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«l. Jahr-»«»«.

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448. Verlags-Ferufprecher No. 2953.

Freitag» den 25. Keptemder. _ R-dakti-ns.F«rn!pr-cher N°. 52.

1903.

flbend-Ausgabe.

Iüv öas 4. ZruartaL 1903

auf da;

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Kriegsimnijirr Andre.

Unser Pariser Korrespondent schreibt uns unterm 23. September:

Der französische Kricgsminister ist ein unermüdlicher Redner. Am vergangenen Sonntag sprach er in Saint- Emilion und in Bordeaux. In jeder seiner Ansprachen findet sich die Wendung: „Entschuldigen Sie mich, meine Herren, wenn ich mich für einen Augenblick auf das Ge­biet der Politik verirre." Nun, der Herr Kriegsmimster verläuft sich nicht augenblicklich, sondern gewöhnlich stundenlang auf die Abwege der Politik, die einem Lecker des Kriegswesens verboten sein müßten. Wenn sich Andrä darauf beschränkte, in großen Zügen die Regie- rimgsmethode seines Chefs Combes zu billig en, ließe sich schließlich nicht viel dagegen einwenden, denn in Frank­reich ist man seit langer Zeit daran gewöhnt, daß die Kriegsminister ihre Rolle freier ausfassen und in weiterem Sinne auslegen als in anderen Ländern. Andrä hat das Recht und wohl auch die Wicht, zu erklären, daß ihn derselbe Geist beseelt wie dm Mnisterpräsidenten. Aber worin er fehlt, das ist, daß er sich, von der angeborenen Redesucht hingerissen, immer viel zu ckes in die Einzel­heiten des „Blocksystems" und die Kleinigkeiten des Parlamentarismus mnläßt und aus dem Hüter der Armee zum leidenschaftlichen Parteimann wird. Wenn Andrä den Standpunkt be§ Blocks in langen Aus­führungen verteidigt hat, dann fügt er in demselben Atem hinzu: „Das Heer muß, besonders in dieser Periode der Reformen, an seiner Spitze emen Chef fühlen, der unabhängig von jeder Art von vorübergehenden politischen Gruppierungen ist". Diese Phrase ist gewiß sehr schön, nur schade, daß fast sämtliche Reden des Kriegsministers mit chr wenig oder gar nicht harmonieren.

Wenn Andrä in Saint-Emilion und im Cercle Voltaire

in Bordeaux am letzten Sonntag den Block über Gebühr verherrlichte, verwundete er ihn an demselben Tage an feiner empfindlichsten Stelle. Der sozialistischen Gruppe von Libourne gegenüber, die gekommen war, um ihm eine Milderung des Militär-Strafgesetzbuches ans Herz zu legen, sagte der Minister zwar ein Einschreiten in diesem Sinne ;u (eine schärfere Anwendung des be­stehenden Strafrechtes wäre bei der im französischen Heer herrsckMden Disziplinlosigkeit eher am Platze), aber er fügte hinzu: „Wenn Sie sich etwa einfallen lassen sollten, in meiner Gegenwart die Internationale zu singen oder zu spielen, in der die Worte Vorkommen: Le» Balles scmt pour les g<5n6raux (die Kugeln sind für die Generale), werde ich sofort meiner Wege gehen." Ob dieser Äußerung großes Kopfschütteln und mächtige Auf­regung im Lager des Blocks. Haben nicht, ruft man, Ministerpräsident Combes und Marineminister Camille Pelletan die Internationale oft genug stehend und mit entblößtem Haupte angehört? Die Worte Andräs sind im höchsten Grade deplaziert, sagt die sozialistische „Pettte Räpublique" und die „Lanterne" bedient sich noch schärferer Ausdrücke. Am unangenehmsten zeigt sich die „Aurore" des einflußreichen Georges Clämenceau, welche wörtlich schreibt, daß der Kriegsminister offenbar „unter dem edlen Einfluß eines renommierten Landes stand." Das soll natürlich heißen, daß Andrä zu ttef in die Gläser der Gironde geguckt hatte. Die liebenswürdige Bemer­kung der „Aurore" dient trefflich zur Illustration hiesiger journalistischer Kampfweise. Wenn ein Minister etwas Unbequemes verlauten lassen hat, das schwer mit Grün­den zu widerlegen ist, dann greift man zum letzten Argu- ment und wirft einfach Trunkenheit vor. Marineminister Pelletan hat diesen Vorwurf mehr als einmal hören müssen und aus dem Alkoholismus Andräs und Pelletans ist bereits eine förmliche Legende gebildet worden, deren sich die Witzblätter bemächttgen, welche die beiden Minister selten -anders als in der Nähe eines Absinthglases dar­stellen. Gibt es aber eine Äußerung, die berechtigter wäre als die Andräsche Verurteilung der Internationale? Soll es ein Kriegsminister mit ruhigem Blute anhören, daß kürzlich Soldaten bei den Manövern im Eure-Tepar- tement dies revolutionäre Lied sangen?

