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Mittwoch» den 30. September.

Ncbaktions-Fernfprecher No. 52 .

1803.

KsZß'Dsn -jlasgabe.

IÄv öcrs 4. GuctrrtcrL 1903

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„Wiesbadener Tagblatt"

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WBelwdsxlilM Mb JiropplitilL

Ein bekannter Nationalökonom hat das heutige Honst- kvejL mit einer „tauben Nutz" verglichen, die man wohl vergolöen, aber nicht etzbar machen könne. Der Vergleich trifft nicht zu. Würde er der Wirklichkeit entsprechen, so Mte die Zukunft für das Handwerk keinen Wert und jede Mühe zu seiner Erhaltung wäre Krastverschwendung. Um jfisfft Handwerk auch im Zeitalter einer großkapitalistischen Warenerzeugung eine gesunde Grundlage zu geben, ihm gegen den Ansturm der Industrie Festigkeit zu verleihen, muß man allerdings andere Mttel anwenden, als sie unsere „Mittelstandspolitiker" als ganz besonders wichtig bezeichnen. Vor allem muß man anfhören, mit dem Worte „Mittelstand" einen Mißbrauch zu treiben; man muß verstehen lernen, daß der Begriff Mittelstand außer­ordentlich dehnbar ist, und die Forderungen, welche man heute als „Mittelstandspolitik" bezeichnet, sich zum guten Leil gegen den Mittelstand selbst richten. Man begeht »ben den Fehler, unter „Mittelstand" im wesentlichen die Handwerker und .Kleinkaufleute zu verstehen, während er doch, wie die Statistik beweist, heute zahlreiche verschieden­artige Berufskreise umfaßt, in deren Masse Handwerker und Klein kaufleute nicht einmal die Mehrheit bilden. Auch sollte man endlich bei den herkömmliche Mittel- ftmtstspolitikern aufhören, die genannten Berufszweige als

& besondere Stützen des Staates zu bezeichnen. Den- Anspruch machen die Landwirte, die Industriellen, die Beamten, die Gelehrten, die Arbeiter, das Militär- jeder ehrenwerte Berus hat ein Anrecht ans die Bezeig mmg, eine Stütze des Staates, d. h. ein Pfeiler des Ge- chernwohls, zu sein.

Es wäre gut gewesen, wenn man sich über dieses und Manches andere aus dem kürzlich in Stuttgart abge- haltenen -nternationalen Mittelstaudskongresse klar ge- vorden wäre. Was dort versäumt ist, holt vielleicht die

