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Ko. 446. Berlaas-Sernfprecher No. 2853. Donnerstag» den 24. September. Redaktions-Fernsprecher R». 52. 1963.

Aür: öcrs 4. Huavlcrc 1909

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Die Staatskrise im Donaureich.

Nur als Zuschauer können wir Deutsche die schweren Erschütterungen verfolgen, unter denenÖsterreich-Ungarn fetzt m seinen Grundfesten bebt. Es ist uns keine Macht und Möglichkeit der Einwirkung gegeben. Unsere All­deutschen mögen Zuneigung und Abneigung in lärmenden Kundgebungen äußern, mögen den Deutschen im Nach- oarlande den Rücken stärken, Slaven und Magyaren ihre bitterste Feindschaft ins Gesicht schlendern — für ote Sache selber, für den großen geschichtlichen Prozeß, der sich jetzt an der Donau abspielt, ist das alles voll­kommen ohne Belang. Als selbstverständlich gilt die . Zurückhaltung unserer Regierungskreise, so sehr als selbstverständlich, daß nicht einmal davon gesprochen wird. So könnte denn auch uur in rein akademrscher Weise ge­fragt werden, was von Deutschland aus, sei es offiziell, sei es durch inoffizielle Kanäle oder durch einen Sturm und Drang der öffentlichen Meinung, dazu beigetragen werden könnte, um die österreichisch-ungarische Krise irgendwie zu lösen. Wer die Frage ist müßig, weil es keine Antwort gibt, weil gar keine ausgesonuen werden kann. Man muß Österreich-Ungarn vollkommen sich selber überlassen, der Einsicht wie der Einsichtslosig­keit, der ruhigen Klarheit wie der verwirrten Leiden- schaffltchkeit, die drüben in wildem Gemenge liegen, die in beiden Reichshälften Gutes und Schlechtes durcheinander- werscn, so daß ein Chaos entstanden ist.

. Der Armeebefehl des Kaisers Franz Joseph bedeutet eine Durchbrechung des konstitutionellen Prinzips, ein persönliches Heraustreten des Monarchen auf den Kampf­platz, er bedeutet ein Engagement gegen die ungarischen

Forderungen, von dem.es kein Zurück mehr geben kann, es sei denn, daß der greise Kaiser auf den Thron ver- zichtet und einem jüngeren Nachfolger eine unvealisier- büre Erbschaft hmterläßt. Nun könnte die Sache ja gerade durch den Armeebefehl wesentlich geklärt sein, indem nunmehr die ungarische Opposition genau er­fahren hat, daß sie ihre Forderungen nicht durchsetzen kann, indem jetzt also die Rückkehr zur Vernunft in Ungarn leichter gefunden werden kann. Aber der Kaiser hätte die starken Akzente seiner Kundgebung niemals angeschlagen, wenn die Lage nicht bereits verzweifelt ge­wesen wäre. Er mag dm Armeebefehl als äußerstes Mittel zur Wiederherstellung geordneter Zustände be­trachten, jedoch nur als äußerstes Mittel, also als eines, dessen Wirksamkeit inan erhoffen, jedoch nicht erwarten kann. Wer den bisherigen Verlauf der ungarischen Krise unvoreingenommen beobachtet hat, der muß sich sagen: Ein Wunder geschähe, wenn die aufgestachelten nationalen Leidenschaften sich jetzt plötzlich beruhigten. Düs Gegenteil ist das Wahrscheinlichere, die Zuspitzung des Konflikts bis zu einem Grade, wo es biegen oder brechen heißt.

