si. Jahrgang.
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Uv. 450. Berlaas-Fernsprecher No. 2953. KaMStttg» d-N 36. SepIkMÜer. Redaktions-Fernsprecher No. 52, 1903.
Abend-Ausgabe.
Politische Übersicht.
Gelb sind schon die Wälder, bunt die Stoppelfelder und der Herbst beginnt! Es ist Herbst geworden, auch in der Politik. Wir nähern uns der politischen H o ch s a is o n, deren Vorboten sich bereits ankünden. Am 12. November finden die Wahlmännerwahlen und am 20. November die Wahlen der Vertreter zum preußischen Abgeordnetenhaus statt, und die Wahlagitation, die bisher alles in allem noch auffallend matt verlief, dürfte jetzt mit verstärkter Kraft einsetzen und bald in Zug kommen. Die kommende Legislaturperiode des preußischen Land tags verspricht eine recht bewegte zu werden, denn sie wird allem Anschein nach eine Neuauflage des Kampfes um die Volksschule bringen, der im Jahre 1892 mit der Zurückziehung des Zedlitz- schen Schulgesetzes endete. Auch den Kampf um die Kanalvorlage wird die preußische Regierung wohl oder übel nicht ganz einschlafen lassen können. So darf man sich auf heftige Kämpfe im preußischen Landtage gefaßt machen, die rhr Vorspiel in einem sehr erregten Wahlkampf finden dürften.
An Stoff zur Erregung der Gemüter hat es in der abgelaufenen Woche auch sonst nicht gefehlt. Zwei Prozesse, die sich vor dem militärgerichtlichen Forum abspielten, haben zu lebhaften und leidenschaftlichen Erörterungen den wenig erfreulichen Anlaß gegeben, näm-- lich der Prozeß Breidenbach und der Prozeß Hüssener. Das Verfahren gegen dm Leuteschinder Breidenbach, der in 1207 Fällen der Mißhandlung und zwar teilweise bestialischer Mißhandlung Untergebener überführt worden war, hat einen Ausgang genommen, der geeignet war, die schwer erregte öffentliche Meinung in etwas zu beruhigen. Die über den Unteroffizier Breidenbach verhängte Strafe von 8 Jahren Gefängnis wird hoffentlich ihre abschreckende Wirkung ausüben. Aber damit ist es nicht getan, sondern es wird ernster Erwägung bedürfen, wie das beklagenswerte Übel der Soldatenmißhandlungen wirksamer als bisher bekämpft werden kann. Mit um so größerer Enttäuschung ist daS Urteil des Oberkriegsgerichtes im Verfahren gegen den Fähnrich Hüssener aufgenommen worden, der mit der außerordentlich milden Strafe von 2 Jahren und 7 Tagen Festung davon gekommen ist. Sowohl im Falle Hüssener selbst wie in diesem kriegsgerichtlichen Urteil ist der Unterschied zwischen den bürgerlichen Empfinden und der militärischen Auffassung in ausfallender Scharfe-
Der Kruder Kernfm.
Novelle von Viktor Blüthgcn.
(13. Fortsetzung.)
Der Staatsanwalt trat zu ihr und verbeugte sich formell, indem er seinen Namen nannte. Ter Graf hatte einen Schlüssel aus der Tasche gezogen und reichte ihm den. „Vielleicht gehen Sie jetzt in die Krypta, Herr von Rechberg, und warten dort, wann es Ihnen recht fit."
Ein paar Augenblicke nachher stand dieser in der Gruft Der Schlüssel war außen stecken geblieben, die Tür nur angelehnt. Die bekannte rosige Dämmerung.
Er war sich vollkommen klar, was er sagen wollte. Aber ihm war schwül genug dabei zu Mute. Diese schreck- lichen Probleme, die das Leben stellt, sehen doch ganz anders aus, wenn man sie menschlich, als wenn man sie juristisch anzupacken hat. Dennoch war er gefaßt genug, um sich unter so veränderten Umständen den mysteriösen Sarkophag aufs neue genau anzusehen.
