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!p0» 443 4 Berlags-Fernsprecher N». 2953.
Willmoch» den 23 . September.
RcdaktivnS-Fernsprcchcr N». 52.
Margen -Ausgabe.
§tür öcrs 4. (SuarfaC 1903
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
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Der ClnW der WuruMenMen auf die WellluWMNg.
Die großen sozialwissenschaftlichen, hygienischen und medizinischen Tagungen, welche alljährlich rat Monat September die bedeutendsten Vertreter der verschiedenen Fachwissenschaften, der Sozialpolitik und der öffentlichen Gesundheitspflege zusmnmenführen, finden ihrenAbschluß und gleichzeitig ihren Höhepunkt in dem eben in Kassel zu seiner 75. Hauptversammlung znsammengetretenen deutschen Naturforscher- und Ärzte tage, dessen Verhandlungen über alle Gebiete der ärztlichen und Naturwissenschaften von Jahr zu Jahr an Umfang und Bedeutung gewachsen find und denen diesmal mit Rücksicht auf den Charakter der Tagung als Jubel-Versammlung und die wichtigen Fragen, welche auf ihre Tagesordnung gestellt worden sind, in weiten Kreisen mit ganz besonderem Interesse entgegengesehen wird.
Unter den Versammlungsteilnehmern, deren Zahl sich bei Eröffnung der Tagung auf 2368 belief, sind die Kapazitäten der deutschen Wissenschaft vertreten. Neben den Vorstandsmitgliedern Prof. Dr. ban’i Hoff- Charlottenburg, Prof. Dr. Chiari - Prag und Prof. Dr. v. He f n e r -ÄI t e n e ck - Berlin sieht man die Professoren Geheimrat v. Bergmann-Berlin, Geheimrat v. Behring- Marburg, Prof. Q st w a l d - Leipzig, Hoffmeister -Straßburg i. E., Chun- Leipzig, Ziegler- Freiburg i. Br., v. L e u b e - Würzburg, H e r t w i g - München und ferner den Borsitzenden der Anthropologischen Gesellschaft Geheimrat o. Wa l d e y e r - Berlin, den früheren Leiter der Deutschen Seewarte in Hamburg, Geheimrat b. N e u m a y e r, den Afrikareisenden Schweinfurth, den Erfinder der „Nernst-Lampe" Prof. Dr. N e r n st - Göttingen, den Vorsitzenden des Deutschen Vereins für Schulgesund
heitspflege Prof. Dr. Griesbach-Mülhausen i. E„ den bekannten Gynäkologen C r e d n e r - Leipzig, den Entdecker der „flüssigen Luft" v. Linde- München und W i r t i n g e r - Innsbruck, S t i e d a - Königsberg i. Pr., sonne aus deni Auslande R a m s e y - London, Ziehen- Utrecht, S ch w a t t - Philadelphia, A s h e r - Bern, T h i l o - Riga und N i s h i s a m u - Tokio.
Ten einleitenden Vortrag hielt Prof. Laudenburg von der Universität Breslau. Seine bedeutungsvolle Rede über den Einfluß der Naturwissenschaften auf die Weltanschauung sei hier im wesentlichen wiedergegeben.
Er führt aus:
„Im ersten Buch Moses steht zu lesen: Und Gott sprach: Es werde Licht und es ward Licht.
Aber das Licht war trüb. Hell ward es erst, als die Heiligkeit der Bibel bezweifelt und sie wie alle Bücher als Menschenwerk angesehen wurde.
Ter erste denkende Mensch war ein Religionsssifter. Seine Philosophie mußte ihm seine Abhängigkeit von der Nattir ausdrängen, und so ist wohl zuerst der Gottes- begriff, wahrscheinlich die Vielgötterei, entstanden.
Damals sah man die Erde im Mittelpunkt der Welt und die Sonne und alle Gestirne bewegten sich um sie her. Daher auch die Zärtlichkeit und Sorge, mit der Gott sein Geschöpf umgibt. Dessen Wohl und Wehe gehen ihm nahe, jederzeit findet der Fromme bei ihm Gehör.