Wir wollen nicht prophezeien, nicht mit billigen Ab­schätzungen der realen wie der moralischen Machtsak­toren hüben und drüben voreilig die Aufstellung einer Bilanz versuchen, aus der man ablesen könnte, was Ungarn im Gutm wie im Schlimmen bevorsteht. Gewiß muß irgendwo ein verhängnisvoller Grundirrtum ob­walten, entweder in Wien, indem man dort die Macht­verhältnisse der anderen Reichshälfte unterschätzt, oder in Budapest, indem man dasselbe nacb der österreichischen Seite hin tut. Aber wo der größere Irrtum ist, das kann heute nur die Subjektivität des Urteils entscheiden wollen, die sich zwar meistens objektiv dünkt, in Wirklichkeit aber von Sympathien und Antipathien getragen wird. Wenn es in gewissen und in sehr engen Grenzen erlaubt sein kann, der österreichisch-ungarisckM Staatskrise das Ho­roskop zu stellen, so möchte man jenen Beurteilen: nicht widersprechen, die einen dauernden Erfolg der ungarischen Gelbständigkettsbestrebungen darum nicht erwarten, weil man in Wien stets die Möglichkeit in der Hand hat, das flavische Element gegen das magyarische auszuspielen und ihm von Österreich her Tschechen und Slovenen als moralisch wie materiell wirkende Hülfstruppe zuzugc- sellen. Mit anderen Worten: Die Ereignisse der vier­ziger Jahre könnt«: Wiederkehr«:, wo die Kroaten als Heerbann der Dynastie den ungarischen Ausstand Nieder­schlagen halfen. Aber wer weiß, was werden wird? Nur dies weiß man unb sieht man, daß es übel mit dem Donaureiche bestellt ist! a

®ct fiipf MW» FrWM und MM I« «:igl»»d,

der, wie die Resolution gegen Chamberlain auf dem Trade! Union-Kongreß dartut, auch von den Arbeiten: mit leb­haftem Interesse verfolgt wird, ist durch die Demission. Chamberlains in eine neue Phase eingetreten. Die De- Mission ist angeblich, auf Grund einer Broschüre des Premierministers Balfour „Economic Notes on Insular Free Trade" erfolgt, da diese die Ansichten Chantberlains bekämpfen soll. Der wirkliche Inhalt der Broschüre läßt diese Ansicht als recht fraglich erscheinen, denn rat innersten Grunde sind die Anschauung«:, die Balfour in seiner Schrift vertritt und die Chamberlain öffentlich ausgesprochen hat, gar nicht besonders ver- schiedet:. Balfour bekennt sich zwar als Freihändler, aber um den Freihandel international durchzusetzen, ver- langt er Schutzzölle als Gegenmaßvegeln gegen die Staaten, die selbst Schutzzölle haben. Welche Artikel n:it Schutzzöllen belegt werden sollen, spricht er zwar nicht offen aus, aber da England in erster Linie aus Mangel an ,-eigener Lcmdwirtschaft genötigt ist, Getreide und Fleisch einzuführen, so entspricht es nur seiner Theorie, wenn er ebenfalls Zölle auf Nahrungsmittel fordert, also unter anderem. Namen dasselbe wie sein gefallener Anti­pode. Aus der Begründung seiner Ansichten geht hervor, daß der Premierminister England ein Rüstzeug zur Ver­handlung mit Deutschland auf Grund seines neuen Zoll- tarifes schaffet: will. Er weist daraus hin, daß Englands obwohl es durch ausländische Zölle eingeengt werde, so, Wohl seinen Export- wie seinen Jmporthandel habe aus» dehnen können. Diese augenblickliche Lage des Handels käme .aber nicht allein in Betracht, sondern vor allem auch seine ztikünftige Tendenz und die weise darauf hin, daß England, wem: es dem Freihandel treu blpibe, durch die feindlichen Zölle in seiner Entwickelung aufgehalten werde« Da weder Deutschland noch Frankreich, Österreich odev Rußland Neigung zeigten, von diesem feindseligen Ver- halten abzugehen, so müsse England im Interesse der Selbsterhaltung zu Gegenmaßregeln greisen und ver- suchen, durch Drohung mit Repressalien die anderen Nationen zum Eingehen auf Verhandlungen zu veran- lassen. Er halte es für vollständig im Sinne des Frei- Handels, wenn er Vergeltungszölle fordere, damit die Handelsfreiheit gefördert werdet: könne. Es ist nicht zu leugnen, daß diefe an und für sich gewiß logisch«: Aus- führrmgen Balfonrs mit den Chamberlainschen manche verwandten Punkte haben. Wenn daher dieser sich zur Demission entschloß, so dürfte weniger ein unüberbrück- barer Gegensatz zum Premierminister die Ursache ge-

Der Kruder Kerasin.

