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N-. 441.

Beilage zum Wiesbadener Tagblatt.

Morgen-Ausgabe. Dienstag, den 22. September. 61. Jalirgang. 1803.

Die Leiden!/ die elendesten Sä

dnft macht die beste» Beobachtungen urfb » I. Paul. »

(t. Fortsetzung.)

Cva Keoni.

Roman von Marie Bernhard.

Das Abendessen wurde mir sehr verleidet, denn wir nahmen es in Gegenwart der „Großer:" ein, und die mranaenchme Dame mit der Brille saß mir gegenüber.

horte nicht auf, mich zu beobachten und ihren Nach- barn Bemerkungen über mich zuzuklüstern, .... mir quoll der Bissen im Munde, ich fühlte mich sehr unbehag­lich und nahm nur vor, so bald keine Gesellschaft mehr zu besuchen. '

Bald nach Tische meldete das Bedienungsmädchen, der Wagen ftrr mich sei da, und weil die anderen Kinder alle noch blieben, hatte ich mich allein in dem Zimmer, wo wir unsere Hute und Mäntel abgelegt hatten, anzu- kleiden. Die Tür zum Nebenraum war angelehnt, durch den Spalt schimmerte ein schwaches Licht und an mein Ohr drang ein leises, angstvolles Stöhnen.

Auf den Fußspitzen schlich ich mich heran und spähte rL Sttnrner. Da sah ich die kleine Meta in einem schmalen Bettchen liegen das Kind mochte soeben Krampfanfall gehabt haben, denn die abgezehrten Händchen gnffen zrickend auf der Decke umher, der kleine Kopf lag ganz zur Seite, und über die bläulichen Lippen kam das Stöhnen, das ich soeben gehört hatte. Vor dem Bettchen aber kniete die Mutter des Kindes, die Hände über der Brust gefaltet, das Antlitz empovgewendet, und dav Licht der trüben, kleinen Lampe zeigte mir die stromenden Tränen, die zitternden Lippen der Frau.

„Nimm sie mir noch nicht, mein Gott! Noch nicht!

& a 1 nt i r -Ä 1 M/in armer Liebling, mein Herz,

blatt, konnte ich dir helfen!"

. Das.kam in abgebrochenen, schluchzenden Lauten zu nur herüber, und ich stand — und hörte — und sah — las meine Augen Plötzlich 'von Tränen wie geblendet waren und ein ungestümer Seiifzer meine Brust hob — Wre em gejagtes Wild stürzte ich aus dem Zimmer, aus dem Haufe, und rm Wagen weinte ich, als sollte mir das Herz brechen.

Noch heute erfaßt mich tiefes Mitleid mit mir selber, wenn ich an jeneii Abend zurückdenke. Noch nie hatte ich em solches Gefühl trostloser Verlassenheit gehabt, noch me mit so einschneidender Schärfe gefühlt, was mir sthlte, als damals. Mein kleines .Herz war bis zum Rands voll Schmer, und Bstterkeit. es hungerte nach Liebe und Zartlichkmt, daß es zum Erbarmen war. Was half es mm, daß meine Möbel teurer, meine Kleider und Spielsachen kostbarer waren, als die jener Kinder, die ich ^-besucht? Was nützte es mir, daß über meinem Bett seidene Vorhänge rauschten und daß eine vergoldete Laube darüber schwebte? Ich sah Tante Gina vor mir mit ihrem ausdruckslosen, gleichgültigen Gesichts, wie sie jeden Wend sagte: „Nun, Eva, sprich dein Gebet!" und sich dann von mir abwandte, ohne Kuß, ohne Liebkosung, ohne einen freundlichen Blick. Würde sie sich grämen,

wenn ich krank würde? Sicher nicht! llnd meine Groß­mutter? Sie schrieb ja selbst, sie hätte erleichtert auf- geatmet, wenn ich gestorben wäre! Wie gern würde ich das getan haben, hätte ich nur gewußt, wie man es an­fängt, zu sterben! Die kleine Meta war ein elendes, häß­liches, krankes Kind, —, nun, und ich war gesund, und sie sagten eS mir alle, laut oder leise, ich sei sehr hübsch! Aber was half mir das? An dem schlichten Bettgestell aus Tannenholz hatte eine liebevolle Mutter gekniet und Unter heißen Tränen zu Gott gefleht, er möge ihr das Kind noch lassen, — um mich würde niemand weinen, »nenn ich krank oder sterbend wäre, — es hatte mich keiner lieb. Was hatte ich yetan, daß niemand mich lieb hatte?

■—-Ich war em sehr leidenschaftlich empfindendes

.Kind, und dieser Vorfall hinterließ mir einen fiefen Ein- druck. Ost, oft habe ich später vor meinem inneren Auge die Mutter am Bett ihres .Kindes kniecn gesehen und immer denselben scharfen Schmerz empfunden, immer dasselbe Gefühl trostloser Verlassenheit!

Als Tante Gina mich fragte, wie ich mich amüsiert, gab ich ihr zur Antwort, ich würde nie mehr eine Kinder- gesellschaft besuchen, — und auf ihre erstaunten Fragen und Ausrufe schwieg ich konsequent. Was hätte ich sagen sollen? Sie hätte mich gar nicht verstanden, hätte mich ein undankbares Kind genannt, das im Besitz so vieler schöner Tinge, um die viele andere es beneiden würden, dennoch nicht zufrieden sei! — Ich hätte es übrigens nicht nötig gehabt, so energisch meine Meinung über Kinder- gesellschaften auszusprechen, — ich wurde nie wieder zu einer eingeladen; wahrscheinlich hatten die Leute es ein- gesehen, daß „solcher Umgang" in der Tat für ihre.Kinder nicht passend sei.

