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U0. 458. Berlags-Fernsprecher No. 2,83. Dl»««erSlag» de« 1. Oktober.
Redakttonö-Fernfprecher No. 82.
1903.
Abendausgabe.
Mc wird die ßrifls iw Domrellhe cuDcnV
Tie politische Krisis in Ungarn ist längst eine chronische geworden, und die einzelnen Phasen, welche wir in der jüngsten Entwickelung Ungarns zu verzeichnen hatten, die Demission des kroatischen Grafen KhuemHedervary, seine provisorische Wiederbetrauung mit dem Ministerpräsidium und jetzt seine abermalige Demission, sind nur akute Zwischenfälle jener chronischen Krisis. Diese Krisis ist aber um so unheilvoller, als sie gleichzeitig auf die völlig verfahren« Verhältnisse in Österreich und endlich auch auf das ohnehin aufs äußerste gespannte Verhältnis zwischen den beiden Reichshälften in der folgenschwersten Weise einwirkt.
Der Versuch, mit dem abgewirtschafteten Grafen Khuen-Hedervary den verfahrenen ungarischen Staatswagen aus dem Sumpf zu ziehen, konnte nur in einem Lande als aussichtsvoll betrachtet werden, wo die Polistk des Fortwurstelns zu einer historischen Eigentümlichkeit geworden ist. Für jeden unbefangen Urteilendm war es von vornherein klar, daß dieser Versuch mit untauglichen Mitteln nicht nur scheitern, sondem daß er die Karre mrr noch tiefer in den Sumpf hineinziehen mußte. Und so rst es denn auch gekommen. Während der provisorische Mnisterpräsident die Rolle jenes Mannes spielte, welcher auf dem Dache sitzt und sich nicht zu helfen weiß, hat die Unabhängigkeitspartei sich immer mehr zum Herrn der Situaston gemacht, und gleichzeitig ist der Riß innerhalb der liberalen Partei so tief geworden, daß die Trennung des Apponyischen Anhangs von dem Gros der Liberalm als ein Faktor erscheint, der vielleicht früh«, als man dmkt, in die politische Rechnung eingestellt werdm muß.
Wie die Krisis in Ungarn gelöst werden soll, das heißt nicht nur, wie durch die letzte Berufung Khuen-Hedervary, provisorisch, sondem in einigermaß« Erfolg versprechen- der Weise, darüber ist man zurzeit sowohl in Trans- wie in Zisleithanien noch in völliger Ungewißheit. In den Audienz« mit Kaiser Franz Joseph hat sich kein ungarischer Politiker bereit gesund«, auf Gmnd der von den ungarisch« Heißspornen als unzulänglich bezeichnet« Zugeständnisse in der Armeefrage den Versuch einer Kabinettsbildung zu machen. Weiter aber kann und darf Kaiser Franz Joseph nicht gehen, nicht nur weil er sonst sein« jüngsten Armeebefehl desavouieren, sondern auch weil jedes weitere Entgegenkommen gegen die ungarischen Unabhängigkeitspolistker dm Anfang vom Ende der Reichseinheit bedeuten würde.
Es wäre dmkbar, daß man mit der Lösung der Krisis wieder da einsetzte, wo sie begonnen hat, nämlich beim Rücktritt des früher« Ministerpräsidenten v. Szell. Hätte man in Wien seinerzeit diesem die Zugeständnisse ge
macht, die man Herrn Khuen-Hedervary auf dem Präsentierteller dargäoten hat, so wäre vielleicht die ganze Krisis zu beschwören gewesen. Heute ist es noch mehr als unwahrscheinlich, daß «in Kabinett Szell oder ein anderes, welches das Armeeprogramm des Monarchen vertritt, mit dieser Volksvertretung fertig wird. Wenn aber die Krone etwa einen Versuch mit einem Kabinett Apponyi machm wollte, um die Unabhängigkeitspolistker durch ein solches taktisches Zugeständnis zu gewinnen, dann hieße das, den Teufel durch Belzebub austreiben.