Mit den Sozialisten, mit welchen er mitunter lebhaft liebäugelte, hat es also General Andrä auf eine Weile gründlich verdorben: Er mag sich mit Unterrichtsminister Ehaumiä trösten, der, als er jüngst M der Enthüllung des Renan-Denkmals in Treguier einige unvorsichtige Worte über die Notwendigkeit der Toleranz fallen ließ, von der Regierungspresse unbarmherzig in den Stand gezogen wurde. Wird Andrä aus dm gegen ihn gerichte­ten Angriffen die Lehre ziehen, daß es klüger ist, sich nicht zu weit auf das politische Terrain zu begeben?

Schwerlich. Er wird höchstens zur Überzeugung ge­

langen, daß es für jemanden, der über die Sicherheit des Landes wacht, vorsichtiger ist, die Sozialisten schalten und walten zu lassen. _

MM int niMMn MMnelenMs.

Budapest, 24. September. Me Sitzung des Ab g e« ordnetenhauses nimmt einen stürmischen Verlaus. Bei Beginn der Sitzung meldet der Abgeordnete Olay die Jnkompatibilität gegen den Ministerpräsidenten Khuen- Hedervary wegen dessen Mckwissenschaft an -der Be­stechungsaffäre des Grafen Ladislaus Szap-airy. und- des Journalisten Diener an. Franz Kossuth- begründet so- dann die Notwendigkeit der Einberufung des Abgeord- netenhauses, er kritisiert den Armeebefehl und das Hand­schreiben in schärfster Weise, weil der König in beiden Dokumenten Rechte in Anspruch nehme, welche ihm nicht zukommen. Alle Rechte des Königs stammen, erklärt Kossuth, von der ungarischen Nation, welch« diese auch zurücknehmen kann. Beide Dokumente seien eine flagrante Verletzung der ungarischen- Verfassung. Der Armeebefehl habe die Politik in die Armee getragen, was anderen Ländern schon wiederholt gefährlich geworden sei. Der ungarische König sei von schlechten und falschen Ratgebern umgeben, welche wie der österreichische Ministerpräsident v. Körber den König mit der Nation in Feindschaft bringen. Kossuth wendet sich dann in schärfster Weise gegen die gestrige Rede Körbers. Die ungarische Nation respektiere die Rechte des Königs, alle Unterschiede fallen jedoch in dem Momente, da eine fremde Hand frevlerisch die ungarische Verfassung antastet. Kossuth verlangt im Namen seiner Partei die sofortige Zurückziehung desErlasses desKriegsministers, betreffend die Rückbehaltung der im dritten Jahre dienenden Mann­schaften. Kossuth legte schließlich eine Adresse der Oppo- sition vor. Dieselbe umfaßt alle Beschwerden der Oppo­sition und umgrenzt die Rechte der Nation und des- Königs. Wecker wird der Mnisterpräsident von Lengyel in unerhörter Weise beleidigt. Als es nach einem fürchter- lichen Lärm Graf Khuen gelang, zu Wort zu kommen, wollte er das kaiserliche Handschreiben verlesen. Plötzlich rief jedoch der Abgeordnete Barabas: Wir glauben nicht den königlichen Worten. Diesem Ausrufe folgte ein un­beschreiblicher Skandal seitens der liberalen Partei. Me» selbe rückte mit geballten Fäusten in die Mitte des Saales und rief: Hinaus mit ihm, dem Hochverräter und Landes­verräter, der Schmach über die ganze Nation gebracht hat. An d-en Galgen mit ihm. Tie Unabhängigkeits- Partei blieb während dieser Szenen ruhig auf ihren Plätzen. Die liberale Partei setzte ununterbrochen den Lärm fort und ries von Zeck zu Zeit unter Schwenkung der Taschentücher: Es lebe der König. Nach halbstündi-

