u> Jahrgang.
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Ko. 441. «erlagö-Fernsprecher No. 2958.Dienstag, de« 22. Kepttmürr.
KZo^EM-AuseISKs.
Redaktions-Fernsprecher No. 82 .
1903 .
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Der Fall Uehdein.
L. Berlin, 20. September.
Herr Rehbein sitzt jetzt drei geschlagene Wochen im Gefängnis zu Moabit. Er hat es vermutlich garnicht schlecht dort; er untersteht nur in sehr milden Formen der Gefängnisdisziplin; er kann sich, weil er nicht Unter- suchungsgescmgener tst, nach Belieben selbst beköstigen, kann lesen, was er will, kann sich seine Arbeit selbst wählen, oder auch garnichts tun, braucht sich seine Arbeit jedenfalls nicht von der Gefängnisverwaltung vorschreiben zu lassen. Nur eben schlechtweg Gefangener ist er, sozusagen die verkörperte Reinkultur des Zwangszustandes, dessen sichtbares Symbol die eisernen Gitter- stöbe und die wohlverwahrte Tür sind. Wie mag sich nun wohl der Untersuchungsrichter den Seelenzustand dieses Herrn Rehbein vorstellen? Wir haben bisher nicht das Vergnügen gehabt, diesen Berichterstatter persönlich kennen zu lernen, nehmen aber von ihm an, daß er ein fleißiger, tüchtiger, ruhiger Mann ist, den das Leben nicht sehr verwöhnt haben wird, der ehrlich und bescheiden seine Pflicht tut, der ein schmales Einkommen mit Anstand erwirbt und verzehrt. Man kennt den Typus dieser braven, trefflichen Hütfsarbetter der Presse, die beinahe niemals dem Zerrbilde entsprechen, das sich unkundige Schwätzer im Publikum davon zu machen belieben. Herr Rehbein soll denn also durch die Zeugniszwangshaft dazu gebracht werden, den Soldaten anzugeben, der dem „Vorwärts" über grobe Ungehörigkeitm von militärischen Vorgesetzten berichtet hatte. Die Sache ist nach den meisten Seiten hin so gründlich, so einwandsfrei, so über- emstimmend behandelt worden, daß nicht viel hinzuzn- fügen ist. Mer es reizt doch, sich das Psychologische des Falls einmal von der Kehrseite der bisherigen Betrachtung her anzusehen. Man hat von einer geistigen Tortur gesprochen, der Herr Rehbein unterworfen werden soll. Kann man sich nicht ebenso gut vorstellen, daß dieser Berichterstatter in ganz vergnügter Seelenverfassung ist?
Gibt es schwerere Martyrien als das seinige? Kein Zweifel, daß die Partei ihn nicht verhungern lassen wird, daß sie, wenn er Familienvater sein sollte, seine Angehörigen für den Einnahmeausfall entschädigen wird. Die Entziehung der Freiheit ist gewiß hart, aber sie mag weniger hart empfunden werden durch das ausgleichende Bewußtsein, für eine gute Sache zu leiden und der ehr- lichen Sympathien der gesamten gesitteten Welt teilhaftig zu sein. Der Gedanke, so ganz allein den zlveifülos siegreichen Kampf mit der Großmacht Preußen durchführen zu sollen, das sichere Gefühl, daß keine Macht der Erde ihn, den Zwangshäftling, zur Begehung der verlangten Tat bringen kann, solche Empfindungen haben etwas Schmeichelhaftes. Es wäre beinahe begreiflich, wenn Herr Rehbein den leisen Wunsch hegen sollte, sein Martyrium bis zum Ende zu erleiden, bis zur letzten Stunde der sechs Monate, über die hinaus er nach dem Gesetz nicht festgehalten werden kann. Wir befürchten nicht, daß man den hier angeschlagenen, leichten Ton mißverstehen werde. Wir sagen das alles, um es doppelt eindringlich zu machen, welchen unbeschreiblichen Miß- griff die Behörden begehen (in diesem Falle vor allem begangen haben), wenn sie die Zeugniszwangshaft gegen Leute von der Presse verfügen. Wäre