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|jt0» 447 0 Berlags-Fernsprecher N». 2958.
Bflorgen-Ausgahe.
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Es ist festzustellen, daß der Besuch Kaiser Wilhelms in Wien von keiner dritten Macht anders denn mit sympathischen Gesinnungen begleitet worden ist. Darin spricht sich aus, daß das Bündnis zwischen dm eurv- päischen Zmtralmächtm als eine in der Natur der Dinge liegende Notwendigkeit erachtet wird ; es spricht sich darin aber auch aus, daß dies Bündnis als eine Sicherung des Weltfriedens empfunden wird, und daß e§ somit die Möglichkeit des Anschlusses weiterer Mächte in sich enthält, des Anschlusses oder mindestens des reibungslosen NebenhergchiMs auch solcher Mächte, denen gegenüber das Verhältnis zwischen Wien und Berlin seinerzeit als eine scharfe Absonderung mit defensiven Tendenzen gegolten hatte und gelten mußte. Mit anderen Worten: Rußland ist beinahe wieder der dritte im Bunde, und Frankreich kann nicht mehr als der Feind schlechtweg angesehen werden. In dem Mäße, in dem' die deutsche Bündnispolitik den Weg nach Petersburg zurückfand, ohne die vertranten und sicheren Wege nack>, Wien und Rom aufzugeben, überzeugte man sich nicht bloß an der Newa, sondern auch an der Seine davon, daß, unbeschadet des Zweibundes, ein gebessertes Verhältnis zu der europäischen Zentralmacht, also zu uns, seinen Nutzen habe. Der unvoreingenommene Beobachter fände heute schwer genug irgendwo einen wichtigeren Punkt, wo zwischen den Mächten des Dreibundes und denen des Zweibundes ernsthafte Interessengegensätze obwalteten. Die überlieferten Formen für die bündnismäßige Ausgestaltung von besonders engen Jnteressenvereinigungen sind darum nicht aufgegeben worden und werden auch in absehbarer Zeit nicht aufgegeben werden, aber sie hindern nicht, daß die Grenzlinien einigermaßen verwischt werden. Man kann sich heute nicht vorstellen, daß ein schroffes Verhältnis zwischen Berlin und Petersburg entstehen sollte, oder daß die früheren Reibungen zwischen Wien und Petersburg wiederkehren sollten. Man hat aber auch keinen triftigen Grund zu der Befürchtung, daß die französische Politik, die weder gewillt noch imstande ist, in einen Gegensatz zu Rußland zu treten, eine aggressive Richtung gegen uns einschlagen möchte. Der überall hervortretende Grundzug einer Milderung der früheren Gegensätze hat die Probe auf seine Wirksamkeit wiederholt und gut bestanden. Es hat sich gezeigt, daß Deutschland und Frankreich auf dein Gebiet der kolonialpolitischen Interessen einander wertvolle Unterstützung gewähren können, bei der es keinen Täuschenden und keinen Getäuschten zu geben braucht, bei der vielmehr die vielen Interessen hüben und drüben bestens gewahrt bleiben konnten. Es hat sich ferner gezeigt, daß die Intimität zwischen Rußland und Frankreich nicht nur die Erneuerung der guten Beziehungen zwischen Berlin und Petersburg gestattete, sondern auch eine offenbare Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich wenigstens auf dem ostasiatischen
Freitag» de« 23. September.
