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1. Beilage Min Miesdaüeuer Tnglilntt.

Ms. 43L. Morgen-Ausgabe.

Sonntag, den 27. September.

51. Jahrgang. 1Ä03.

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Das ist der im Leben genihrlichüc Stolz, der nicht aus eigener Wertschätzung, ,ondern aus fremder Geringschätzung hervorgeht. Grillparzer.

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( 9 . Fortsetzung.)

Gua Leoni.

Roman von Marie Bernhard.

•t. Susanne das hervorbrachte und neckisch

er Haare schüttelte, hatte etwas so unwider-

stehlichKomisch-es an sich, daß Trudi, eine sehr verständige, aber etwas nüchtern aussehende, kräftige Blondine, mit tmr um bte Wette lachte.

.. "2hbbr nun du selbst, Susanne", begann ich etwas zögernd, - „ich kann doch du sagen?"

„Aber natürlich! Hier nennt sich alles du, bis auf dre Durchlaucht und den Rohrspatz, — denen ist das nicht sein genug. — Meine Biographie möchtest du haben? ^a, dann, muß rch sie dir aber in Aphorismen geben, sonst versäume rch die Frühstückszeit und erhalte Ord­nung, sttase. — Also: Susi von Rothkirch, — nenne mich nie -Susanne, sondern auf gut Wienerisch Süsi, wenn du gut Freund rmt mir sein möchtest. — Alter sechzehn <zahre, - Geburtsort Wien, — Vater General — blen- fÄ f f 0n l b0 Ä' “7 seit sechs Jahren tot, — Mutter I. säst achtzehn Monaten auch tot", — hier trübten sich die glanzenden Augen der Sprecherin — „ebenso schön und sehr lebenslristrg, — Bruder Garde-Kürassier in iaevlxn Vormund und Onkel ebendaselbst, — wohl- jSJ ~ ^ungflefell — mürrisch — sparsam, — liebt und Nnpte wenig — Susi von Rothkirch hier in

dl§^Kloster!"^^^i üte - ^ raetl — zukünftiger Beruf:

m Hch s^cht^ Hell auf, - Susi als Illustration zu diesem Ausspruch, — — — es war zu kostbar! —

^,üit's nicht gedacht, Evi, daß du so reizend lachen kannst. Goldig sicht dir's zu Gesicht, — deine schwarzen Augen sch-en für gewöhnlich so schwermütig d'rein! Ich werde dich oft zum Lachen bringen, das stcht fest! Aber u^st dem Kloster war des Onkels Ernst, er schlug es

nur mü aller . Ehrbarkeit vor-- ist es zu alauben?

Wie ich ihm ins Gesicht gelacht Hab', hat er mich verblüfft angeguckt, und da Hab' ich ihm erklärt: zu dem vorge- §.u.8EN Beruf hatte mich leider der Himmel nicht aus- erwahlt, ich war in keiner Beziehung dafür ausgostattet

und mußte daher bedauern,-aber im übrigen solle

er nur sein Gemüt beruhigen. Wenn ich erst aus der Pension entlassen sei, würde ich ihn bald aus der Ver- legenhert wo er meine liebwerte Persönlichkest unterzu. bringen habe, ziehen und baldigst heiraten, — dann wätt ^ wich los und leder von uns hätte seinen Teil! D'raus n ^einmal verblüfft ausgeschaut und gefragt, ob ich wußte, daß ich arm sei. „Ganz wohl, Herr Onkel" t erwidert, „aber ohne Sorge, — einen Ge- ^ e ' 0nt 2i tc l darum doch!" Da hat er mit den Achseln gezuckt und hat geschwiegen, — das- Klügste, was Ha"un können. — So, das wäre Susis Biographie, — Schluß und Hauptspezialität: Schwester ihres Bruders!"

„Run ist es genug, Susi!" rief Gertrud dazwischen. „Kleide dich vollends an und laß Eva aufstehen; du Weißt, Madame versteht keinen Spaß!"

