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Die preußischen Fandlagswahlen.
Am 12. November finden die Urwcchlen zum preußischen Abgeordnetenhause, am 20. November die Wähler: -der Abgeordneten statt. Es trennen uns also nicht mehr ganz siÄen Wochen von dem Wcchltermin, aber von der Wahlbewegung ist in Anbetracht dieses nahen Termins bisher verhältnismäßig wenig zu spüren. In etlichen Wahlkreisen haben die Parteien zwar schon ihre Kandidaten nominiert, in einem großen Teil der Wahlkreist aber ist man noch nicht einmal so weit avanciert. Auch sonst will nicht der rechte Zug in die Sache kommen, und das hat feine guten Gründe.
Das preußische Drestlassenwahlrecht, welches kein Geringerer als der Altreichskanzler Fürst Bismarck als daß elendeste aller Wahlsysteme bezeichnet hat, ist das Wahlrecht der Besitzenden, während die Stimme der großen Masse der Bevölkerung hierbei so wenig ins Gewicht fällt, daß die geradezu erschreckend g eringeBeteiligung an bat Wahlen zum Abgeordnetenhaust nicht weiter wund-rnehmen kann. DieVersehlthest des preußrschenDrer- klasstmoahlsystems wird heute kaum noch von irgend einer Seite aus aufrichtiger Überzeugung bestritten. Daß, wie es in Berlin tatsächlich geschehen ist, ein Minister in der zweiten Klasse wählt, während sein Schneider, der sich allerdings Narebanä tailleur nennt, in der ersten Klasse wählt, wird schwerlich irgend jemand als der Weisheit letzten Schluß bezeichnen wollen.
Die Notwendigkeit, das preußische Dreiklassenwakst cedit einer Reform zu unterziehen, wird kaum noch irgend wo ernsthaft bestritten, und die gesunde Vernunft ge- bietet, mit dieser Reform nicht erst so lange zu warten, bis sich die Folgen eines verfehlten Wahlrechts, welches die Massen vom Mitraten nnd Mittaten ausschließt, in so schwerwiegender Weist geltend machen wie rm Königreich Sachsen. Aber freilich, wie im preußischen Wge- ondnetenhcmse angesichts der dort nahezu historisch ge- wordenen Parteigruppierung eine moderne Reform des
Wahlrechts durchgeführt werden soll, das ist bis aus weiteres noch ein ungelöstes Rätsel.
Jnr preußischen Abgeordnetenhause hat bisher die starke konservativ-klerikale Mehrheit die unbestrittene Herrschaft ausgeübt, und es ist keinerlei Aussicht vorhanden, daß dies im neuen Abgeordnetenhaust anders sein wird. Don den 433 Mandaten des Abgeordneten. Hauses haben die beiden konservativen Parteien bisher 202 und das Zentrum 100 im Besitz gehabt: möglicherweise gelingt es den liberalen Parteien, diese erdrückende Mehrheit etwas herabzumindern, aber an einen ernsthaften Versuch, die konservativ-klerikale Mehrheit zu befestigen, wird schwerlich auf irgend einer Seite gedacht. Im Gegenteil wird hier und da die steilich wohl unbegründete Besorgnis geäußert, daß es dm beiden konservativen Parteien gelingen könnte, für sich allein me Mehrheit im neuen Abgeordnetenhause zu erlangen.
Der hervorstechendste Zug in der bisherigm Wahl- bewegung ist der, daß die nationalliberale Partei, welche im alten Haust über 75 Mandate verfügte, in vielen Wahlkreisen mit den beiden freisinnigen Parteien gemeinsam operiert, die bisher 26 Mandate besaßen. Don roter einheitlichen Taktik kann jedoch nach dieser Richtung hin nicht gesprochen werden, da die Nationalliberalen in etlichen Wahlkreisen auch mit Konservativen zusammen- gehm Völlig gescheitert ist die von dem eliminierten Wortführer des radikalen Flügels der Freisinnigm Vereinigung befürwortete Taktik, bei dm Landtagswahlen mit der Sozialdemokratie Hand in Hand zu gehen. Ebmso tote die Wählerschaft der Freisinnigm Vereinigung m ganz überwiegendem Maße von einer solchm Taktik nichts wissen wollte, so hat auch der sozialdenwkraftsche Parteitag höflich oder vielmehr unhöflich dankmd abgelehnt. Inwieweit dst Beteiligung der Sozialdemokratie an den Landtagswahlen eine Änderung in der Zusammensetzung des preußischen Parlammts herbeiführm wird, das läßt sich heute natürlich nicht Voraussagen, aber große Hoff- nungm wird sich dst Sozialdemokratie selbst nicht machen.
