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K 444* VerlagS-Fernfprecher N». 2958. Mittwoch» drn 83. Keptemürr.

RcdaklionS-Fernfprccher No. 52.

1903 .

fibend«flusgiabe.

Iür öas 4. gruarrtak 1908

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AerKlmMdnKrmciiiltderNgllriflhwPllllm.

n. Wien, 21. September.

Die Entrevue der beiden Kaiser hat für den Augen- iblrck dre Krise, die gegenwärtig in Zis und Trans alles in ihrem verhängnisvollen Bann hält, etwas in den Hintergrund des Interesses gedrängt. Wohl ist es sicher, daß auch der innere Zwist, welcher derzeit Ungarn so schwer erschüttert, bei den tiefherzlichen Beziehungen der beiden Herrscher, deren besondere Innerlichkeit bei dem gegenwärtigen Empfange des deutschen Kaisers für jeder- mann offenbar werden mußte, in ihrer Aussprache Gegenstand von Erörterungeii bilden mochte und man- Hort sogar m diesem Bezüge, daß Kaiser Wilhelm den Be­ginn der schärferen Tonart, wie sie Kaiser-König Franz ^oseph jetzt angeschlagen hatte, sehr freudig begrüßt hätte, so ist es doch zweifellos, daß der Hauptgegenstand der Besprechungen der beiden Monarchen sowohl, wie ihrer Minister die Situation auf dem Balkan war. Von vortrefflich eingeweihter Seite erfahre ich hierüber, daß Kaiser Wilhelm eben schon wegen des Ernstes dieser Situation von dem Armee-Befehl des Kaiser-Königs sehr angenehm berührt war, da derselbe in kräftigster Akzentuierung die Unveränderlichkeit und Unerschütter- lichkeit des Armee-Gefüges betont, und heute mehr denn je alles vermieden werden mutz, was eine Schwächung unserer Armee,' wenn auch nur vorüber­gehend, verursachen könnte. Man weiß zwar, daß Kaiser WUHelm von den friedlichsten Absichten beseelt ist, ebenso wie auch Kaiser Franz Joseph, daß aber der deutsche Kaiser der Meinung ist, daß bei der Entwickelung, welche die Ereignisse auf dem Balkan genommen, die Ursache zum Eingreifen sich aus Liesen traurigen Ereignissen selbst ohne jedes Hinzutun von Seite der europäischen

Der Bruder Kernsin.

Novelle von Viktor Blüthge«.

(10. Fortsetzung.)

„ »So? Wozu nehmen wir dann überhaupt den Geist m Anspruch, um die Natur zu bezwingen, wenn die doch von rechtswegen das letzte Wort behalten soll? Ich will Ihnen sagen, was es mit der Leidenschaft auf sich hat: die sängt an mit einem Gusto auf einen Mann oder eine Frau, der mag natürlich sein; aber den kann einer unter­drücken, wenn er nur den Willen hat, und aus ist's. Wenn einer freilich denkt: ein bisserl naschen, das macht nichts, und sich da nachgibt, nachdem ist's gefehlt, da wächst einem alsdann leicht die Sache über den Kopf und da ist es schön sich herausreden, daß man nicht mehrt anders kann und untreu werden oder gar davonlaufen muß. Wann wir schon einmal eine Ehe haben als Kultur­menschen, da soll einer beizeiten sorgen, daß es mit der Leidenschaft gar wird. Sonst sollen wie das Eheschließen lassem und leben wie die Viecher."

Der Graf hatte in steigender Erregung gesprochen. Jetzt drehte er einen Fuß halb auf dem Absatz herum, als zertrete er etwas. Auf seiner geröteten Stirn waren Adern geschwollen, wie sie der Staatsanwalt beim Bruder Serafin gesehen hatte.