„O doch, das tut sie schon, aber ihr Beruf als er­habene Pensionsmutter zwingt sie, es nie zu zeigen, wenn sie sich über einen Witz amüsiert. Scheußlich muß das sem! — Ich komme sofort, weise Trudi! Hör' du, Eva, hast du goldblondes oder silberblondes Haar? Laß mich einmal die Flechte auflösen!"

Sie war mit ihren flinken Fingerchen im Nu da­mit fertig und verteilte das gelöste Haar rasch über Kissen und Decken.'

„Welche Pracht! Wie Wellenschaum sieht es aus Aber, Trudi, meinst du nicht mich, es hat einen Silber schimmer?"

„Ja, ich meine es, aber vor allen Dingen ineine ich, du mußt dich jetzt fertig machen!"

„Sofort! Evi, komm' einmal rasch hierher, wirf dir dies Röckchen über -—- so! Jetzt sind die Berge gerade in der richtigen Morgenbeleuchtung, sie wollen unserer „Neuen" die Honneurs machen! Hier stelle ich dir unseren nächsten '.ind mächtigsten Nachbar vor, den Grammont,

— siehst du, wie die Frühsonne ihn aus den Scheitel küßt? Zlm schönsten ist er aber doch bei untergebender Sonne. Was dort ini Hintergründe des Rhone-Thals sichtbar wird. ist der Tent dil Midi, der eine siebenzackige Kroiie auf seinem stolzen Haupte trägt, — neige dich nur vor, dann siehst du ihn deutlicher. Wenn wir den höchsten Gipfel des Mont-Blanc sehen wolle», müssen wir ganz klares herrliches Wetter haben und an einem besonders günstigen Platze unseres Gartens stehen. Aber den schönen Genfer See sieht man immer, — o, wie ist er wunder­voll. und wie liebe ich ihn! — Ach, Trudi, ja ich bin schrecklich! „Und wieder triumphiert das Laster!" sagt der unsterbliche Busch! Nun aber komm' ich in Wahrheit! Ich soll mir noch die englische Lektüre durchsetzen? Fällt mir nicht im Traum ein! — Es ist ja möglich, daß mir das Verständnis für diesen Shakespeare noch einmal aus- geht, — aber bis jetzt finde ich so wenig Geschmack an ihm, wie er höchst wahrscheinlich mi mir fände! Ach, lieber G.ott, — überhaupt diese Klassiker! Nun möcht' ich wissen, was nun alles in der Welt mich dieser Coriolcm angeht und seine Veturia und seine Volumnia und sein ganzer Römerstolz? Ich bin keine Römerin und was sollen wir in unserer Zeit und in unseren Verhältnissen mit einem solchen ungesunden Patriotismus anfangcn, und was sollen wir daraus lernen? S'ist a Graus! Daß ich heut schlecht bestehen ward, das weiß ich so gewiß, wie zwei mal zwei vier ist! „Susanne, you are not prepa- red!" — „I heg yonr pardon, Miss Danton" —.

— „You are not prepared!" Lieber Gott, sie hat Recht, — schrecklich zu sagen — und nun adieu, bis auf werteres, Everl, und beschau dir die schöne Welt, und vertreib dir schön die Zest, während wir mit den Klassikern ringen! Deine Duönna, die dich hergebracht hat, sieht aber entsetzlich langweilig aus, Evi, recht wie eine leibhaftige Georgine. — So, Triidi, da bin ich' Wo sind meine Bücher? Nun komm, du mein armes Corio- lanerl, wollen doch sehen, wie ich mit dir abfahren ward!"

Damit schob Susi das „Coriolanerl" unter ihren linken Arm, faßte Gertrud unter den rechten und ging Mit emem freundlichen Kopfnicken für mich, trällernd aus dem Zimmer.