Aber die Welt wurde schlecht und schlechter, das größte Wunder geschah: Gott schickte den Menschen seinen eingeborenen Sohn, um sie zu bekehren. Christus aber mußte elend zugrunde gehen, damit eine verjüngte Religion entstehen konnte.
Unsere heutige Kultur wurzelt nicht im Christentum allein, sehr vieles danken wir den Heiden, zumal den Griechen.
Wer könnte dem Zauber des Griechentums wider- stehen. Sie waren das auserlesene Volk der Erde,unddochhabensienieeinenJehova gekannt! Was haben sie nicht alles in ihrer kaum tausendjährigen Geschichte geleistet, welche Fülle von glänzenden Namen haben sie uns hinterlassen, und welche Literatur, welche Plastik und Architektur! Berühmt sind ihre Mathematiker. Jeder kennt die Namen eines Pythagoras, Enklid, Archimedes, und weiß damit einen Begriff, einen Lehrsatz zu verbrnden. Pythagoras nahm schon die Kugelgestalt der Erde an, Aristarch von Samos versetzte die Sonne in den Mittelpunkt der Welt, Hipparch bestimmte Distanzen und Größen von Sonne und Mond, Ptolomäus fertigte Erdkarten, in denen Europa und einige Teile Asiens und Afrikas ziemlich richtig verzeichnet sind. Und welche Fülle von Beobachtungen über Tier- und Pflanzenwelt verdanken wir Aristoteles, in dem wir einen Linus und Cuvier des Altertums verehren dürfen. Seine philosophischen Theorien beherrsch
ten das ganze Mittelalter, obgleich er hier viel welliger originell war und vieles Empedokles rind Demokritos entlehnte.
„ Mit dem Sturz des römischen Reiches uni> mit der Völkerwanderung gingen alle diese Ansätze wieder verloren und das Mittelalter bresiete seine tiefen Schatten aus. Unwissenheit und Aberglaube sind die herrschenden Mächte, in ihrem Ge- folge erscheinen Intoleranz, Jnquisi- tion, Hexenverfolgung, religiöser Wahnsinn usw.
Fast ein Jahrtausend vergcht, bis die Ssimme der Vernunft wieder gehört wird.
, Erst mit der Zeit des Humanismus und der Vertreibung der Scholastik darf von einem Erwachen der Wissenschaften die Rede sein. Vorher trieben Pseudo- Wissenschaften ihr Wesen, wie Alchemie und Astrologie.
In Deutschland beginnt der Humanismus erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts, er wird hier zunächst aus Italien eingeführt."
Redner gab nun einen Überblick über den Fortschritt der Wissenschaft bis aus unsere Tage und fuhr dann, fort:
„Was ist nun aber die Stellung des Menschen in dieser netten Welt? Er ist ein Bewohner eines der vielen Trabanten einer Sonne, wie es deren im Weltall eine unendliche Zahl gibt. Wer kann wissen, ob nicht jeder dieser Fixsterne seine Trabanten hat und ob nicht diese Planeten auch bevölkert sind mit Wesen ähnlicher Art wie wir.
Das mußte jetzt dem Menschen klar werden: er ist ein nichts in dieser Unendlichkeit, die sein Geist kaum zu fassen vermag. Ein Traum war es, ein vermessener und gänzlich haltloser Traum, der dem Menschen seine nahe Beziehungen zum Schöpfer, der ihn als sein Ebenbild geformt habm sollte, vorspiegelte. Ganz richtig kennzeichnet Goethe den Standpunkt, wenn er den Erdgeist zu Faust fagen läßt:
»Tn gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir."
Nicht vermögen wir uns eine Vorstellung zu machen von einem Wesen, das diese Welt geschaffen hat. Uns steht nur an, Bewunderung zu fühlen für diese Schöpfung, Dank zu zollen denjenigen, die uns zu" deren Erkenntnis geführt haben und uns bescheiden in die Rolle zu finden, die uns in dieser Unendlichkeit zugedacht ist.