Aktionsfelde erlaubte. Die Wiederherstellung der deutsch- russischen Freundschaft sodann könnte parallel gehen der Anknüpfung einer fruchtbringenden Interessengemeinschaft zwischen Wien und Petersburg in bezug auf die Balkanftagen. Man könnte es so ausdrücken: Die Politik der Rückversicherungsverträge, die Fürst Bismarck eingeleitet hatte, ist als ein neues und ungemein nutzbares Moment inzwischen von den meisten Mächten erkannt und befolgt worden, so aber, daß jede Macht daraus die Konsequenz zog, es sei nicht wohlgetan, solchen Rück-
Versicherungsverträgen entgegenzuarbeiten, es sei vielmehr das Zweckmäßigste, sie als gegebene Tatsache zu akzeptieren und die nämliche Politik zu verfolgen. Go hat Rußland neben dem Zweibund seinen, gleichgültig ob geschriebenen oder ungeschriebenen, Rückversicherungsvertrag mit uns, so haben wir neben dem Dreibund den, wieder gleichgültig ob geschriebenen oder ungeschriebenen, Rückversicherungsvertrag mit Rußland; so hat Italien eine Art Rückversicherungsverhältnis zu Frankreich und sogar zu Rußland (dies letztere in bezug auf die Balkanfragen),
NcdaktionS-Feriisprechcr No. 52. 1963.
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und Österreich-Ungarn hat es nicht anders gemacht. Dies alles sind Tatsachen, die klar zutage liegen, die an keinem Punkte als Erschütterungen vorhandenerBündnis- verhältnisfe gelten können, die gleichwohl gewisse Abwandlungen der bestehenden Verträge bedeuten, die am letzten Ende jedoch dazu Mitwirken, daß der europäische Horizont friedlicher und freundlicher denn je zuvor erscheint. Man kann es ruhig sagen: Die Möglichkeit krieg erischer Konflikte ist selten so ferngewesen wie heute. A
Zur Kriegsgefahr auf dem Balkan.
Unaufhaltsam treiben die Verhältnisse auf der Balkan- Halbinsel dem Kriege zu, der allem Anscheine nach mit einem Zweikampfe zwischen Türkei und Bulgarien beginnen dürfte, dessen Weiterentwickelung aber sich jeder Voraussetzung entzieht. Bulgarien hat durch Einberufung von Reserven seine Armee um etwa 20 000 Mann ver» stärkt, die Türkei hat ihre Kriegsbereitschaft durch Mobilisierung zweier kleinasiatischer Armeekorps erhöht, und
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Grußes und Netteres aus dm Koldatenlebeu.
(Von unserem militärischen Mitarbeiter-!
Dies Wesen ohne Poesie,
Das ist der Chef der Kompagnie!
sagt, ich glaube Knaak, in einem seiner militärischen Gesänge.
Wie recht hatte damals vor mehr als 20 Jahren schon der humorvolle soldatische Dichter und wie gewaltig ist die Poesielosigkeit seit dieser Zeit gewachsen. Der Mann im bürgerlichen Gewände ahnt gar nicht, welche Pedanterie und Knifftologie unsere Armee durchseucht und welche Riesenfortschritte diese Krankheit von Jahr zu Jahr macht.
Greifen wir hinein ins volle Hauptmannsleben! Unter vielen Ärgernissen ragt das „Strafbuch" fast bis zur Höhe des „Beschäftigungszettels" heran.
Das Strafbuch? höre ich dich, lieber Leser, verwundert fragen; wie kann eine so einfache Sache wie das Verzeichnis des verhängten Arrestes, der Rapporte usw. Verdruß erregen? Wie es dies fertig bringt, will ich erzählen.
In der guten alten Zeit, als noch alle paar Jahre ein frischer, fröhlicher Krieg ausgefochten wurde, in dem Abschnitt zwischen 1864 und 1875, galt dieses in 2 Heften geführte Strafbuch nicht mehr als etwa das Parole- oder Schießbuch.
„Das waren noch schöneZeiten", höre ich einen verdrossenen Hauptmann sagen, der erst kürzlich in den Revisionsbemerkungen über seine Strafgewalt die größten Bosheiten aller Vorgesetzten, vom Bataillonskommandeur bis zum kommandierenden General, gelesen und daß er sie entziffert, auch bescheinigt hat!
In dem Buche früherer Zeiten waren die Seiten
vertikal in verschiedene Rubriken geteilt. Es hieß da: Laufende Nro., Charge, Namen, „Gemütsart", Straftenor, verbüßt —, Bemerkungen.
