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Seiiage zum Mestmöener Tugblalt.

Uo. 443. Morgen-Ausgabe.

Mittwoch» den 83. September.

61. Jahrgang. 1903.

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E {*'&' *2 b * {ft bu ' mem Lieber!

^ie fcfton war«, spurte man nur Nicht,

Daß cs an Einem dir gebricht.

An einem Etwas, nennen wirs Kaliber.

Fr. Th. Bischer.

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(6. Fortsetzung.)

Gna Keonr.

Roman von Marie Bernhard.

tiefe Stille und weich die Luft, Sr ^tstromten den Kelchen der zahllosen

Blumen rings umher. Süßer Abendfrieden lag über , : sah -um Himmel empor, wie er sich hell und

nung über mir wölbte. War meine Mutter dort oben !wx 9 ° nnle cv!£ sehen, wie ich hier an ihrem Grabe s • ^ ^ollte so gern traurig sein und weinen, "^t. Nur müde zum Umsinken fühlte ich mich, und dicht am Grabe glitt ich hin, den Kopf auf den Arm gelehnt, und schloß die Augen. Nur ein Weilchen

so ruhen,-ein Paar Minuten, — wie das wohl tat.

w, , ,,,, ~ /alter Luftzug, der mir über das Gesicht strich, ließ mich emporfahren, um des Himniels willen, wo war ich nur? Um mich her war es ganz finster, nur hier und da leuchtete es schneeweiß aus dem Dunkel hervor, droben am Himmel funkelten hell die ewigen Steme, meine Glieder waren steif und ein kalter Schauer lief durch meinen Körper. Ich war auf dem Grabe meiner st'cutter eingeschlafen und jetzt war es mitten in der Nacht.

Furcht und Grauen kannte ich nicht, denn von Geistern und Gespenstern wußte ich kein Wort; aber mich fror, und i>er Gedanke, daß ich, das verwöhnte Kind, hier auf dem Friedhofe die ganze Nacht zubringen sollte, statt in meinen welchen, seidenen Betten, war mir ungemütlich! Zudem was sollte Tante Gina von mir denken? Wenn sie mich auch nicht liebte, — sie war immerhin für meine kleine Person verantwortlich, und es konnte ihr nicht gleichgültig sein, wenn ich eine Nacht außer dem Hause Zubrachte! — In unmittelbarer Nähe des Eingangs zum pnedhofe hatte ich ein kleines niedriges Häuschen stehen sehen, dessen entsann ich mich jetzt. Dahin wollte ich, —

t es mußten doch Menschen darin wohnen, die nach nach ause bringen konnten, — also wieder hinüber Wer das Eer, — jetzt, mit meinen steifen Gliedern, keine leichte Arbeit! —

Hinter den dunkeln Bäumen war inzwischen langsam und groß der Vollmond emporgestiegen, und so sehr es mir eilte, fortzukammen, — ich blieb eine ganze Welle stehen und sah zu ihm auf. Immer hatte ich das silberne Licht unbeschreiblich geliebt, und niemals kann ich jetzt den Vollmond sehen, ohne lebhaft an jene wunderbar« Nacht auf dem Friedhofe erinnert zu werden. — Einmal jen- feits des Gitters lief ich, so rasch meine Füße mich trugen, zwischen den Reihen der Gräber hin bis zu jenem Häus­chen am Eingang; dort hob ich mich auf die Fußspitzen bmpor und klopfte herzhaft an die geschlossmen Fenster- laden.

Es dauerte eine Weile, bis es sich drinnen regte, — endlich wurde die Lade von innen zurückgestoßen, ich ge­wahrte ein erhelltes Zimmer, ein großes Himmelbett, in 'dem eine alte Frau lag, und dicht vor mir am Fenster einen grauhaangen Mann in Hemdärmeln, der mich ver­wundert anstarrte, das Fenster aufriß und nach meinem Begehr fragte.

Ich erzählte ihm, daß ich auf dem Friedhöfe einge- schlafen sei und jetzt durchaus nach Hause müsse. Man

werde sich sehr um mich ängstigen und eine gute Be­lohnung zahlen, wenn ich sicher heimgebracht würde.

