung der breiten Masse nicht günstiger beeinflußt werden kann, als wenn man die unleugbaren Verdienste der Arbeiter um die wirtschaftliche Entwickelung Deutschlands ehrlich anerkennt, wenn man ihnen dre doch auch Gut und Blut geben müssen, die Vaterlands
liebe nicht abspricht, sondern das Vertrauen zu ihnen hat, daß sie gute Deutsche sein werden.
Man vergesse doch nicht, daß es sich nicht darum handelt, gegen die Arbeiter, unsere Volksgenossen, auf deren Tüchtigkeit und Kernhafttgkeit zum güten Teil die deutsche Zukunft beruht, zu kämpfen, sondern uns mit ihnen zu verständigen. Es muß ein Boden gefunden werden, auf dem dieses geschehen kann. Das ist aber ganz unmöglich, wenn von beiden Sefien nur das Trennende, Nicht aber das Gemeinsame betont wird. Es ist vor allem notwendig, daß man ehrlich das Vorhandensein gemeinsamer Interessen anerkennt und daß man auch im Gegner die guten Sefien sieht. Wir wissen genau, wie schroff grade nach dieser Richtung die politisch radikalen Arbeiter gegen die bürgerlichen Klassen verfahren Das fit sicher zu bedauern; aber ist es denn so unverständlich? Selbst unsere gebildete Gesellschaft hat heute noch für die Arbeiterfrage ein ungemein geringes Verständnis; der bürgerliche Mittelstand steckt voll von Vorurteilen und schiefen Meinungen. Ist die Stellung der meisten bürgerlichen Kreise zu den Lohnbewegungen der Arbeiter nicht ungemein kennzeichnend für das soziale Gerechtigkeitsgefühl dieser Kreise? Die Lebenshaltung ist fast mit jedem Jahre teurer geworden. Wenn Beamte, auch Lehrer, Pfarrer um die Erhöhung ihrer Bezüge ein- löinmen, findet man das ganz billig, weiin die Fabrikanten die Preise ihrer Waren steigern, so ist das gerecht- fertigt selbst gegen die Erhöhung der Zivillisten hat man m Anbetracht der veränderten Verhältnisse in den bürgerlichen Klassen wenig einzuwenden. Nun beachte man aber die mißliebigen Äußerungen, die sofort und vielfach laut werden, sobald auch die Arbeiter mehr Lohn verlangen und vielleicht zu der einzigen gesetzmäßigen Waffe, die sie besitzen, greifen und in den Streik eintreten. Mit gewissen Beschämung kann man da immer wieder die Erfahrung machen, daß bei derartigen Gelegenheiten gerade in der guten Gesellschaft für den'Arbeiter nicht mit dem gleichen sozialen Mäße gemessen wird-, wie für den Beamten, den Lehrer, den Pfarrer. Ein Arbeiter braucht nichi „begehrlich", sondern nrlr ein guber Fcmvilienünler zri fein, um seine Arbeitskraft so teuer als möglich zu verkaufen. Tuen wir denn das nicht alle, die wir arbeiten müssen; sei es als Künsller, als Schriftsteller oder als Beamte? Ein Arbeiter, der nicht auf dem tiefsten Grunde der Proletarierexistenz haften will, der seine Kinder zu nützlichen und kräftigen Gliedern des Staates erziehen will, der hat selbst die Pflicht aus seiner Arbeitskraft soviel als möglich herauszuschlagen, er hat auch die Pflicht, sich gegen
Arbeitszefien und Arbeitserschwerungen zu wehren, die seinen Körper zugrunde richten. Der Staat selbst besitzt ern großes Interesse daran, daß der Arbeiter nicht zum willenlosen Werkzeug anderer Klassen wird, denn nicht mit degenerierten, sondern nur mit kräftigen, intelligenten und wehrhaftenArbeitern läßt sich das deutscheStaatstdecch erfüllen, ist die gesunde Entwickelung Deutschlands^ die nationale Zukunft des Reiches verbürgt.
