i Beilage jttm Wiesdnümer Tagblalt.
Uo. 463. Morgen-Ausgabe.
Sonntag» den 4. Oktober.
61. Jahrgang. 1R03.
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i , 3?reu c nbfd , aft zwischen zwei Frauen ist weiter nichts, |ft als eine Verschwörung gegen eine dritte. I»
Grigorowitsch.
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(15. Fortsetzung.)
Cva Keonr.
Roman von Marie Bernhard.
„Gans recht, ganz recht!" rief er eifrig. „Schaden -- v «st 9 LI Welche sunge Demoifelle in dem Alter wird netm regelrecht Gesang studieren? Ader ein kleines Pröb-
pochte ich mir ausbitten, Mademoiselle Eve, — bo§ durste nicht schaden; wollen Sie einmal hierher rammen und ern wemg nachsingen: do re ml tu sei In si!
iat ihm natürlich den Willen und wunderte mich tnnerllch, daß meine Stimme so voll und stark klang, vor allem aber, daß ich so tiefe Töne zu geben vermochte.
„Wissen Sie kein Lied auswendig, mon enfant?" fragte Herr Morreau weiter. „Nur irgend ein kleines, bekanntes Volkslied! Singen Sie nur dreist, ich komme schon zurecht mit der Begleitung."
- sollte im Augenblick nichts anderes einfallen, clls das kleme Liedchen: „Wenn ich ein Vöglein war'!" Und das sang ich also nach einer schlichten, süßen Me- lodie, die ich oft von Susis hübschem, klarem Sopran gehört hatte; mein Lehrer begleitete mit einzelnen Akkorden, aber dabei bewegte er unruhig den Kops und wiegte den Ober körper ^ hm und her, wie jemand, der mit einem Entschluß ringt.
Und als ich nun zu Ende war, erhob sich Monsieur Morreau von seinem Klaviersessel, verneigte sich so tief vor mrr, daß chm die graue Künstlermähne fast über die Mvömn ^b ^ ^iner feierlichen Be-
. „Dh dien, Mademoiselle Leoni! Wenn Sie nicht eine der ivunderbarsten Altstimmen haben, die mir während meines langen Lebens und meiner großen Praris oorgekommen sind, und wenn Sie nicht, versteht sich nach grundlw^r und tüchtiger Durchbildung, aus Grund eben dwser Stimme nach einem halben Dutzend Jahre eine bsvunderte, große Künstlerin sind, so will ich nicht Jecnr Marie Bapüste Morreau heißen!"
h entsiand eine lange Pause. Ich starrte den
prophetischen alten Herrn mit meinem allerverdutztesten JiP! bin, geistlosesten Gesicht an
und fragte ihn endlich schüchtern, ob er sich einen Scherz Mit mir machen wolle
oerne uemen,.. dunklen Feueraugen funkelten mich entrüstet an.
„Scherzen? Ich? Und mit einer Angelegenheit, die Mir ern wahrhaftes Heiligtum ist? Was denkt sich Mademorselle Leoni von Jean Marie Bcchtiste Morreau'/ ^zch, der nichts Höheres kennt, als seine Kunst, ich, der nichts Schöneres träumen kann, als dieser göttlichen Kunst erne Priesterin zu gewinnen, — — und nun ich sie ge-
funden habe, jung, schön, gottbegnadet-einen Scherz
machen?"
»Ach, bitte, Monsieur Morreau, seien Sie mir nicht böse!" bat ich kleinlaut und griff nach der Hand des auf- geregten Mannes. „Ich dachte nur — ich meinte nur —
tueil rch nicht ahnen konnte-und niemand mir
lemals gesagt hat-- nur immer mein Klavierspiel
gelobt wurde . . . ."
^ drückte meine Hand, bis sie mich schmerzte.
„Ihr Klavierspiel! O ja, ma petite, — das hat jedermann gehört und mit Recht gelobt, und von dieser herrlichen Stimme konnte kein Mensch eine Idee be- kommen, well sie niemand gehört hat, weil sie in einem zwanzigstimmigen Chor verklungen ist! Dien«, Sie sind eine sehr gute Schülerin, meine beste jetzt sogar, — Ihre Begabung fiir das Piano ist derartig,,paß mit den Jahren und wenn Sie mehr Zell auf ihr Studium verwenden, eine brillante Virtuosin aus Ihnen werden könnte!!
Aber --— bilden Sie sich für d-en Gesang aus, so
wird eine Künstlerin aus Ihnen .... merken Sie auf, was ich sage: ehre Künsllerin!"
