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Beilage zum Wiesbadener Tagblatl.

Wo. 457. Morgen-Ausgabe.

Donnerstag, den 1. Oktober.

81. Jahrgang. 1903.

Ein Scherz, ein lachend Wort entscheidet oft Die größten Sachen treffender und besser Als Ernst und Scharfe. Hora,.

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(12. Fortsetzung.)

Gva Keonr.

Roman von Marie Bernhard.

. Und diese Großmutter scheint mir auch mit dem LrcA-u zu kurz gekommen zu sein, nimm mir's nicht übel!" pgllosophiarw Susi frermüftg fort. „Warum hat sie dich nicht angezogen? Das war' doch das Nächste ge­wesen! Und was soll eigentlich aus dir werden, ma blonde, wenn du das Institut, aller irdischen Weisheit voll, verlassest?"

„Ich weiß nicht, Susi! Wozu sollte ich Tante Gina darum befragen? Ach wußte ja genau im voraus, welche Antwort ich erhalten würde: das ginge mich nichts an, die Zukunft würde es mich lehren, und jedes Kind habe sich in das zu fügen, was ältere Leute für gut hielten!"

„Siehst du, dies Sichfügenmüssen — das ist zum Ver­zweifeln!" Und Susi stampfte zornig mit dem Füßchen auf. „Damit hat der Berliner Ohm mich vexiert bis aufs Blut! Wem Hab' ich mich fügen dürfen, wie ich in Wien in unserem schönen Ringstraßenpalais gewohnt Hab' — wer hat über mich bestimmt und mich hierhin und dorthin geschoben, wie ein willenloses Ding? Niemand! Ich habe tun und treiben dürfen, was mir gefiel, . . . und was mir nicht beliebt hat, das Hab' ich eben stehen lassen! Und nun? Du mußt dies und das — und jenes ist notwendig und dieses wird geschehen! Nein und tausendmal nein, Herr Onkel" — das Füßchen sprach wieder nachdrücklich mit, „es soll nicht und wird nicht! Sie sind ein schwerfälliger Preutz', und ich bin a fesche Wienerin, das taugt nimmermehr zusammen — und wir wollen einmal zuschauen, wer in unserem Kampf den kürzeren zieht!"

Dazu leuchteten Susis Blauaugen wie Saphire und sie ballte die kleine Faust und „steifte auch die' Evi aus", wie sie es nannte, — und ich wurde tapfer und unter­nehmend durch sie und nahm mir wunderschön vor, eben­falls den Kampf mit Welt und Menschen aufzunehmen

und immer den Kopf hoch zu tragen-niemals wollte

ich mich beugen, immer über den Verhältnissen stehen und kein Titelchen von meiner Eigenart aufgeben. — In Susi steckte neben vieler Kinderei doch sehon mancherlei Ge­reistes, sie hatte bei ihrer raschen Auffassungsgabe und Intelligenz nicht umsonst bis in ihr fünfzehntes Lebens­jahr in der großen Welt gelebt, die sie mit den ver­schiedenartigsten Elementen in Berührung brachte-

ich aber war ein vollständiges Kind, trotzdem ich weit be­lesener war als meine vergötterte Freundin; —• — aber wer sammelt Erfahrungen und schöpft Lehren und Be­obachtungen aus Büchern? Die bringt uns nur das Leben,-und hatte ich eigentlich gchebt bisher?? —

Es kann nicht meine Absicht sein, mein Pensions­leben mit peinlicher Genauigkeit zu entrollen, — es bot selbstverständlich in allgemeinen Zügen immer das gleiche Bstd: froher Verkehr untereinander, Lernen und Arbeiten,

Lob und Tadel, gemeinsame Ausflüge, beliebte und un­beliebte Lehrerinnen, kleine Verstimmungen unter ein­ander, — so ging mein Leben hin; — aber das eine muß ich sagen: die Anstalt, in der ich mich befand, war eine gute Anstalt, der Ton darin ein ungezwungener und dennoch seiner, die Lehrkräfte waren tüchtig, die Gegend entzückend schön und unsere körperliche Pflege und sittliche Überwachung in den besten Händen.

