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M. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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cingercichter Anzeigen zur nächst»

Uo. 452.

Verlags-Fernsprecher No. 2953.

AbenUAusgabe.

Die Frage der Taktik

kei den preußischen Fandtagswnhlen.

Die Landtagswahlbewegung in Preußen kommt lang­sam in Fluß, allzu langsam freilich für die Ungeduld derjenigen, die nicht genügend berücksichtigen, daß Reichs- tagswahlen und Landtagswahlen zweierlei sind. Es liegt in der Matur der Dinge, daß bei den Landtags- tuahlm die Qrganisationsfragen, die zweckmäßigerweise m stillen Vorbesprechungen statt in lauten Volksversamm­lungen erledigt werden, einen breiteren Raum als bei direkten ^und allgemeinen Wahlen einnchmen. Dies gilt fdfifto'CTftcinblici) für alte Parteien, ©o lebhaft wie vor den Reichstagswahlen rst es bei LcMldtagswahIen wobl niemals hergegangen, jedenfalls aber ist die Bewegung diesmal energischer, und sie setzt auch viel früher ein als vor fünf Jahren. Nach dem Grunde braucht man nicht lange 31t suchen, er beruht in der angekündigten Beteili­gung der Sozialdemokratie an den Wahlen. Sucht man aus den bisherigen Erörterungen, mit denen dies Er- eignis begleitet wird, ein vorläufiges Ergebnis zu ziehen, so läßt es sich wohl dahin besümmen: Eine Verständigung vor den Urwahlen wird schwerlich irgendwo stattfinden; dagegen wird es vom Ausfall der Urwahlen abhängen, ob sich Wahlbündnisse empfehlen werden, bei denen die Sozialdemokratie einen Lohn für geleistete Hülfe in der Gewabrung von Mandaten erhalten könnte und müßte Die Art und Weise freilich, wie jene Partei schon jetzt begehrend auftritt uiid für den Fall der Nichtberück- sichtlgiing ihrer Forderungen geradezu die Bekriegung des Liberalismus ankündigt, mag die Neigung zu Kom­promissen mit der Sozialdemokratie nicht verstärken können. Aber es läßt sich ruhig abwarten, ob die „Ge- nosseu" nicht hinterher beträchtlich weniger diktatorisch auftreten werden, eine Eventualität, zu der sie vielleicht durch ein arges Mißverhältnis zwischen der aufgebotenen Kraftanstrengung und den künftigen Wahlmännerziffern genötigt werden dürfte. Mit anderen Worten: Di» Sozialdemokratie nmß erst durch die Tat erweisen, daß es sich verlohnen wird, mit ihr zu paktieren. Wird das der^ Fall sein, so wird es eine einfache gewissermaßen falfrtlatorifcbe Berechnung fein, ob es, vom ©kanbpunkte des Liberalismus aus, ratsam ist, die sozialdemokratische Wahlhulfe mit der Zubilligung von Mandaten zu be­lohnen oder sich weiter ablehnend zu verhalten Tief" Berechnung wird sich noch einfacher gestalte», wenn die Sozialdemokratie bei dem anqckündigten Vorhaben bleiben sollte, den Liberalen keine selbstlose Unterstützung zu gewähren, sondern Stimmenthaltung zu üben, wenn Mandate nicht zu haben sein sollten. Es wird sich also fragen, was vorzuziehen ist, der Verlust von liberalen

Montags den 28. Seplemlrrr.

