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si. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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Al». 460. Berlags-Ferusprecher N». 2958.

AbenJ-flusgabe.

Zentrum und Junkertum.

Wenn es möglich wäre, die Frage der Aufhebung oder der Milderung des Jesuitengesetzes losgelöst von allen Partei- und kirchenpolitischen Rücksichten zu betrachten, so könnte man wohl sagen: Diese Frage ist nicht die Auf- regung wert, mit der sie seit Monaten behandelt wird, zumal es sich tatsächlich doch nur um die Geringfügigkeit handelt, ob der seit Jahrzehnten nicht angewendete Jnter- nierungs- und Expatriierungs-Paragraph gestrichen wer­den soll. Nachts würde sich ändern, wenn er gestrichen würde. Aber es wird ja nicht um diese inhaltsleere Sonderfrage des § 2 gekämpft, sondern um das größere Problem, ob eine Forderung des Zentrums erfüllt wer­den soll, ob aliö dem Zentrum die angestrebte Macht­stellung eingeräumt werden soll. Und darum ist es der- stündlich, wenn sich das protestantische Gefühl regt; es ist aber auch verständlich, wenn sich diese Regung nur bei denjenigen ausgedehnten protestantischen Volkskreisen findet, die der evangelischen Orthodorie ebenso miß­trauisch gegenüberstehen wie dem Klerit'alismus. Die Konservativen sind- fiir die Streichung des 8 2, ihr Luther- tum hindert sie nicht, sich die Maske großherziger Objek­tivität vorzubinden. Folglich wollen sie etwas vom Zentrum, und was sie wollen, weiß man ja. Mit ver­einten Kräften soll an der Befestigung und Ausgestaltung der agrarischen Wirtschaftspolitik und an der Durch­führung eines konfessionellen Volksschulgesetzes in Preußen gearbeitet werden. So werden denn die Kon­servativen durchs nichts stärker in Verlegenheit gesetzt als durch die fortgesetzten Kundgebungen aus dem evangeli- ichen Lager gegen die Abänderung des Jesuitengesetzes. Die „Kreuzztg." kann gegen diese Ausbrüche des Un­willens weder sachlich noch vom konfessionellen Stand" Punkt aus etwas einwenden, und darum dreht und windet sie sich, um weder dort noch hier anzustoßen, weder beim Evangelischen Bund noch beim Zentrum. Die Sachlage ist nicht ohne einen komischen Beigeschmack. Wer sich um objektive Erfassung der Vorgänge bemüht, der wird von den hitzigen Reden in der Ulmer Versammlung des Evangelischen Bundes nicht sagen wallen, daß sie Über­treibungen verschmähen. So mächtig ist Rom in der modernen Welt nicht, wie es den auf diesen einen Punkt wie hypnotisiert hinstarrenden Männern vom Evangeli­schen Bunde vorkommt, und man würde dem Genius des deutschen Volkes ein Armutszeugnis ausstellen, wollte man ihn bedroht glauben, tvenn § 2 des Jesuitengesetzes

Freitag * den 2. Oktober.

beseitigt würde. Lieft man also die fanatischen Heftig' ketten von Ulm mit einer gewissen wohlwollenden Heiter­keit, so soll man dabei nicht vergessen, daß es sich hier wirklich um die Wahrung der heiligsten Güter der Nation handelt, nur daß nicht die rechte Distanz zu den Dingen genommen wird. Aber das wunderliche ist, daß schließ­lich jeder^ zufrieden sein kann. Oder glaubt man im Ernst, daß die Konservativen so ungliicklich darüber sind, wenn das Zentrum noch eine Weile zu warten hat, oder daß der Reichskanzler schlaflose Nächte verbringt, weil man chm in Ulm das Verschndnis für die Volksseele ab­gesprochen hat? Die Konservativen und der Reickskanzler, sie haben eigentlich schon, was sie wollten. Sie haben dem Zentrum ihren guten Willen bewiesen, sie können nichts dafür, wenn es emstweilen dabei bleiben muß.

RcdaktionS-FernIprecher No. 52.

1903.

Deutsches Deich.

Zu de» Pensionierungen in der Eisenbahn-Verwaltung.