Mit Achtung denke ich an Monsieur Bellemont zurück, mit warmer Dankbarkeit an seine liebenswürdige Gattin, die nach und nach ihre Reserve mir gegenüber aufgab und den freundlich-mütterlichen Ton wieder aufnahm, der mich in der Stunde meiner Ankunft so wohltuend be­rührt hatte. Tie kluge Frau mochte ihrer eigenen Beob­achtung mehr trauen, als der wenig ansprechenden Schilde­rung, die Tante Gina chr von mir entworfen hatte, und wenn sie mich mit Susanne von Rothkirch zusammen sah, so mußte der Verdacht, ich könnte gefühlsarm und herzlos sein, augenblicklich schwinden.

O, meine herzige. Susi!! Wie Nebel vor der sieg­reichen, strahlenden Sonne fliehen, so schmolz mein Miß­trauen, meine Scheu, meine Verschlossenheit vor deinem herzerquickenden Wesen! Ich sehe — sehe sie deutlich mit meines Geistes Auge, die leicht aufgebautc, unsagbar zierlich anmutige Gestalt, das feine Köpfchen mit dem nußbraunen, dichten Haar auf dem schlanken Halse, den kleinen, frischen, plaudernden Mund, der so ansteckend zu lachen wußte, daß oft, auf ein Signal von ihm, das ganze Pensionat, Lehrer wie Zöglinge, mitgerissen wurde und das ganze Haus widerhallte von Lust und Leben —- ich sehe das niedliche Näschen, das sich, mit der kurzen Oberlippe im Verein, verächtlich rümpfte, wenn Susi sich über irgend ein unliebsames Thema zu äußern hatte, — die herrlichen, unvergleichlich schönen Augen mit ihrem wechselnden Ausdruck, — du mein Liebling, du unser aller Liebling, -— laß uns Gott danken, daß es Sonnen- kinder gibt wie dich, die hell und freridig durch das Leben gehen und Licht verbreiten um sich her, — lauter Licht! —

Die vielgeschmähten Mädchenfreundschaften! Da zucken die Herren der Schöpfung die Achseln und spötteln darüber und nennen solch ein Bündnis nichtig und klein­lich, aus Tand basiert, eine luftige Seifenblase, die ein hübsches Kleid, ein neuer Hut zersprengen kann, — von einem gemeinsamen Verehrer ganz zu schweigen! — Es ist ja möglich, daß die Jünglingsfreimdschaften edler, dauerhafter, idealeren Zielen zugewendet sind, — ob­gleich das, was ich seither an jungen Korpsstudenten beob­achtet habe, mir keinen allzu hohen Begriff von diesen idealen Zielen beigebracht hat! — Aber unsereins ver­mag wohl auch nicht, sich einen genügenden Einblick in ein solches Jünglingsbündnis zu verschaffen, daher will ich mich bescheiden und sagen: es fehlt mir das end­gültige Urteil darüber! Wird jedoch ein Mann dasselbe über Mädchenfreundschaften sagen? — Bewahre! Und doch hat er auch keinen genügenden Einblick — denn ein hier und da aufgeschnappter Brocken aus der Unter­haltung kann unmöglich das ganze Verhältnis charakteri- sieren; hört man doch auch keineswegs immer geistvolle, tiefe Gedanken von den Lippen spaziereirgehender junger Herren! — Aber er fühlt sich vollkommen berechtigt, die Achseln zu zucken, ironisch zu lächeln und mitleidig-ver­ächtlich von „Eintagsfliegen" und ähnlichen Dingen zu reden! — Lassen wir ihn lächeln, zucken und reden, —