Novelle von Viktor Blüthgen.

(11. Fortsetzung.)

Der Graf nahm seine Wanderung wieder auf.

„Wenir mein Vater bloß nicht durch zehn Jahre diese unheimliche Leidenschaft für das Weib weiter genährt hätte. Ich bin vollkommen darauf gefaßt, daß der Schlußeffekt auf eine rührende Versöhnung hinauslaufen wird. Dann, mein Lieber, werden drei Leute hier ihre Koffer packen, nämlich außer Ihnen auch ich und meine Schwester."

Im Gesicht, des Staatsanwalts süeg eine leichte Röte auf, die Röte der Ungeduld über die bockige Hartnäckig- . Seit dieser moralischen Scharfrichterei. „Wer, Graf", sagte er. „Vor den Herrn Christus wurde eines Tages eine Ehebrecherin gebracht. Sie wissen wohl, wie sein Urteil über di- Verworfene lautete: Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein auf sie."

„Ich!" rief der Graf heftig. „Ich, Graf Raczek, will em Schurke sein, wenn ich im Stande wäre, einen Mann mit seinem Weibe zusammen zu betrügen."

„Christus war das wohl doch auch nicht, Graf Raczek, und begnadigte sie dennoch ..."

Draußen waren Schritte hörbar, die schwachen Tritte einer geschulten Bedienung. Und es klopfte

„Wer ist da?" fragte der Graf rauh.

„Gräfliche Gnaden, die Frau Baronin läßt bitten. "

Er öffnete. Ein Diener stand da, eine Kerze in der Hand.

„Ein Bub vom Forsthause hat ein«: Brief für die gnädige Frau Baronin gebracht . . .

»Gut, ich komme — Herr von Rechberg, was sagen S:e? Bleiben Sie, ich bitte, wach, ich komme nachdem wreder herauf zu Ihnen . . . ."

Der Staatsanivakt war allein, stand auf — nun fing jsittt des Grafen er an, auf und ab zu gehen. In der Erregung grtff er eine Zigarette aus dem Vorrat und zündete sie an einer der Leuchterkerzen an.

Er war da irr einen vollkommen«: Roman verwickelt und offenbar bestimmt, den Ausklang desselben zu er- leben.

Noch lag rm Dunkel, was werden würde; aber wie

dre Sache aussah, war alles dazu angetan, um seine Nerven in äußerste Spannung zu versetzen. Der Gedanke allein an ein Wiedersehen zwischen dem Bruder Serafin und die llngetreue, Toogeglaubte — ermordet Geglaubte - ,• • welche Phantasie mochte das malen! Immer wieder stieg das Bild vor chm auf, wollte lebendig werden, und immer wieder scheuchte er es fort. Diese Frau — aus welchem Grunde war sie hierher zukückgekommen, in welcher Gemütsverfassung! — Eine Dreistigkeit gehört dazu — «ne Schamlosigkeit . . . oder Verzweiflung.

Dieser junge Graf mit der imposanten moralischen Pose, so ehern rücksichtslos wie das Gesetz und so leiden­schaftlich^ und grausam wie die Rache — diese Mutter- mörder in Gedanken ... ah, schön war das nicht.

Wenn die Baronin eines Sinnes mit ihm war . . . so unwahrscheinlich war daS! Nur das Echo ihres Bruders, der sie im Bann hielt. Sie war doch ein Weib

und hatte Blut . . . Man ist freilich einigermaßen gefeit, wenn man das Gespenst einer so verunglückten Mutter neben sich hat . . .

