1. Beilage mm Wiestlaüener Tagblatt.
Wo. 447. Morgen-Ausgabe.
Freilag, den 25. September.
51. Jahrgang. 1903.
Der Erfolg der Religionen häng: nicht von den melir » oder weniger trefflichen Beweisen ob, die sie von ihrer Gött- Z lictifeit erbringen; ihr Erfolg steht vielmehr im Verhältnis zu dem, was sie dem Herzen des Volkes mitjprteiien hoben.
E. Renan.
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(7. Fortsetzung.)
Gva Keoni.
Roman von Marie Bernhard.
Meine jun^e Klcwierlehrerin dachte sehr groß von meiner musikalischen Begabung, sie staunte immer tvieder, wie leicht es mir wurde, schwierige Stücke einzuüben und Auswendig zu behalten und welch eigenartige, interessante Auffassung ich hatte. Eines Tages machte sie Tante Wtna ganz unbefangen den Vorschlag, sie möge doch meine Großmutter zu bestimmen suchen, eine Künstlerin aus mir zu machen, ich hätte ganz bestimmt das Zeug dazu, und dre bedeutendsten Musikprofessoren würden, wenn sie mich rmr spielen horten, unbedingt ihrer — Fräulein Stromers — Ansicht sein! — Tante Gina setzte zu diesem Vorschläge, der mich insgeheim natürlich sehr entzückte, ihre eisigste Miene auf und versicherte kurz, dazu werde meine Großmutter nie, so lange sie lebe, ihre Ein- Willigung geben, — ich sei ja ganz von ihr abhängig, hatte also zum Glück nicht die Mittel, einen so abenteuer- lichenPlan ins Leben zu rufen; schließlich bekam Frau- lein Stromer die Andeutung zu hören, sie möge mir nie Wieder mit solchen Ideen kommen, sonst sei es um ihren Posten als meine Musiklehrerin sofort geschehen!
An einem schönen, warmen Frühlingstage — ich war tn wem fünfzehntes Lebensjahr getreten, ein schlank und hoch emporgeschossenes Mädchen — eröffnet? mir Tante Gina ganz unvermittelt, in acht bis zehn Tagen würden dar nach der französischeir Schweiz abseisen, woselbst ich nach dem Wunsche meiner Großmutter in ein Pensionat »u Vevey kommen sollte, um mir daselbst alle möglichen Kenntnisse und, im Verkehr mit vielen Menschen, gute und ungezwungene Manieren anzueignen. Dante Gina knüpfte an diese Mitteilung eine kleine Standrede: wie sie hoffe, ich würde alles zu meiner Bildung und Vervollkommnung Notwendige tun, meinen Eigensinn und mein unzugängliches Wesen ablegen und meiner Großmutter stets Liebe und Dankbarkeit bewahren für die Sorge, die sie meiner Erziehung widme. Ich verspürte dieser Groß- mutter gegenüber, die meine Lieblingspläne durchkreuzte, meine berechtigten Gefühle unterdrückte und für mich nur den einen lebhaften Wunsch hatte, ich möge sterben und ft* von einer unangenehmen Aufgabe erlösen, gerade
das Gegenteil von Liebe und Dankbarkeit, --- und so
schwieg ich denn zu Tante Ginas Bemerkungen, fuhr oft mit ihr zur Stadt, freute mich nach Mädchenart über die hübschen neuen Toiletten, die für mich angeschasft wurden, und sah einigermaßen erwartungsvoll meiner ersten Reise und meinem Leben in der Pension entgegen. Der Wschied von meiner bisherigen Heimat wurde mir nicht witer schwer, nur den schönen Garten, wie er in Sonnengold gebadet vor mir lag, gab ich ungern auf, — Wie gut hatte sich's hier träumen lassen! —
nie Gina brachte mich selbst nach Vevey, und die
Reife verging mir wie im Fluge. Neue Eindrücke überall, ein fremdes Leben, — und wie zu einem Wunder, erschrocken fast, staunte ich zu den Alpen empor, da wir dem Ziele unserer Reise näher und näher kamen.
Ganz dicht bei Vevet), in einem mit vielen Villen bestandenen Taleinschnitt, lag das Pensionshaus, in deni ich leben sollte, und da es Abend war, als wir ankamen, und die Sonne im Niedersinken begriffen, so stand das weiße, von einem hübschen, großen Garten umgebene Haus wie auf Goldgrund da, und seine sämtlichen Fenster glühten metallisch im Wendsonnenscheine.
Unb da sah ich auch sie, die mein Leben hier vergolden und sonnig beleuchten sollte, zum erstenmal.
In dem kleinen Vorgarten, an ein niedriges Staket gelehnt, stand ein weißgekleidetes Mädchen, ein paar rotseidene Bandschleifen auf der Brust, das schwarze, frei herabfließende Haar von einer gleichen Schleife zu- sammengeh alten. So stand sie mitten im Maiengrün, die junge, herrliche Menschenknospe, von strahlendem Licht
wie von einer Glorie umgeben-nnd einer Glorie
gleich umgibt auch heute die unverwelkliche Erinnerung meines Herzens ihr Bild, das mir als meine erste, ich möchte sagen einzige, vergötterte Jugendfreundschaft teuer war und bis heute geblieben ist, obwohl wir weit — o, wie weit! von einander geschieden sind!
Mit ihren zierlichen Händen auf das Staket gestützt, stand sie ein wenig vornübergebeugt nnd sah uns zu, wie wir aus dem Wagen stiegen: die Lippen hielt sie halb geöffnet, wie wenn sie ein begrüßendes Wort sprechen wollte, .... zugleich aber hörte ich aus der halbairgelehnten Tür des Hauses verschiedene Ssimmen durcheinander rufen: „Susanne!" „Oü est-elle?"