Verschiedene höhere Beamten der Eisenbahn-Ver­waltung sind veranlaßt worden, ihren Abschied einzu­reichen. Offiziös wird dieser Vorgang so zu erklären gesucht:

Diese Tatsache findet ihre Erklärung einfach in der be- sonöercn Natur und den daraus sich ergebenden Anforderungen des Eisenbayndienstes. Von der Befugnis, Beamte, die das

Lsbensiahr vollendet haben, ohne förmliches Verfahren in den RuheiNrnd zu versetzen, i,t auch in anderen Verwaltungszweigen Gebrauch gemacht, rvenn dies mitunter in umfassenderer Weise im Bereiche der Ersenbahnverwaltung geschehen ist, so lieat der Grund darin, daß die Eisenbahnen eine Verkehrsanstalt sind und demzufolge der Elsenbahndienst im besonderen Maße rasche Ent- schlusie und ungeichmälerte Tatkraft erheischt. Beamte, die in anderen Verwaltungszweigen, die diese Eigenschaften in ge­ringerem Maße erlordern, füglich noch ihren Platz ausfüllen können, genügen daher vielfach den Anforderungen des Eisen- bahndlenltes nicht mehr und ,Nüssen darauf hingewiesen werden, daß die Notwendigkeit ihrer Versetzung in den Ruhestand ge­kommen ist. Es liegt dies nicht allein im Interesse des Eifen- bahndi-nstcs >m allgemeinen, sondern es kommt noch hinzu, daß, wenn Beamte, die den Anforderungen ihres Amtes nicht mehr voll enyprechen können, gleichwohl im Dienste erhalten würden dies naturgemäß die ungünstigste Rückwirkung auf Sie Bernssl Freudigkeit der lungeren Beamten ausüben müßte, Lenen auf diese Weise die Möglichkeit des Aufsteigcns abgeschnitten würde, auf d/e s-e ihren berechtigten Anspruch gerade vermöge ihrer vollen Lei,tiingssahigke,t haben. Wenn in den letzten Jahren innerhalb der Eisenbahnverwaltung von der Besugnis, Beamte nach vollendetem bS. Lebenslahre in den Ruhestand zu versetzen, wenia oder gar kein Gebrauch gemacht worden ist, so liegt der Grund darin, daß bei der Neuorganisation der Eisenbahnverwaltuna im Jahre 1895 alle Beamten, die in Frage komme» konnten zur Verfügung gestellt und demnächst tu den Ruhestand versetzt worden sind. Nachdem seit jener großen Verjüngung des Eisenbabn- personals inzwischen mehr als acht Jahre verflossen sind har deren Wirkung naturgemäß mehr und mehr nachgelassen, und cs tritt wiederum das Bedürfnis zur Anwendung jener gesetzlichen

Befugnis mehr hervor. Daß dabei nicht rücksichtslos verfahren, sondern, soweit dies das Interesse des königlichen Dienstes irgend­wie gestattet, auf die persönlichen Verhältnisse der betreffenden Beamten billigerweise Rücksicht genommen wird, bedarf der bei sonderen Versicherung nicht.

Ein wahres Wort.

Zum Sozialistentag in Dresden ist nicht ohne Inter­esse die nachstehende Auslassung eines nationalliberalen Blattes, des Stadtanzeigers der Kölnischen Zeitung. Der Stadtanzeiger schreibt, nachdem er auseinanöergesetzt har, daß an eine Spaltung in der sozialdemokratischen Partei nicht zu denken sei, folgendes:

„Nicht schwächer, sondern eher noch stärker wird sie aus dem Tornado des Parteitages hervorgehen. Der Reis der ideellen und parteipolitischen Gemeinsamkeit gegenüber der bestehenden Ord­nung und ihrer parlamentarisch staatlichen Vertretung ist zu fest, a!L daß der brausende Most der jugendlichen Machtsülle, wie er in der L-ozialdemokratie im Grunde genommen sogar recht impo- ,ant und an Kräften reich gärt, ihn sprengen könnte. Nicht so unrecht hatte ein Redner des Parteitages, daß es schon etwas Bedeutendes sei. solche Dinge in voller Öffentlichkeit verhandeln zu können. Besser, man gibt das ruhig zu, anstatt mit seichtem Witz angequälter Vornehmheit darüber hinwegzugchen! Was Intelligenz, Kraft und Idealismus anbclangt, so könnte man davon dem sozialdemokratischen Parteiwein genügend große Mengen abzapfen, um ein Dutzend andere Parteien damit zu versorgen, ohne daß die an aus­gezeichneten Köpfen und opfcrvollen Seelen überreiche PartA der Genossen darum merklich ärmer würde."

