M. Jahrgang.
«rscheinr w zwei Ausgabe». — BezugS-PreiS:
» en «iS erI i?iL 5 <£ dfg. monatlich, durch die Post s Mk. so Pfg. viertcllährlich für beide
Verlag: Langgaffe 27.
Rnzeigen-PktiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» *5 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Wg. —
Abend-Ausgabe.
Politische Übersicht.
Der Kamps um die L and ta g stvah len ha. letzt mit größerer Energie eingesetzt. Die meisten Parteien sindbereits mit ihrem Wahlaufruf an die Öffenllichkeit getreten, und die Schlachtreihen beginnen, sich zu formieren. Die nationalliberale Partei hat auf ihrem hannoverschen Delegiertentag über die bei dem Wahl- kamhf zu beobachtende Parole Beschluß gefaßt und sowohl den Kampf gegen die reaktionärmltramontanen Beitreibungen als auch gegen die Sozialdemokratie prokla- mrert. ^n Übereinstimmung mit der nationalliberalen Partei bezeichnet auch der Wahlaufruf der freisinnigen llolkspartei den Kampf gegen die reaktionären Bestvebun-
als.das Hauptziel des Wahlkampfes. In einer großen Anzahl Wahlkreise schicken sich die beiden Parteien auch an, vereint zu schlagen, während die Nationalliberalen ledoch m etlichen anderen Wahlkreisen an dem Kartell mit den Konservativen oder Freikonservativen festhalten Eine einheitliche Wahltaktik ist überhaupt nirgends zu beobachten, abgesehen davon, daß sich die Konservativen und das Zentrum iroch enger als bisher aneinander anzuschließen beginnen. Der Wahlaufruf des Zentrums proklamiert für dm kommendeLandtagssession denBeginn des Kampfes um die Schule, während die Konservativen von dem Erlaß eines Wahlaufrufes überhaupt Abstand ge- nommen haben. Die innerhalb der Freisinnigen Per- eimgung befürwortete Taktik eines Zusammengehens mit der Sozialdemokratie scheint, nachdem der Kieler Wahl- treis dre Kandidatur vr. Barths, des Paters jener Fdee endgültig fallen gelassen hat, gründlich Schiffbruch ge-' litten zu haben.
Nach dem Verlauf des sozialdemokratischen Partei- wges, auf dem das gesamte Bürgertum nach dem alten Reziept als eine „große reaktionäre Masse" behandelt worden war, mußte man allerdings erwarten, daß diejenigen Politiker, ivelche die „Mauserung" der S o z i a l - d e m o k r a t i e als einen Faktor in ihre politische Rech- nung eingestellt hatten, stark ernüchtert werden würden Und das jetzige Perhalteii der Genossen, die, in Ford setzung der Parteitagszänkereien, in einem Krieg aller ßd begriffen sind, ist wahrlich nicht geeignet, die Bundnisfahigkert der Sozialdemokratie in ein helleres Licht zu stellen.
Während in Preußen der Kampf um die Landtags- . wählen sich noch in den Vorstadien befindet, hat in
Bayern bereits die Landtags session ihren An genommen. Das Geschick, das in den jetzigen schlechten Zeitläuften den meisten Staatswesen zuteil ge- tooroen tft ist auch den Bayern nicht erspart geblieben. Auch dre bayerische Staatsfinanzen weisen ein Defizit auf, welches sich freilich in sehr bescheidenen Grenzen hält. D« Hauptarbeit des bayerischen Landtags wird darin bestehen, dre von der Regierurig vorgeschlagene zeitgemäße Reform des Landtagswahlrechts in die Tat überzuführen. ßK gleiche Frage wird auch den preußischen, den sächst iRsu und den badischen Landtag über kurz oder lang beschäftigen und dort aller Voraussicht nach heiße Kämpfe Hervorrufen, deren Ausgang noch ganz, ungewiß ist.