das Mittel taug- lich, so wäre es entsetzlich. Da es aber in Anbetracht der gemilderten Sitten unseres Zeitalters vollkommen untauglich ist, so bekommt es eine Eigenschaft, die wir nicht eftt zu benennen brauchen, toeil jeder das Wort dafür schon selber findet. Nichts, schlechterdings garnichts ist mit der Zeugniszwangshast des Herrn Rehbein erzielt wordm und kann erzielt werden, als daß die Unmöglichkeit einer längeren Beibehaltung der Zeugniszwangshaft gegen Redakteure und Journalisten dargetan wordm ist. Dm konservativen Blättern, die sich für die Zeugnis - zwangshaft auch jetzt noch zu begeistern vermögen, sei es gegönnt, daß sie die Sache einmal am eigenen Leibe zu verspüren haben. Die „Hamburger Nachrichten" ver- wmdeten kürzlich ein paar Spalten auf dm Nachweis, dieser Zeugniszwang dürfe nicht abgeschafft werden. Als das Hamburger Blatt dm Rückversicherungsvertrag mit Rußland veröffentlichte, im Herbst 1896, bedurfte es ja ieiner Forschung nach dem Einsmder, aber angenommen, daß in Berlin die Neigung bestanden hätte, dm llrheber der Veröffentlichung gerichtlich feststellm zu lassen, was hätte der verantwortliche Redakteur der „Hamburger Nachrichten" wohl getan, wenn in der Untersuchung „Wider Unbekannt" sein Zmgnis verlangt worden wäre? Er hätte es selbstverständlich verweigert, es zur Wahrung der Bemfsehre und der eigenen Ehre verweigern müssen, trotz der drohenden sechs Monate Zwangshaft. Wirklich, es wäre gut, wenn einmal ein konservativer Redakteur daran glauben müßte und diese Art moderner Folter, diese Art des zum Gesiändniszwingms am eigmm Leibe
verspürte. Eine überlebte, mit dm elementarsten Anforderungen an Anstand und Sittlichkeit unvereinbare Besttmnumg würde alsdann vielleicht schneller ver> schwinden.
Zur Apolhelrensrnge.
Der Vorstand des „Deutschen Apotheker-Vereins" hat „mit Rücksicht auf die in Preußen in Vorbereitung befindliche Apothekenreform" Leitsätze angenommen, in denen verlangt wird die Anerkennung und rechtliche Festlegung der Vcräußerlichkeit aller Apotheken, die Zuhülfe- nahme des Staatskreüits zur Entschuldung aller Apotheken, welche durch übermäßig hohe Preise über Gebühr belastet erscheinen. Die Erteilung von Konzessionen zur Anlage neuer Apotheken sei gesetzlich zu regeln und müsse dem verwaltuugsgerichtlichen Verfahren unterliegen. Der Erwerber einer neuen Apotheke habe eine angemessene Abgabe an den Staat zu entrichten.
Heutzutage ist man allerdings daran gewöhnt, daß Vertretungen für die Interessen einer bestimmten Berufsklasse ihre Forderungen an die Gesetzgebung mit einer Einseitigkeit und mit einer Rücksichtslosigkeit gegen allgemeine Interessen formulieren, die in ihrer Kurzsichtigkeit den wahren Interessen selbst des eigenen Berufes in das Gesicht schlägt. Die hier aufgestellten Forderungen aber leisten selbst in dieser Richtung Ungewöhnliches.
Der Krebsschaden des heutigen Apothekenwesens sind die sogenannten Jdealmerte, d. h. die Kaufpreise, welche bei Übernahme einer Apotheke gezahlt werden für einen Geschästsgewinn, der entsteht durch die hohen Arzneipreise in Verbindung mit einem Kundenkreis, welcher infolge der beschränkten Konzessionierung auf eine bestimmte Apotheke angewiesen ist. Man stellt dabei sogar einen in der Zukunft zunehmenden Reinertrag in Rechnung mit Rücksicht auf die Zunahme der Bevölkerung und der Wohlhabenheit. Die größere Wohlhabenheit ermöglicht in Krankheitsfällen eine bessere Fürsorge unter Anwendung auch von teureren Arzneimitteln.