Den Brmnpunkt der Derhandlungm des Abgeord netenhauses wird diesmal die Frage der Schulunter' Haltungspflicht bilden. Die Verteilung der Volksschul lasten ist insbesondere in bezug auf das Verhältnis zwischen den Landgemeinden und den Gutsbezirkm so ungerecht und unhaltbar, daß eine Neuregelung unauf schiebbar ist. Die Regierung hat auch einen diesbezüg lichm Gesetzentwurf ausgearbeitet, aber dst konservativ klerikale Mehrheit scheint entschlossen zu sein, bei dieser Gelegenheit das zu erstreben, was ihr vor elf Jahren durch das Scheitern des Zedlitzschm Schulgesetzes versagt blieb, also vor allem die gesetzliche Festlegung des kon fessionellm Charakters der Volksschule und die endgülstge Beseitigung der staatlichen Schulaufsicht. Möglicherweise erleben wir also in der kommendm Landtagssession eine
Neuauflage jenes Kantpfes, der vor elf Jahren zu so heftigen Konflikten führte. Dagegen scheint die Fort- etzung des Kantpfes um die Kanalvorlage troch in Ivetter Ferne zu stehen. Am 8. Januar 1902 hatte Gras Bülow im Landtage erklärt, daß demselben „seiner Zeit" rote neue Kanalvorlage unterbreitet werden würde. Seitdem sind fast 2 Jahre vergangen, aber noch weiß niemand, wann „seine Zeit" sich erfüllen wird!
Die Miene der kimMen DeleuWng.
Es gibt wohl kaum ein Gebiet, auf welchem im letz- tm Jahrhundert so große und viele Fortschritte gemacht worden sind, als auf dem Gebiete der künstlichen Beleuchtung. Während man in den frühesten Zetten mittels des Kienspans auf dein Spanbock, später mtt Ol- lampen mit ihrem flackernden Licht, mit ihrem Dunst und Ruß dst Zimmer erhellte, sowie zu diesem Zwecke sich der Wachs-, Stearin- und Palnütinkerzen bediente, ist heute an ihre Stelle die Petroleumlampe mit Flach- und Rundbrennern und Mlchglasschirmen und die Gas- und elektrische Beleuchtung getreten. Me Gasbeleuchtung bedeutete einen unberechenbaren Fortschritt auf dem Gebiet der Hygiene, indem beim Argand- und Auerbrcnner das Leuchtgas vollständig verbrennt und durch den Glühstrumpf bedeutend an Leuchtkraft gewinnt. Spiritusglühlicht und Acetylenlicht, sowie elektrisches Glühlicht, bei dem eine Pflanzenfaser im luftleeren Raume emes birnenförmigen Glases durch den elektrischett Strom zum Glühen gebracht wird, und das elektrische Bogen- licht, bei dem der elektrische Strom zwischen zwei sich ge- näherten Kohlenstäbchen einen sehr hcllleuchtenden Licht- bogen erzeugt, haben die künstliche Beleuchtung auf eine Stufe gehoben, auf welcher die Nacht fast zum Tage ge- macht wird und die künslliche Beleuchtung der natürlichen möglichst nahe kommt.
Bei diesem Fortschritte der Beleuchtungsguellen ist es nun aber von größter Wichtigkeit, zu erforschen, wie sich die verschiedenen Beleuchtungsarten zu unserem Organis- mus verhalten, d. h. welche Beleuchtungsart für unseren Organismus dst gesündeste ist. Nach den Anforderungen der Hygieniker muß die Beleuchtung 1. ausreichende Helligkeit gewähren, 2. sie darf den Augen nicht wehe tun und 3. es darf die Lust durch sie nicht verschlechtert
werden. . , .