Kgrnpf und Streit, heftiger blutiger Streit ist die Signatur der politischen Situation sowohl in Österreich wie m Ungarn. In Ö st e r r e i ch rnacht die Obstruktion Tschechen jede geordnete parlamentarische Arbeit unmöglich. Aber die Tschechen sind wahre Waisenknaben gegenüber den Herren Magyaren, denen eine chauvinistische Berserkerwut in die Glieder gefahren ist Dem armen Ministerpräsidenten Kh uen-Heder- v a r y ging es stach dem bekannten Dtchterwvrt „.Kaum gegrustt gemieden!" Kaum hatte er sich entschlossen, noch einmal den undankbaren Versuch einer Kabinettsbildung zu machen, als ihn auch schon wieder die Fluten des magyarischen Chauvinismus verschlungen hoben. Me diese chronische Krisis gelöst werden wird, deren Fort- bestand die österreichisch-ungarische Monarchie in ernster Weise bedroht, das weiß zur Zeit noch niemand.
jedenfalls warws für die österreichischen Politiker sehr willkommen, daß der Besuch des Zaren beim Kars er Franz Joseph zu einem kurzen Waffenstillstand geführt hat. Das herzliche Einvernehmen der beiden A^onarchen verstärkt die Aussicht, daß das össtr- rerchisch.russische Balkanübereinkommen sich auch in Zu- kunjt bewähren und dazu beitragen wird, daß die derzeitigen Wirren auf dem Ba l k a ii den europäischen Frieden Nicht m ernsthafter Weise stören. In der Tat beginnen bereits sowohl in Bulgarien wie in der Türkei die Gemüter sich wohltätig abzukühlen.
Auch das marokkanische Gewitter, das den
politischen Horizont zu verdunkeln drohte, ist im Begriff sich in Wohlgefallen auszulösen. Die Aspirationen der Franzosen, deren Lieblingsidee eines Protektorats über Marokko niemals ganz von der Tagesordnung ver- chwunden ist, sind auch diesmal wieder auf dm unüberwindlichen Widerstand der Konkurrmz geftoßm, und so handelt man dmn in Frankreich nach dem Motto:
Wenn man was nicht erreichen kann,
Fangt man zu dementieren an!
Deutsches Deich.
Kuf der Studienreise.
Original-Novelle von Berthold Paul Förster.
(1. Fortsetzung.)
Wir hattm vor unsere,' Abreise aus der Residenz was !iur dm Sommeraufenthalt nötig, war zusammengepackt und uns nach Steinbach senden lasseii. Mit unserem Quartier u,id den Wirtsleuten warm wir in jeder Wrisc Msrwoen; der Ort und seine Bewohner waren wie für uns geichaffm, und bei der günstigen Witterung ging die Arbeit gut von statten., So lebten wir also herrlich und Mfrwden in den Tag hinein, wie nur die Maler auf der Studienreise leben können.
Zwei Monate waren wir bereits dort gewesm und den Dorfbewohnern gute Bekannte geworden. Walther hatte rm Anfang immer nur Kamilla gezeichnet und gestalt: bald inr Garten, bald auf dem Felde — er wußte (te zu immer neuen Motiven zu verwenden. Ich bemerkte lehr bald, daß er nicht nur das brauchbare Modell in ihr sah, und ebensowenig konnte es mich wundern, daß auch me Kleine den frischen, fröhlichm Malersmann gerne hatte, Umsomchr fühlte ich mich daher veranlaßt, wemen Freund aufmerksam zu machen, daß er das Mädchen dem Neide und der heimlichen Spötterei der ubrrgen Kinder aussetze, worunter sie schon mehrfach zu terden gehabt hatte. Darauf entschloß er sich, zuweilen auch andere Kinder oder Erwachsene zu beschäftigen; doch er alsdann den ganzen Tag schlechter Laune zu Wi, und Dank erntete ich nicht für meinen „ledernen" Rat. >
Eines Nachmittags kam ich früher nach Hause, als m gedacht, und beschloß, Walther entgegenzugehen,' der oben auf der Höhe in einem Krautfelde saß und arbeitete.
.. Es war ein köstlicher Spätnachmittag. Das Ge-
g ^'^ch des Dorfes perhallte mehr und mehr, je höher ich ; selbst der Schlag der Turmuhr, welcher die siebente . rdstunde verkündest, tönte nur noch zitternd, wie aus steistr Ferne zu mir herauf. Eine weltentrückte Sttlle ?og durch den gewaltigen Schöpfungsraum, über dem sich w matter Klarheit der Slbeirdhinimel wölbte. Während Asten in den Tälern bereits die ersten Schatten der Dämmerung webten, lag der Abendsonuenschein wie ein
durchsichtiger goldiger Hauch über den felderreichen Hohen und dunklen Tannensorsten.
