I Beilage Mm Wiesdnüener Tagblatt.
Ko. 433. Worgett-Attsgabr.
Dienstag, den 23. September.
81. Jahrgang. 1903.
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In allen Zeiten hat eine Ahnung der Vergangenen nnd t»> Zukünftigen über uns Menschen geschwebt. Ein Gefühl «► kommenden Glücks oder Unheils hat unsere Schritte vor- * sichtiger oder leichter gemacht. z
Hermann Grimm. »
(10. Fortsetzung)
Cva Keorn.
Roman von Marie Bernhard.
Ern Lurrmph aber war mir noch aufbchalten gv- vtreben, und zwar, als nach beendetem Examen und mmrer Bestimmung für die erste Klasse die Musiklchrerrn erschwn und rnicb ersuchte, etwas vorzuspielen.
I>r ,-fri 1 r v? 11 , Leistungen und Anforderungen der . j . au f diesem Gebiet keine Ahnung hatte, so ging ich mit keineswegs siegessicherer Miene zu'm Piano forte und prägte zaghaft, was ich spielen solle. Auf die Antwort, das bleibe mrv uberlassen, wählte ich die Schumannschcn ,, Papnllons , dre rch auswendig wußte —- und, wie immer, sobald rch erst am Flügel saß, vergaß ich Ort, Zeit und Umgebung und war nur bei der Sache. —--- Als ich
S oct hatte, nickte Madame Bellemont mir glück- tend zu, Monsieur machte mir eine respektvolle vreverenz und sagte etwas von „eminenter Begabung" und „vortrefflicher Grundlage", und die Musiklehrerin sah fteundlrch, aber verlegen aus und flüsterte Madame eine Bemerkung ms Ohr, zu welcher diese bestätigend nickte, „rirauleiil Rohde sagt mir soeben, daß Evas Leistrin-
& bm weitem, das hier im Institut übliche Maß über- lten, was uh entschieden zugebe, daß es daher ge- ooren sem dürfte, sie zum Klavierunterricht einem tüchtigen Lehrer m Vevey anzuvertrauen >"
^ch wurde dunkelrot vor Freude — da batte ich nun horrr+WM 01 flaD “ n W ±en , Sieg, und einen so schönen und ^ r ^ blickte zu Tante Gina £SfVi IT r ^ er Öie .[ d L unzufrieden aus und unter- wuc^ ^sichtlich nur mit Muhe einen offenen Wider-
^Freistunde für die Zögling« des
SPÄ Ä. ^ J° n±e Ech unter sie mischen, um mick. Mit ihnen bekannt zu machen. — Das ließ mich sehr
E^°^.^gen erscheinen, als ich zögernd in den
TT. 1 Gruppe ws uns
süßte meine Hand und sah mich blauen Augen lachend an — tawarmein« Befangenheit mit einem Schlage von mir
Ich mußte es gleich an diesem ersten Tage im welche Macht Susanne von Rothkirch JÄ^ n ^ 0 ^ urite unb wie glücklich ich sein konnte, mich ihrer Protektion zu erfreuen. Sie war ein? Autorität, eme Art Königin im Kreise ihrer Genossinnen- aber mit welcher leichten, spielenden Anmut, mit welcher bestrickenden Liebenswürdigkeit übte sie ihre Reaentsckwt Nrsmand wurde sich dessen bewußt, daß sie herrsche! so gut verstand sie sich darauf, jeden in seiner Eiaen- art zu nehmen. Und es war keine Berechnung dabei^ —
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etc. etc.