Unter diesen Gesichtspunkten soll man vor allem auch me Lohnbewegungen der Arbeiter, ihre Kämpfe geam übermäßig lange Arbeitszeiten und ungesunde ArbefiS- bedingungen betrachten. Wollen wir unsere hohe Stellung, unter den Völkern in aller Zukunft behaupten, so müssep auch die deutschen Arbeiter kein sieches, sondern ein kräftiges Geschlecht sein. Diesen Erwägungen begegnet man leider in den Lohnkämpfen der Gegenwart nur ausnahmsweise. Es würde sonst vielleicht nicht zu so heftigen Zusammenstößen zwischen Unternehmern und Arbeitern kommen, wie in Crimmitschau, wo noch immeu etwa 7000 Arbeiter und Arbeiterinnen durch die Fabrikan- ten von der Arbeit ausgeschlossen sind, weil sie die Herckb. setzung der Arbeitszeit auf 10 Stunden und eine geringe Lohnerhöhung verlangten. Wir geben geme zu, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit und selbst eine mäßige Steige- rung der Löhne gewisse Schwierigkeiten hat. Jeder soziale Fortschritt bringt solche zunächst, soweit er sich auf den Arbefisvertrag bezieht, für die Unternehmer mit sich Aber soll deshalb unsere soziale Entwickelung sfille stehend unsere gefaxte Arbeiterschutzgesetzgebung wurde von Klagen der Unternehmer begleitet. Einzelne Besfimmun- gen wurden in der leidenschaftlichsten Weise bekämpft:: man prophezeite den völligen Zusammenbruch gewisser: Industrien und nichts ist eingetroffen. Unsere industrielle Entwickelung hat alle diese Klagen glänzend ins Unrecht gesetzt, die Verkürzung der Arbeitszeit, das Verbot der Kinderarbeit in Fabriken haben unser Wirtschaftsleben mcht geschädigt, sondern gehoben, denn sie haben die Konsumtwnskraft gestärkt. Und gerade in den Industrien mit ausgedehntem Arbeiterschutz hat sich die Leistung^ fahigkeit im letzten Jahrzehnt außerordentlich gesteigerL sie sind es, die seitdem die deutsche Arbeit, nach dem karser- licheii Wort, auch im Auslande zu hohem Anschtzn brachten, fre sind es, die „auf friedlichem Gebiet Siege über Siege errangen" Die Lage der Crimmitschaus Arbeiter ist keine günstige. Die Löhne sind niedrig, die Arbeitszeit lang, die Lebenshaltung notgedrungen eine dürftige. Es ist ganz erklärlich, wenn diese fleißigen und nach ihrer ganzen Lebensführung nüchternen Arbeiter den Wunsch haben, ihre Verhältnisse zu verbessem. Sie haben,
Feuilleton.
Oie Berliner Wagnerfeste.
I.
Berlin, 8. Oktober.
Nun hat Berlin sein Wagner-Denkmal, das erste, das dem Meister als sichtbares Zeichen begeisterter Verehrung und freudiger Dankbarkeit errichtet wurde. Die Feierlichkeiten nahmen bereits am Mittwoch ihren Anfang. Im Neichstagsgebüude war Empfangs- und Begrüßungsabend. Es wurde natürlich auch musiziert, und zwar recht stillos. Dieser erste, nicht offizielle Abend machte trotz der prunkenden Umgebung einen frostigen Eindruck. Freundlicher und festlicher war das Bild, das sich Donncrstagmittag im Tiergarten bei der Enthüllungs- feierlichkeit selbst entrollte. Das geringe Geschick des Komitees in künstlerischen Angelegenheiten zeigte sich freilich auch hier wieder. Die aufgebotenen starken Massen der Militärkapellen (!) und Sänger waren in zwei räumlich getrennte Gruppen geteilt. Hierdurch wurde das einheitliche Zusammenwirken beim Wagner- schen Kaiscrmarsch usw. sehr erschwert, überhaupt ließ die Wiedergabe des musikalischen Teiles in künstlerischer Hinsicht so ziemlich alle Wünsche unbefriedigt. Es sei allerdings zugegeben, daß es bei einer Feier im Freien schwer hält, äußerlich wirkungsvolle Aufführungen ohne Massenaufgebote zu erzielen. Jedoch im Sinne Wagners waren diese vereinigten zehn Militärkapellen (oder waren eS noch mehr?), denen gegenüber der Berliner Sängerbund unter Professor Felix Schmidt einen vergeblichen Kampf kämpfte, sicherlich nicht. Nach dem „Ehret Eure deutschen Meister" aus de» „Meistersingern" nahm der Präsident des Festkomitees, der vielgcschmähte Kommerzienrat L. Leichner, das Wort zu einer verhältnismäßig knapp gehaltenen Ansprache. Er sagte ungefähr, es sei die Pflicht des deutschen Volkes, den deutschesten aller Meister in Dankbarkeit zu ehren. Aus dieseu Gefühlen des Volkes heraus sei auch das Denkmal entstanden (!>. Da der Kaiser selbst nicht anwesend war, übergab Herr Leichner das Denkmal dem kaiserlichen Vertreter Prinz Eitel Friedrich, der in Begleitung des Ehrenpräsidenten des Denkmallomitecs, Prinzen Friedrich Heinrich von Preußen, zur Feier erschienen war. Unter den Klängen »er Nationalhymne fiel alsbald die bergende Hülle und