Nach Professor Dr. Cohn-Breslau soll ein Arbeitsplatz mindestens ^10-Meter-Kerzen-Helligkeit besitzen, das ist die Helligkeit, welche ein weißes Blatt Papier, wenn es von einer Kerze beleuchtet wird, 1 Meter weit gibt. Aber bei der Bearbeitung von dunklen Stoffen ist eine Beleuchtung von bedeutend mehr Meterkerzen erforderlich. Obgleich z. B. der Schuhmacher bei einer lichtarmen Flamme
Feuilleton.
Aus den Aenle di Sella über die Südwand,
rinr Klrttrrtour in der Brenta.
Von Dr. med. G. Böttcher.
Längst waren die Schweizer Firn- und Felsenhäupter, längst «uch die Hauptgipfel der Alpen Nord- ttrols und die Tauern durch die kühnen Pioniere des Bergsports für die Hochtouristik erschlossen, als die Herrlichkeiten des südlichsten Wälsch-Tirols noch in jungfräulicher Einsamkeit des Entdeckers harrten, dem es bestimmt war, ihren Dornröschenschlaf zu stören. Jetzt gibt es auch dort kaum noch ein Geheimnis, und doch: wie gering im Verhältnis zu dem überreichen Lohn, den sie gewähren, ist heute noch die Zahl der Hochtouren in einem Gebirgsstocke wie die Brenta, dessen erste Durchwanderung einen Alpinisten wie Freshfield zu den begeistertstenSchilderungen seiner Schönheit hinriß. Wohl zieht die eine oder andere Partie an schönen Tagen den mühsamen, doch an unvergeßlichen Eindrücken reichen Weg zur schneeigen Bocca di Brenta hinan und ersteigt Tags daraus in abwechslungsvoller Firn- und Auswanderung die C i m a T o s a, wie auch wir es im vorigen Jahre taten. Sie reizt als höchster Gipse! der Gruppe (»176 Meter) und imponiert dem Neuling in der Dolomitenkletterei durch ihren 80 Meter hohen senkrechten Kamin. Noch leichter wird ein prachtvoller Ausblick gewonnen durch den Besuch der C i m a G r o st d. Kaum kennt der bescheidenere Tourist noch andere Namen, denn an den mächtigen Felsturm des Crozzone di Brenta oder die bizarren Pyramiden des Stockes der F u l m i n i wagt sich meist erst wieder der gewiegte Kletterer von Fach. Trotzdem ladet noch eine ganze Reihe aussichtsreicher und nicht eben schwer zu erobernder Zacken und Kuppen auch den Bergwanderer von Durchschnittsqualität. Dem Rufe zweier bin ich unter kundiger Führung gefolgt und wie ich für ihre Empfehlung an Ort und Stelle Dank geerntet, hoffe ich, ihnen auch weiterhin Freunde zu gewinnen. Corno di Fla- v o n a (2910 Meter) und Dente di Sella (2910 Meter) sind ihre Namen. Der Sonntagmorgen, der dem
Besuche der letzteren gewidmet war, möge in folgendem
für den geschildert sein, der geneigt ist, alpinen Erinnerungsbildern einen Platz in seiner Frühstückslektüre etn- zuräumen.