Mandaten an_ die Konservativen oder die Teilung von Mandaten zwischen Liberalen und Sozialdemokraten. Aber, wie gesagt, den einzig entscheidenden Faktor bei alledem wird die tatsächliche Stärke der sozialdemokrati­schen Wahlmännerziffern sein. Bevor man diese Stärke nicht kennt, rst alles Reden über die Sache bloße Theorie. Berücksichtigt man, daß auch von nationalliberaler Seile eine Verständigung mit der Sozialdemokratie zu gemein­samem Kampfe gegen Konservaüsmus und Ultramon­tanismus durchaus nicht verschmäht wird, so kann die Frage vollends mit kühler Nüchternheit behandelt werden. Jedes „Sentiment" Für und Wider hat dabei auszu­scheiden. Vor allem wäre es verkehrt, sich durch die wider- lichen Vorgänge auf dem Dresdener Parteitage beein­flussen zu lassen, was denn auch, fotocit wir beobachten können, nur vereinzelt geschieht. Unsere Gesellschafts, ordnung hat ja nicht einmal etwas von den 81 sozial­demokratischen Mitgliedern des Reichstags zu fürchten; wie sollte sie also erschüttert werden, wenn fünf oder auch zehn Sozialdemokraten (so viele werden es aber schwer­lich sein) in das preußische Abgeordnetenhaus einziehen würden! Die Gefahr, daß die Konservativen, denen bis­her im Abgeordnetenhause nur gerade zwölf Stimmen an der absoluten Mehrheit fehlten, diese Mehrheit bei den Neuwahlen wirklich erlangen könnten, ist sehr viel dringender als jede Gefahr, die etwa von einer winzigen sozialdemokratischen Gruppe im Abgeordnetenhause zu besorgen wäre. Die spätei-en Verhandlungen, die mit Aussicht auf Erfolg selbstverständlicb ei-st nach voll­zogenen Urwahlen geführt werden können, würden nun aber wesentlich erleichtert werden, wenn vorweg Über­einstimmung dahin bestände, daß der gemeinsame An­griff gegen Rechte und Zentrum stattzufinden hätte, ohne daß überalerseits ein bisher besessenes Mandat abzutreten wäre.

Deutsches Deich.

* Berlin, 27. September. Die Frage der Robr- rucktauf-Geschütze ist, wie die „Post" gegenüber einer anderweitigen Meldung erklärt, noch nicht spruch­reif. Die zur Entscheidung notwendigen Gutachten sind noch nicht fertig gestellt und müssen auch dem Kaiser vor­gelegt werden, der darauf seine Entscheidung treffen wird.

* Rundschau im Reiche. Aus M ü n ch e n, 27. Sep­tember, wird gemeldet: Der S t r e i t z w i s ch e n d e n Ärzten und den hiesigen Krankenkassen ist er­ledigt. Die Einigung ist in der Weise erfolgt, daß sämt­liche Krankenkassen einschließlich der Gemeinöekranken- Versicherung die Forderung der Arzte in bezug auf die Einführung der freien Arztwahl angenommen haben, ebenso die Honorarforüerungen und die Forderung au Einsetzung eines Schiedsgerichts, das ans zwei Ärzten zwei Krankenkassenvorständen und einer juristischen Per­son als unparteiischem Vorsitzenden bestehen wird Die freie Arztwahl wird am t. Oktober 1004 eingeführt

Die Wirren in der Türkei.

M. Wien, 26. September. Wie die „Neue Freie Presse" aus diplomatischen Kreisen erfährt, hat bisher von russischer Seite nichts verlautet, mit welchen Vor­schlägen Graf Lambsdorff nach Wien kommt. Nur soviel steht prinzipiell fest, daß vorläufig der Kreis der Reform- Vorschläge, welche im Frühjahr von Österreich und Ruß­land der Türkei unterbreitet und von dieser akzeptiert wurden, nicht erweitert wird, sondern daß bezüglich der endgültigen Durchführung der Reformen Verein­barungen getroffen werden sollen, um einen Druck auf die Pforte auszuüben. Gänzlich ausgeschlossen erscheint eine b e w a f f n<* * t e Intervention Leider Staaten. — Die Verwaltung der Bahn Konstantinopel-Salvniki erhielt den Befehl, sich auf einen Truppentransport von 16 Bataillonen nach Djuma vor­zubereiten, weil dort die Insurgenten mit der größten Entschiedenheit auftreten.

hd. Berlin, 28. September. Die belgische Regierung notifizierte den Großmächten, daß sie auf Wunsch des Sultans zwei Hauptlente, sowie zwei Leutnants zu Be­fehlshabern der neuen makedonischen Gendarmerie er­nannte. Der Sultan genehmigte die Ernennung und er­teilte den Hauptlentcn den Rang als Obersten und den Leutnants Majorsräng.

Ausland.