Die ersten 3 Spalten ergaben sich von selbst, dann aber kam der Stein des Anstoßes, „die Gemütsart"! Die Auffassung, was Gemütsart ist, war eine äußerst vielfältige, und Schilderungen dieser Geistesverfassungen, die sich mancher leistete, würden dankbaren Stoff für Possen und Fastnachtsscherze abgeben.
Ein im goldenen Mainz stehender Hauptmann schilderte die Gemütsart seiner leichtsinnigsten Musketiere mit: „Ist aus Gonsenheim!" Ein anderer meinte, der Mann sei „dickfellig!" Einem dritten kamen die geistigen Beanlagungen „knitschig" vor.
Jahrelang erregten diese Bezeichnungen keinen Anstoß, refp. fiel den damals über kleinliche Lumpereien erhabenen Vorgesetzten nicht ein, an der inneren Überzeugung der zuverlässigen Kompagnieväter zu rütteln. Dieser vernünftige Standpunkt änderte sich gründlich in der Mitte der 70er Jahre. Wer es war, weiß ich nicht; jedenfalls ein am versetzten Generalstabe Leidender oder gewesener Kriegsschulmeister, dem die Himbeerbeino in unerreichbarer Ferne schwebten, begann, um sein Licht leuchten zu lassen und angenehm aufzufallen, mit einer bissigen Kritik genannter Charakterschilderungen.
Dieser Weise meinte: „Ist aus Gonsenheim" sei keine Gemütsbezeichnung, sondern Ortsbestimmung! Wie geistreich! Schade, daß der Mann nicht 10 Jahre lang Gonsenheimer in seiner Kompagnie hatte, es wäre ihm alsdann jedenfalls eine Stalllaterne über das Seelenleben der vielgeliebten Nachbarn der rheinischen Metropole angesteckt worden!
Über „dickfellig" entspann sich eine ganze Literatur! Das Bataillon als erste Instanz schrieb, eine Gemütsart besäße kein Fell, also Passe dickfellig nicht als Schilderung deren Eigentümlichkeiten!
Das Regiment legte sich diese schwerwiegende Frage anders aus, es schrieb unter die Bemerkungen des wackeren Majors: „Fellig kommt in Verbindung mit geistigen Eigenschaften von „Fall" her, und dick soll so viel wie „grob" heißen; in dieser Beziehung bedeutet also „dickfellig" die Neigung, sich „grober Disziplinarfälle" schuldig zu machen! Im übrigen ist der Ausdruck nicht ganz glücklich gewählt!"
Der Brigadekommandeur setzte sein: „Mit den Bemerkungen des Regiments und Bataillons einverstanden" darunter.
Da ein Divisionskommandeur immer ein Mann ist, der wie Saulus um Haupteslänge das übrige Volk überragt, so traf auch in dieser Streitfrage Se. Exzellenz den Nagel auf dm Kopf.
„Dickfällig" heißt „schwerfällig", der Hauptmann muß sich einer besseren Orthographie befleißigen!"
„Auch „knitschig" stieß auf stasfelweisen Widerspruch. Die erste Instanz übersetzte das Wort mit „knetbar" und behauptete: „Ein knetbares Gemüt läßt sich wohl denken, wie Ton oder Brotteig gibt es jedem Drucke nach; die Bezeichnung „unbeständig" oder „dehnbar" würde wohl sachgemäßer sein!
Eine dehn- und knetbare, sowie unbeständige Gemütsart vermochte nicht den Beifall des Oberstm zu gewinnen. „Schlapp, schlaff ist der Kerl, aber nicht knitschig", schrieb der Gestrenge mit Besenssielstrichen und Spritzern, als ob ein Tintenschrapnell geplatzt wäre« darunter!
Die Brigade war wieder einverstanden; die Division dagegen setzte darunter: Der Kompagniechef hat sich der dmtschen Schriftsprache zu bedienen, welche ihm freilich nicht geläufig zu sein scheint!"
Daß der beschränkte üntcrtanmverstand das Richsige, resp. es Io traf, wie die wohlwollenden Vorgesetzten es gerne gesehen hätten, kam kaum vor, eine Per oberen In-