Endlich sah ich Walther wieder in Begleitung Kamillas von gewundenen Pfad herabkommen. Sie gingen dicht nebeneinander, Hand in Hand. Zuweilen blickten sie sich an: sie redeten zusammen; aber ihre Worte konnte ich nicht verstehen, nur ein silbernes Lachen drang zu mir herab. ™ Uten mich noch nicht gesehen, und da plötzlich der r®™, 111 1 ™ r r ?8 e Word, sie noch ferner unbemerkt zn beobachten trat ich hinter das hohe Buschwerk, welches am Wege stand. Als sie nur noch eine kurze Strecke von wch vntfernt waren, blstb Walther stehen; auch das Mädchen hemmte den Schritt und nahm ihren Korb vom Rucken. Schwelgend standen sie nebeneinander und blick ten traumerlich m die stille, große Landschaft hinaus.
Walther hatte sich wieder zu Kamilla gewandt; seine Augen spähten einen Moment über die leeren Felder dann sckwnte er das Mädchen lächelnd an und nahm ibren Kopf zwischen seine beiden Hände. Er bog ihr glühendes Gericht sanft zurück und neigte seine Lippe:: herab auf ihren roten Mund und küßte sie
Ich hätte das anmutige Bild festhalten mögen, und dennoch erschrak ich bei dem Anblick. Was tat Walther was sollte das? sie war ja noch ein Kind.
Kamilla hatte die Arme schlaff herabsinken lassen, und als er sie freigab blieb sie mit geschlossenen Augeir vor chm ssthen und hielt den Kopf mit den halbgeöffneten Appen noch leicht zurnckgebogen. Erst als er leise ihren Namen rief, senkst sie das Haupt, und eine leichte Röst ubergoß abermals ihre Wangen. Schweigend nahm sie ihren Korb wieder aus den Rücken, dann schritten beide an mir vorüber; aber keines redete.
., Nachdem sie eine gute Strecke gegangen wareii, schritt ich hinter ihnen her. Walther blieb stehen und blickte sich hastig um: er hatte meinen Schritt gehört. Sie warteten beide, bis ich herangekommen war.
.. »Woher kommen Sie denn, Berger?!" fragst er in ärgerlichem Tone, während mir Kamilla still und freilich. Iich wie immer die Hand reichte.
Da ich kurz zuvor an einem Hohlwege vorbeigeschritten war, zeigte ich dorthin und sagte, ich hätte einen Spaziergang gemacht und sei jenen Weg herabgekoimnen
»Lv — so?!" entgegnest er; aber ich merkte wohl, daß er meinen Worten nicht traute.
Zur Kanalfrage.
ll. Berlrn, 2. Oktover.
Geistreiche Aufklärungen geben uns die Offiziösem Erne hiesige Kvrrespondenz verbreitet die überraschende Mltstttung, daß die Kanalvorlage nun doch im Abgeord- nestii Hause emgebracht werden soll. Die Thronrede werde ihrer Erwähnung tun, und die Vorlage werde gleich, zeitig mit dem Gesetzentwurf betreffend die Oder- regutterung kommen. Der Umschwung sei erst in den “Wen fünf oder sechs Tagen erfolgt, und zwar durch persönliches Eingreifen des Kaisers. Zu diesen Angaben lassen sich nunmehr die Offizösen mit mystischer Unbe- sttmmtheit vernehmen. Sie beehren uns, daß jeder, der über .-den Hergang auch nur einigermaßen unterrichtet sei, langst wisse,, die Staatsregierung habe sich schon vor geraumer Zeit über die Behandlung der Krmalfragtz schlüssig gemacht, und von einer Änderung chrer Absichten und Dispositionen könne keine Rede sein. Was soll das nun heißen? Soll es heißen, daß die Kanalvorlage wirk- Iich kommt, und daß die erwähnte Korrespondenz nur offene Een einstößt? Oder soll es heißen; daß die Vorlage nicht kommt, und dlah jeite Korrespondenz palfches berichtet? Wir fürchten, daß die dunkle Weis- heit der offiziösen Lichtspender dies letztere bedeustt Bestände dm Absicht, dem Abgeordnestuhause schon in diesem '~™;* er r °te Kanalvorlage zu unterbreiten, so wüßst man es langst. Aber man hat immer nur gehört, daß die Sache vorläufig ruhen bleiben soll, und wenn jetzt dqs Gegen- tell berichtet wird, so kann die offiziöse Aufklärung nur den Smu haben, daß uns Hoffmmgen gemacht worden sind, die sich nicht erfüllen werden.