Der Gast schwieg einen Augenblick. „Ihrer Logik ist schwer beizukommen, Graf", sagte er endlich. „Ich befür­worte unsere Normalauffasjung von der Ehe als die wünschenswerte, so gut wie Sie. Ich gebe zu, daß die Kultur auf einem Bändigen der Natur beruht — vor allem auch der eignen. Aber schließlich handelt es sich doch dabei um eine ideale Forderung, und man kann wohl wünschen, daß sich die Wirklichkeit mit den: Ideal deckt, aber das mit dem Richtschwert in der Hand fordern das geht doch nur innerhalb der Grenzen der Möglichkeit an. Und ich muß entschieden bestreiten, daß jedermann unter allen Umständen im Stande ist, sich zu beherrschen Dem logischen und ethischen Willen steht der Wille des Instinktes gegenüber und es wird immer von Veran­lagung und Erziehung abhängen, in wieweit sich jener

Mächte, Rußland hinzugerechnet, mit unabweislicher Notwendigkeit ergeben könnte. Die beiden Kaiser widmeten diesen Vorkommnissen alle ihre Aufmerksamkeit, informierten sich im Wege ihrer Minister über alle Ein- zelheiten und weniger bekannten Phasen der Bewegung auf dem Balkan und kamen in ihren Besprechungen zu einer Art sixen Abmachung, die ebenso eine negative wie eine positive Seite von großer Bedeutung hat, negativ in dem Sinne, daß die Mächte der Triple-Allianz inso- lange, als Bulgarien wenigstens äußerlich Ruhe hält, sich in keinem Falle zu einer Intervention entschließen würden, positiv hinwieder in dem Sinne, daß, insobalü in Serbien neuerliche Umwälzungen oder Unruhen ein- treten sollten, Österreich-Ungarn sofort die Initiative zur

- Herstellung der Ruhe durch einen Einmarsch in Serbien zu ergreifen habe. DieseAbmachungen der beidenHerrscher, die selbstredend.auch im Einvernehmen mit Italien zu staude gekommen wären, sind auch bestimmt, die Grund­lage für die Erörterungen und Feststellungen der Hand- lungsweise der europäischen Mächte bei der Hierherkunft des Zaren zu bilden. Sehr bemerkenswert ist der Um­stand, daß Kaiser Wilhelm in allen den Orient berühren- den Verhandlungen stets bemüht scheint, dem Sultan auf dem Balkan die Politik der freien Hand zu ermöglichen.

Der jüngste Armee-Befehl des Kaiser-Königs Franz Joseph, der wie ein Blitz eingeschlagen, wird im Laufe der angebrochenen Woche leider noch manchen gesähr- sichen Sturm entfesseln. So etwas wie Pulverdampf liegt in der Luft. Es ist der bedenklichste Konflikt mit der Krone, der sich in Ungarn seit dem Jahre 1848 je begeben hat. Die Äußerungen des Hauptes der Ob­struktion, Bäla Barabas, welche die „Korr. Int." zuerst wiedergab, gehen von Mund zu Mund und zünden wie eine Lunte. Ganz Ungarn ist heute ausgesprochen oder unausgesprochen im Lager der Obstruktionisten. Die Er- regung der Bevölkerung besonders im Olföld, in dem Zentrum der Unabhängigkeits-Bewegung, hat einen Grad erreicht, die sich kaum schildern läßt, und wenn auch ein- zelne aus den Reihen der Oppositton daran mahnen, daß niemand sein kaltes Blut verlieren dürfe, so scheint es heute dennoch leider mehr als sicher, daß der schwere Konflikt zwischen der Krone und der ungarischen Nation, die sich in ihren heiligsten Rechten verletzt wähnt, leider schon in nächster Zeit irgendwo zu einer Explosion führen werde, die blutige Opfer kosten wird. Die Einsicht, daß durch eine evolutionäre Entwickelung vieles sicherer er­reicht werden kann, als durch eine revolutionäre, ist nicht jedermanns Sache, und die Jugend, bei der gewissenlose Hetzer — dieOpPosition behauptet: agents prövocateurs

— ihr schlechtes Werk betreiben, wartet nur auf den ge­ringsten Anlaß, um loszubrechen und aus ihren Reihen neue Blutzeugen in den Kampf zu senden.

