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|t(t> 45d» Verlags-Fernsprecher No. 2953.
Dienstag» den 29. September«
Redaktions-Fernsprecher N». 52.
1993.
iorgen«flusgabe»
Mas ist's mit Marokko?
ü'xft Bismarck hat einmal ausgefAzrt, daß zwei kritische Fälle in der internationalen Politik den Frieden der Völidr auf Jahrzchnte hinaus bedrohen würden. Ter eine Fall fei die im Sterben liegende Türkei, die wie ein altes verwittertes Bauwerk zerfalle und nur noch durch die Stützen der übrigen Mächte erhalten bleibe. Ter andere Fall sei Marokko, das sich in den letztm Zuckungen windet, indessen die Mächte an seinem Schmerzenslager stehen wie die Ärzte, welche, einer dem anderen Mißtrauend, kein Heilmittel verschreiben und sich begnügen, als Zeugen seiner Krankheit zugegen zu sein.
Zur Zeit leiden wir mehr als je unter den beiden erwähnten „kritischen Fällen der internationalen Politik." Die orientalische Frage hatte sich in der letztm Zeit so zugespitzt, daß es den vereinten Bemühungen der europäischen Diplomatie bedurfte, um noch in zwölfter Stunde eine kriegerische Explosion auf dem Bülkau zu verhindern, und auch zur Zeit ist die Lage auf demBalkan keineswegs so, daß man sich ernster Besorgnisse für die Zukunft mtschlagm könnte. Gleichzeitig ist aber auch wieder die marokkanische Frage in recht unangenehmer Weise aktuell geworden. Nachrichten aus dm verschre- dmen Quellm wußten zu melden, daß Frankreich nichts mchr und nichts wmiger als ein Protektorat über Marokko anstrebe, aber das französische Ministerium des Äußem ist diesm Meldungen mit einem Dementi ent- gegengetretm. Es fragt sich nun, was mchr Glauben verdient, jene Meldungen oder das Demmti des französischen Ministeriums.
Tatsache ist jedmfalls, daß die Franzosen feit dem Regierungsantritt des jetzigm Sultans Abdul Azis, der am 6. Juni 1894 seinem Vater Mulch Hassan unter Übergehung seines älterm Bruders Muley Muhammed in der Regierung folgte, im Hinterland von Marokko eine außerordentlich gesteigerte Tätigkeit entfaltet habm. Me unaufhörlichen Wirren in Marokko, wo die Reform- bestrebungen des verhältnismäßig modern gesinnten Sultans eine Oppositionsbewegung gegm diesen hervor- geruftn haben, die seit längerer Zeit die Form einer ossenm, vielfach siegreichm Revolution angenommen hat, haben begreiflicherweise die Aspirationen Frankreichs auf Marokko in außerordentlicher Weise begünstigt. Das Vordringen der Franzosen in die Tuat-Oasm, derm Besitzergreifung schon im Frühjahr 1900 vollzogen wurde, und dann in die Tafilet-Oase hat gezeigt, daß die Franzosen noch immer mit Zähigkeit ihren altm Plan der Begründung eines großafrikanischen Frankreichs verfolgen, welches sich von der Küste des Mittel- .neeres bis . zum Kongo im Süden und im Westen bis an den atlantischen Ozean erstrecken soll.
Den vorhin erwähnten Meldungen zufolge soll man sich jetzt in Frankreich ernschast mit der Ausführung dieser Pläne befassen und als erste Etappe dazu ein französisches Protektorat über Marokko erstreben. Jene Meldungen wollten auch wissen, daß die beiden Haupt- konkurrenten Frankreichs in Marokko mit jenem Plan einverstanden seien, und zwar solle England mit der
Anerkennung des Protektorates über Ägypten und Italien mit der Zuerkennung von Tripolis entschädigt werden. Das Dementi der französischen Regierung bestreitet nun, daß zwischen den Mächten hinsichtlich Marokkos ein Abkommen getroffen sei und daß bei den zwischen verschiedenen Kabinetten erfolgten Auseinandersetzungen von einem französischen Protektorat über Marokko die Rede gewesen sei. Angeblich hat es sich bä diesen Auseinandersetzungen nur um etwaige militärische Maßnahmen gehandÄt, welche durch die Wirren in Marokko notwendig werden könnten.