Ein Paktieren mit der ungarischen Unabhängigkeitspartei ist für Österreich schlechterdings nicht mehr möglich. Die jüngsten Erfahrungen haben gezeigt, daß die Unabhängigkeitspolistker an keine Abrüstung.denken, ehe sie nicht die gänzliche Zweiteilung der österreichisch- ungarischen Armee durchgesetzt haben. Wie sehr sich aber auch die österreichischen Polistker von den heißblütig« Ungarn habest an die Wand drückm lass«, so weit, daß dabei die gemeinsamen Heereseinrichtungen und damit die Großmachtstellung der österreichisch - ungarischen Monarchie in die Brüche geht, kann und wird man es in Österreich nicht kommen lassen.
Vielleicht hat man unterdes in Österreich bereits ein- gesehen, wie verfehlt das schwächliche Zurückweichen vor den Stürmern und Drängern in Ungarn, deren Begehrlichkeit mit jedem neuen Zugeständnis wuchs, gewesen ist. Jetzt ist es freilich sehr schwer, den Fehler dieser schwächlichen Nachgiebigkeit noch gut zu machen. Eine Auflösung des Abgeordnetenhauses wäre, wenn sich, was sehr fraglich ist, überhaupt ein ungarischer Polistker zu einem solchen Experiment bereit finden würde, jedenfalls ein sehr gefährliches Wagnis, denn voraussichtlich würden die Neuwahlen angesichts der Stimmung im Lande eine noch west oppositioneller gesinnte Volksvertretung er- geoen. Der Mann aber, der mit dem jetzigen ungarischen Parlament ferstg wird, soll noch gefunden werden.
Es ist eine schlimme, arg zerfahrene Situaston, deren Folgen sich bereits auch in Österreich geltend machen, wo die verschiedenen „int«ressanten"Nastonalitäten, vor allem die Tschechen und Polen, bereits zu verstehen geben, daß, was den Magyaren recht ist, ihnen billig sei. Für uns Reichsdeutsche aber bieten diese Wirr« einen um so unerfreulichen An- und Ausblick, als diese innere Schwächung unseres Bundesgenossen nicht ohne Rückwirkung auf das Gewicht bleiben kann, das er in die Wagschale der inter- nastonalen Polistk zu werfen vermag!
Deutsches Deich.
* Hof- nnd Personal-Nachrichten. Der Kaiser wird voraussichtlich bis 6. Oktober in Romintcn bleiben. Am 81. Oktober wird der Kaiser dem Stapcllauf eines neuen Linienschiffes auf der Werft des Vulkans in Stettin beiwohnen.
* Berlin, 30. September. Bei den in Berlin am 9. Oktober beginnenden Verhandlungen zwischen deut
schen und schweizerischen Kommissaren handelt es sich, wie die „Nat.-Ztg.-" von unterrichteter Seite erfährt, um vorbereitende Besprechungen über den neuen Handelsvertrag. Der Auffassung gegenüber, daß nur die Revision des bestehenden Handelsvertrages in Frage stehe, weist das Blatt darauf hin, daß auf beiden Seiten der neue autonome Zolltarif den Vorbesprechungen grunde gelegt werden müsse.
In der Streik-Angelegenheit der Omnibus^ Angestellten hat die Direktion der Gesellschaft sich zu einem entgegenkommenden Schritte entschlossen. Die Gesellschaft ist bereit, Kutscher, Schaffner und Stallleute, die über 10 Jahre in ihren Diensten standen, sofort, und die über 5 Jahre im Dienst waren, nach Bedarf wieder einzustellen. Das augenblicklich im Dienst befindliche Personal wird behalten.
* Zu den Handelsvertragsoerhaudluugcn. Wie öaS „B. T." aus London berichtet, sind die englisch-deutschen Handelsvertragsverhandlungen völlig ins Stocken geraten. Bon beiden Seiten wird die Unsicherheit der politischen Verhältnisse in England geltend gemacht.