Eine wundervolle Arbeit, ohne Frage. Und er vertiefte sich wieder in den schönen reizvollen Kopf, dessen Ähnlichkeitswert er noch immer nicht zu kritisieren ver- mochte, obwohl das Original zwanzig Schritte davon ihn begrüßt haste. Wenn dies Weib einmal so schön gewesen
war ... _ „„ , „,
Er schrak auf, denn die Tur zum Gang öffnete stch und der Bruder Serafin stand vor ihm.
„Guten Abend, Herr Staatsanwalt", sagte er, und der düstere Blick der großen, tiefliegenden Augen wollte diesem noch fremder, abwesender, bedünken, als er sich seiner Erinnerung eingeprägt, der Mann noch größer, imponierender.
„Guten Abend, Graf Raczek", betonte der Jurist absichtlich so laut, daß man ihn im Gewächshause verstehen mußte, „ich habe gute Nachricht für Sie."
Der Bruder serafin trat, ohne scheinbar Nostz davon zu nehmen, vor die Marmorfigur auf dem Sarkophag, beugte den Kopf und bewegte die Lippen. Eine ganze Weile. Dann wandte er sich Rechberg zu. „Was verstehen Sie unter einer guten Nachricht? Es gibt nur einen Wunsch, mit dem ich den Himmel beläüiae. wie Sie wissen,"
zutage getreten. Zweifellos werden die Fälle Breidenbach und Hüssener im Reichstage ein parlamentarisches Nachspiel haben.
Wenn auf dem Gebiete der inneren Politik sich bereits das Herannahen der Hochsaison angekündigt, so sind wir auf dem Gebiet der äußeren Politik garnicht aus der hohen Saison herausgekommen. Die internationale Situation bietet seit langer Zeit ein recht bunt bewegtes Bild, und insbesondere die Balkansrage hält die europäische Diplomatie unausgesetzt in Atem. Jedenfalls kann man aber mit Befriedignng feststellen, daß die Situation auf dem Balkan, die einige Zeit hindurch recht bedrohlich und kriegerisch aussah, in den letzten Tagen eine Wendung zum Besseren genommen hat. Der kalte Wasserstrahl, dm die russische Regierung mit Unterstützung der anderen Großmächte nach Bulgarien gerichtet hat, ist nicht ohne abkühlende Wirkung geblieben. Und da die Mächte die Parität gewahrt haben, indem sie in derselben Note der Pforte'eine Verwarnung erteilten, so darf man wohl hoffen, daß die Dinge auf dem Balkan sich nod) einmal einrenken.
Nach dieser Richtung hin hat auch der Besuch des deutschen Kaisers am Wiener Hofe seine Wirkung getan, und die gleiche Wirkung der Erhaltung und Festigung des Weltfriedens darf man sich auch von dem bevorstehenden Besuche des russischen Zaren am österreichischen Kaiserhose versprechen. Was dagegen die Situation in Ö st e r r e i ch - U n g a r n selbst betrifft, so ist sie derart verfahren, daß es noch garnicht abzusehen ist, wie die Dinge dort wieder ins rechte Geleis kommen sollen. Die heißblütigen llngarn sind in ganz rabiater Stimmung, und der arme provisorische Ministerpräsident Graf Khuen-Hedervary ist „nicht der Mann, dm Teufel festzuhalten." Tie trostlose Situation in Ungarn wirkt aber auch bereits auf die inneren Verhältnisse in Österreich zurück, wo sich im Parlament ähnliche Stürme vorzubereiten scheinen, wie sie sich jetzt im unga- rischen Abgeordnetenhause abgespielt haben.
Es ist gerade, als ob die Kabinettkrisen zurzeit epidemisch wären. Auch in Serbien, wo allerdings die Krisis einen chronischen Zustand darstellt, hat es wieder nach dem für die Regierung ungünstigen Ausfall der Skuvschtina-Wahlen einen Kabinettwechsel gegeben und König Peter dürfte nachgerade zu der Überzeugung gekommen sein, daß es am Genfer See schöner und gemütlicher ist als in Belgrad.
Endlich hat es auch in England einige Minister a. D. gesetzt, darunter Herrn Chamberlain. Herr Chamberlain hat das Kabinett Balfour mit Hülfe der Schutzzollfrage gesprengt, obwohl er wußte, daß er dabei selbst mit in die Luft fliegen müsse.