Es wird sich selbstverständlich nicht leicht feststellen lassen, ob es sich bei diesen Verhandlungen wirklich nicht um weitergehende Pläne Frankreichs gehandelt hat. Das scheint aber jedenfalls festzustehm, daß Frankreich für solche Pläne bei den anderen an Marokko interessierten Mächten nicht aus Gegenliebe gestoßen ist. Und es kommen hier etliche Mächte in Betracht. Spanien betrachtet sich auf Grund sogenannter historischer Ansprüche als die natürlichen Erben Marokkos. Jtalims Stellung zur lmarokkanischen Frage läßt sich dahin präzisieren, daß es Frankreich nicht den Löwenanteil an diesem Gebiet gönnen will. Ein nicht viel weniger starkes Interesse hat Österreich-Ungarn als Mittelmeermacht daran, eine Aufteilung Marokkos zu verhindern. Und auch Deutschland hat bei seinem starken Handelsverkehr mit Marokko ein dringendes Interesse daran, daß dort nicht mit der Politik der offenen Tür gebrochen werde.
Der Hauptkonkurrent Frankreichs in Marokko aber ist England, welches wiederholt erklärt hat, daß es eine Festsetzung Frankreichs in Marokko nicht dulden würde und mit der Besitzergreifung Tangers beantworten würde. Wenn man in Frankreich wirklich die kuriose Idee gehabt hat, die Engländer mit Ägypten, welches sie sich schon geholt haben, und die Italiener mit Tripolis, welches sie sich erst von der Türkei holen müßten, abzufinden, dann dürste man unterdes eingesehen haben, daß es für diesmal nichts war, und daß die marokkanischen Trauben auf absehbare Zeit hinaus den Franzosen noch viel zu hoch hängen! Und aus diesem, aber auch nur «aus diesem Grunde verdient das französische Dementi Glauben!
Zur Behandlung um ausgeMem Uiballons.
. Bereits unter dem 18. Mai 1901 ist seitens des Ministers des Innern ein Erlaß ergangen über die Behandlung der zu meteorologischen Registrierungen entsendeten Ballons usw. Seitdem ist auf dem Gebiete der Flugtechnik, besonders bezüglich der in Preußen zur Einführung gebrachten Gummiballons, eine Umwälzung erfolgt. Der Direktor des Meteorologischen Instituts in Berlin hat infolgedessen im Aufträge des Ministers der geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten eine Anleitung für die Behandlung aufgefundener Gummiballons ausarbeiten lassen, die eine Ergänzung bezw. Abänderung der mit dem erwähnten Erlasse mitgeteilten Bekanntmachung erforderlich macht. Die vom Minister des Innern demgemäß ergangene neue Bekanntmachung, betreffend „Benachrichtigung und Anleitung über die Behandlung von Luftballons oder Drachen und zugehörigen Ilpparaten, welche im Kreise N. N. aufgefunden werden", hat folgenden Wortlaut:
Zum Zwecke wissenschaftlicher Erforschung der höheren Luftschichten läßt man kleinere oder größere mit Gas gefüllte Luft, ballons steigen oder auch Drachen vom Winde emporhebcn, welche Instrumente tragen, die selbsttätige Aufzeichnungen über die Temperatur, die Feuchtigkeit, die Windstärke usw. ausführen. Da dtese^ Ballons usw. zu klein sind, um Menschen tragen zu können, so wird vorausgesetzt, daß sie — von verständigen Leuten gefunderr — in zweckmäßiger Weise behandelt und aufbewahrt und schließlich an den Eigentümer zurückgeschickt werden. Zu diesem Zwecke seien folgende Vorschriften gegeben, von deren strenger Befolgung nicht nur der Wert der Aufzeichnungen, sondern auch öle Höhe der an den Finder zu zahlenden Belohnung abhängt.
1. Die B a l l o ni s sind mit entzündlichem Gase, Wasierstoff- oder Leuchtgas gefüllt und müssen deshalb fern vomFeucr gehalten werden. Besteht die Hülle derselben aus Papier, so zerreiße unrn sie, um das Gas entweichen zu lassen. Bei Stoff- ober Gummi- Hullen brnde man den Ballon auf, richte die Öffnung nach oben und entleere das Gas durch Drücken, ohne den Stoff viel zu zerren oder zu reiben,- danach wickle man ihn glatt zusammen,.
Wird ein Ballon bemerkt, der noch in der Lust fliegt, so gehe man ihm nach und suche zunächst den an ihm hängenden Apparat aufzufinden, der in einem Kästchen oder Körbchen steckt, und ihn vor Beschädigungen zu sichern. Besonders vermeide man, den Apparat hart anzufass'en oder mit den Fingern in ihn hincinzu- greifen. Ehe man ihn abschneidet, sichere man den Ballon gegen das Daoonfliegen, indem man ihn irgendwo fcstbindet, bis sein Gas entleert ist. '
Gummiballons, welche meist einen Durchmesser von 1 biS 2 Meter haben, pflegen in der Höhe zu platzen und lassen dann den Apparat mittels eines Fallschirnies zur Erde niederstnken: gewöhnlich bedeckt dieser den Apparat oder er hängt in einem Baume fest, während der Apparat unter ihm hängt oder am Erdboden liegt. Bei dem Herunterholen ist vor allen Dingen ein Herabstürzen des Apparates zu vermeiden.