Der Kruder Kerasin.

Novelle von Viktor Blüthge«.

(12. Fortsetzung.)

Man schien ihn erwartet zu haben, der Graf, die Baronin im lichtblauen, spitzenüberrieselten Morgenrock, die er sonst um diese Zeit nie zu sehen bekommen. Er entschuldigte höflich sein spätes Ausstehen, als hätte er wissen müssm, daß man ihn ungeduldig herbeigewunscht.

„Was sagen Sie, Herr von Rechberg!" sagte die Baronin während er ihr die Hand küßte. _ „Sie Armer müssen da an unserem traurigen Familienschicksal be- tMgt werden, statt sich auf der Reise zu erholen."

„W-er ich bitte. Gnädigste — ich möchte nur, daß ich Ihnen recht viel dabei nützen könnte."

Sie sah übernächtig aus, hatte Ringe um die Augen; ihr Gesicht büßte an Reiz ein, so matt und gedrückt, in der grauen Beleuchtung, die der unfreundliche Himmel in den Gartensaal schickte. Der Graf hatte die Schelle in Bewegung gesetzt und hieß den eintretenden Wener für den Gast servieren, und man sprach einsilbig vom Wetter, bis dies geschehen war.

„Haben Sie Ihre Frau Mutter schon benachrichttgt?" fragte der Staatsanwalt zum Grafen hin.

„Meine Schwester hat ihr noch in der Nacht geschrieben, daß wir ihr heut spät abends einen Wagen schicken wer­den", war die finster und verdrießlich gegebene Antwort.

„Sie sind bei Ihrer Absicht geblieben. Ich meine auch, * is ist das Richtige — nicht so, Baronin?"

„Gewiß. Aber ich zittere und friere, wenn ich daran denke, was für eine Szene das geben wird. Ich. meine, man sollte den Vater vorbereiten. Der Franzl oder der Herr von Rechberg sollte heut ins Kloster gehen und mit wW reden. Vielmehr der Herr von Rechberg, nachdem doch der Vater so einen Zorn auf uns hat, daß er uns mrwringen möchte. Der Franzl ist mal so ein Hitzkopf, gerad wie der Vater auch war."

„Ich bitte — wenn Sie wünschen —"

„Ah was", schnitt der Graf ab. „Entweder er glaubt's

nicht, oder er schlägt schon bei Tag einen Lärm an, daß Kloster und Dorf in Rebellion geraten."

„Du möchtest so lange wie möglich hinausschieben, daß die unheimliche Sache mit dem Begräbnis an den Tag kommt, mein Lieber, das ist alles. Du bist feige jetzt, wo du einsehen mußt, daß du einen dummen Streich gemacht hast damals", schloß sie in offenbarer Er-

regung.

Der Graf sab auf seine Hand nieder und knipste ner- vös die Nägel wider einander. „Wähle deine Ausdrücke, Mizzi", sagte er unterdrückt.

„Ah was — ich bitte Sie, Herr von Rechberg, gehen Sie zuvor zum Vater!"

Der Staatsanwalt fühlte sich recht unbehaglich unter dem Zwang, sich für den einen oder anderen entscheiden zu müssen. Da kam ihm ein Einfall.