Ter Alte hatte mir kopfschüttelnd zugehört und dabei unverwandt in mein Gesicht gestarrt. Viel mchr als meine Erzählung schien ihn mein Aussehen zu inter- essieren, es war ein ganz seltsamer gespannter Ausdruck in seinen Augen.

„Alte!" rief er endlich, ohne den Blick von mir zu wenden. „Komm' einmal her! Rasch!"

Hinter den Vorhängen der ungeheuren Bettlade rührte es sich eilferttg, — bald stand die alte Frau neben dem Manne und bohrte ihre runden Vogelauaen in mein Gesicht. Mir ward ganz unheimlich unter dresen forschen­den Blicken.

„Sieh dir 'mal das kleine Fräulein an! Fällt dir gar nichts ein, Mutter? Wem sieht sie wohl ähnlich?"

Der zahnlose Mund der Alten murmelte etwas, was ich nicht verstand.

„Nicht wahr? Nun wir wollen'S gleich heraus­kriegen! Sagen Sie 'mal, kleines Fräulein, wo wohnen Sie und wie heißen Sie?"

„Ich wohne in der Villa Carlotta vor dem Nieder­tor und heiße Eva Leoni."

„Natürlich! Eva Leoni! Meinen Kopf hätt' ich dafür

lassen können! Alte, das ist das Kind von dem-"

, „Aber Vater!" fiel die Frau warnend ein.

„Nu, — ich bin schon still, bin schon sttll! ?lber für dm armen Wurm wär's auch besser gewesen, ich hätt' ihn sechs Schuh tief eingraben können, wie seine Mutter! Nichts für ungut, junges Fräulein, — und warten Sie hier eine Minute, ich ruf' Ihnen den Diettich, meinm Gehüsten, der bringt Sie sicher zur Stadt! Freilich ist er taubstumm ; aber das schadet ja nichts, — Silbergeld kennt er d'rum doch!"

Mt dieser Anspielung auf dm von mir verheißenm Lohn wandte der alte Totmgräber sich um und ging aus dem Zimmer. Stumm und innerlich betroffen blieb ich draußen am Fmster stehm. Also diese Leute hatten meine Eltern gekannt! Wenn ich es nur gewagt hätte, sie zu fragen! Aber die alte Frau sah gar zu unheimlich aus, und die Bemerkung des Mannes, es wäre besser für mich, sechs Schuh unter der Erde zu liegen, schloß mir vollmds dm Mund.

Der Diettich war ein junger Riese von etwa achtzehn Jahren, mtt einem Wust ungekämmter, rotblonder Haare und einem breitm, gutmütigen Grinsm. Als er nach gewahrte, riß er dm Mund noch weiter auf, hob mich ohne weittves wie eine Puppe vom Dodm auf, setzte mich auf seinm linkm Arm und verschwand wie der Blitz mft mir im nächtlichen Dunkel!

Ich kam mtt sehr abentmerlich vor und hatte so viel zu dmkm während des Heimweges, daß ick auf meine Umgebung nur wenig achtete! Pfeilschnell ging es durch die schlafende Stadt, wo uns seltm nur ein vereinzelter Wanderer begegnete, dann über freies Feld, wo der Wind wunderlich klagte, an dm dunkeln Dillm vorbei, die alle wie mit geschlossenen Augen da lagm.

Ms auf eine, und das war me Mlla Carlotta.

Sie waren alle aufgeblieben, — Tante Gina, Jean- nette, Theo dor und Auguste — sie hatten Boten aus ge­schickt, sichtlich große Angst ausgestanden und fielen nun mit mdlosen Fragen und Ausrufm Wer mich her. Mein ich hatte unterwegs beschlossen, mein Abentmer für mich zu behalten, und das führte ick auch aus, ttotz- dem Tante Tina ernstlich böse war, mich ein verstocktes, eigensinniges Kind nannte und mir eine harte Strafe in Aussicht stellte. Vorerst mußte ich aber ins Bett und ein großes Glas Glühwein trinken, und am anderm Tage