Nur eine beschränkte Zahl von Apotheken beruht aus dinglichen, d. h. mit einem Grundstück verbundenen Realrechten. Aber tatsächlich hat man auch den seit 1811 in Preußen neukonzessionierten Apotheken im Verwaltungswege eine Veränßerlichkeit und Vererblichkeit zuerkannt. Dadurch sind denn nun Zustände entstanden, welche am 4. März 1895 der damalige Direktor der Medi- zinal-Abteilung im Kultusministerium, Dr. Bartsch, als „himmelschreiende" bczeichnetc. Selbst in kleinen Städten seien die Preise für Apothekenkonzessionen in die Hunöert- tansende gestiegen. Der Minister schilderte unter Angabe von Preisen „den schwunghaften Handel mit Apotheken". Mit Recht bemerkte der Ministerialdirektor, der Mißbrauch mit der Hinaufschraubung der Jöealwerte ruiniere schließlich den ganzen Stand. Die vorhandenen Apotheken repräsentieren große Werte, aber die Besitzer dieser Apotheken sind deshalb nicht entsprechend reiche
Feuilleton.
Zur Kurhausneubau-Frage.
Das Studium der im Rathause während dieser Woche ausgestellten Pläne für den Kurhausneubau hat bei vielen Besuchern Bedenken hervorgerufen, welche zum Teil schon in der Stadtverordnetenversammlung bei Gelegenheit der Demonstration durch den verfassenden Architekten zur Sprache gebracht wurden, leider wohl ohne den nötigen Nachdruck, da eine Änderung der Pläne anscheinend bisher nicht erfolgt ist. Es kommen aber auch noch eine Reihe anderer Punkte in Bettacht, so daß mir bei der Wichtigkeit der ganzen Sache für die Zukunft unseres Kurlebms, und somit auch unserer Stadt, eine nochmalige Wiederaufrollnng der Frage ein Gesetz der Notwendigkeit dünkt: ich stehe eben noch immer auf dem Standpunkt, daß eine öffentliche Besprechung stritttger Punkte, selbst wenn sie kein Resultat zeitigen sollte, nicht schaden, sondern nur nützen kann. Meinen am Mittwoch an dieser Stelle geäußerten Wunsch, es möchte der Teil der Pläne, welcher in der Mappe untergebracht war, ebenfalls zur Ausstellung gelangen, hat das Bauamt damit beantwortet, daß es diesen Teil der Pläne kurzerhand ganz entfernen ließ und damit die ohnehin schon spärliche Jnsormatton noch mehr erschwerte. Erst dem persönlichen Eingreifen des Herrn Oberbürgermeisters ist es zu verdanken, datz wenigstens zwei dieser Pläne wiederum zur Aufstellung gelangten: es ist zu bedauern, daß nicht auch das Modell des Neubaues ausgestellt wurde.
Pläne, welche zur öffentlichen Ausstellung gelangen, müssen in jeder Weise korrekt gearbeitet sein, eine Forderung, welche die im Rathause ausgestellten Pläne nicht ganz erfüllen: ganz abgesehen von orthographischen und Sprachschnitzern, sind neben den ursprünglichen Maßen in schwarzer Farbe andere kleinere Maße in roter Farbe eingetragen, ohne daß für das Publikum eine Jnsormatton gegeben ist, andere Stellen der Pläne sind ktrcfj' überkleben korrigiert: alles dies verwirrt den Beschauer und macht auf ihn den Eindruck des Unfertigen. Wenn auch die vorzubringenden Bedenken mehr die praktische Seite
betreffen, so scheint es doch geboten, auch etwas über die Architektur namentlich der Fassaden zu sagen. Dem Architekten, Herrn Professor Thiersch, waren durch die Bedingung der Erhaltung der Kolonnaden und des Portikus und die dadurch notwendige Anpassung des Neubaues an deren Formen gewissermaßen die Hände gebunden: ich möchte gleich vorwegnehmen, daß ich die so beliebte Bedingung der gebundenen Marschroute als ern^ schweres Hemmnis für den Künstler ansehe: Dieser muß in jeder Hinsicht frei schassen können. In unserer Stadt hängt man aber mit zäher Ausdauer an dem lieb- gewordenm Alten und treibt die Pietät manchmal selbst bis zur Geschmacklosigkeit; kann man sich dabei