Rings von Fichten- und Buchenwald umgeben, schmiegt sich das liebliche Ma d o n n a di C a m p i g li o, die Perle alpiner Sommerfrischen, dem grünen Sattel an, der vom gletscherreichen Adamello-Presa- n e l l a st o ck zu dem Dolomitgestein der Brenta hinüberzieht. Dort hatten wir uns in dem trefflichen Hotel Rainalter, dessen Verpflegung an Güte und Mannigfaltigkeit in Tirol kaum ihresgleichen findet, behaglich cingenistet, ohne doch an den Fleischtöpfen die Kraft der Muskeln rosten zu lassen. — Dräuendes Gewölk hat sich Samstag, den 8. August, am Spätnachmittag um die Höhen geballt. Doch gibt Wind und Barometer trotzdem Hoffnung auf Klärung in der Nacht. Sie trügt nicht, denn ein kräftiger Nord setzt rechtzeitig ein und noch vor Mitternacht leuchtet der Mond wieder in fast voller Scheibe den Sternen voran. Um y 2 4 Uhr trommelt Remigio Gasperi, unser schon bei der vorjährigen Tosabesteigung erprobter Führer, Herrn S c e b e r heraus. Dieser, Frau Rainalters tätiger, zu jeder Nacht- und Tagesstunde im Interesse seiner Gäste hülfsbereiter Schwiegersohn, holt meinen Kameraden, einen jungen Stuttgarter, und mich aus den Betten. „Der Älpler wäscht sich morgens früh, der Alpinist tut dieses nie", der Spruch erklärt die affenartige Plötzlichkeit, mit der wir fix und fertig auf der Bildfläche erscheinen. Während der Proviant in der Tiefe von Gasperis Rucksack verschwindet und wir den Frühstückstrank schlürfen, erwächst Herrn Seeber noch ein unerwarteter Geschäftsgewinnst. Nachbar Schuster scheint den Vorrat an italienischen Kraftausdrttcken, über den seine Campigliocr Sommerkunden im Notfälle verfügen, genügend zu respektieren, um sich zeitig aus den Federn zu machen. Er hat den Lichtschein bei Rainalter erspäht und, von keinem Gedanken an den „Kampf gegen den Alkohol" angekränkelt, benutzt er die Gelegenheit, um sich einen nicht zu kleinen Frühschnaps einzuverleiben. Dann geht er an die Arbeit, Herr Seeber ins Bett, unser pickelgewappnetes Trio aber wandelt im bleichen Lichte des Mondes den „Bärenweg" am Hange des Monte Spinale, des Neroberges von Campiglio, hinan. Der Bärenweg ist einer jener be
quemen, dem allerharmlosesten Spaziergänger zugänglichen aussichtsreichen Waldpfade, mit denen jene Gegend so gesegnet ist. Der Blick schweift über die Talschlucht der Sarcaüi Campiglio. Da dehnt sich hoch oben über dem Eingang der berühmten Val di Genova wie ein riesiges, zur Bleiche gespreitetes Laken, gespenstig vom Mondlicht übergosscn, die Firnflächc des L a r c s - gletschers, des größten Plateaugletschers der Alpen. Links strebt in schön geschwungener Linie aus ihm der Card Alto empor, der höchste und stolzeste Gipfel des östlichen Adamello, während sich in der Mitte die weiße Pyramide des Corno di Cavento erhebt, rechts der Crozzon del Diavolo ein düsteres Felsdreieck dem Beschauer dräuend zuwendet. Weiter geht's, da eröffnet eine Biegung des Weges fast unvermittelt den vollen Einblick in die herrliche ValBrenta, den Stolz von Campiglio. Wie oft schauten wir schon die wilden Stcil- terraffen, die sich da übereinander bauen, die trotzige, schneehäuptige Burg der C t m a T o s a und vor allem ihren schier uneinnehmbar scheinenden Wartturm, den Crozzon di Brenta. „Nirgends in den Alpen," sagt Freshfield von ihm, „wirst du einen so tiefen Eindruck von stolzer, unvermittelter Höhe haben." So märchenhaft schön war uns das alles nie erschienen, wie in jener köstlichen Mondnacht. Wir stehen ans dem grünen, von riesigen Fichten < gerahmten Wiesenplan der Malga Valesinella di Sopra, der oberen Alm des Sinellatales. Da hat ein anderer Gipfel den Vorsitz übernommen. Es ist der höchste des ganzen Ada- mellostockes, die C i m a P r e s a n e l l a (9564 Meter), die den Blick talab beherrscht. Einen schaurig steilen Felsabsturz kehrt sie uns zu, doch schimmert rechts und links als weißes Band die Gletscherdecke hervor, die meine Frau und mich wenige Tage später hinaufführen sollte zur wächtengekrönten Spitze und zu einem Panorama, wie wir es kaum je genossen. Nun geht cs schräg aufwärts durch die Knieholz- und Alpenrosenregion dem Gletscherpasse B o c c a d i T u ck e t zu. Auf grobem Geröll gelangen wir an eine überhängende Felswand, aus deren Spalten Phyteuma Comosum, die Teufelskralle, ihre grotesk geformten Blütenköpfchen hervorstreckt, nächst Edelraute und Edelweiß die beliebteste Zierde für den Lodenhut des Alpenwanderers. Hie und da bemerken wir von Menschenhand eigentümlich geschichtete Fels»