„Graf Raczek,'gestatten Sie mir eine Frage. Können Sie sich besinnen, daß es eine Zeit gegeben hat, wo Sie den Sarg in diesem Sarkophag da drinnen für leer gehalten haben?"
Im Gesicht des Grafen ging eine unheimliche Verwandlung vor sich. Seine Augen weiteten sich, das Blut stieg ihm auf, die Adern der Stirn schwollen und die Lippen bebten. „Hinweg, Versucher!" rief er, als beschwöre er mit starker Stimme einen bösen Geist. Er sah nicht den Staatsanwalt an, er blickte wie in einen Raum, der nicht da war. „Das ist die Stimme des Verfluchten, den ich nie zu Gesicht bekomme. Wie das Summen der Fliege, die immer wiederkommt, wenn ich schlafen will in der Dunkelheit. Das ist der Satan, der dem Verbrecher helfen will. Sie haben es gehört, Herr? Ich ringe meine Hände blutig dagegen und schlage mit Fäusten .... Hören Sie? Tein Weib lebt und ibr Sarg ist leer, und du bist ein Narr geworden . . . Nein!" schrie er auf, „tot ist sie, gemordet ist sie — Marion — du — du . ."
Der Paroxysmus dämpfte sich rasch ab, während der Bruder Serafin über den Marmorleib auf dem Sarkophag tastete.
Der Staatsanwalt warf besorgte Blicke und biß in kurzem Überlegen die Lippen zusammen. In dem Seelenleben dieses Unglücklichen hatte sich eine seltsame Spaltung vollzogen. Die Erinnerung an die Wabrheit war zu einem fremden, feindlichen, diabolischen Wesen geworden.
„Graf Raczek", sagte er endlich, „was würde geschehen, wenn jetzt auf einmal Jbre Gattin, die Sie für tot halten, leibhaftig vor Sie träte?"
„Was?" dehnte der Graf, richtete sich auf und trat dem andern dicht vor die Augen. „Erwürgen würde ich sie, denn sie wäre eine Betrügerin. Oder der Satan, der ihre Gestalt angenommen . . ." Seine Erregung stieg wieder. „Zur Hölle . . ."
„Oder ihr Geist . . . oder sonst etwa? ... Graf Raczek, können Sie glauben, daß ihr Geist Ihnen erscheinen kann, dann will ich sie zu Ihnen führen."
„Ihr Geist . , ." wiederholte er mit rollenden Augen und im Bemühen sich zu besinnen . . . „ihr Geist . . . ja . . . Marion!" rief er mit heulender Zärtlichkeit — „Marion . . ."
Im Gewächshause gab es einen Aufschrei, ein paar
Deutsches Deich.
* Hoi- »nt> Personal-Nachrichten. Das russischcKaiscr; paar traf gestern nachmittag gegen 3 Uhr zu längerem Besuche des Hofes in Darmsiadt ein. Die Begrüßung war sehr herzlich. Das Zarenpaar wurde von der dichtgedrängten Menge bejubelt.
* Berlin, 25. September. Der „Nat.-Ztg." zufolge wird in unterrichteten Kreisen angenommen, daß in der marokkanischen Frage eilt Abkonnnen zwischen Frankreich und England zu erwarten steht. Die anderen Mächte einschließlich Deutschland würden einem solchen Abkommen keine Opposition machen, falls der Grundsatz der offenen Tür für die Handelsbeziehungen gewahrt bleibt.
Der A u sst a n d der O nt n i b u s - A n g e - stelIten kann als beendet betrachtet werden, nachdem, fast der gesamte Betrieb fahrplanmäßig wieder aufgenommen ist. Ein Teil der Ausständigen ist zum Dienst zurückgekehrt, während das Aushülfs-Personal fest ein- gestellt wurde. Die noch weiter Streikenden sollen nie wieder angeiwmmen werden. Seitens des Polizei- Präsidiums sind umfassende Maßnahlnen getroffen worden, um Ruhestörungen zu verhindern.