Ich tat, wie sie es nur empfohlen hatte, ich kleidete mich vollends an und beschaute mir die Welt. Eine löst-

lich reine, frische Morgenluft wehte zum geöffneten Fenster herein, und die wilden Rosen, die mit großblättrigem Efeil untermischt das ganze Haus uimankten, schickten ihren lieblichen Duft ebenfalls zu mir. Blaudunkle Schatten lagen dort, wo die Sonne nicht hintraf, auf den Bergen, deren höchste Ausläufer scharf ihre fest umrissenen Silhouetten in den lichtenMorgenhimmel lsineinschnttten. Droben im blauen Äther wiegte sich ein Vogel, — es mochte wohl ein Gebirgsadler sein! Wie er auf den weit ausgebreiteten Flügeln ruhte, sich gleichsam von der Luft abwärts tragen ließ! Und dies unvergleich­lich frische, prachtvolle Grün, wo immer es sich zeigte! — In tiefen Atemzügen weitete sich meiiie Brust, wieder wanderten meine Blicke aiiswärts, abwärts in stummem Entzücken!

, Ein bescheidenes Klopfen an der Stubentür endete Meine stumme Rundschau, — es war das Zimmermäd­chen, das mich zum Frühstück herunter bat. Ich fand Tante Gina und Madame Bellcmoni in einem hübschen Saal, dessen geöffneten Türen in den Garten führten, meiner wartend. — Mir wollte es scheinen, als sei Ma­dame heute nicht so herzlich und freundlich zu mir, wie es gestern der Fall gewesen; in ihrer Art mir gegen­über lag, bei aller gewandteii Verbindlichkeit, eine gewisse Reserve, die mich befremdete, bis es mir einfiel, das; Dante Gina,es.sicher inzwischen für gut befunden hatte, meiner Pensionsmutter ein Bild meines Charakters zu entwerfen. _ Dies Bild konnte nattirgemäß nur chrer eigenen Aiischauung entsprechen und diese war nicht die vorteilhafteste; Tante Gina hatte mich ohne Zweifel als ein verstocktes, eigensinniges, geinütloses Wesen geschil­dert, vielleicht gar als das „gefährliche Kind", als welches sie mich dereinst bezeichnet hatte. Daß es Madame Belle­mont nicht sehr behaglich sein konnte, ein derarüges In­dividuum für mehrere Jahre in ihr Pensionat zu be­kommen, würde ihr niemand haben verargen können.

Die Zukunft lehrte mich übrigens, daß ich mit meinen Vermutungen das Richtige getroffen hatte.

Nach dem Frühstück mußte ich ein Examen bestehen, welches ausweisen sollte, in welche Klasse ich eingereiht werden könnte. Zu diesem Examen, das mir schon durch Tante Gcorginens Gegenwart eine peinliche Proze­dur war, erschien auch Monsieur Bellemont, ein feiner, zierlicher Herr mit munter blitzenden Augen und den abgeschliffensten Manieren, — Kavalier vom Scheitel bis zur Sohle. Er behandelte mich vollständig als Dame und verwirrte mich dadurch nicht wenig, da mir das bis­her noch nie begegnet war.

Das Examen verlief im ganzen günstig; ungewöhn­liche Kenntnisse waren keineswegs bei mir zu entdecken, zum Glück aber auch keine ungewöhnliche Lücken, so das; ich weder einen Sieg iioch eine Niederlage errang und mich mit einem Achttmgserfolge aus der Affäre zog. Ich empfand, während die Fragen und Antworten sich kreuz- ten, mehr als einmal innerlich ein Bedauern, nicht mehr

gelernt zu haben-ich war nicht ohne Eitelkeit, und

es hätte mich sehr gefreut, zu sehen, daß Monsieur oder Madame gelogenttich angenehm von meineii Kenntnissen überrascht worden wären. Indessen, das geschah nicht, ich hatte es mir nur selbst zuzuschreiben, konnte es im Augenblick nicht ändern und nur den Vorsatz fassen, mich hier in der Anstalt durch Fleiß und Tüchtigkeit auszu- zeichnen. (Forlsetzmio folgt.)

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