hatte ich starkes Fieber und mußte liegen bleiben. Tante Gina pflegte mich, das heißt, sie saß neben meinem Bett, gab mir pünktlich die vorgeschriebene Medizin ein und' befolgte alle ärztlichen Verordnungm; im übrigm sprach sie kein Wort mit mir, da ihre Ermahnungen, die Wahr­heit zu sagm, nichts fruchteten. Ich bliä längere Zeit hindurch krank und hatte wirre Fieberträume, zumeist den einen, daß der alte Totmgräber eine tiefe GrWe für mich geschaufelt hatte, und daß eine Frau mit strengen Zügen, von der ich wußte, es sei meine Großmutter, mit gekreuzten Armen danebm stand und sagte:,„Mir ist es recht so ! Für dies unglückliche Kind ist kein Raum in der Welt!"-

III.

Ich wurde fortan viel sttmger gehaltm und war eigentlich nie ohne Aufsicht. Jeannette folgte mir wie ein Schatten, — es war ihr jedenfalls ebmso unangmehm wie mir, — meine schönen träumerischen Stunden im Garten hörtm ganz auf, denn es ttäumt sich schlecht, wmn uns jemand gegmWersitzt und zusieht. Mit verdoppel­tem Eifer warf ich mich nun, da es Herbst und Winter wurde, auf die Wissenschaften, meine Lehrer nanntm mich ein begabtes Mädchen, und zum Weihnachtsfest wünschte ich mir gar kein Spielwerk, nur Bücher, tells wistmschaftlichen, teils unterhaltmdm Inhalts:? sie kamen alle an, eine ganze Kiste voll, und ich ttöstete mich rnit ihnen darüber, so gut es eben gehen wollte, daß ich so grenzenlos einsam lebte und daß kein Mmsch nach mir fragte und nach von Herzen lieb hatte.

Und eine andere Macht kam dazu, die es mich lehrte, das Leben, welches ich notgedrungen führte, nicht uner­träglich zu findm, ja, mich ahnen ließ, es könne selbst mir viel Schönes und Herrliches noch Vorbehalten sein!

-Schon als ganz kleines Mädchen hatte ich lebhaft

aufgehorcht und Vergnügen daran gehabt, wenn in der Nähe unserer Villa ein Leierkasten sich hören ließ oder die Klänge einer Handharmonika laut wurden. Einmal hatte ich mit Tante Gina einen kurzen Besuch bei ihrer Freundin, der Stiftsdame in der Stadt gemacht, und die Dame spielte gerade Klavier, als wir kamen. Ich lauschte wie verzaubert, und mein Entzücken mußte mir Wohl deutlich genug vom Gesicht abzulesen sein, denn das Fräulein ftagte güttg, ob sie noch em wenig spielen solle, da ich sichtlich die Musik so lieh hatte? Ich nickte mit ver- klärten Augen, und sie spielte noch eine Weile, während ich hochklopfenden Herzens, in einen weichen Lehnsessel geschmiegt, zuhörte. Wie mußte es herrlich sein, so in Tönen reden zu können! Ich hatte ja niemand, dem ich mein Leid klagen, der mich über meine Verlassenheit trösten konnte,-aber die Musik würde meine Freun­

din, meine Stütz«, mein Halt sein! Die Menschen, mit denen ich lebte, liebten mich nicht, und das war mir, im Grunde genommen, reckt, — auch ich vermochte es nicht, sie zu lieben, und es lag mir mchtS daran, ob sie mit ihrem Herzen an rnir hingen oder nicht. ?lber jetzt, während des schönen Spiels, das wie Gesang zu meiner Seele redete, fühlte, nein — wußte ich es: auch dir steht noch vieles bevor, auch dir wird das Leben noch fernen ganzen Reichtum, all seine unerschöpflichen Wunder­quellen bieten, — du kannst nicht arm und verloren fein in einer Welt, die da Menschen birgt, welche solches zu schaffen, und andere, welche es wiederzugeben imstande sind! —

Das war der erste große Triumph der Kunst über meine vereinsamte, phantastische und unverstandene Kinderseele! So entschleierte mir die Muse der Ton­kunst ihr ewig schönes, göttlich lächelndes Antlitz und riß mich widerstandslos an ihr Herz. (Fortsetzung folgt.)

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