Der Apparat ist nunmehr unter Vermeidung aller unnötigen Erschütterungen in einem trockenen, nicht zu warmen Raum auf. zubewahren, bis er entweder abgeholt wird oder bis eine für seinen Rücktransport mit der Post bestimmte Kiste eintrifft, in welcher sich nähere Anweisungen, sowie Fragebogen befinden, der tunlichst genau auszusüllen ist.
An dem Ballon oder am Apparate findet man einen Briefumschlag, der die Adresse enlhält, an welche sobald als irgend möglich unter genauer Angabe der Nummer des Apparates, Leg Namens und Wohnortes des Finders, sowie des nächsten Postamtes eine telegraphische Depesche abzuschicken ist.
Der Finder bezw. Ablieferer des Apparates erhält eine Belohnung von 5 M., in besonderen Fällen, wenn die Bergung besonders schwierig oder zeitraubend war, aber mehr. Außerdem werden alle notwendigen Auslagen zurückerstattet. Im Falls einer mutwilligen Beschädigung eines Apparates oder eines Ver? suchcs, den Schutzkasten an irgend einer Stelle zu öffrten, wir» nicht nur keine Belohnung gezahlt, sondern auch noch ein Ver- fahren wegen Sachbeschädigung cingelcitet werden.
Die Ballons, Apparate und alles Zubehör sind „fiskalisches Eigentum".
2. Die zu demselben Zwecke benutzten Drachen haben meist die Gestalt eines viereckigen offenen, aus Holz- oder Metallstäbe» bestehenden Kastens, der teilweise mit Stoff bekleidet ist.
Da die Drachen mittels eines dünnen Stahldrahtes empoi> gelassen werden, kommt es gelegentlich vor, baß ein kürzere- oder längeres Stück solchen Drahtes an dem Drachen hängt. Befinden sich in der Nähe elektrische Straßenbahnen mit oberirdischer Stromznleitung und liegt die Möglichkeit vor, daß der Drachendraht mit dem elektrischen Starkstromdraht in Berührung kommt, so ist jedes Ergreifen des erstercn mit bloßen Händen der Berührung mit unbedeckten Körperteilen sorgfältig zu vermeiden,- man wickle deshalb ein dickes trockenes Tuch um die Hände, ehe man Len Draht angreift.
Ist der Drachen bei starkem Winde noch in schneller Bewegung, so versuche man mit aller Vorsicht, den nachschletfenden Draht schnell um einen festen Pfahl oder einen Baum umzuschlingen. Dasselbe gilt auch für einen Ballon, welcher eine Leine oder ein Kabelstück nachschlcift.
In dem Falle, daß sich Streitigkeiten über den Anspruch auf die Belohnung oder ans anderen Gründen ergeben, wird das Königliche Landratsamt hierüber entscheiden.
Die Polizei- und Gemeindebehörden werden ersucht, der sachgemäßen Ausführung obiger Vorschriften die tunlichste Förde?
Feuilleton.
Große Schweiger.
Es ist eine lnerkwürdige und interessante Tatsache, schreibt eine englische Zeitschrift, daß von den Großen der Welt viele ebenso sparsam mit Worten, wie verschwenderisch mit Taten gewesen sind. Für Moltkc ist das Beiwort „der große Schweiger" stehend geworden. Sticht weniger schweigsam war Wallenstein. Er „lebte in einer Atmosphäre des Schweigens" und äußerte nie ein Wort, das nicht absolut notwendig war,- auch duldete er nicht, daß andere in seiner Gegenwart mehr als nötig sprachen. Einer seiner Kammerdiener wurde schwer bestraft, weil er Wallenstein durch unnötiges Geräusch erweckt hatte; seine Diener waren wie Stumme und wagten in seiner Gegenwart nicht, die Lippen zu öffnen; er war von Patrouillen umgeben, und die Zugänge zu seinem Hause waren verbarrikadiert, um ihn vor der geringsten Störung zu bewahren. Im Vergleich zu Wallenstein könnte „Diogenes als eine Plaudertasche und Wilhelm der Schweigsame als ein Polterer" erscheinen. Schweigsamkeit ist überhaupt besonders charakteristisch für die berühmtesten Feldherren der Welt. Napoleon rühmte sich, daß er in seinen Verhandlungen mit Männern nie ein Wort verschwendete und meist einsilbige Antworten gab. Dabei entging seinem Auge nichts, und tn einem Satz sagte er mehr, als die meisten Menschen in einer Btcrtelstnnde. Wenn dem Herzog von Marlborough von seinen Generalen Meldungen gemacht wurden, zog er die Uhr und sagte: „Ich gebe Ihnen eine Minute," und wehe dem Offizier, der diese Beschränkung nicht beachtete.