Deutsches Deich.

Zu den deutsch-russischen Handclsvertragsvcrhandlungeu.

L. B e r l t n, 22. September.

Wie es mit den deutsch-russischen Handelsvertrags- Verhandlungen im allgemeinen steht, ist ungefähr bekannt. Rtan weiß nämlich, daß die Ende August abgeschlossenen Petersburger Konferenzen der mündlichen Darlegung der allgemeuien Gesichtspunkte gegolten haben, und daß die aus beiden Seiten vorliegenden Angebote und Forderun­gen zur Kenntnis genommen worden sind. Man weiß ferner, daß die zunächst beendigten Konferenzen im November m Berlin fortgesetzt werden sollen. Aber das alles ist ziemlich mager und dürftig, und vor allem fehlt cs bisher an jeder Richtschnur, au die man sich halten tonnte, um ein ungefähres Urteil über die Möglichkeit einer Ausgleichung der bekannten großen Gegensätze zu gewmneu. Deutscherseits sollen die landwirtschaftlichen, russtscherselts die Jndustriezölle erhöht werden. Hier wie dort rst der Widerstand heftig. Wie also kann die Einigung zustande kommen? In dankenswerter Weise werden einige Streiflichter aus die zu lösenden Probleme vom „Russisch-Deutschen Boten" geworfen. Das offenbar gutunterrichtete Fachblatt kann Mitteilen, daß eine vor- zeitige Kündigung des Vertrages, d. h. eine Kündigung, tebor begründete Aussicht auf einen neuen brauchbaren Pertrag vorliegt, von keiner Seite in Aussicht genommen rst. „speziell Rußland würde mit dem Fortbestehen des gegenwärtigen Verhältnisses vollständig einverstanden sein. Was die seitens des deutschen Exports vorweg ge­forderte Beseitigung einer höheren Bemessung der russi­schen Landzolle rm Vergleich zu den Seezöllen anbetrifft, so verlautet, daß Rußland ein generelles Aufgeben dieser Zunächst wenigstens, nicht in Aussicht gestellt hat. Vielmehr sollen die Delegierten vorge- ^oben, daß von Fall zu Fall bei den einzelnen Positronen diese Differenzierung behandelt werde." Daß dieser Vorschlag deutscherseits werde angenommen wer­den, hält der „Russisch-Deutsche Bote" für ausgeschlossen. Um welche wichtige Frage es sich dabei handelt, mag man aus dem folgenden entnehmen. In der bekannten Kund­gebung des Herrn v. Witte im „Russischen Finanzboten" vom 26. November 1901 war ausgeführt, daß Rußland angesichts der Erhöhung der deutschen Zölle die seinigen auf das Niveau der Tarifsätze von 1891 bringen werde; sur einzelne Produkte, die eine komplizierte Bearbeitung erfordern, würdcil die Sätze erhöht werden. Hiernach durfte man erwarten, daß in der Hauptsache der Tarif von 1891 als Ausgangspunkt für weitere Verhandlun- gen werde aufgestellt werden. Dagegen ist man in Ruß­land mit dem neuen Tarif iiicht nur in sehr vielen Posi- tionen erheblich über den Tarif von 1891 hinausgegangen

im Widerspruch zu diesem zu behaupten vermag. Wir

ziehen das doch heute auch in der Kriminaljustiz in be­tracht."

„Aber Sie sprechen darum nicht frei. Sie strafen oder stecken ins Narrenhaus. Herr von RechLerg, ich frage Sie nur eins: Was würden Sie tun, iveun Sie mit an- sehen müßten, daß Ihre Frau Mutter sich an einen frem­den Menschen fortwirft?"

„Das käme darauf an. Wahrscheinlich würde ich meinen Vater veranlassen, das Seine zu tun."

„Und wenn Sie Vorzügen, diesen zu schonen?"

„Versuchen, meine Mutter zu ihrer Pflicht zurück- Zufuhren."