Daß in der Bibel keine Offenbarung eines übernatürlichen Wesens vorliegt, geht mit Bestimmtheit hieraus hervor. Das alte Testament ist das Werk p h a n t a s i e r e i ch e r , aber u n w i s s e n d e r Menschen und auch das neueTestament i st s i ch e r n i ch t g ö t t l i ch e n U r s P r u n g s. .Doch liegt es fern, die poesischen Schönheiten und den hohen moralischen und ethischen Wert einzelner Teile der Bibel nur im geringsten anzutasten.
Lange hat es aber gedauert, bis sich diese naturwissenschaftlichen Erkenntnisse Bahn gebrochen und bis ihre
Feuilleton.
Zur Kurhaus-Ueubau-Frage.
(Eingesandt.)
Von der kurzen Zeit, welche für die Ausstellung der Kurhausplüne im Rathanssaale geboten war, um diese für Wiesbaden hochwichtige Angelegenheit auch der Öffentlichkeit zugänglich zn machen, konnte ich zu meinem Bedauern nur am letzten Tage Gebrauch machen. Es kann sich daher bei mir nicht um eine durch eingehendes Studium geschaffene Meinung handeln, sondern ich beschränke mich darauf, den Eindruck so vollständig wie möglich wiederzugcben, welchen ich bei allgemeiner, leider zu kurzer Durchsicht dieser umfangreichen Arbeit aufnehmen konnte. Es liegt auch nicht in meiner Absicht, dem Herrn „Wiesbadener" Einsender in Nr. 437 des „Tagblatts" auf seinen Kreuz- und Querwegen zu folgen, noch hätte mich der in dieser Form erlassene Appell an das Nrtcil der Wiesbadener Architekten zu einer Äußerung veranlassen können, wenn ich nicht glaubte, durch einige objektive Anregungen dem Interesse des Ganzen zu dienen.
Uber die Platzfrage resp. Stellung des Gebäudes kann ich mich nicht äußern, da unbegreiflicherweise eine der wichtigsten Zeichnungen, der Lageplan, nicht vorlag. Nur dem berechttgten Einwand des Herrn Einsenders im „Tagblatt" war es zu verdanken, daß diese zur Beurteilung des Ganzen unentbehrliche Unterlage noch im letzten Augenblick der Ausstellungszeit (für mich leider zu spät) zur Besichtigung aufgelegt wurde.
Der erste Blick auf die Darstellung des Grundrisses läßt die akademische Klarheit der Anordnung erkennen, wie sie von dem Versasser nicht anders zu erwarten war. Die Lösung der prinzipiellen Aufgabe, Trennung der Gesellschafts- und Unterhaltungsräume von dem Wirt- schaftsbetrieb durch einen zwischen beiden Teilen liegenden hallenartigen Mittelbau ist in zweckmäßiger Weise durchgeführt und verrät . keiner S' "e die ErisN'iz der für die Bestimmung der Abmessungen maßgebenden,
zum Teil beschränkenden, aber unabänderlichen Terrainverhältnisse.
Eine gute Lösung ist die Anordnung der beiden Konzertsäle zu beiden Seiten der Borhalle, welche es ermöglicht, daß beide Räume gleichzeitig benutzt werden können, ohne daß die Nachbarschaft des einen die Benutzung des anderen beeinträchtigt.
Die Architektur des Hallenbaues, der in seiner Mitte von ein.o ca. 20 Meter im Durchmesser haltenden Kuppel überragt wird, mit seinen prächtigen. Motiven aus den Caracalla-Thermen des alten Rom, ist eine Darstellung monumentaler Auffassung, wie sie in ihrer Gesamtwirkung großartiger und schöner und mit Rücksicht auf die gebotenen Mittel nicht bester zu lösen ist.