Der Herzog von Wellington war für seinen Stab gleichsam eine Sphinx. Ein Nicken oder Kopfschtttteln war oft die einzige Antwort, die von ihm zu erhalten war, und als er einst gefragt wurde, was er für die beste Ausrüstung eines Befehlshabers halte, antwortete er: „Einen langen Kopf und eine schweigsame Zunge." Das Schlimmste, was Präsident Grants Feinde von ihm sagen konnten, war: „Er will nicht sprechen, weil er so viel zu verbergen hat"; aber gerade in dieser Schweigsamkeit lag seine wirkliche Stärke. Seine Befehle waren die kürzesten, die niedergeschrieben werden konnten, und als ihn einstmals eine junge Dame scherzend fragte, warum er mit ihr nicht reden wolle, antwortete er: „Wissen Sie nicht, daß Schweigsamkeit eine der größten Künste der Unterhaltung ist." Karl der Große war geizig mit Worten und sagte mit Konfuzius, daß „Stillschweigen ein Freund ist, der nie verraten wird." Hannibal war ein „Mann von einsilbigen Worten", Julius Cäsar wurde von einem Soldaten „Das Orakel" genannt, und in der Gegenwart zeigt Lord Kitchener die „Stärke, die im Schweigen liegt". Selbst große Staatsmänner und Schriftsteller, die nicht an Wortmangel leiden können, haben oft zu den zurückhaltendsten Männern gehört. Von Addison sagt Johnson: „Von seinen äußeren Manieren wird nichts so oft erwähnt, als jene schüchterne oder mürrische Schweigsamkeit, die seine Freunde mit einem zu milden Worte Bescheidenheit nannten." Chesterfield sagte von ihm, er war „der schüchternste und unbeholfenste Mensch, den ich je sah," und Addison selbst pflegte, wenn er von seinem eigenen Mangel an Unter- haltungSgabe sprach, auf das Sprichwort „Schweigen ist Gold" anspielend, zu sagen: „Ich kann Wechsel ans tausend Pfund ziehen, obgleich ich keine Guinee in der
Dasme yave." <L>yaowell erzählt, wre er ernst mit Dryde speiste: Vom Anfang bis znm Ende der Mahlzeit „öf nete der Dichter seine Lippen nur zum Essen." Thoma Carlyle war auch ein Sammler des „Goldes des Schnw gens" und paffte stundenlang seine Pfeife, ohne mehr al ein Grunzen oder einsilbiges Brummen zu äußern. Sei Nachbar und Intimus Lerght Hunt schrieb einst an eine Freund: „Ich habe eben eine angenehme Stunde Mi Carlyle verlebt. Als ich hereinkam, brummte er „Hollah, wieder hier!", und als ich fortging, sagte e kurz: „Guten Tag!" Das ist die ganze Unterhaltunk mit der er mich beehrte. Aber wie beredt dies Schweige ist! Ich saß da und blickte ihn an, und neu gestärkt zur frischen Kampf ging ich fort." Wie liebenswürdig Dani Rossetti auch gegen seine Freunde war, in spätere Jahren wurde er unnahbar gegen Fremde. Ein Herr der später vertraut mit dem Dichter und Maler wurdc beschreibt sein erstes Zusammentreffen mit ihm: „Rosscti war da, aber so weit ich sah, öffnete er den ganzen Aben den Mund nicht und sprach nur mit einem oder zwei ver trauten Freunden, obgleich er seinen Bekannten gegen über der reizendste Plauderer ist." James Thomson tm schweigsam bis zur Schwermut, nur in Gesellschaft ver trauter Freunde konnte er heiter und angenehm sein und Naihantel Hawthornc war in Gesellschaft so schweia s"su Dame über ein Zusammentreffei
m,t ihm schrieb: „Mr. Hnwthorne war so blöde wie ein sehr empfindliche Lehrerin. Er zog sich in eine Ecke bei Zimmers zurück, und wenn jemand mit ihm sprach er rötete er, als ob es ihm schmerzlich wäre. Ich wollte rni ihm über seine Bücher sprechen, aber er antwortete nui „ia oder „nein", bis ich ihn verzweifelt anfgab.
