Uo. 43Z. Morgen-Ausgabe.
Mittwoch, den 30. September.
öl. Jahrgang. 1903.
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Mache nicht schnell Jemand zu deinem Freunde; ist ers aber einmal, so muß ers gegen den dritten Mann mit allen A seinen Fehlern sein. Mathias Claudius. L
___ _»
(11. Fortsetzung.)
Eva Leoni.
Roman von Marte Bernhard.
V.
Wie sollte ich auch wohl? Das fragte ich mich selbst '"sich, als etwa zwei Stunden spater Tante Gina in Bellemonts kleinem Salon von mir Abschied nahm. — Während ich in ihre kalten, grauen Augen olrckte. hatte ich rar eine Empfindung: die der Freude und Erleichterung, daß sie nun ging, mich mir selbst überließ, mich nicht beständig überwachte und andere nicht g^en mich beeinflußte. — — daneben empfand ich eine Art Trauer, daß es so war. daß ich von der Pflegerin merner Kindheit mit keinem wärmeren Gefühl Abschied
konnte.aber dadurch wurde die Sache
Ml sich mcht geändert! —
"Nun. Eva. ich hoffe zuversichtlich, daß du fleißig, nusmerksam und lernbegierig und außerdem bestrebt sein ^chkung und das Wohlwollen deiner Lehrer Mw Mrtschulennnen zu erwerben. Deine körperliche wie llEtlge Pflege sind in den besten Händen; du befindest dich aber m einem Alter, da der denkende Mensch im- pmwe rst, selbst mitzuarbeiten an seiner Dervollkomm- uud Selbstdisziplin, — es wäre gut. wenn du dessen immer eingedenk sein wolltest! Zügele bei Zeiten deme Leidenschaften. ^ deine blinde Heftigkeit, deinen Starrsinn, den kindischen Troß und die unbefugte Nen- gier. — versuche, dein liebloses, unweibliches Wesen ab- zulegen. was emem jungm Mädchen sehr schlecht ansteht, und lege keinen zu großen Wert auf Äußerlichkeiten, wo- zu du einen gefährlichen Hang besitzest. Auch hoffe ich. daß du das ^ntrrguieren und Spionieren, aus Mangel mr Gelegenheit, hier lassen wirst, — mir hast du dadurch
U«mche ernste Unannehmlichkeit bereitet.-Ich ver-
faffs dich Voraussichtlich auf lauge Zeit. — wer kann ich dich wiedersehe! Ich gedenke, dir regel
K^fwechfel treten. ..... nun. was ist dabei zu er'.
» ' E. ^ ^vtte ich es nicht vermocht, meine offen- wa Bestürzung zu verbergen.
sie das selber?" stotterte ich.
„Selbswerstcmdlrch. Eva, tut sie das In jedem du regelmäßig Nachricht'von ihr erhalten, undrhr, rmch Ablauf einer Woche, ebenso regelmäßig £”£*** flN welchem Tone deine Anttvorten zu
Holom sind, das wird drr die Art und Weise deiner Groß-
ut ri ln J» re f»^^ en an hidj anzeigen.-
ich halte dich für intelligent genug, darauf einzugehen.
~ ^ sehe, daß soeben der Wagen vor- fcchxt. der wich nach Vevey bringen soll. Suche, dich ge» EM Italien und dich gefährlichen Einflüssen, die dir selbst hier nahe treten können, wie überall im Leben, zu
entziehen. Wenn du das Bedürfnis, haben solltest, dich
im Pensionat an irgend jemand näher anzufchließen, was ich dir übrigens kaum zutraum möchte, so sei verständig rn deiner Auswahl; etwaige Wünsche, die du aussprechen möchtest, hast du fortan deiner Großmutter vorzutragen. Und nun zum letzten Mal adieu!"
Sie berührte mit ihren kalten Lippen meine Sfirn und wandte sich znm Gehen. Woher ich plötzlich den Mut nahm, so zu ihr zu sprechen, wie ich es jetzt tat. weiß rch nicht; es war kein vorbedachter Entschluß gewesen, der Augenblick gab chn mir ein.
„Ehe du gehst, Tante Gina, habe ich dir zu danken, daß du so glanze Zeit meine Gesundheit und körperliche Pflege behütet hast", sagte ich furchtlos und sch ruhig in rhre erstaunt auf mich gerichteten Augen. „Im übrigen hast du dir niemals die Mühe genommen, mich zu verstehen. nachzudenken, ob ich nicht vielleicht doch ein Herz habe und was es wohl verlangen könnte. Wenn du $u andern über mich u.rteilst, so urteilst du falsch, denn du kennst mich gar nicht und weißt von meinem inneren Leben genau so wenig, wie ich von dem deinen!"
Sie war viel zu verwundert, um mir sofort zu ant Worten. — wer kann wissen, was sie mir schließlich er- wrdert und wie diese unsere letzte Unterredung geendigt babm würde, wenn nicht Monsieur Bellemont die Tür geöffnet und nach einer sehr höflichen Entschuldigung ob seines Eindringens gemeldet hätte, daß es nunmehr flrr Madame die höchste Zeit wäre, wollte sie den Anschluß an die Bahn nicht verfehlen.
Immer mit demselben verblüfften Gesichtsausdruck verabschiedete sich Tante Gina von den: verbindlichen Herrn, streifte mich mit einem befremdeten Blick und ver- Iwß das Zimmer, von Monsieur diensteifrig bis zum Wagen begleitet.
Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, als die tresrote Portiere, welche diesen Salon von dem angrenzenden trennte, sich hefflg bewegt und Susanne von Rothkirch, zu meinem grenzenlosen Ebstaunen. dahinter hervorhuschte und mir stürmisch in die Arme flog.
„Evi, aber du hast dich prachtvoll benommen!" ries sw enthusiastisch und drückte ihre weichen Lippen gegen merne Wange. „Wo hast du die Courage zu dem glorio- sen Schlußsatz hergenommen. Schaherl? Deine Georgine hat geradezu ein dummes Gesicht dazu gemacht. — eine schreckliche Menschenspezies — gut. daß sie von hinnen zreht! Mit den „gefährlichen Einflüssen", da hat sie mich gemeint, hast du's nicht auch gleich herausgemerkt? Zur Ehre rechne ich mir's an, daß so eine wie diese Georgine mich nicht leiden kann. — ihre Sympathie wär' nur beleidigend! Nun komm' aber mit mir in den Garten, ma blonde aux yeux noirs, da weiß ich einen Platz, too niemand uns stören darf, und dort mußt du mir haar- Hein alles von deinem Leben erzählen, und wenn bu zu Ende bist, fang' ich an — und dann wieder du — und dann wieder ich. und so fort!"
„Wie gern, Susi, wie sehr gern! Wer — deine Auf. gaben zu morgen?"
„Ach was ■ Ausgaben! Das Coriolanerl kommt erst m drei iiagen wieder dran, — das Rechenexempel besorgt lue Exzellenz für mich. Trudi Götzen, die Musterjungfrau, chrerbt mir dre schrecklichen französischen Regeln aus. und dm Karte von den Pyrenäen zeichnet Träumerchen für mich, — Träumerchen ist nämlich eine große Zeichnerin
vor dem Herrn, während ich ganz ohne jedes Talent durchs Leben lausen muß. — es sei denn, die Kunst, daß alle Menschen mich gern leiden mögen, hat auch viel für sich! Dann gibt's sreflich zu morgen noch dm Schiller- schen Grafen von Habsbnrg auswendig zu lerrrm, und, das kann leider, fern anderer für mich besorgen. Nein, diese Klassiker!"
Sie faßte meine Hand, sprang mit mir fort in den Garten, erließ den diktatorischen Befehl, uns nicht zu stören und setzte sich mit mir in eine kleine Geißblattlaube, wo sie mich währmd der nächstm halbm Stunde meine Biographie absragte.
Was hatte ich viel zu berichten? Ich ahnte und fürchtete mancherlei, was meine Eltern und deren Vergangenheit betraf; aber ich wußte absolut nichts, und meme Ahnungen bewegten sich auf dem unhaltbarsten Boden. Mein eigmes Lebm hafte sich bisher so ereignislos wie möglich abgespielt, es brauchte keine lange Zeit, um dasselbe zu _ schildern. Ick; verschwieg Susi nichts, weder meinen heimlichen Gang zum Friedhof, noch meine Entdeckung , des Porträts' meiner Mutter, noch meine kurze Bekanntschaft mit Frau von Wellingm und deren Tochter. jSufi fand das alles „fürchterlich interessant" lobte es höchlich, daß ich mir Tante Gina gegenüber mern Recht genommen hatte, und meinte, sie hätte über meine Eltern so chre eigenen Vermutungen. die sie mir aber vorenthalten müsse, da ich „zu unerfahren" und „Welt- unkundig" sei, um sie zu verstehen. Vor dem Zubettgehen zeigte ich ihr noch das Porträt meiner Mutter, sie fand sie schön und reizend. „eigentlich viel lieblicher wie du, Evi. da die blauen Augen so wundervoll zu dem hellblonden Haar stimmen, — dafür aber siehst du wett fremdartiger und frappanter aus; man bekommt förmlich einen Schreck, wenn du so plötzlich deine großen, schwarzen Sammetaugen anfschlägst!" ’
Wir hatten in der Folge noch manches eingehende Gespräch darüber, Susi und ich. und sie konnte mich dann oft plötzlich umarmen, mir mit ihren Sonnenaugen ins Gesicht sehen und ansrufen: „Das ist zu, zu ttaurig, daß du nie eine Heimat und Elternliebe gekannt haben sollst, du mein armes Hascherl! Schau, gleich wie ich dich nur gesehen Hab', haü' ich dich gern — aber das war doch nur. weil du hübsch bist! Jetzt aber Hab' ich dich so von Herzen lieb und sch mein' immer, ich kann dir's ja nicht genug zeigen, und wiederholen, weil du mich eben so in die tieffte Seele hinein dauerst! Ein so armes, einsames Kindl! Diese Georginen-Tante hat sich geradezu an dir versündigt, daß sie dir nichts von deinen Eltern erzählt hat. — chre Pflicht wär's gewesen und ein Recht! Das ind die Leut', die solch ein armes Waismkind auUehen, ihm schuldig, daß sie ihm die toten Eltern lieb mack-en und recht inS Herz hinein bringend Schau zu. Evi. be- trat' dich einmal so recht gründlich, — weißt bu wirklich gar nichts, aber auch gar nichts mehr, was an deine Eltern erinnert?" —
--Und wieder, wie so oft schon, deckts ich meine
Angen mit den Händen zu und tauchte angestrengt mit
meinen Gedanken in meine früheste Kindheit hincch-
nichts! Keine aufblitzende Erinnerung, kein noch so chwacher Anhaltspunkt . . nur Dunkel, tiefes, trauriges Dunkel! _ Ich sah verzagt zu Susanne empor, ließ meine Hände sinken und schüttelte bekümmert den Kopf. (Fortsetzung folgt.)
Zur Aufklärung!
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