* Sozialdemokratische Parteiversammlunge«. Von den sechs sozialdemokratischen Partei-Versammlungen, die vorgestern abend in Berlin stattfanden zur Berichterstattung über den Dresdener Parteitag, nahm die in der Bock-Brauerei tagende Versammlung des 2. Wahlkreises einen interessanten Verlauf. Hier hatten sich auch Bebel, Fischer, Auer, Wurm, Stadthagen und Bernhard eingefunden. Es kamen aber nur Fischer und Stadt» Hagen zu Wort. Den Parteibericht erstatteten Werner und Fülle. Beide traten lebhaft für Bebel ein und hielten eine scharfe Abrechnung mit den Revisionisten, wobei I)r. Braun am ärgsten mitgenommen wurde. In der Debatte ergingen sich die meisten Redner in den schärfsten Angriffen auf die Revisionisten, denen Bebel schon früher das Handwerk hätte legen sollen. Stadthagen stellte ist Aussicht, daß dem Genossen I)r. Braun sein Reichstags- Mandat von der Partei entzogen werden müsse, falls! er es nicht freiwillig niederlege, da sich kein Genoffe finde, der mit ihm in der Fraktion sitzen wolle. Leute, die nicht ehrlich seien, müßten fliegen. (Stürmische Zustimmung.) Einen breiten Raum nahmen die Angriffe gegen Fischer ein. Es wurde ihm vorgeworfen, er habe die Berliner Parteigenosien denunziert und diskreditiert durch die Verbreitung der Nachricht, die Berliner suchten eine Wiederwahl Auers in den Partei-Vorstand zu hinter- treiben. Es wurde eine Mißtrauens-Erklärung vorgeschlagen, falls Fischer nicht öffentlich Abbitte leiste. Fischer erklärte, daß er eine Diskreditierung der Berliner nicht beabsichtigt habe und den ganzen Vorfall bedauere. Die Versammlung wurde erst um 1 Uhr nachtS geschlossen. — In der Versammlung des 3 . Wahlkreises hat der Abgeordnete Heine den Wählern sein Reichstags- Mandat zur Verfügung gestellt. Der Abgeordnete Zubeil und der Stadtverordnete Schulz hatten Resolutionen eingebracht, in denen Heine eines Mandates für unwürdig erklärt wurde. Heine verteidigte in längerer Rede seine Haltung. Als er dabei von der Majestät
Der gefundene Schädel. j
Von Walter I. Wells.
Autorisierte Übersetzung von Haus Leonardi.
„Es tut mir aufrichtig leid, Ihre Werbung ablehnen zu müssen, Mr. Bräton, aber ich kaust Ihre Frau nicht werden"', erklärte Evy Dallinger, die SlHillehrerin oon Broken Istdgo, die trotz ihrer zweiunddveißig Jahre für die hübscheste Frau der Minenstadt galt.
„Weil — weil Sie einen anderen lieben?" fragte Harold Bretton in schmerzlicher Bestürzung.
„Nein, dieserhalb nicht", entgegnet« sie traurig. „Ich
ich habe Sie sehr gern — schon seit unserem ersten Begegnen. Wissen Sie noch? Damals als Sie mich photographierten."
Harold Bretton war der einzige Photograph des Distriktes und auf dem Wege, ein vermögender Mann zu werden, da er jede Gelegenheit wahrnahm, Porträts der Goldgräber zu fertigen, welche bei guter Ausbeute mit ihrem Geld sehr splendide umzugehen und trotz ihrer rauhen Art eine ziemliche Dosis Eitelkeit zu besitzen pflögen.
„Aber was bewegt Sie dann zu Ihrer Ablehnung?" forschte er niedergeschlagen. „Jst's, weil Sie die Schule nicht aufgeben möchten, Mrs Dallinger?"
„Nein, nein, auch das nicht, zumal ich gestern nieine Entlassung erhalten habe", erwiderte sie mit leise bebender Stimme. ^
„Ihre Entlassung?" rief Harold betreten. „Nachdem Sie hier acht Jahre als Lehrerin tätig waren?"
„Ja! Man — man hat etwas — etwas Nachteiliges über mich gehört und hält mich daher für dieses Amt nickst länger für geeignet."
„Etwas Nachteiliges?" .
„Na, man hat gehört, daß mein Mann einen Mord begangen hat. Und um seines Verbrechens willen muß die von ihm vor zehn Jahren verlassene Frau gestraft, ge- brandmarkt werden."
„O diese Elenden!" rief Bretton zornig. „Aber ich ahne, wer das ins Werk gesetzt hat. Kein anderer als Venner, denn er haßt Sie."
„Darin irren Sie wohl", versetzte Evy, der Brettons ungestümes Ausbrausm ein trübes Lächeln entlockte. „Er hat mir sogar einmal seine Hand angeboten."