* Österreich-Ungarn. Einer Budapcster Depesche des „Berl. Tagebl." zufolge wurde neuerlich die Ver­weigerung der Steuer-Erhebung in acht Gemeinden be­schlossen. Die Regierung beabsichtigt, diese Beschlüsse für ungültig zu erklären.

* Frankreich. Der Marineminister Pelletan wohnte am Samstag der Denkmals-Enthüllung für den Admiral Jaurös in Graulhet bei. Eine große Volks­menge brachte dem Minister lebhafte Ovationen dar. Pelletan empfing eine Reihe von Deputationen. Als Antwort auf die Begrüßungsrede, welche namens der Geistlichkeit der Sekretär des Bischofs gehalten hatte, führte Pelletan u. a. aus: Die Regierung kenne keine Voreingenommenheit gegen irgend eine Religion, aber sie bevorzuge auch keine. Die Geistlichkeit besitze die Sym­pathien der Regierung, so lange sie ihr nicht feindlich gegenüber stehe. Bei dem Bankett, welches sich an die Enthüllungsfeier anschloß und an welchem 1200 Personen teilnahmen, wurde der Minister wiederum lebhaft be­grüßt. Pelletan dankte und erklärte in einer kurzen An­sprache, die republikanische Negierung wolle entschieden den Sieg über die Kongregationen davontragen. Sie wolle die Freiheit keiner Person angreifen, sie gestatte aber auch nicht, daß die Kirche die Freiheit anderer an­taste. Das Gesetz werde schließlich den Sieg üavontragen. Zum Schluffe befürwortete der Minister eine Politit^dcr Reformen und der Anhänglichkeit an die republikanischen Überlieferungen. Die Bevölkerung veranstaltete Bcr-

Der Bruder Serasin.

Novelle von Viktor Blüthgc«.

(Schluß.)

Dieser erbarmungslose Mensch mit seiner erbarmungs- losen Konseguenz: „Graf", mahnte der Staatsamvalt sürnrunzelnd, „wir stehen vor der Majestät des Todes — auch wenn der noch nicht sein letztes Wort gesprochen haben sollte."

Eine verächtliche Bewegung war die Antwort.

Tie Baronin hielt ihr Taschentuch vor die Augen ge- druckt.

Ein tiefer Seufzer: in die Gräfin kam Leben, sie hob den Kopf, sah mit wirren, verstörten Augen um sich. Dann richtete sie sich hastig auf, blickte von einem zum anderen. Das graurote Haar an den Schläfen hing un­ordentlich. Und die Augen nahmen einen feindlichen, ver- bitterten Ausdruck an.

„Ah", stieß sie hastig heraus, „ihr sagt nichts. Nach- dem ich ihn betrogen, habe ich ihn jetzt auch gemordei. Ihr sollt eine Freude haben . . ."

Und blitzschnell griff sie unter den Mantel, brachte einen Dolch zum Vorschoin, hob ihn in die Luft . . . die Baronin streckte beide Hände aus, schrie — der Staats- anwalt griff znspringend nach der Hand, die den Dolch hielt, rang mit ihr — der Graf stand und rührte sich nicht. Da flog der Dolch auf den Boden, die Gräfin hatte ihn aus freien Stücken fortgeschleudert.

„Nein", schrie sie leidenschaftlich, „ich sterbe nicht, ich will nicht sterben. Ich fühl's wieder, es ist eine Narr­heit, sich umzubringen. Was habe ich denn getan, daß ich ncich deshalb umbringen müßte? Wahnsinnig verliebt bin ich gewesen und meinem Mann davongegangen — ist denn das zum ersten Male in der Welt geschehen? Ver­rückt bin ich gewesen; als ob das etwas ganz neues wäre, daß die Liebe den Menschen verrückt machen kann. Ach, ihr gerechten Kinder, die zu ihrer Mutter sagen: Du