*

* Berlin, 1. Oktober. Die Massen-Aus- sperrung in der Berliner Metall-Industrie umfaßt bisher über 8600 Arbeiter aller Branchen.

Zum Streik der Omnibus-Angestellten teilt die Direktion der Gesellschaft mit, daß sich bereits gestern abend gegen 100 Angestellte, die länger als zehn Jahre bei der Gesellschaft beschäftigt waren, zur Meder- einstellung in den einzelnen Depots gemeldet haben und auch sofort wieder angenommen worden sind.

* Zusammenkunft des Kaisers und des Zaren. Wie ivir aus wohlunterrichteter Quelle erfahren, wird Kaiser Wilhelm an der am 7. d. M. stattfindenden Hochzeit des Prinzen Andreas von Griechenland mit der Prinzessin von Battenberg bestimmt nicht teilnebmen, da hierzu kerne Einladung an ihn ergangen ist. Man hat sich vor- her vergewissert, ob der Monarch eine solche annehmen würde. Da dies nicht der Fall war, wurde von der Uber- reichnng einer Einladung abgesehen. Eine Zusammen- knnft des Zaren mir unserem Kaiser ist dagegen srcher zu erwarten. Da in diesem Falle der russische Herrscher, der nach Deutschland reiste, die Anregung hier­zu geben muß, so wartet man die Vorschläge über eine Begegnung ab.' Bei der Freundschaft beider Monarchen steht aber eine gegenseitige Begrüßung außer Zweifel

Auf der Studienreise.

Original-Novelle von Berthvld Paul Förster.

Mein junger Freund und Kollege, der Maler Walther, hatte mich überredet, mit chm aufs Geratewohl einen Studienplatz zu suchen, wo wir alsdann die Sommer­monate verleben und malen wollten. Zur bestimmten Zeit trafen wir uns am. Bahnhofe und dampften mit­einander in das nahe Gebirge hinaus. Als nächstes Ziel hatten wir die Endstation der Bahnlinie gewählt, und von hier aus sollte die eigentliche Entdeckungsreise beginnen. Wir schienen in der Tat Glück zu haben, denn bereits nach einstündiger Wanderung blickten wir auf ein überaus Malerisches, kleines GMrgsdorf hinab, welches zwischen felderreichen, von Tannenforsten umsäumten Höhen int e»gett Tale lag. Gleich der erste Eindruck bestimmte uns, falls wir nur ein halbwegs anständiges Quartier fänden, unsere künstlerische Heimstätte hier aufzuschlagen.

Wir waren bereits ein gutes Stück die Dorfftraße hinabgeschritten, als am Wege ein vielleicht fünfzehn­jähriges Mädchen stand. Das schlanke Figürchen in dem einfachen grünen Kleidchen, unter dem die nackten Füße hervorsahen, hatte nichts mit der bäurischen Er­scheinung der übrigen Dorfbewohner gemein. Ihr Ge­sicht strotzte auch nicht von jener unverwüstlich erscheinen­den Gesundheit der Gebirgsleute; aber trotzdem machte sie einen frischen Eindruck. Das glänzende schwarz­braune Haar, über der mäßig hohen Stirn gescheitelt, fiel in zwei langen Zöpfen den Rücken hinab, und ein Paar große braune Augen waren mit dem Ausdruck der Über­raschung auf uns gerichtet. Städter waren offenbar eine seltene Erscheinung in diesem versteckten Winkel.

Walther blieb vor dem Mädchen stehen und nickte ihr in seiner lebhaft fröhlichen Art zu.

„Sag' einmal. Kleine, ist hier auch ein Gasthaus zu finden?"

Sie knixte und deutete mit der schmalen, braunen Hand die Straße hinab.

„Ja, Herr; unten im Dorfe."

„Willst du uns den Weg zeigen?" fragte er weiter, indem seine dunklen Augen mit Wohlgefallen auf das schöne .Kind blickten.

«Sie können gar nicht schien; aber ich kann schon

mitgchen", entgegnete sie, und ein feines Rot stieg ihr in die Wangen.

Sie schritt dicht vor uns her, und ihr zur Seite stampfte ein kleiner vierschrötiger Bengel, der sich in­zwischen noch eingefunden hatte und dessen Hosenboden sich in recht bedenklichem Zustande befand. Es war inter- essaut diese beiden Kinder nebeneinander dahinschreiten zu scheu. Der Junge schwerfällig, wie ein kleiner Bär, mit jedem Schritt eine Staubwolke aufwirbelnd; sie leicht und beweglich, als ob die kleinen Füße den Boden laum berührten. Ich hatte meine Freude an diesem An­blick, während mein Kollege bereits neben dem Mädchen ging und die verschiedensten Fragen an sie richtete, tvelche sie klar und bestimmt zu beantworten wußte.