wir zwei wissen's besser, nicht wahr, Susi? — Wenn der Vollmond über dem mächtigen Grammont stand und sein dunkles Berghaupt mit Silberfunken bestreute, wemr der Genfer See drüben wie ein Riesenspiegel erglänzte und die alten Bäume regungslos standen, wenn unsere Stubengenossin, die „Musterjungfrau" in tiefem Schlaf ruht und wir beide, eng umschlungen, flüsternd auf der breiten Fensterbank saßen, .... ja, es war viel törich­tes Zeug in dem, was wir zusammen sprachen, —-—

aber über jene Zeit und über jene Gespräche liegt ein Zauber schuldlosen Glücks, tiefer Poesie und reicher Ge­fühlsinnigkeit ausgegossen, den kern Genuß und kein geistiger Aufschwung späterer Jahre jemals ersetzen

konnte,-und wie ich dir tausendmal schon in meinem

Innern gedankt habe, so danke ich dir heute wieder, Susi, daß du meine junge, vereinsamte Seele unwiderstehlich cm dich gezogen und sie erwärmt und durchleuchtet hast mit deinem sonnigen Wesen!

Mit meinen übrigen Mitschülerinnen stand ich auf gutem Fuß, aber ich schloß mich an keine wärmer an, aus dem einfachen Grunde, weil mein Herz ganz von_ der schwärmerischen Liebe zu Susi ausgefüllt war und keinen Raum für ein zweites, stärkeres Gefühl hatte. Sie gab mir alles, dessen ich bedurfte, ich habe nie eine reichere Natur kennen gelernt, als die ihre es war. — Sie ver­stand es, das zu wecken, was bisher in mir geschlummert hatte: so war es mir völlig unbekannt gewesen, daß ich Humor besaß! Wer in meiner bisherigen Umgebung hätte ihn wohl in mir wecken sollen? Jetzt ertappte ich mich oft auf allerlei drolligen Beobachtungen, die, sobald ich sie den anderen mitteilte, ungestüme Heiterkeit erreg­ten, ■— da und dort, selbst von Monsieur und Madame, bekam ich zu hören: „la blonde aux yeux noirs", — diesen Beinamen hatte ich behalten, bis ich später noch einen anderen dazu bekam — „hat einen so allerliebsten Humor!" — Oft, wenn ich zufällig mein lusüg lachendes Gesicht im Spiegel sah, kam ich mir wie ausgewechselt vor und fragte mich verwundert: bist du dieselbe noch? Bist du das einsame, grüblerische, wortkarge, scheue Kind, das sich an seiner Mutter Grab stahl und stundenlang allein im Garten inmitten der blauen Glockenblumen, träumte? — Ja, es war eine schöne, eine fröhliche Zeit!

Doch konnte es nicht ausbleiben, daß selbst damals Stunden für mich kamen, in denen mein alter, ewig neuer Kummer frisch hervorbrach: der Kummer, daß ich so ganz allein in der weiten Welt dastand! War das ein Jubel im Pensionat, wenn der Brieftag kam und der dicke, freundliche Postbote schmunzelnd seine geräumige Leder­tasche öffnete und ganze Pakete an Mademoiselle Louise gab, welche die Briefe auszuteilen hatte und nun in­mitten der vielen, sie umdrängcnden jugendlichen Ge­stalten wie eine gute, gemütliche Herbstblume, umringt von lauter frischen Blüten und Knöspchen, anzusehen war. Wie die vielen Hände sich ausstreckten, wie die Augen ver­langend leuchteten, die Lippen lachten! lind nun flatter­ten sie alle wie eine emporgeschenchte Taubenflucht davon, und jede suchte sich ein stilles Eckchen und las die lieben Worte aus der Heimat mit hochklopfendem Herzen. Was gab es da später alles zu fragen, zu erzählen! „Was schreibt dein Vater, Lydia? Kommt er wirklich künfftgen Monat her?" — „Ist deine Mama jetzt ganz gesund, Sigrid, und ist das kleine Schwesterchen schon getauft?" lFortsetzung folgt.)

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