^Miner meine Rechte in ihren warmen, Weichen Händ- cheii festhaltend, nannte sie mir alle Namen, zugleich alle Bemamen, die sie, wie ich später erfuhr, sämtlich erteilt hatte. Da war Elsbeth, das „Träumerchen", eine liebliche Blondine mit schmachtenden Augen; Lilli „Prin- zeßchen Goldhaar"; Kunigunde von Greifenbach, die „Durchlaucht", eine swlz und unnahbar blickende Aristokratin; Marie Herzog, „der Bücherwurm": Toinette
Blchon, „der Rohrspatz": Ellen Wilmore, „das Baby"; Sigrid Knutson, „die Exzellenz"; Manuela Verragos, eine junge Brasilianerin, genannt „der Paradiesvogel" 11 v sw fräst noch alle hießen, d'e blonden, braunen rmd schwarzhaarigen Mädchen, die hübschen und die unschönen, die lusügen und die füllen. Alle die hellen und dunklen Augenpaare aber waren auf mich gerichtet, wie 'w neben Susi stand und mich an ihrer schützenden Hand festhielt. Man durfte nur französisch oder englisch untereinander reden, so lange man sich außerhalb des eigenen Zimmers befand, -— wer das unterließ, hatte des Abends fünfzig Centimes in die Pensionskasse zu zahlen. Wie Sust lachend eingestand, trug sie selbst am meisten dazu bei, dieser Pensionskasse, aus der allerlei Vergnügungeii bestritten wurden, zu ihrem Recht zu verhelfen. Auch wstrde es mir sehr bald klar, daß meine bewunderte Be schutzerin keine fleißige und tüchtige Schülerin war. Verschiedene, Bemerkungen der jungen Mädchen deuteten darauf hin, daß es ihr heute in der englischen Stunde ntf ■ bm. Coriolanerl" schlecht ergangen sei und daß sie eine Strafarbeit machen müsse. Das schien Susi kcinm Kummer, zu bereiten; sie meinte, es habe Miß Danton selber leid getan, ihr eine schlechte Nummer geben zu müssen, was die andern lebhaft bestätigten, — und aiif Susannes Frage: , „Wer hilft mir bei der näcksten Auf- gabe?" meldeten sich wenigstens ein Dutzend und es ent- ftand beinahe ein Streit, wem diese Begünstigung zu- fallen sollte.
„Schaust du, Sckiaherl", sagte Susi zu mir, als wir vor dem Diner ein Weilchen in unserem Zimmer allein miteinander waren, „in Wien, da Hab' ich blutwenig gelernt. Nicht, daß es mir an Lehrern gefehlt hätte, — im Gegenteil, ich hatte einen ganzen Schwarm davon, — aber an Lust hat mir's gefshll, und an Antrieb und auch an Zeit, — stehst du! Ist das ein lusüges Leben bei unS gewesen! Wenn'S. jemals eine Frau verstanden hat, ihr Dasein zu genießen, so ist's meine Mutter gewesen, und schon und klug imd anrüsant genug war sie schon dam' Ein Verkehr war bei uns. ein ewiges AnS und Ein, — und Bälle, Korsofahrten, Theater, Maskeraden, Konzert" Vifttm, — wonnevoll sag' ich dir! Und zu allem hat die Mama mich brauchen können, sie hätt' mich am liebsten nicht mögen von ihrer Seite lassen. An lebenden Mldern mußte ich stehen, beim Theater Mitwirken, mit ihr aus- abren und bei den Maskeraden in unserem Haus dabei sem. — wo sollte ich da Zeit und Lust zum Lernen finden? Meine Lehrer haben aber alle mit sich reden lassen wenn die Mama gekommen ist iind mich losgebettelt hat voii den Stunden; sie war so schön, so lieb und so reizend, es hat ihr eben niemand widerstehen können!"
„ uruß sie ebenso gewesen sein wie du, Susi'"
wl ich begeistert ein und küßte das weiche Händchen das auf meiner Schulter lag. — Sie schien daran ge- iiohnt zu ssin, beirrt sie wurde nicht verlegen, sondern lachte mich sreundlrch an.