noch sogar auf ein Wort von hoher Stelle stützen, so wird die Entfernung jedes alten Baums und jedes alten Gemäuers zum Verbrechen gestempelt. Daß aber der Architekt durch das Gebot der Erhalttmg der Kolonnaden in der Entfaltung seiner Mittel beschränkt wurde, dürste ein Blick auf die Hauptfassade des Neubaues dartun. Die Großzügigkeit in der Linienführung, die vornehme Einfachheit und Ruhe des Ganzen imponieren, auch den: Laien und dokumentieren ihm den Verfertiger als einen wirklichen Künstler; aber es macht mir den Eindruck, als wenn der Architekt in dem Bestreben der strengen Stil- durchführung allzu monoton und nüchtern geworden sei. Ter steinerne kahle, quadratische Aufsatz hinter dem Portikus, welcher wiederum von der Kuppel gekrönt wird — das Motiv entstammt, wie ich höre, der Kirche von St. Blasien — wirkt allzu wuchtig und erdrückend und verleiht in Verbindung mit den glatten, an den Porttkus sich anschließenden, nur durch Fenster unterbrochenen Steinwänden und den Steinwänden, welche sich oberhalb befinden, dem ganzen etwas Ernstes und Strenges, was gar nicht dem beiteren Charakter des Gebäudes entspricht und auf letzteren hätte der Architekt mehr Rücksicht nehmen müssen. Der dom alten Gebäude übernommene Porttkus hebt die Front in wirkungsvoller Weise, wo er aber fehlt, wie an der Gartenfassade oder der Nord- und Südfassade, tritt die erwähnte Nüchternheit und Kahlheit um so deutlicher hervor. Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß ein „Zuviel" an dekorativer Ausstattung bei der
Fassadenbildung gerade in diesem Falle sehr unkünstlerisch gewirkt hätte; aber zwischen dem Zuviel und Zuwenig hätte sich wohl unschwer ein Mttelweg vom Künstler finden lassen. Das Innere läßt dagegen an vornehmer und gediegener Pracht, wobei jede Überladung mit seinem künstlerischen Geschmacks vermieden ist, nichts zu wünschen übrig: der Gegensatz zwischen außen und innen ist ein frappanter und vielleicht beabsichtigter. Die von mir zu erörternden Ausstellungen beziehen sich somit auch nicht auf den künstlerischen, als vielmehr auf den praktischen Teil der Ausführung. Vor allem habe ich den Eindruck gewonnen, als wenn wieder einmal alles zu klein geraten wäre, und als wenn der alte, sich hier stets wiederholende Fehler, nicht an die Zukunft zu denken, auch beim Kurhausneubau sich getreulich eingestellt hätte: Sir bauen ein neues Kurhaus, aber für einen Zeitraum von 150—200 Jahren; ist nicht für genügend Raum gesorgt, so werden sich in kurzer Zeit nicht mehr zu be- seittgende Übelstände einstellen; daß in dem Neubau aber alles auf das knappste Maß zugeschnitten ist, daß kein überflüssiger Raum zur Verfügung bleibt, erhellt aus den Grundrissen ohne weiteres. Und doch wäre es ein leichtes gewesen, den Fehler des Raummangels zu der- meiden, wenn man sich hätte entschließen können, den Neubau sowohl nach der Haupt-, wie nach der Rückfront noch um einige Meier zu verlängern; weder der Platz vor dem Kurhause, noch der hinter demselben hätte ernstlich Schaden gelitten. Einige Bäume müßten allerdings fallen, aber Bäume wachsen in wenigen Jahren wieder; auch hätte man unbeschadet den Teich bis vor die Insel zuwerfen und aus dem so gewonnenen Platz ein zweites Bowling -green schaffen können; das landschaftliche Bild wäre dabei in keiner Weise zu kurz gekommen, sondern hätte eher noch gewonnen; in hygienische r Beziehung wäre eine Verkleinerung des Teiches, besser noch ein Fortsallen desselben schon längst wünschenswert ge- wesen.
Die Terrassen sind sowohl ihrer Größe, als ihrer Einteilung nach ungenügend; da der Sockel des ganzen Hauses um etwa 1 y 2 Meter höher als der des jetzigen