Stach einer Weile fragte er sie:

„Wie heißt du denn eigentlich?"

^.Robert!" sagte ohne aufzublicken der Junge, und das Mädchen antwortete:

„Kamilla, Herr!"

„Was ist denn dein Vater, Kamilla?" forschte mein Freund weiter.

Da ich noch immer hinter ihnen ging und sie das Ge- sicht zu ihm gewandt hatte, bemerkte ich, wie bei seiner Frage ihre Mundwinkel schmerzlich zuckten. Es war nur für einen kurzen flüchtigen Moment, aber dieser genügte doch, ihrem kleinen stämmigen Begleiter die Möglichkeit zu gewähren, statt ihrer zu antworten.

„Der 's ausg'rissen!" sagte er trocken und fuhr mit dem Rücken der Hand unter seiner Nase entlang.

Das Mädchen warf einen erschrockenen Blick auf den Knaben — das Blut stieg ihr bis in die Schläfen; dann senkte sie traurig das Köpfchen.

„Aber, Kamilla, deine Mutter lebt noch hier im Dorfe, nicht wahr?" fragte ich dazwischen, um dem Kinde aus der Verlegenheit zu helfen.

Sie wandte im Weitergehen das heiße Antlitz zu mir zuruck; die braunen Augen strahlten und schienen noch großer zu werben. Freundlich, fast dankbar nickte sie mir zu, und Robert sagte so trocken wie zuvor:

„D' Brotfrau. S' tragt alleweil die Semmeln rum!"

„Junge", schnauzte Walther ihn au, „geh' nach Hause und mach deine Schularbeiten!"

„Hab' ja feeue", entgegnete er und vergrub, wie zur

Bestätigung, seine kleinen dicken Hände nachlässig in den Hofentaschen.

Wir hatten das Gasthaus erreicht. Der Wirt stand in der Tür, welche von irgend einer festlichen Veran­lassung her noch mit einer vertrockneten Guirlanbe ge» schmückt war. Er war ein alter, freundlicher Mann; und twim seine Bewirtung bei seinen Gästen ebenso gut an- Ichlug wie bei ihm selb'er, so konnten wir nirgends besser aufgehoben sein.

„Wollen die Herren nicht hereinspazieren?" fragte er und lüftete die schwarze Sammetkappe.

Wir wollten uns jedoch lieber in das Gärtchen neben dem Hause setzen.

,. _ "Ganz recht", pflichtete er uns bei und riß die gebrech­liche Gartenpforte auf, daß sie beinahe aus den letzten Fugen ging, „ganz recht — es ist hier schattig und doch nicht so kühl wie drinnen."

Nachdem er ins Haus gegangen war, um die bestell­ten Erfrischungen zu holen, wandte sich mein Kollege wieder an Kamilla:

„Hast du noch ein wenig Zeit?"

Sie nickte.

„Nun so komm'", sagte er und erfaßte chre Hand um mit ihr voran in das Gärtchen zu gehen.

Es war ein kleiner umfriedeter Raum mit einigen schattenspendenden Rüstern und Eschen; auf höheren und niedrigen Pfählen. waren Bretter genagelt, welche als Tische und Bänke dienten.

Äls wir uns gesetzt hatten, fuhr Walther zu dem Mädchen gewandt fort:

„Willst du mir Modell stehen?"

„Was?" fragte sie und sah ihn groß an

„Ob ich dich einmal zeichnen soll?"

Sie blickte sttnnm _ und ungläubig zu ihm hinüber.

lustigt td) f ° nnte Ö0§ nlä,t? “ Iac ^ e cc 6e '

Verlegen senkte sie den Kopf und nickte „Sieh' einnial her", sagte er und legte sein Skizzen- buch, welches er noch unter dein Arme trug, auf den Tisch.

Langsam trat sie näher und blieb in geringer Ent- fermmg neben ihm stehen; er aber legte den Arm uni sie und zog sie dicht zu sich heran. So besahen sie miteinander das Buch, welches er anfgeschlagen hatte und dessen Blatter ec mit der freien Hand langsam umwandte. Das