„Coroner Venner hat Ihnen seine Hand angeboten? Und Sie haben dieselbe ausgeschlagen? Nun begreife ich . . . ."
Minutenlang stand er in schweigendem Sinnen.
„Mrs. Tallinger", sagte er dann ruhig, „wollen Sie mir erzählen, was Ihnen über den besagten Mord bekannt ist?"
„Ich kann Ihnen nur wenig darüber sagen. Ich lag damals gerade schwer krank in Adelaide und hörte erst nach Monaten davon. Als neunzehnjähriges Mädchen verheiratete ich mich mit Mark Dallinger, der meiner jedoch sehr bald überdrüssig wurde und mich schlecht behändste. Als es meinem Vater zu Ohren kam, bewog er mich, zu ihm zurückzukehren. Dann hörten wir, daß Mark sich unter dem Namen Alfred Jork in Ballarat aufhalten sollte. Etwa ein Jahr darauf sandte er mir einen reuigen Brief mit einer Fünfzigpfundnote und teilte mir mit, daß er bei der Minenarbeit Glück gehabt und nun im Begriff sei,mit einem Kameraden nach irgend einer neuen Mine zu gehen. Wenn alles gut ginge, wolle er sich eine Besitzung kaufen und ein neues, besseres Leben beginnen, und er hoffe, daß ich dann zu ihm zurückkehren würde. Bald- darauf erkrankte mein Vater und starb nach langem Leiden. Erschöpft durch die Aufregung und Anstrengimg der Pflege brach ich zusammen und lag monatelang schwer darnieder. Später erzählte man mir. daß Mark nach dem Norden gegangen sei, daß er sich mit seinem Gefährten entzweit und denselben getötet habe, um sich, wie man annahm, dessm Gold anzueignen. Der Mord war an einem einsamen Orte Namens Mertons Drive geschehen und der Körper des Toten erst nach mehreren Tagen entdeckt worden. 'Obwohl der Kopf der Leiche schlte, war diese als die des Gefährten Alfred
Jorks erkannt worden. Seither — zehn Jahre sind darüber vergangen — habe ich nichts mehr von ihm oder über ihn gehört. Nach meiner Genesung begann ich zu unterrichten und erhielt vor acht Jahren die Anstellung an der hiesigen Schule. Den Namen meines Mannes behielt ich bei, ließ die Leute jedoch in dem Glauben, daß derselbe tot sei."
„Wenn Sie wüßten, daß er nicht mehr am Leben isst würden Sie dann die Meine werden?" fragte Bretton ernst.
„Ja! Aber diese Ungewißheit macht es mir unmöglich."
„Nur noch eine Frage, Mrs. Dallinger, wußten Sie. als Sie hierher kamen, daß Broken Rtdge nur ein paar Meilen von Mertons Drive entfernt liegt?"
„Nein, das erfuhr ich erst vor zwei Jahren."
„lind wissen Sie, daß der Kopf des Ermordet« bisher noch immer nicht aufgefunden ist?"
„illein, das habe ich erst neulich bei Gelegenheit der Auffindung des Schädels gehört. Und ein paar unbedachte Worte, die ich mir damals entschlüpfen ließ, haben der Welt verraten, daß ich das Weib eines Mörders bin."
„Würden Sie es wohl über sich gewinnen, der Mittwoch stnttfindenden amtlichen Besichtigung des Schädels beizuwohnen, Mrs. Dallinger?"
„Nein, das kann ich nicht", ries sie schaudernd. „Ist es notwendig?" setzte sie dann fragend hinzu.
„Unbedingt nötig ist es nicht, da man keinerlei Fragen an Sie stellen wird. Doch Ihr Erscheinen wäre mir sowohl um Ihrer selbst als um meinetwillen sehr erwünscht, Wollen Sie mir die Bitte erfüllen?"
„Nun sei es denn — weil Sie es wünschen."
❖
Infolge des Gerüchtes, daß die Auffindung des Schädels in Mertons Drive zu interessanten Enthüllungen Anlaß geben würde, war der Gerichtssaal von Broken Ridge mit einer dichtgedrängten Menschenmenge gefüllt. Auch die'Richter schienen auf Außergewöhnliches gefaßt zu sein, da vor jedem Fenster eine Rolle dicken schwarzen
