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ßi. Jahrgang.
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N». 442.
Verlags-Fernsprecher N». 2853.
Dienstag» den 22. September. Redakii»ns.Fern,prccher No. 52. 1903.
flbend-flusgabe.
Iüv öcrs 4. ßmartaE 1903
auf das
„Wiesbadener Tagblatt"
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Die Pannma-TrMkmnodre.
Nicht nur Bücher, sondern auch Kanäle haben ihre Schicksale, wie ja auch das Beispiel des Mittellandkanals beweist, der nach der Versicherung des Grasen Bülow „seinerzeit" gebaut werden soll. Aber auch die Geschichte des preußischen Mittellandkanals tritt an Merkwürdigkeit weit zurück vor der des Panamakanals, der ebenso wie jener noch immer ein unverwirklichtes Projekt ist, obwohl mehr als 22 Jahre vergangen sind, seit der erste Spatenssich zur Ausführung des Panamakanals gemacht wurde.
Die Summen, die der Panamakanal bisher vor seiner Ausführung gekostet hat, lassen einen Schluß darauf zu, welche Riesensummen er noch verschlingen wird, wenn er wirklich zur Ausführung gelangt, was durch den neuesten Konflikt zwischen den Vereiuigten Staaten von Amerika und Kolumbien immerhin wieder zlveifelhaft geworden ist. Vom 1. Februar 1881, wo Lcsseps die Vorarbeiten zum Panamakanal begann, bis zum März 1899, wo die Arbeiten eingestellt wurden, hatte der Panamakanal oder richtiger gesagt der Panamaskandal 1272 Millionen Frank verschlungen, von denen etwa 230 Millionen in das Unternehmen gesteckt wurden, während der stattliche „Rest" durch Schwindel und Bestechung um die Ecke gebracht wurde.
Aus den Resten des verkrachten Panama-Unternehmens bildete sich eine neue Gesellschaft, die nunmehr ihre gesamten Besitzrechte für 40 Millionen Dollar an die amerikanische Regierung verkauft hat. Das war auch wieder ein echtes und rechtes Schwindelgeschäft. Die auf den Panamakanal verwandten Arbeiten sind im Läuse der Zeit so gut wie wertlos geworden, und kompetente Beurteiler versichern, daß die Rechte der Panamagesell
schaft mit dem vierten Teil der genannten Summe anständig bezahlt worden wären. Wer die „Unkosten" sind bei dem Vcrkaufsgcschäft außerordentlich hoch gewesen. Durch die Konkurrenz zwischen der Nicaragualinie und der Panamalinie waren die beiderseitigen Interessenten genötigt, die Mehrheit des amerikanischen Kongresses für sich zu gewinnm, und das ist nach amerikanischer Sitte nicht ohne klingende Gründe vor sich gegangen. Die Panamagesellschaft war aber in der Lage, den „rollenden Dollar" in weit wirkungsvollerer Weise funktionieren zu lassen als die Interessenten der Nicaragualinie.
Trotzdem hatte das Zünglein cm der Wage lange Zeit zwischen den beiden Projekten hin- und hergeschwankt. Denn die Nicaragualinie ist an sich die günstigere. Die Schwierigkeiten wären beim Bau des Nicaraguakanals erheblich geringer, die Wasserversorgung wäre eine leichtere, und außerdem würde der Nicaraguasee einen idealen Kriegshafen bilden. Aber als sich aus diesen Gründen die Wage bereits zugunsten des Panamakanals senkte, da ereigneten sich zum Glück für die Panama- intercssenten die gewaltigen vulkanischen Umwälzungen in Nicaragua, die in der Tat eine schwere Gefährdung des Kanalprojcktcs bilden. Durch das Zusammenwirken des rollenden Erdreichs und des rollenden Dollars wandte sich das Geschick zugunsten des Panamakanals, und so nahm der amerikanische Kongreß im vorigen Jahre die Bill an, welche 130 Millionen Dollar für den Bau des Panamakanals, 40 Millionen für den Ankauf der Be» stände und Rechts der Panama-Gesellschaft und zehn Millionen, sowie eine jährliche Subvention von 250 000 Dollar als Abfindung für Kolumbien bewilligte.