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* Berlin, 2. Oktober. Der Vorstand des Verbandes der Deutschen Bankbeawten-Vereine wurde gestern vom Reichsschatzsekretär von Stengel empfangen, der ihm auf seine Vorstellung über die nachhaltige Wirkung des Börsengesetzes und der Bvrsenstener eine wohlwollende Berücksichtigung zusagte.
, „gegenüber der Nachricht des Pariser „TempZ", öer deutsche Kaiser habe wahrend der Tagung des internatio- nalen Friedens-Kongresses in Ryuen in ekNem Schreiben an den Fürsten von Monaco erklärt, daß nur die Wiffen- Frieden herbeiführen würde, bezeichnet die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" diese Geschichte kür erfunden. 1 1
Eine große Anzahl von Strafbefehlen wegen Svie- lens in verbotenen außerpreußischen Lotterien sind in letzter Zeit ergangen. Es wurden die Geschäftsbücher einer Reihe von Kollekteur«, beschlagnahmt, die einen
Wir sprachen nur wenig und von gleichgülttgen Dingen, bis Kännlla sich von uns verabschiedete; da sie ?• an l VL®°Jt e ^httte, trennten sich unsere Wege. Als sie Walther die Hand reichte, sah sie ihn mit chren holden Kinbevaugen unbefangen lächelnd an: aber ich bemerkte, daß ihr das Blut doch in die Wangen stieg.
Schlveigend waren Walther und ich eine Strecke ae- f»n; W war sehr ungehalten über ihn. Nach einer Weile begann er forschend: J ^
»Sie sind ja so einsilbig, Berger?!"
Da konnte ich nnch nicht länger beherrschen, und hark fuhr ich rhu an:
„Was machen Sie für Verrücktheiten, Walther'"
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,-reizt, uni (eine
Eklen Angen blitzten zomig zu mir herüber.
gingoii wir schweigend nebeneinander; dann und als ich mich nach ihm zurückwandte, sah ich, wie er finster m das hinabblickte. Ich fiffiiie eS wnr nicht meine hasttge Weise, toeldjc er mir ut)e[ nahm, aber ich hatte für die reine Neigung seines Hebens <nn haßlickjes, herabwürdigendes Wort geftmden. Das tat dem ehrlichen Jungen weh. Darum schritt ich auf rhu zu und legst ihm die Hand auf die Schulter.
"iila!^ ' ,a f ^ tc tcI, . Iei j c .' »ste ist ja noch ein Kind!"
„Und wenn , sie auch kein Kind mehr wäre'" ent. gegncte er und hielt mrr seine Hand hin, „trauen Sst mir etwas zil, was Sw veranlassen könnte, diese Hand Mt mehr zu nefimm?" v
Ich ergriff die mir dargebotene Rechte- „Nein Walther, gewiß nicht; aber — eine Unbe- sonnenheit haben Sw doch begangen."
... "Euw UnLesonnenheit —" wieÄerholte er nachdenk- .ich und fuhr langsam fort: „dann will ich zu meiner Ver- teidigung dieselben,Worte gebrauchen, mit denei: Sie mich anklagen: Sw ist ia noch ein Kind!" ^
Frennß", entgegnest ich, „wen,: Sie jene Worte so auffassen wollen, dann muß ich freilich himn- fugen: ja, aber wie lange iwch? Vielleicht lvar si^es chon m jenem Augenblick iiicht mehr — können Sie die feststellen?! Aber selbst dann, wenn sie es noch ist, sicht sie der Grenze zu nahe, um nicht zu empfinidm.