Der große Konzertsaal ist ein harmonisch gegliederter Raum von schönen Maßverhältnissen. Der Anlage liegt der, meines Wissens, von Professor Frentzen (Aachen) in seinem Konkurrenz-Projekte für die Tonhalle in Zürich geschaffene Typus zugrunde, der später von Fellner & Helmer in Wien bei dem genannten Züricher Etablissement praktisch zur Ausführung kam.
Die wirkungsvolle Anordnung der Orgelempore mit dem amphitheatralisch vorgebauten Orchester für ca. 100 Musiker gibt dem großartigen Raum einen schönen Abschluß nach der Stirnseite, während die feierlich wirkende Säulenstellung auf der Höhe der Empore dem Ganzen in gewisser Beziehung die Weihe eines vornehmlich der Kunst gewidmeten Raumes verleiht. Bon großer Erfahrung auf dem Gebiete des Monumentalbaues zeugt die von Professor v. Thiersch hier gewählte Tagesbeleuchtung durch oberes Seitenlicht. Die in der Rückwand der Empore, d. h. den oberen Außenwänden des Saalbaues liegenden Fenster sind derart angeorönet, daß jeder Punkt des unteren Saalraumes in die Lichtzone der Emporenöffnungen fällt und auf diese Weise eine vollkommene Belichtung des ganzen Raumes voraussehen läßt.
Aus ästhetischen wie akustischen Gründen konnte hierdurch von der in doppelter Beziehung störenden Anordnung eines Oberlichtes für den großen Konzertsaal Abstand genommen werden. Die Disposition der Lese
zimmer neben dem Konzertsaal, wie solche in dem Eingesandt des „Wiesbadener Tagblatts" gerügt wird, vermochte ich bei meinem Studium nicht zu erkennen, es sei denn, daß man die Einschaltung eines ca. 4 Meter breiten Korridors zwischen den beiden für sich gut verschlossenen Räumen als Trennung nicht in Betracht zieht. Auf eine eingehendere Besprechung dieses allerdings sehr wichtigen Teiles des neuen Kurhauses und die reizvolle damit in Verbindung gebrachte Anlage eines Wintergartens muß ich verzichten, da es mir in dem kurzen Zeitraum von kaum einer Stunde nicht möglich gewesen, mich über Detailfragcn zu informieren. Aus demselben Grunde muß ich eine genauere Betrachtung der Restau- rations- und Klubräume unterlassen. Die übersichtliche Anordnung des großen Restaurationssaales im mittel, baren Zusammenhang mit dem Wiener Cafä, Biersaion usw. erscheint als eine einwandfreie Lösung, wobei ich voraussetze, daß die Anordnung der damit im Zusammenhang stehenden Wirtschaftsräume dieselbe günstige Dis- pdsitton nicht entbehren. Bei der Anlage der Terrassen nach der Ostseite scheint die Frage der Weröeckung noch nicht gelöst.
Auf meinen flüchtigen Wanderungen bin ich auf einige Unebenheiten gestoßen, deren Beseitigung und Prüfung ich hier empfehlen möchte, um so mehr, als dies ohne besondere Schwierigkeiten und Mühe durch den Verfasser geschehen kann.
Die Anlage der Kasse in der letzten Nebenaxe der inneren Säulenstellung des Portikus und, wenn auch weniger, die in entsprechender Lage auf der anderen Seite untergebrachte Portierloge scheint mir nicht an geeigneter Stelle disponiert zu sein. Die jetzige Lage der Kasse ist unmittelbar an dem Seiteneingang der Fußgänger gedacht und für Eintretende durch den Mitteleingang ebenso direkt erreichbar. Wenn diese Anordnung für den gewöhnlichen Tagesverkehr genügen mag, so muß bei der Benutzung des Kurhauses nicht minder mit der Notwendigkeit gerechnet werden, daß der ca. 2000 Menschen fassende Konzertsaal für besondere Veranstaltungen eine bequeme und freie Zirkulation an der Kasse verlangt. Bei der jetzigen Anordnung entstehen be'