* Das erste sozialistische Flugblatt zu den preußischen Laudtagswahlen ist bereits erschienen und in der Umgebung Berlins zur Verteiluirg gelangt. Unterzeichnet ist es von dem fünfgliedrigen sozialistischen Wahlkomitee für den Landtags-Wahlkreis Oberbarnim und Nieder- barnim. Einen Kandidaten nennt es noch nicht. ^ Das Flugblatt hält Beteiligung an der Landtagswahl für im Interesse der erwerbstätigen Bevölkerung und der Allge- meiicheit notwendig. In dem Flugblatt heißt es u. a.: Mit derselben Schärfe wie im Reichstage stellen wir auch hier unsere Forderungen: Nieder mit der Reaktion, der staatlichen und polizeilichen Bevormundung, der Rechts- Unsicherheit und der Bevorzugung der besitzenden Klassen. Auf zum Kampf für die Freiheit und den Fortschritt auf allen Gebieten. Vorwärts zur Erringung des allgemeinen direkten und geheimen Wahlrechts auch zu diesem jetzt so vermoderten Junker-Parlament.
* Deutsche Kolonien. Tie aus Samo a eingetroffene Post hat erfreulicherweise eine ganze Reihe von Mitteilungen gebracht, die sich vorteilhaft von den Berichten unterscheiden, die in letzter Zeit aus Samoa zu uns kamen. Ter größte Teil der Differenzen, der zwischen dem Gouverneur von Samoa, Solf, und den dortigen Ansiedlern und Gesellschaften bestand, scheint durch verständiges, gegenseitiges Entgegenkommen seine Erledigung gefunden zu haben. Tie Angelegenheit der Chineseneinfuhr ist bereits zur Zufriedenheit aller Be- teiligten erledigt und es ist zu hoffen, daß die erregte
Zurufe, und durch die geöffnete Tür flog die schwarze Gestalt der Gräfin nieder, warf sich zu Füßen des Grafen auf den Boden. Sie hatte den Schleier vom Gesicht geschlagen, und der Staatsanwalt, der Mühe gehabt, ihr rasch aus dem Weg zu treten, hatte im Fluge den Eindruck ihrer Züge erhascht: ein bleiches, gealtertes, in leidenschaftliche Erregung getauchtes Gesicht mit verweinten Augen.
„Leo — Leo . . . hier bin ich — erwürge deine Marion, aber vergib ihr!"
Ter Staatsanwalt war gegangen, die Tür wieder anzulehnen. Wie eine Vision verschwand das Bild der Kinder beider mit der Laterne vor ihnen. Er hatte den Wunsch, die beiden Gatten zu isolieren, aber er war entschlossen, Zeuge der Szene zu bleiben. Hier konnten Dinge geschehen, die er dunkel vor sich sah und die er unter allen Umständen entschlossen war, zu verhindern.
Einige Momente dauerte das. Ta schrie die Gräfin auf, und als er sich umwandte, sah er das verzerrte dunkelrote Antlitz des Bruder Serafin, . der taumelnd niederschlug, mit dem Kopf gegen den vorragenden kleinen Marmorfuß des Bildwerks — schwerfällig zusammen- brach.
„Leo — stirb nicht — Leo, höre mich . . ." Die Gräfin sprang auf, warf sich über ihn.
Der Staatsanwalt wußte auf einmal: Der Bruder Serafin war tot. Und ihm wurde heiß und kalt, und er fühlte, wie jeder Nerv an ihm zitterte. Und doch sagte etwas in ihm: Eine Lösung!
Ter junge Graf, die Baronin. „Ihr Vater lebt nicht mehr, fürchte ich", sagte er trübe nickend gegen die beiden. Die Baronin schluchzte laut auf und warf ihre Arme um den Hals des Bruders. Und schluchzte immerzu. Der Graf blickte finster, feindselig drein, löste endlich die Schwester mit einer ungeduldigen Bewegung von sich und trat zu den Liegenden.
„Madame, stehen Sie auf. Ihr Werk ist zu Ende", stieß er rauh heraus.
Tie Gräfin rührte sich nicht, sie war ohnmächtig geworden. Er bückte sich zu ihr nieder und stand dann in dumpfem Brüten. „Sie verhindert uns auch noch zu untersuchen, ob ihm zu helfen ist", sagte er durch die Zähne,
(Schluß folgt.)