„internationale Mittelstandsvereimgung" nach, die auf der Zusammenkunft in das Leben gerufen wurde. Wir wollen unsere Erwartungen in dieser Hinsicht nicht hoch spannen, aber vielleicht trägt diese Vereinigung doch etwas dazu bei, daß die Mittelstandspolitiker den nutzlosen Kampf gegen die Naturgesetze der wirtschaftlichen Ent­wickelung aufgeben und dafür alle Kraft daran setzen, die ^Vorteile, welche diese Entwickelung auch dem Klein- > gewerbetreibenden bietet, mit Umsicht cmszunutzen. l Mittelstandspolitik muß Fortschrittspolitik sein, wenn sie Kleben soll. Bon dieser Erkenntnis ist man jedoch in ' Deutschland soweit entfernt, daß man an die Stelle der Entwickelung den polizeilichen Zwang setzen möchte. Sehr bezeichnend ist in dieser Beziehung das „wirtschafts­politische Programm", welches der „Deutsche Bund für Handel und Gewerbe" in diesem Sommer aufgestellt und in seiner Jahresversammlung in Dresden zum Beschluß erhoben hat. Wenn das der Weisheit letzter Schluß ist, dann muß man bedauern, daß die berechtigten Interessen der Kleingewerbetreibenden keine Vertretung fanden, die eine tiefere Einsicht in die treibenden Kräfte'der Zeit und ihre Forderungen besitzt. Der „Bund" setzt sich zu- sammen aus Vereinigungen der Kaufleute, Handwerker und Gewerbetreibenden. Natürlich soll nach dem Pro­gramm alle „nationale Arbeit" geschützt werden. Schon das gibt zu Mißdeutungen Anlaß. Was versteht der „Bund" denn unter nationaler Arbeit? Etwa nur hand­werksmäßig hergestellte Ware oder solche, die cnif dem deutschm Markt bleibt? — Dann würde z. B. Sachsen in der Hauptsache keine nationale Arbeit verrichten, denn die meisten Erzeugnisse der sächsischen Industrie gehen in das Ausland. Das ganze Programm besteht ini wesent- lichen aus Zwangsmaßregeln. Verboten soll werden das Eindringen des Großkapitals in den Detailhandel, weiter Fabrikniederlagen, Filialen, Wanderlager, Offiziers­und Beamtenwarenhäuser und — Konsumvereine; Offi­ziere und Beamte sollm weder entgeltlich noch unentgelt- lich den Ein- und Verkauf von Waren vermitteln, auch sollen sie bei Aktiengesellschaften oder Wirtschaftsgenossen- schaften weder im Aufsichtsrat noch im Vorstande sitzen. Konsumvereine sollen nur erlaubt sein, wo ein Bedürfnis nach ihnen vorliegt und soweit sie sich nicht mit der Her- stellung von Waren selbst beschäftigen; geschieht das, sollen sie mit einer progressiven Umsatzsteuer belastet werde«. Die Auszahlung von Dividenden und Rabatt soll allen derartigen Vereinen und auch dm privaten Detail- geschäftm verboten sein; eine Reichsumsatzsteuer in Ver­bindung mit Branchensteuer wird verlangt für Waren­häuser, Versand- und Abzahlungsgeschäfte. Trusts und Ringe in Gmuß- und Verbrauchsartikeln, die auf Mono- polisierung bestimmter Produktionszweige oder des Handels mit bestimmten Waren abzielen und eine Aus- Leistung des Publikums zur Folge habm, sollm verbotm werden. Die Fonds- und Warenbörse soll im Sinne

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dieser „Mittelstandspolitik" reformiert und es soll der- boten werden, daß Gläubiger von Detailkauflmtm neben einem Zinsfuß von 6 Prozent noch dm geringsten Ge­winnanteil, Umsatzprämie usw. erhalten. Detail-' geschästen soll verbotm werden, die geringste Verpslich- tung einzugchm, für eine gewisse Dauer bestimmte Waren aus einem Großgeschäfte zu entnehmen. Auch das Aus- zeichnen der Warm mit Preisen in dm Schaufenstern, was doch dem Publikum so angenehm, soll gesetzlich unter­sagt werden. A l s o Z w a n g u n d S t e u e r n ist ein wesentlicher Teil auch des nm beschlossenen wirtschasts- politischen Programms.

Gegm andere Forderungen läßt sich nichts einwenden. Es findet durchaus unseren Beifall, wmn sorgsamste Pflege und Ausbreitung der Fach- und Fortbildungs­schulen, sowie alle für dm Mittelstand geeigneten Bildungsgelogmheitm verlangt werden. Leider werden derartige Gelegenheiten viel zu wenig bmutzt. So er- innern wir uns, daß die gewiß sehr lehrreichen Führun­gen durch gewisse Abteilungen der „Deutschm Städtc- ausstelluug" für Handwerker eingestellt werden mußten — weil die Beteiligung zu gering war! Auch wird man rückhaltslos zustimnrm, wmn eine zweckmäßige Aus­gestaltung des Kredites für Handel, Handwerk und Ge­werbe verlangt wird. Doch auch hier wird das bereits Vorhandene nicht überall beachtet. So haben in Sachsen Regierung und Landtag 5 Millionm Mark bewilligt, um das Kreditbedürfnis der kleinen Landwirte und Hand­werker aus dieser Summe zu befriedigen. Das Geld wird nur an Berufsvereinigungen gegen geringen Zins geliehm. Während die Landwirte sofort von der Ge­legenheit, billiges Geld zu erhaltm, Gebrauch machten, war Jahre nach der Bewilligung von den Handwerkern noch nichts verlangt worden und auch heute wird der Fonds von ihnen nicht nmnmswert in Anspruch ge­nommen. Nicht weil man kein Geld gebraucht, sondern weil man zu gleichgültig ist, die leichten Bedingungen zu erfüllen, die der Staat den Entlechern stellt. Die Kredit- frage wäre für das Handwerk in Deutschland längst ge- löst, wmn diese ungemeine Gleichgültigkeit gegen das eigene Interesse zur rechten Zeit überwunden wäre, wenn man Handwerker und Kleinkauslmte nicht aus den stemigen Acker einer sogmanntm „Mittelstandspolitik" im Kreise herumgeführt, sondern ihnen bei Zeiten einen kräftigen genossenschaftlichen Geist eingeprägt hätte. Auch gegm das verlangte schärfere gesetzliche Vorgehen gegen unlauteren Wettbewerb und Ausverkaufsschwindel läßt sich nichts einwmdm, ebenso ist eine Regelung des Sub- missionswesms zu wünschen. Allerdings hat auch hier das Handwerk durch die geistige und kaufmännische Rück- ständigkeit vieler seiner Angehörigen manche Übel selbst verschuldet. Wenn inan die Ergebnisse der Submissionen sieht, so gewinnt man leider die Überzeugung, daß Rech- nen augenscheinlich die schwächste Seite manchm Hand-