„Sie haben gewiß recht, Gnädigste— auf der andern Seite verdenke ich Ihrem Herrn Bruder seinen Augen­blick, daß er die Gelegenheit benutzen möchte, die Zu­sammenkunft Ihrer Eltern in die Nacht und die Ver­borgenheit zu verlegen. Vielleicht läßt sich dann die Auf­klärung der Öffentlichkeit allmählich vorbereiten. Ihr Herr Vater erwartet zunächst heute Nacht mich — ich denke, es wird genügen, wenn ich zuerst zu ihm gehe und ihn vorsichtig auf das Erscheinen ihrer Frau Mutte- summe, in der Gruft selber. Dom Ergebnis dieser Be­sprechung kann noch immer alles weitere abhängig ge­macht werden. "

„Ah, Sie möchten mit keinem von uns beiden ver­derben. Das ist nicht schön von Ihnen, Herr von Rech­berg."

„Ich bitte, Baronin, Sie irren. Ich sprach meine ehrliche Überzeugung aus."

„Recht hat der Herr von Rechberg, Mizzi—"

„Du — — geh nur du nicht mit hinein in der Nacht. Du mit deinem Zorn kannst nur Unheil anrichten. Daß der Vater sich mit der Mutter so wieder vertragt, daß er vom Kloster geht und feierlich wieder mit ihr hier ein­zieht, glaub ich nimmer. Aber wenn er ihr verzeiht und für sie sorgt, da laß ihn, die Arme hat sicherlich genug ausgestanden für ihre Schuld. Nachdem ijt schon das beste,

wir geben ihr ■ ie Hand und tun dazu, daß sie noch in der Nacht fortfahrt, ins Ausland. Nicht so, Herr von Rech­berg? Als Kind mutz einer doch ein Erbarmen haben. Der Franzei ist zu hart."

'„Ihr Herr Bruder weiß, daß ich über diesen Fall nicht ganz so hart urteile wie er."

„Nicht wahr? Ich will sie ja nicht entschuldigen, aber am Ende sind wir allzumal Sünder."

„Ah, das ist eine Buttermoral, meine Liebe, auf der ich Äch bisher noch nicht vermutet h-abe. Ich will trach­ten, im Leben meine Pflicht zu tun, und will mir das Recht auf einen ehrlichen Zorn wahren, wenn einer auf Unkosten anderer Leute glaubt einen Lumpenstreich be­gehen zu dürfen. Schau an, was sie aus deinem armen Vater gemacht hat. Gut also: sie wird heute abend ge­holt werden, wir werden im Gewächshause mit chr war­ten, der Herr von Rechberg vielleicht in der Krypta, bis der Vater kommt, da wird der Herr von Rechberg mit ihm reden und wird sie dann hinein rufen. Dkutzt du dabei sein, Mizzi?"

„Ja freilich — warum denn nicht?" sagte die Baronin und machte große Augen, die sehr entschlossen blickten.

„Meinethalben. Im übrigen stelle ich mich auf deinen Vorschlag und werde ihn gegen den Vater vertreten, falls er schwach werden sollte. Dessen sei versichert: in dieser Nacht fährt entweder sie oder ich davon. Es hat keinen Zweck, jetzt weiter über die Sache zu reden. Warten wir ab. was geschieht. Ich bin Ahnen unendlich dankbar, A-ß Sie sich der Mühe unterziehen wollen, Herr von Rech­berg."

Und der Tag verging. Schleppte sich mühsam, als zaudere er, die Entscheidung herbeiführen zu helfen für rase drei Menschen, die wie im Fieber herumgingen, ver­lorene Worte gegen einander redeten, an denen sie im Grunde nicht das geringste Interesse hatten; die immerzu voraus dachten, was sie tun und sagen wollten, wenn dies und das kommen würde, und sich unter Vorwänden immer wieder isolierten, um das ungestört zu tun.

Über Tag verdichtete sich der Sprühnebel zum ein­tönigen Regen, der die Aussicht aus den Fenstern v?c-