Nachdem jetzt alle anderen Schwierigkeiten glücklich beseitigt waren, trat eine neue unerwartete auf. Die Regierung und die parlamentarische Vertretung von Kolumbien erklärten plötzlich, daß ihnen die bewilligte Summe nicht als hinreichendes Äquivalent für die Äb- tresiing des 6 englische Meilen breiten Landstreifens auf der Landenge von Panama und für die Überlassung des Schutzrechtes über den Kanal an die Vereinigten Staaten von Amerika erscheine, und sie versuchten, mehr Geld aus der Sache herauszuschlagen. Da jedoch die Union weitere Verhandlungen ablehnte, verwarf der kolumbtsche Senat seinerseits den Vertrag, und so steht der Panamakanal zur Zeit da, wo er seit dem Jahre 1881 zumeist stand, nämlich auf dem toten Punkt.
Sdunmehr ist aber in dem Panamazwist eine neue Komplikation aufgetreten, welche für die Amerikaner günstig ist und an der sie nicht ganz unschuldig sein dürften. In der kolumbischen Provinz Panama, welche natürlich ganz besonders an dem Zustandekommen des Kanalplanes interessiert ist, ist infolge der Wlehnung des Panamavertrages eine Revolution ausgebrochen, deren Endziel die Losreißung von Kolumbien ist, um auf
eigene Faust mit den Amerikanern das Kanalgeschäft zu machen. Die stärkste Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß die smarten Amerikaner nicht ganz unschuldig an diesem Putsch sind, der für die kolumbische Regierung um so gefährlicher ist, als auch Herr Castro von Venezuela, der wieder oben auf ist, die Gelegenheit benutzen zu wollen scheint, den alten Zwist mit Kolumbien zum Austrag zu bringen. Unter diesen Umständen wird die kolutnbische Negierung vielleicht doch noch mürbe werden und auf den Panamavcrtrag eingehen. Und das ist offenbar der Zweck der ganzen „Übung", nämlich des Aufstandes in der Provinz Panama und auch der kriegerischen Exerzitien Castros, der ja allen Anlaß hat, den Amerikanern, die sich seiner so warm angenommen haben, gefällig zu sein!
Die erste MW TrlnkerheiWIle.
Am 1. Oktober d. I. wird eine Heilanstalt für unbemittelte Trinker eröffnet werden, die die Stadtgemeinde Dresden auf dem ihr gehörigen Rittergut Klingenbcrg auf der Hochebene des Erzgebirges ins Leben ruft. Nachdem bisher nur Vereine, Arzte und einzelne Menschenfreunde, wie Pastor v. Bodelschwingh und der Graf zur Lippe, solche Heilanstalten geschaffen, ist es ein erfreulicher Fortschritt auf diesem Gebiet, daß nun auch eine Stadi- gemeinde damit offen ihre Verpflichtung anerkennt zum Kampf gegen Alkoholmißbrauch in dieser Form. Die Stelle, mitten in einem Gutsbezirk, ziemlich fern von der Bahn, umweht von nervenstärkender Bergluft, umgeben von Ackern und Wiesen, dem Arbeitsfeld der Pfleglinge, scheint trefflich gewühlt. Eingerichtet ist die Anstalt für 15 trunksüchtige Männer — also für eine Anzahl, die noch ein familicnhaftcs Zusammenleben gestattet. Ein kinderloses Ehepaar verwaltet die Anstalt als Hausvater und Hausurutter. Da die Wahl der Vorsteher bei solchen Anstalten oft schon allein ausschlaggebend für den Erfolg derselben ist, scheint derselbe hier nach Möglichkeit gewährleistet, da der Hausvater sich in jahrelanger treuer Arbeit in der Strafentlafsenen-Pflege die Sporen verdient und dann vor Übernahme der Anstalt seitens dcs Rates in die bedeutendste Volkstrinkerheilstätte, nach Ellikon in der Schweiz, gesandt worden ist. Hier hat er das neue Arbeitsfeld praktisch kennen gelernt. Pfleglinge wie sämtliche Angestellte haben sich der strengsten Abstinenz zu befleißigen. Arbeit, Ruhe und Erholung wechseln miteinander ab, die Anstalt soll nicht den Charakter einer Besserungsanstalt, sondern den einer Heilanstalt tragen. Briefwechsel mit den Angehörigen und deren Besuch am Sonntag ist daher auch ungehindert.