„M^nst du raa blonde? Ja, sie sagten'« all« in Wien, ich wäre der Mama sprechend ähnlich. Mich sollt's freuen! Freilich —" Susi wurde nachdenklich imd zog die A ugenbrauen zusammen — „nach ihrem Tode, da
hat s geheißen, sie war' schrecklich leichtsinnig mit unserm Vermögen umgegangen, denn davon war nichts mehp vorhanden und bös viel Schulden sind zudem noch dagewesen,— aber ich kann die schöne, liebe Mama nicht an- klagen, sie hat's eben nicht verstanden zu rechnen und hat sich ihr Lebtag nichts Schlimmes gedacht. Ach, all die lusügen, hübschen Kavaliere, die bei uns verkehrt haben/
mein Bruder immer der schönste und lusügste von allen! Und die herrlichen Uniformen! So ein Oberleutnant vom Regiment Kaiserin Elisabeth —- ein« wahre Pracht! ' Du armeS Närrchen hast natürlich in deinem ganzen Leben noch nie einen solchen geschen! Mein Bruder hat auch einer werden sollen, aber wie Mama gestorben war und der alte Onkel alles bei uns verkauft und die Schulden gedeckt hatte — ungern genug! — da hat er meinen Bruder mit fort nach Berlin genommen und ihn unter die Garde-Kürassiere gesteckt, damit er nicht allzuflott — in Wien sagen sie fesch! — leben sollte, und er, der Onkels ihn beaufsichtigen und ihm den Daumen aufs Auge drücken könnte. O, du liebe Zeit, — der Clemens Günther und den Daumen aufs Auge! Und wenn der zehn solcher Onkel hätte, — allen schlüg' er ein Schnippchen und tat tun, wie's ihm halt gefällt!"
„Siehst du auch ihm ähnlich, Susi?" fragte ich dazwischen.
„Nein, ganz und gar nicht, Evi. Clemens Günther ist ganz der selige Papa, — sehr groß und kerzengerade gewachsen, eine stolze Erscheinung, und blond, mit Händen und Füßen wie eine Dame, — Zoll für Zoll ein Aristokrat. Ich Hab' eine schöne, große Photographie von ihm gehabt, aber Madame Bellemont hat sie mir konfisziert, weil ich Unfug damit trieb, wie sie sagte. Unfug! Und ich Hab ihm doch bloß ein kleines Märchen gemacht mit Blumen und ein paar brennenden Kerzen, und davor Hab' ich einem kleinen, auserwählten und andächtigen Publikum einen freien Bortrag gehalten. — denn von Clemens Günther und seinen tollen Streichen läßt sich stundenlang erzählen, und ich spreche von nichts und niemand in der weiten Welt lieber als von ihm!"
„Und bei dem freien Vortrag wurdest du bettoffen?" forschte ich gespannt.
„Jawohl! Die „Durchlaucht" war indiskret gewesen, und eh' ich mich dessen versah, standen Monsieur und Madame vor mir und löschten die Kerzen auS und nahmen die Blumen fort und zogen meine schön« Photo- waphie ein, — und aus war's mit der Freud'. — Frei« Erträge über Garde-Kürassier-Offiziere gehörten nicht in ein Töchterinstitut, hieß es. Monsieur tat es leid, ich sah es ihm an den Augen an, ich bin ein Liebling von Monsieur, und du wirst das auch wenden, west du so «in herziges Gesichterl hast! Und daß UBatem» meinen Clemens Günther selber bildschön findet und ihn sich in aller Sülle des öfteren mit Wohlgefallen aus ihrem Schreibtisch holt und beschaut, — darauf könnt' ich gleich meinen Kopf verwetten! — Sie sind beide ganz prächüg, Monsieur, auch Madame, und war' ich nicht zur Erziehung bei ihnen, wir würden die allerbesten Freunde sein! Wer nun müssen sie als sittsame Vorbilder der
Jugend fl ‘ “ :, all.
Sal. Bacharach
Webergasse S.
„ „ jo ehrbar tun und dürfen sich gar nie gehen lassen, alles des guten Beispiels halber. S' ist a Graus! Ja, ja, mein süßes. Fratzerl, so ist die Welt, — und da läutet's zum Diner, das allemal ein wenig langweilig ist, und daun fährt deine Georgine ab, und meinen Segen >at sie dazu, denn solche Gesichter, wie die eines hat, di, kann ich schon gar nicht leiden! Dir hast sie doch nicht etwa lieb? Nun, natürlich nicht! Wie solltest du auch wohl?" (Fortsetzung folgt.)
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