„Susanne, venez ici!" und da wurde mein schönes Bild lebendig, warf das Köpfchen herum, daß. die dunklen Haare flogen und stieß einen hellen, frohlockenden Laut aus, wie Vögel, ehe sie sich anfschwingen, um weit, weit in den blauen Himmel hineinzufliegen.
„Ne voici!" Das war für die im Haufe befindlichen bessimmt. Dann: „Au revoir, ma belle blonde aux yeux noirs!" Das war für mich bessimmt, — und wie ein Blitz war die weihe Gestalt im Innern der Villa verschwunden.
„Wahrscheinlich eine der jungen Damen", äußerte Tante Gina und sah mißbilligend drein, „scheint mir sehr exzentrisch zu sein, — ich hoffe, Madame Bellemont wird ihr einen Tadel dafür geben, daß sie sich so wenig comme il faut benimmt!"
Madame Bellemont schickte uns einen grauhaarigen, sehr gesetzt aussehenden Bedienten entgegen, der uns in einen hübschen, hellen Salon führte, wo die Vorsteherin uns erwartete, — eine sehr brünette, klug crussehende, bewegliche Dame, verbindlich, redegewandt, liebenswürdig, — eine echte Französin! Sie küßte mich auf die Stirn, fuhr mit leichter, liebkosender Hand über mein Gesicht und sagte ein paar freundlich bewillkommende Worte, — im übrigen widmete sie sich Tante Gina, mit der sie eine animierte Unterhaltung über unsere Reise, meine Unterrichtsstunden, das hiesige Klima und die Tageseinteilung ihrer Zöglinge führte. Der grauhaarige Bediente, der so geräuschlos wie ein Schatten kam und ging, servierte uns Thee und allerlei Süßes und Er
frischendes auf einer silbernen Platte, und Madame Belle- mont nösigte mich sehr freundlich zum Zugreifen. • Von den Pensionärinnen bekam ich nichts zu.. sehen, — nur einmal, als der Diener die Tür öffnete, hörte ich ein Helles, frisches Mädchenlachen herüber schallen, und ich hätte darauf wetten mögen, daß ich Susannes Stimme unterschied.
„Sie machen als Reisende heute eine Ausnahme, meine Kleine!" wandte sich Madame Bellemont in ihrem raschen, korrekten Französisch an mich, — das weinige, von dem Dialekt der guten Jeannette stark beeinflußt, erschien mir dagegen außerordentlich unschön. „Meine Pflegebefohlenen nehmen den Tee bei solchen Gelegen- t heilen unter Aufsicht meiner Schwester und . der . drei Lehrerinnen, die wir im Hause haben, — Sie wissen, Madame, eine deutsche Musiklehrerin und zwei Engländerinnen. Die übrigen Leksionen werden von mir
und Monsieur erteilt,---er gibt italienische Sinn-
den, .Kunstgeschichte und Zeichnen. Ich denke, es soll meiner neuen, kleinen Freundin bei uns gefallen. Sie wird ihr Zimmer, das sehr geräumig und freundlich ist, mit zwei von ihren Mitschülerinnen teilen, — die eine davon ist ein gutes, sanftes, ssilles Mädchen, ein wahres Muster der Ordnungsliebe und guten Sitte, . .. . die andere" — hier lächelte Madame Bellemont — „ist eben, um ehrlich zu bekennen, ein wenig das enkani gät£e unserer Anstalt, ein Wildfang, ein Sturmvogel, ein Wirbelwind, — daneben aber ein Wesen, dem schwer zu widerstehen ist!"
Mir schlug das Herz bis in den. Hals hinauf,-
konnte, mußte dies nicht Susanne sein?
„Ich meine, Madame, wir schicken unsere Freundin für heute zur Ruhe", fuhr Madame zu Tante Gina gewendet fort, „während wir zwei noch, ein Stündchen beieinander bleiben. Es will mir scheinen, als. sähen die schwarzen Augen des Kindes etwas müde drein. „Franyois", — dies galt dem inzwischen herbeigeläuteten Diener, — „führen Sie Mademoiselle Leoni aus chr Zimmer, und benachrichtigen Sie Mademoiselle Lurse, daß sie mitgeht und freundlichst beim.Auspacken des. Koffers und Ordnen der Effekten behülflich ist. Luise ist nämlich meine Schwester", schaltete sie erläuternd ein, „unser guter Hausgeist, der die ganze Wirtschaftsführung, das leibliche Wohl unserer Zöglinge, sowie ihre Garderobe überwacht. Nun gute Nacht, mein blondes. Kind, und süße Ruhe unter meinem Dach! Morgen ist noch ein freier Tag für Sie, schlummern nnd. träumen Sie immer- hin, so lange Sie mögen. Auf Wiedersehen!"
Sie zog mich mütterlich an sich, machte rasch das Zeichen des Kreuzes über meine Stirn und enüieß mich.
Im Korridor, der sehr groß, lang und breit war, nahm mich Mademoiselle Linse, eine grau gekleidete Dame von unscheinbarem Äußern und milder Stimme,
» unähnlich ihrer gewandten, staMchen Schwester, in ang und geleitete mich zwei Treppe:: hoch in ein einfach ausgestattetes Zimmer, das im übrigen der. Beschreibung Madame BellemontS entsprach. Drei blütew weiß überzogene Betten, drei große Kleiderschränke, drei Spiegel, Waschgcrät, einige Stühle, an der einen Wand
eine breite gepolsterte Ruhebank — das war alles.-
(Fortsetzung folgt.)
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