Feuilleton.

Berliner Stimmungsbilder.

Von Paul Lindenberg.

tistiker.— Gutes und Schlimmes der Zahlen- en Berliner. — „Berlin" und Berlin. — - Die Statistik und die Knnst. — Gefallene aus dem Kunstleben. — I. Rnmmelspacher und A. v. Werner.

EsistdochwasSchönesumdieStatistik -- notabene, wenn sie uns Angenehmes sagt. Das ist allerdings nicht häufig der Fall, meist starren uns aus den langen Zisferreihm recht häßliche Schreckgespenste entgegen, daß wir schnell die Blicke fortwendcn, etwa wieviele Selbstmorde in einem Monat zu verzeichnen stnü, wie sehr die Zahl der jugendlichen Verbrecher in der Zunahme begriffen, wieviele Menschen durch Un- »lücksfälle in der und der kurzen Frist ums Leben ge­kommen und ähnliches in langer Folge mehr. Gerad lür die Weltstadt spricht die Statistik eine oft sehr beredte spräche und berichtet uns in trockenster Weise von zahl­losen Tragödien, die sich Tag für Tag hier abspielen und !wn denen man meist nur durch die kurzen Worte des Poltzeiberichts vernimmt. Als kürzlich bekannt ward, baß in diesen Septembcrtagen sich hier die hervorragend­sten Statistiker der ganzen Welt zu einem Kongreß vereinen würden, da fragten sich viele verwundert, ob denn das überhaupt einen Zweck hätte, die grundgc- scheiten Herren würden jedenfalls unendliche Zahlen ihren Tabellen entnehmen und daraus einen Brei kochen, der jedem Bewohner des sowieso schon genugsam angc- feindcten Berlin tüchtig im Magen liegen müßte. And siehe da, das Gegenteil ereignete sich. Erstens schwirrte es überhaupt nicht von endlosen Ziffern in den Vor­trägen uniher, wie man gefürchtet, sondern es wurden stus den genauen Vercchnungen der vergangenen Jahre bloß die wichtigsten Schlüsse gezogen, dann aber brachten uns letztere sehr gute Kunde, die den Berlinern ebenso angenehm schmeckt wie eine „kühle Blonde" bei drücken­der Julihitze. Ward doch urbi et orbi verkündet, daß

Vom Kongref; der Sta spräche. — Wir arm iküline Hoffnungen. — Vrvßcn. — Allerhand

Berlin die gesündeste der Weltstädte sei, da es unter sämtlichen westeuropäischen Millionenstädten über die günstigste Sterblichkeitsziffcr verfügt. Aller­dings fehlt auch bei dieser erfreulichen Mitteilung nicht der bekannte Wermutstropfen, so daß man an das Frage- und Antwortspiei zwischen Patienten und Arzt erinnert wird: „Also ich habe nichts an der Lunge, Herr Doktor?" — „Nein." — „Wie steht's mit der Leber?" — „Brillant." — „Und Zucker?" — „Keine Spur." — „Herr­isch, da darf ich mich ja glücklich preisen?" — „Ja, das können Sie, mein Lieber, Sie können froh sein, daß Sie d i e Krankheiten nicht haben .... Sie haben bloß so'n kleines Herzleiden, das Ihnen die äußerste Schonung auf­erlegt . . . ." — „Um Gotteswillen, Herr Doktor. . ." — „I, sein Sie man ruhig, sonst sind Sie ja ganz ge­sund und manche Herzleidcnde haben schon ein ganzes hübsches Lebensalter erreicht!" — — Hörten wir doch nach der obigen günstigen Äußerung, daß cs sonst mit der Sterblichkeit in den Weltstädten recht bös bestellt sei und daß hierbei wiederum die Eingeborenen am übelsten dran seien, denn ihnen kürzt die Parze am ehesten den Faden, daß dagegen die Zugezogenen vom Sensenmann