„Ah, sehen Sie, da kommen wir zusammen. Und wenn sie vorzöge, mit ihrem Liebhaber auf und davon zu gehen?"

r Staatsanwalt zögerte wieder, warf einen Blick ehrlichen Mitleids auf sein Gegenüber. Tann reichte er chm dre Hand hin.

„Graf Raczek, wariim spielen wir Versteckens mit theoretischen Erörterungen. Mir ist Ihre Lage vollkommen ttar ^ch weiß, daß es sich um einen italienischen Maler handelt, und ich weiß seit heute, daß Ihre Frau Mutter Familie, Pflicht und Ehre seinethalben im Stich gelassen hat, me Zahl gewisser bedauernswerter Frauen vermehrt hat. ^ch sage mir jetzt, daß Sie als Wisseiider zu retten versucht^ hatten, daß Ihr Herr Vater nach der Flucht durch sie informiert worden und ihr nachgereist ist — ^ahr und Tag vergebens. Inzwischen haben Sie alles daran gesetzt, diese Tragödie vor der Welt zu cachieren.. Ist dem so?"

.. Dcr Gras hatte die dargebotene Hand genommen und wahrend er gesenkten Kopses ziihörte, wie unter ziickendcn Schmerzen gepreßt.

„Zum Teufel hinein, es ist so", knirschte er jetzt. „Sie kombinieren gut."

„Aber ich verstehe doch nicht, wie es Ihnen möglich gewvrden, das Geschehene so gründlich gegen alle Welt — Ihren Hausstand, das Dorf, die Verwandtschaft iw dunkel verschwinden zu lassen. Der Weg, den Sie dafür gewählt, rst mir deutlich — Sie haben den Tod Ihrer

Mutter fingiert, haben ein Nichts begraben und nach Rück- tehr ^hres Vaters ein Kenotaphium errichtet. Aber es ist mir ein vollkommenes Rätsel, daß Ihnen das so glanzend gelungen — daß Sie so ganz ohne Mitwissen, schast dritter, Schwester und Vater ausgenommen, davon­gekommen sind. Sie müssen da ganz verblüffend sicher und scharf gerechnet und disponiert haben."

„Drei Leute wissen noch darum. Der Arzt — der schweigt. Der Guardian vom Kloster — der schweigt (hne^migfer, die spioniert hat — sie befindet sich in Rumänien und verliert tbre Rente, sobald sie ein Wort verlauten läßt."

»Hiernach ist selbstverständlich, daß nie von einem Scheidungsprozeß die Rede gewesen?"

„Gewiß; selbstverständlich nicht."

•x !'^ ev ~7 Sfib Herr Vater ist demnach auch

nicht eigentliches Mitglied des Klosters? Mich däucht doch, ich hätte in der Gruft unten eine Tonsur an ihm bemerkt?"

„Das ist Natur bei ihm."

Ä -[ e Erbschaftsaugelegenheit? Und das Zivil- siands-Regisier?" ^

»Wer hatte sich um jene zu kümmern? Wir Kinder waren majorenn. Im Zivilstands-Register befindet sich em leeres Blatt und ein Notizzettel, auf meine Weisung ov? DI f wird von einem unserer Angestellten geführt. Ah ich habe mich wohl gehütet, eine Fälschung zu ver­anlassen. Daß sie rm Gothaischen Kalender als ver­storben verzeichnet ist, haben wir nicht verursacht. Mein eigener Schwager glaubt sie verstorben. Diese Elende we weinen armen Vater betrogen, war für mich tot, ist und bleibt sur mich tot, hat ein reinliches Grab für das was sie war bis zu deni Tage, wo sie sich in den Kot warf Ed Prostituierte. Auf den Schatten von ihr, der noch die Welt schändet und der die Frechheit besitzt, hierher zuruckzukehren, sveie ich. Auf dem Mist soll sie krepieren." 1

Da explodierte ein Maß von Haß und tödlicher Ver­achtung, daß den Staatsanwalt ein Grauen anqina Aus dem Sohne loderte das Pathos des Bruders Sera- frn auf.