der große Bayreuther strahlte in blendender Weiße von dem hohen Postament ans griechischem Marmor herab. Nach dem ursprünglichen Entwurf Gustav Ebcrlcins sah das Werk wesentlich anders aus. Es wird sehr zu prüfen ;ein, ob die von hoher Stelle aus gewünschten und auch durchgeführtcn Veränderungen wirklich eine Verbesserung bedeuten. Fachleute verneinen diese Frage sehr entschieden. So, wie sich die Eberleinsche Schöpfung in ihrer endgültigen Gestalt präsentiert, ist sic gerade kein hervorragendes Meisterstück plastischer Kunst, doch lomigcr anspruchsvolle Ästhetiker wird sie vielleicht dank der äußerlich ganz wirkungsvollen Anlage vollauf bcfric- bigen. Die Gestalt Wagners krönt das Ganze. Der Meister ist in sitzender Stellung, den Kopf etwas erhoben dargestellt. Die Gesichtszüge spiegeln den Ausdruck gesteigerter geistiger Anspannung wider. Der große Tondichter im Augenblick künstlerischer Konzeption,- so hat Eberlem ihn sich gedacht. Um das Postament herum gruppieren sich charakteristische Gestalten aus Wagnexs Tondramen. Vorn huldigt, in leider stark konventioneller Pose, Wolfram von Eschenbach dem Dichter und Sänger Wagner. Diese im „Tannhänscr" durchaus nebensächlich behandelte Figur ist erst späterhin zngcfügt worden. Hans Sachs als huldigender Genius wäre vielleicht besser am Platze gewesen. Rechts davon ist Tannhäuser im Pilgcrgewand, mit dem gtünenicn Stab in der Hand, in büßender Stellung verkörpert. Tannhäuser als Büßer! Eine merkwürdige Mffassung, wenigstens in Bezug auf das Denkmal. Die Rückseite öcS Pvsioments zeigt die drei Rheintöchter in schwesterlichem Reigen vereint. Zu ihnen gesellt sich der gierige Alberich, der das kostbare Rhcingold den neckischen Rheintöchtcrii zu entreißen sucht. Tie letzte Gruppe stellt den sterbenden Tristan in den Armen Isoldes dar. Diese Grnvpe ist übrigens in den meisten Bcrichtcii fälschlicherweise als „Siegfried und Brünhild" bezeichnet worden. Das Ganze macht jedenfalls auf den ersten Blick einen würdigen Eindruck.
Auch ohne oberbehördliche Genehmigung und Beteiligung von seiten Banrcuths märe nun bas erste Wyqner- Denkmal, an dessen Geschichte sich die traurigsten Erinnc- rungen knüpfen, unwiderruflich da. Wir wollen hier nicht von neuem untersuchen, wie groß die Schuld ist, die Herr L. Leichner durch sein prätentiöses und unverständiges Verhalten ans sich geladen hat. Tatsache ist, daß heute jeder objektiv urteilende Mensch die Meinung vertritt, es sei von seiten des Hauses Wahnfried und der
eingeschworenen Wagnerianer in hohem Grade unrecht die Enthüllungsfeier völlig zu ignorieren. Die Person des Herrn Leichner und feiner Leute mußte völlig in den Hintergrund treten, da, wo es sich doch in erster Linie um den Namen Wagner handelte. Siegfried Wagners, des sohncs Pflicht wäre es auf alle Fälle gewesen, zur Denk. mals-Enthüllung zu erscheinen. Und trüge das Komitee alleni die ganze Schuld an allem, die Wagnerianer hätten trotzdem zur Stelle sein müssen. Daß sie ?s nicht getan haben, ist eine Schmach, über die das Ausland mit Recht verächtlich den Kopf schütteln wird. Man hat sich eben auf rencr seife so in die eingefleischten Prinzipien hinein- gerannt, day man das Wesentliche der Feier ganz aus den Augen verlor und sich immer nur wieder um das „wie" herumstritt. a
Die Feierlichkeiten nahmen am selben Abend ihren Fortgang. Es galt jetzt auf dem großen Festbankett, an
mnr, iL 3 r Preises von 30 M. pro Person über
l000 Personen teilnahmen, die offiziellen Reden auszutauschen. An erster Stelle sptach Prinz Friedrich Heinrich von Prentzen den Dank des Kaisers aus. Kommerzien- rat Leichner erwiderte mit einem Toast ans den prinz- lcheu Ehrenpräsidenten. Beide Reden bctvnten das end- Oche glückliche (?) Gelingen der schwierigen Aufgabe, an der man seit fünf Jahren gearbeitet habe. Diesen Ansprachen folgte eine etwas längere Rede des Kultus. Ministers Sin di, die in der offiziellen Begrüßung der ausländischen Gäste gipfelte. Letztere ließen nun de! Reihe nach ihre Vertreter aufmarschieren. Besonders die Rede des französischest Delegierten, Mr. Cberami einer der ältesten Pariser Wagner-Enthusiasten, der schon zurzeit der berüchtigten ersten Pariser Tannhäuser-Anf- führung für Wagner eintrat, löste laute Begeisterung aus. Im Smmen der Vereinigten Staaten sprach der Dozent für Musikwissenschaft an der Bostoner Harvard. Universität, John K. Paine. Es wurde dann noch sehr viel geredet, viel zuviel. Schließlich war die Sttmmuna eine recht gehobene. Die Leichner-Partei vergaß alle Unbill und Beschwerden und feierte ihren standfesten Führer mehr lärmend als geschmackvoll. Die Gäste wer. den übrigens keinen zu schlechten Eindruck von diesem Bankett mit nach Hause genommen haben, denn die aastro. nomischen Genüsse waren exquisiter Art. Und das ist für viele ausschlaggebend, besonders iveiin dafür bare 8kl Reichsmark geopfert wurden. Am Freitag beginnen nun die eigentlichen künstlerischen Veranstaltungen. Darüber, nsird der ziveite Bericht Auskunft geben. 1? 8