länger verschont blieben.-Hübsche Aussichten, auch

für den Schreiber dieses, der zu den von Statistik Gnaden auf den Aussterbeetat gesetzten „geborenen" Berlinern gehört.

Na, eine Freude haben wir mit Spreewasser Ge­tauften doch noch gehabt, ehe wir ganz verschwinden wer­den vom heimischen Boden, daß wir unseren Ober­bürgermeister in der Rolle eines Admiralski in Danzig gesehen, wie er die Namensnennung an einem Kriegsschiff vollzogen - erhebender Moment in der Ge­schichte Berlins, in Wort und Bild den kommenden Ge­schlechtern stetig aufznbewahren! „Berlin" wird nun auch auf fernen Meeren vertreten sein, stolz muß sich die Mannschaft des neuen Eisenkolosses fühlen, daß letzterer den Namen der Reichshanptstadt trägt, die mit der Ent­wickelung des deutschen Vaterlandes so forsch Schritt ge­halten und ihr.c bedeutend älteren und größeren Schwe­stern an der Seine und Themse so bald erreicht, in manchem sogar überflügelt. Und wenn nun auf S. M. S.

„Berlin" vor Berlin erst selbst mal die Anker werfen wird, nachdem das einstige Fischerdorf zur Seestadt ge­worden, dann-doch halt, von solchen Zukunfts-

tränmen, die mit dem Van von Wasserstraßen Zusammen­hängen, mutz gegenwärtig ein loyaler Staatsbürger ab- sehcn, die Zeit derartiger Pläne ist vorläufig vorüber, Berlins Zukunft liegt nur mit dem Namen eines Panzer­schiffes auf dem Wasser, und wir sind zufrieden, wenn dasselbe unserer Stadt Ehre cinlcgt! Es gibt ja andere Dinge, die uns über unsere zerschlagenen Seestadt-Hoff­nungen hinwegtrösten können, beispielsweise, wenn unser verchrlichcs städtisches Oberhaupt zum Marine. Minister ernannt würde! Nach den kürzlichen Äuße- rungen des Grafen Bülow in Dresden, daß wir noch manchen Bürgermeister als Minister erleben werden, ist solch Ding garnicht unmöglich! Dann wäre auch gleich auf einfachste Weise die langweilige Platzfrage für das Oberkoinmando der Marine gelöst, indem diesem bas Rat­haus eingeräumt wird. Die Landratten, die bisher darin gehaust, werden leicht ein anderes Heim auf Spreezillcn und Apfelkähnen finden. Schade, daß wir nicht einen Karnevalszug wie in Köln haben, unser hoher Narrcn- rat brauchte diesmal nicht um wirksame Gruppen ver­legen zu sein!

Um übrigens nochmals auf die Statistik zurückzu­kommen, scheint diese einen Sieg errungen zu haben auf einem Felde, auf welchem ihr sonst nicht viele Lorbeeren erblühen bürsten — ans dem der K u n st. Nicht wahr, das fügt sich schlecht zusammen, und doch ward ein Vers daraus, aus dem sich freilich diese und jene noch immer nicht einen . . . Reim machen können! Erschien da vor wenigen Monaten ein kleines, rotes Heft, das sich „Die große Berliner Kunst-Ausstellung — eine Flucht der Künstler in die Öffentlichkeit" betitelte, weniger im Pub­likum als wie in den Künstlerkreisen Beachtung findend. An der Hand von Ziffern wurde nachgemiesen, welchen materiellen Schaden die deutschen Künstler durch die auf­fällige Bevorzugung der ausländischen Kollegen inner­halb eines, Jahrzehnts erlitten und im Anschluß daran wurden noch allerhand andere Beschwerden hervorgc- bracht, vor allem, daß in diesem Jahre die Jury unserer