Der Graf blieb lange aus. Begreiflich : Die Baronin hat vor einer Viertelstunde, jedenfalls aus dem Schlaf gestört, das Ungeheure erfahren, daß in einer Entfernung, die ein leichtfüßiger Knabe auf einem Spaziergang hin und zurück durchmißt, ihre zehn Jahre verschollene Mutter erstanden ist, für die sie ein Begräbnis mit veranstalten geholfen!

Der Staatsanwalt rauchte schließlich in nervöser Hast eine Zigarette nach der anderen. Ah — endlich.

»Ich blieb lange aus — entschuldigen Sie", sagte der Graf. „Ich mußte meine Schwester etwas beruhigen — bah . . Das klang bitter, wegwerfend. „Bitte, Ief«t Sie. Wenn ich Ihnen in dieser Sache schon so viel Ver­trauen geschenkt habe, so will ich es ganz tun."

Ein zusammengefalteter halber Quartbogen, nicht ganz sauber, mit blasser Tinte in einer dünnstrichigen, flackern­den Handschrift beschrieben:

Meine Tochter!

Deine Mutter, die Dir das Leben gegeben, sitzt hier im neuen Forsthause, die Mildtätigkeit hat ihr dazu ver- holfen. Sie hat schwer gefehlt, so sagt wohl alle Welt, und sie hat schwer dafür gebüßt, schwerer, als Ihr Euch «ns Vorstellung machen könnt. Diele Jahre.

Ehe ich meinem Leben ein Ende mache — ich habe es mehr als einmal gewollt — habe ich Sehnsucht, den Vater zu sprechen. Er hat mich so sehr geliebt und ich möchte ihn vorher um Verzeihung bitten. Und ich möchte Euch noch einmal sehen, wenn Ihr das zulaßt.

Ich habe hier erfahren, wie es um Euch alle steht, und daß Ihr mich begraben habt. Das ist so furchtbar, daß ich vor Entsetzen zittere, wenn ich daran denke. Als wäre ich lebendig begraben und müßte immerzu mit m«nen Nägeln das Holz zerkratzen. Und immerzu schrewn.

.. Damals hast Tu wohl noch nicht recht nachsühlen können, was ich getan und warum ich es getan. Es ist schrecklich, w«:n so eine heiße Liebe über einen fällt, daß man ganz von Sinnen kommt. Heute bist Du eine ver- heiratete Frau und hast gewiß auch Versuchungen gehabt. Bis zum Wahnsinn war ich in den armen Giolitti ver­narrt.

Cr konnte nichts dafür, ich nehme alles auf mich.

bm ihm nachgelaufen und habe an ihm gehangen wie em Hund. Dafür hat er mich nachdem auch getreten wie emen Hund, als es uns schlecht gangen ist. Bis ich ihn zu Tode gepflegt habe. Gebettelt habe ich für ihn. Und wie er tot war, habe ich geschrieen und mir das Haar gerauft.

Aber nachdem, da war mir's wie eit: Traum. Als hätte ich im Traum einen anderen Mann und Kinder ge­habt, d:e alle gestorben wären. Und als hätte mich ein Zauberer in ein anderes Land versetzt und mich das träumen lassen, in einer einzigen Nacht. Und als müßte rch wieder heim zu meinen: rechten Mann und meinen rechtet: Kindern, wo ich eigentlich hingehöre. Ich hatte kein Geld dazu, da hat mir der österreichische Konsul ge- Holsen.

. Ich will Euch nicht zur Last fallen. Mein Sarg steht ja ohnedem und wartet.

WIN ici) zuvor Iprecyen. Ich ha! Sehnsucht nach chm — mcht zu sagen.

Ich höre, daß er im Kloster ist tmd die Kutten träy da werden sie mich nicht hineinlassen zu ihm. Ich bi D:ch um Jesu, Maria und der sieben Schmerzen Wille schau, daß ich ihn sehe.

Du bist jetzt ein Weib und wirst mehr Herz habc als der Franz: Der ist schuld, daß es so gekommen ij