Verstört und verbittert, wie ich war, wuchs ein Der- langen, das bis dahin nur leise seine Stimme erhoben hatte, riesengroß in mir empor: es war der brennende Wunsch, das Grab meiner Mutter aufzusuchen. Ich weiß nickt recht, was ich mir davon versprach, davon hoffte; aber mein Verlangen, dorthin zu kommen, schwieg nie, und bald nach jenem Kinderfest, etwa um die Mitte des September, als Tante Gina eine kranke Freundin, eine Stiftsdame in der Stadt besuchte und lange aus- bleiben wollte, ließ ich Jeannette mit ihrer Lektüre von „Paul et Virginie" im Garten, raufte in aller Eile ein paar Hände voll Clematis und einige schöne dunkelrote Rosen ab und machte mich in eiligem Trabe auf den Weg.

Die Zeit einigermaßen zu berechnen, war mir natür- lich nicht eingefallen. Es war noch hell, — die Richtung nach der Stadt war mir bekannt, — ich wollte das Grab meiner Mutter aufsuchen, .... weiter überlegte ich mir nichts. —

vorüber an hübschen, in Herbstlaub gebetteten Dillen, ähnlich der unseren, vorüber an sausenden Equipagen, die aus der Stadt kamen, an- geputzten Menschen die langsam Arm in Arm gingen, an kleinen Garten- Etablissements, wo die Leute an runden Tischen saßen und Erfrischungen verzehrten, — immer weiter, so rasch meine Füße mich trugen. —

In eine häßliche, trübe Dunstwolke gehüllt, lag end- lich die Stadt vor meinen Blicken, und mir wurde ein wenig bange, .... wie sollte ich mich allein zurecht- finden? Ich war ziemlich oft an Tante Grnas Hand durch die Straßen gegangen, hatte aber nie auf meine

Umgebung geachtet, und wo der Friedhof der Kreuz» kirck-e lag, davon hatte ich keine Ahnung.

Die rosige Glut, die ich während meines Ganges am Horizont bewundert, verblaßte allgemach, — die Sonne mußte hinunter sein, bald kam die Dämmerung, es galt, sich zu beeilen.

_ Ich fragte verschiedene Menschen nach dein Ziel meines Weges, zumeist Leute aus dem Volke, ^ sie gaben mir alle bereitwillig Auskunft; einmal nahm mich eine ärmlich gekleidete Frau bei der Hand und ging ein Stück mit mir. Wir hatten lange zu gehen, durch gewundene Gassen und zwischen langen Häuserreihen hin, — ich sagte mir mit bang klopfendem Herzen, daß ich mich allein niemals zurückfinden könnte. Endlich machten wir an einer großen, aus geschwärzten Ouadersteinen erbauten .Kirche Halt, neben der ein halbgeöffnetes Gittertor sich befand. Dahinter schimmerte saffiges Grün hervor, — wir waren zur Stelle; meine Begleiterin verließ mich. —■

Nun schlüpfte ich zwischen den endlosen Reihen der Grabstätten durch und suchte! Wieviel Gräber — o Gott,

— und wie unzählbare Grabkreuze, Steine und Tafeln! Ich las und las, — Kopf und Augen begannen mir von dem angestrengten Bücken und Hinschauen zu schmerzen,

— dann und wann sah ich mich scheu um, — es wurde immer finsterer, und wie es mir scheinen wollte, war ich ganz allein auf dem Friedhofe. Ein ängstliches Gefühl schnürte mein Herz zusammen und stieg mir bis zum Halse hinaus.

Vor einem vornehm ausschenden Gitter, das ganz aus- grau und silbernen Ranken und Gewinden zu be­stehen schien, .machte ich wieder einmal Halt, und ineine scharfen Kinderaugen spähten angestrengt nach der In­schrift auf dem prachtvollen, hohen Kreuze von blendend weißem Marmor, das sich zu HäuPten eines blumen­geschmückten Hügels erhob. Nein — von hier konnte ich • nichts lesen, — also hinüber, — gleichviel, ob das ge- stickte Kleid am Gitter hängen blieb und zerriß! — Da stand ich dicht vor dem Kreuz, und nun konnte ich deut­lich lesen:

EDITI-IA LEONI, GEB. VON NEUENBURG.

GEBOREN AM 18ten MAI 1838,

GESTORBEN AM 12ten SEPTEMBER 1860.

Weiter nichts, — kein Trosteswort, — kein frommer Spruch! —

Ich hatte das Grab meiner Mutter gefunden.

Ehrlich gestanden, empfand ich ein Gefühl der Ent-^ täuschung. Ich hatte es mir ja nicht klar machen können, weshalb ich mir so fieberhafter Hast hierher gestrebt hatte, —- jedenfalls, mir selbst uneingestanden, hatte ich etwas gehofft, — erwartet, — und nun stand ich hier, erhitzt und rasch atmend, und legte meine halbwelken Blumen auf' daL Grab und rechnete mir aus, daß meine Mutter nur zweiundzwcmzig Jahre alt geworden, mithin sehr jung gestorben sei, — und überlegte, wie sie wohl aus­gesehen haben könnte, da ich ihr doch ähnlich sehen sollte,

— — das war alles!-- Wie alt mochte ich ge­

wesen sein, als sie starb? Vermutlich ganz klein, denn nichts, nicht die leiseste Erinnerung wollte in mir auf- dämmern, so oft ich auch die Augen fest schloß und tief, tief mit meinen Gedanken in die Vergangenheit tauchte!

— Und mein Vater? Auch von ihm wußte ich nichts!

Wie kam es, daß er nicht hier, neben seiner Gatfin be­graben -lag? (Fortsetzung folgt.)

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