Zur Aufnahme werden nur nach ärztlichem Ermessen heilbare Personen, die sich freiwillig zu einem Aufenthalt von mindestens 6 Monaten verpflichten, zugelassen. Sie müssen imstande sein, körperliche Arbeit zu leisten, denn
Der Bruder Zerasin.
Novelle von Viktor Blüthgcn
(9. Fortsetzung.)
Der Graf war plötzlich blaß, gab die Zügel an den jungen Menschen hinten. „Bitte, einen Augenblick zu entschuldigen", sagte er hastig, ohne seinen Begleiter anzusehen, und sprang hinaus. Er ging, von dem Förster gefolgt, ein Stück Wegs hin und stand dann, und cs gab ein Gespräch zwischen den beiden, wobei der Gras sich überwiegend als Zuhörer verhielt. Zum Schluß sprach der Graf, eindringlich, mit ein paar raschen, energischen Handbewegungen.
Sie kehrten zurück.
„Herr von Rechberg," sagte der Graf mit auffälliger Schärfe im Ton, „wenn es Ihnen gefällig ist, so gehen wir durch die Rüben hier. Es ist da etwas geschehen, was mich dies vorziehen läßt."
„Etwas Unangenehmes?" Der Staatsanwalt kletterte heraus.
Der Graf zischte mit einem gezwungenem Auslachen durch die Zähne. „So etwas Ähnliches, ja. Denken wir nicht daran, sondern an unseren Bock. Sorgen Sie sich nicht, wenn der Bursch jetzt zurückfährt, er wird uns in zwei Stunden an dieser Stelle wieder abholen." Und er gab dem Burschen auf Slavisch Instruktionen.
Die Pferde, die höchst unruhig gestanden, schossen herum und flogen mit dem leichten Gefährt davon, und der Förster zog respektvoll die Mütze und ging der Försterei zu. Die Jäger schritten schweigend durch den weichen Acker; am Walde schien der Graf seine volle Unbefangenheit wieder gefunden zu haben, denn er begann so ungezwungen zu reden, wie immer. „Das Terrain kennen wir ja, ich schlage vor, wir nehmen wieder die Plätze ein, wie schon zweimal. Ter schlaue Bursch hat doch die beiden alten Wechsel beibehalten."
„Ich muß mich ganz Ihrer Führung überlassen", sagte höflich der Staatsanwalt, dem von dieser ganzen Geheimniskrämerei gar nicht behaglich zu Mute war. Er hatte von Geheimnissen gerade genug und eigentlich
die größte Lust, jetzt sofort mit seiner Beichte zu beginnen, statt auf dem Rückwege, wie er sich vorgcnommen.
Indes, er bezwang sich.
Eine Viertelstunde später saßen die beiden getrennt von einander am Waldrande jenseits der Försterei aus der Lauer. Die Dämmerung wurde dichter — um den Staatsanwalt breitete sich die geheimnisvolle Stille der entschlummernden Natur. Nur die Mücken störten und peinigten ihn.
Die Zeit schlich hin. Einmal, zweimal, hörte der Lauernde, Ermüdende, einen Bock in den Bäumen schrecken, glaubte ihn in der Nähe knistern zu hören, richtete sich aus — das Geräusch verlor sich wieder.