Er hielt inne, um Atem zu schöpfen, und ich tat das Gleiche, trotzdem ich nichts gesprochen hatte; es schwindelte mir und mein Herz klopfte laut, ich fühlte, daß ich glühend rot geworden war.
Monsieur Morreau musterte mich von Kopf bis Fuß, als sähe er mich heute zum ersten Male.
„Und diese Erscheinung! Wie geschaffen für ein
Konzertpodrum,-- mehr noch für die Bühne! Ich
mußte mich gewaltig irren, oder die Natur hätte Ihnen die schönsten dramatischen Mittel gegeben, um als ein Stern., ersten Ranges am Himmel der Kunst zu leuchten. — Fürs erste Geduld, Mademoiselle Eve, und völlige Schonung dieses köstlichen Materials! Sie sind noch jung, in den Jahren des Wachsttms, der Entwickelung, Ihr zarter Körper würde ein ernstliches Studium jetzt nicht aushalten; in zwei — drei Jahren beginnen Sie Ah, mis^ncorde ! In zwei, drei Jahren sind Sie längst fort von hrer, und ein anderer als der arme Jean Marie Bapttste Morreau wird das Glück genießen, diese Sttmme auszubllden, . . . . diese Sttmme 1! — Bis dahm, mon bijou, keine Anstrengung, pour l’amour de Dieu, feine Anstrengung! Ein kleines Lied hin und her, täglich eine Skala, und hier — aus diesem Büchelchen
zuweilen eine Übung und eifrig die gedriickten Anmerkungen beachten, — das genügt vorläufig! Geben Sie mir das heilige Versprechen, meinen Rat zu befolgen iind das Gold, das lautere, göttliche Gold, das Ihnen dev Himmel beschieden hat, sorgsam zu hüten?"
Er war ganz gerührt und ergriffen, der lebhafte, alte
Mann, --— wie hätte ich ihm nicht den Willen tun
sollen? Noch gänzlich verwirrt und benommen, verließ ich das Zimmer, da eine neue Schülerin einttaf, und ttat, mein Heft mit italienischen Übungen von Vaccai in dev Hand, langsam den Heimweg an.
, Alles, was ich jemals von berühmten Sängerinnen gelesen und gehört hatte, schwirrte und wirbÄte miv chaotisch durch den Sinn. Die Triumphe einer Henriette . Sonntag, einer Malibran, einer Catalani fielen mir ein, — wie man sie mit Lorbeeren, mit Blumen und Kostbarkeiten aller Art überhäuft, wie' ein entzücktes Publikum ihnen stürmisch zugejubelt und ihnen diel Pferde ausgespannt hatte, um sie nach Hause zu fahren,
— wie Könige und Fürsten diesen Künsllerinnen gehuldigt und sie in ihre Nähe gezogen hatten, .... und ich, Eva Ltzoni, sollte vielleicht einmal ein ähnliches Los Haben!! Me trunken, wie geblendet hob ich meine Augen auf zu den geliebten, jetzt mir bereits so vertrauten Ge- birgsriesen. £ Groß und ruhig standen sie da, hier in goldenes Sonnenlicht getaucht, dort düster umschattet,
— immer himmelan ihre Häupter hebend,-immer'
himmelan! — Und ich erschien mir klein und nichtig in meinen verwegenen Träumen von Glanz und Ruhm. Wer weiß ob der enthusiastische alte Herr, in feiner Vorliebe für mich, nicht übertrieben hatte?! Und sÄbst, wenn dem nicht so war, wenn das Schicksal mir in der Tat eine
so herrliche Gabe zuerteilt hatte,-wer konnte mir
sagen, ob ich Geduld und Ausdauer, ja, auch nur Gelegenheit haben würde, sie auszubllden? Würde meine- Großmutter, die der Musik so abhold war, es gestatten, daß ich die Laufbahn eurer Künstlerin betrat? Dann auch — -— was konnte sich in zwei bis drei Jahren alles ereignen? Mir fielen alle die schönen Lustschlösser ein, die Susi und ich so oft zu bauen pflegten, die allerdings auch von unserem zukünfttgen Glück und Glanz handelten, aber mit Künsllergröhe und Ruhm durchaus nichts zu tun hatten!
Mit der ganzen Elasttzität meiner sechzehn Jahre fand ich mich aus dem kurzen Taumel, der mich erfaßt hatte, in die Wirklichkeit zurück, warf die Gedanken an Henriette Sonntalg, die Malibran und Catalani weit hinter mich und tröstete mich mit der vernünsttgen Idee, es sei Zell genug, solchen berauschenden Ruhmes-Phan- tasien nachzuhängen, weirn das Sttnstum erst Tatsache und die gepriesene Sttmme in schönster Entfaltung sei, (Fortsetzung folgt.)
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