Dirne, du Schmutzlappen, die uns das Haus geschändet und den Vater umgebracht hat — iw wünsch' euch nur einmal so eine Versuchung, die euch beim Schopfe saßt und beutelt wie mich, daß einem schon alles gleich ist, ob man ins Elend laust oder sonst wohin, daß einem alle Gedanken davonfliegen . . . Das kennt ihr zwei beiden nicht, der Herr Franzel da nicht und die Frail ~ a 33 l dazu, die gern hätten, ich brächt mich um dafür, und denen ihre fanbereu Hände leid tun, daß sie mich vollends helfen möchten herauszuziehen aus dem Suinpf, m dem ihre Mutter gestecken . . . Ach, ich bin noch immer die Gräfin Raczek und das ist gut, mein lieber Franzel; just noch bin ich die Gräfin Raczek, und wann ihr mir nicht helfen wollt, nachdem will ich mir selber helfen,

Flammenworte, wie mit dem feurigen Schwert der Leidenschaft in die Luft gehauen. Mit einigen Schritten war sie bei der Tür. Aber der junge Graf war noch schneller. Er stand vor dem Ausgang und fing sie auf.

, „Mutter", sagte er, fest wie eine Mauer mit einer Stimme, stark und tonlos zugleich, „wir wollen uns ver­ständigen iind wir müssen uns verständigen."

„Ah, bin ich deine Mutter, die du lebendig begraben hast, da hinein . . ."

„Ja. Trotzdem. Ich entschuldige dich nicht, kann dich nicht entschuldigen — der Vater ist durch dich zu Grund gegangen. Trotzdem. Ich verstehe dich nicht, ich bin ein Mann. Die Mizzi, mir scheint, versteht dich besser. Gott verhüte, daß sie dir's nachmacht. Wir haben beide etwas gelernt durch dich: wenn einer seiner Pflicht treu bleiben will, so muß er trachten, die Ver­suchung im Keim tot zu treten. Nachdem könnte es leicht zu spät werden. Mutter" — seine Stimme wurde weicher — „wenn dann schon an der Sache nichts mehr zu ändern ist, tu uns eines zur Liebe, und ich beschwöre dich drum vor dem armen Vater da ..."

„Was wäre denn das?"

„Geh von Sankt Velten, ohne Aufsehen zu machen Der Wagen wartet auf dich. Geh weit — wohin du

magst; wir können dich überall erreichen — für dich sorgen . . ."

Er hatte die ausgebreiteten Arme sinken lassen und war beiseite getreten.

„Ach, du möchtest mich wieder einsargen, nachdem ich vom Grabe aufgestanden ... Ich Hab ein Unglück ge­habt, und kein Mensch kann mehr dafür leiden, als ich gelittm habe . . . Das will ich, ich will wieder leben, nicht tot sein wie der Arme da . . . und ich sag dir eins, mein lieber Franzel: daraus wird nichts!"

Sie hatte sich einen Moment gegen ihn vorgebogen — und plötzlich huschte sie wie ein Schatten an ihm vor- bei die Läufen hinauf — der Graf machte nur eine unwillkürliche Bewegung, als niüßte er sie halten, dann schlug er die Hände vors Gesicht und horchte, wie ihre Schritte im Gewächshause verklangen.

Eine Pause. Und er ließ die Hände fallen. „Komm. Mizzi", sagte er, „wir haben die Mutter zum zweitenmal verloren — vielleicht auch die Heimat hier." Und er nahm den Arm der verängstigten Schwester und schritt mit ihr zu dem reglos liegenden Bruder Serafin Da beugte er sich nieder auf das starre Gesicht mit den großen, er­loschenen Augen lauschte . . . drückte langsam die Lider herab.

„Er ist tot, Mizzi."

Und er sank in die Knice, die schluchzende Schwester neben ihm, und sie senkten die Köpfe. Drüben stand der Staatsanwalt in herzlicher Teilnahme — ein Erlöster. Gott ser Dank, das war vorüber. Und als die zwei sich erhoben, fteoefte er ihnen stunnn bie Hänbe hin

„Das ist hart, mein Lieber", sagte der Graf mit brechender Stimme und wischte über die Augen. Jcb danke >?hnen für <st)ren Beistand. Es ist ja freilich anders gekommen, als wir gewünscht hatten. Es >oar wahrlich fE erforderlich, daß der Knoten zerhauen werden mußte zu werden — aber der Himmel hat cs so ge-

„Und vielleicht hat er es doch gut gefügt, Graf; denn als ich vorhin mit Ihrem Herrn Vater sprach, habe ich