Der Staatsanwalt sah wohl zum zehntenmale nach der Uhr — da hörte er den Grafen abblasen. Die zwei Stunden waren herum. Und bald darauf Schritte, und die hohe Gestalt des Gastfreundcs.
„Ter Wagen wird uns erwarten. Diese Kanaille von Bock wird so alt wie Methusalem werden. Also lassen wir's."
Herr von Rechberg hatte sich erhoben und nahm das Gewehr über die Schulter. „Gehen wir und plaudern wir ein wenig", sagte er. „Ich mcinesteils habe esivas auf dem Herzen, was herunter muß, bevor ich St. Velten und meinen liebenswürdigen Wirten Lebewohl sage."
„So? Was wäre denn das? — Wir können übrigens jetzt ruhig am Forsthause vorbei gehen."
„Ich habe Ihnen bisher etwas verschwiegen, wußte nicht recht, sollst du davon reden oder nicht — wie das so geht, wenn mpn dm rechten Zeitpunkt gleich zu Anfang verpaßt hat. Sie werden sofort begreifen und, wie ich hoffe, verzeihen."
„Da bin ich aber doch neugierig."
„Wissen Sie, wie ich in die Gärtnerwohnung gekommen bin, in der Sie mich fanden?"
„Nun?"
„Durch einen unterirdischen Gang vom Kloster aus."
Ter Gras schwieg, ging ruhig zwei Schritte vor dem Staatsanwalt weiter.
„Ich hatte eine Nacht im Kloster zugebracht und Ihren Herrn Vater, den Bruder Serafin, kennen gelernt;
habe den Weg in der folgenden Nacht auf seine Veranlassung und in seiner Begleitung gemacht."
Der Graf schwieg noch immer.
„In der Grabkammer, welche die Überreste Ihrer Frau Mutter birgt, hat er mich auf Geräusch im Gang hin allein gelassen, die Tür hinter sich geschlossen. In der Frühe erlöste mich der Gärtner, gab mir zu essen."
Nun schwiegen beide. Endlich sagte der Graf kühl: „Und weiter?"
„In der Tat, ich niuß weiter reden. Das Bisherige hätte ich keinen Grund gehabt. Ihnen zu verschweigen — hätte auch morgen abreisen tonnen, ohne mich einer üblen Aufnahme des schließlichen Bekenntnisses auszusetzen. Zunächst bitte ich mir eine Frage zu gestatten: Halten Sie Ihren Herrn Vater geistig normal?"
„Nein."
„Hat er noch immer persönliche Fühlung mit Ihnen und Ihrer Frau Schwester — falls Sie in St. Belten anwesend sind, selbstverständlich, denn das sind Sie ja doch nicht für gewöhnlich."
„Nein. Mein armer Vater leidet an der fixen Idee, daß wir beide den Tod der Mutter verschuldet."
„Ah — Sie wissen das?"
„Von einem Wiener Anwalt, den er vor zwei Jahren bemüht hat. Vermutlich hat er Sie gleichfalls für die Aufgabe beansprucht, seinen Kindern einen Strick zu drehen", schloß der Graf bitter und schwermütig zugleich.
„In der Tat. Nur bitte ich, mir zweierlei zu glauben: erstlich, daß mich der reine Zufall in das Kloster geführr hat, keineswegs ein Ersuchen von seiner Seite, und zweiten?, daß ich von vornherein an der Glaubwürdigkeit seiner Darlegung des Sachverhalts beim Tode Hrer Frau Mutter gezweiselt habe, daß sie vor allen Dingen in dem Moment für mich ausgeschlossen war, als ich Ihr Gast wurde. Für mich besteht im Augenblicke nur noch die Wahrscheinlichkeit, daß Ihre Frau Mutter in einem Anfall von leidenschaftlicher Erregung und geistiger Verwirrung ihrem Leben selber ein Ziel gesetzt hat. Irre ich mich darin, so hat sie vielerlei verschworen, diesen Irrtum in mir zu erzeugen. Aber nun die Hauptsache:
