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No. 440. 51. Jahrgang.

Wiesbadener Tagblatt (Abend-AuSgabe). Verlag: Langgasse 27.

21. September 1»«». Seite».

in Mojkarac an btt türkischen Grenze, der gemeinschaft­

lich mit dem montenegrinischen Kommissar die zeitweise vorkommenden Grcnzkonflikte zu regeln hätte Der Sultan versprach, dieser Bitte nachzukommen und' dankte dem Fürsten Nikolaus für die korrekte Haltung in der gegenwärtigen Situation. - Auf die Beschwerden der Türke, daß serb schc Banden nach der Türkei kommen, erklärte der serbische Gesandte Gruitsch dem Großwesir, daß keine serbischen Banden die Grenze überschritten hatten. Eine Bande, die es versucht hätte, sei daran ge­hindert worden.

Arrs!and.

Eine neuer Hcldcn-Politikcr.

Eine Am der Pronunziamento-Militärs scheint — so berichtet man uns aus New York — tatsächlich in deri Bereinigten Staaten eingesetzt zu haben. Nicht genug, daß bereits der Exgeneralissime Miles und Admiral schley, ganz zu schweigen von dem Rede-Admiral Dewcy, von den Bossen der demokratischen Partei auf den Schild erhoben sind, um sie gegen den Präsidenten Roosevelt auszuspielen — jetzt steigen auch plötzlich eine ganze Reche jüngerer Kriegsgötter in die politische Arena hinab, deren Namen auch selbst in engeren Kreisen nur dadurch bekannt wurden, daß sie während des spanisch-amerika- mschen Krieges oder seither auf den Philippinen sich durch persönliche Kühnheit in irgend einem Buschgefechte oder iur See als Männer von Akut und Entschlossenheit ge­zeigt. An ihrer Spitze steht der durch seinen Handschlag gegen die Flotte Serveras und seine spätere wilde Kuß- kampagne in den Staaten bekannte jugendliche Kapitän Hvbson, der wie man sich erinnern wird, mit Helden- mutiger Kühnheit sein Unterseeboot — den kleinen „Merrimo" — in die Einfahrt des Hafens von Santiago führte und an der engsten Stelle desselben in die Luft sprengte, um sich schwimmend in die Gefangenschaft des feindlichen Admirals Servera zu retten, vor dessen Flotte er durch seine wagmutige Tat den Hafen von Santiago wie eine Mausefalle verschlossen hatte. Bekanntlich rissen sich später alle hübschen Mädchen der Vereinigten Staaten um einen Küß von ihm. Er mußte eine wahre Kiiß- tournee veranstalten, um alle seine schönen Gönnerinnen zufrieden zu stellen. Heute stellt Hobson plötzlich mit einer ganzen Reihe anderer Kriegsheroen seine Kandi­datur für den Kongreß auf. In einer Zuschrift an die Presse begründet er das Recht dazu damit, daß ja Präsident Roosevelt seine Stellung auch lediglich seiner Berühmtheit als kühnster Führer seiner Rauhreiter in Kuba verdanke.

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. * Österreich-Ungar«. In dem Stanislauer Kavalle- rle-Truppen-Kommando-Gebäude wurde Freitagabend ein Diebstahl von Mobilisationsplänen entdeckt. Die Diebe, welche mit den Lokalitäten vertrant gewesen sein müssen, sind entflohen. Es fehlt jede Spur von ihnen. — Der in Wien anwesende ungarische Ministerpräsident Graf Khuen erklärte in einem Inter­view, baß sich die Situation durch den Armeebefehl des Kaisers absolut nicht geändert habe. Er versicherte, der Kaiser käme bestimmt wieder nach Budapest zurück. — Ein als Frau verkleideter, mit Dolch und Revolver be­waffneter Türke ersuchte eine Audienz beim Erzbischof vr. Stadler in Serajewo zu erlangen. Als derselbe vom Torwächter wegen Verdächtigkeit angehaltcn wurde, gestand er, die Absicht gehabt zu haben, den Erzbischof zu ermorden. — Kaiser Franz Joseph hat für die durch die letzten Hochwasserkatastrophen in Kärnten, Salzburg, Tirol und Steiermark Betroffenen 58 000 Kronen aus seinen Privatmitteln gespendet.

* Niederlande. Die Holländer sind in großer Besorg- nis, und der Grund ihrer Sorge ist so eigenartig, daß ihn

kein Mensch ahnen würde: es handelt sich um daS Resultat

der letzten Volkszählung aufJava, der schönsten und reichsten der niederländischen Kolonien. Die Be- völkerungszunahme ist dort unten ganz entsetzlich, und wenn das so weiter geht, werden die Javaner sich auf dem Boden ihrer Insel, deren Flächeninhalt nur 191733 Quadratkilometer beträgt, bald nicht mehr ernähren können. Zehrt doch schon die Einfuhr von Reis, der das Hauptnahrungsmittel der Eingeborenen bildet, einen großen Teil der Einkünfte der Insel auf. Die Volks­zählung, die regelmäßig alle fünf Jahre stattfindet, zeigte bis jetzt immer einen Bevölkerungszuwachs von ungefähr 2 Millionen an. Nach der letzten Zählung aber beträgt die Zunahme mehr als 3 Millionen, und Java besitzt jetzt eine Bevölkerung von 28 746 000 Einwohnern, was für dieses verhältnismäßig kleine Land ganz ungeheuer ist. Nach derselben Proportion müßte Frankreich 120 Millio­nen Einwohner haben, das europäische Rußland eine Milliarde SO Millionen, Brasilien zwei Milliarden.

* Rußland. Man schreibt aus Warschau, 17. Sep­tember: Hunger und Elend machen sich schon jetzt in furchtbarer Weise im ganzen Wetchselgebiet bemerkbar. Die Erutc ist fast vollständig mißglückt und ein Opfer des nassen Sommers geworden. Der ganze Umfang dieser traurigen Lage tritt erst jetzt allmählich aus den von allen Seiten einlaufenden Berichten hervor. Der Weizen ist vollständig verloren, der Roggen ergab kaum eine halbe Ernte schlechtester Qualität, die Gerste ist verdorben und angefault, die Erbsen sind völlig ver­loren und, was das schlimmste ist, die letzte Hoffnung des Bauern, seine Winternahrung, die Kartoffeln, sind ver­fault. Zahlreiche Gutsbesitzer stehen schon heute vor dem Bankerott und viele Güter werben noch in diesem Herbste ihren Besitzer wechseln.

* Serbien. Nach den neuesten Nachrichten aus Serbien hat dort eine beruhigende Stimmung Platz ge­griffen, da sich der König entschlossen hat, den Obersten Misitsch von seiner Stellung zu entfernen, in der er über alle Arnieebeförderungen zu entscheiden hatte. — Bei dem gestrigen zweiten Diner zu Ehren der Offiziere der Belgrader Garnison hielt der König eine Rede, in der er sagte: Die Augen des ganzen Serbentums sind in diesen schweren Tagen auf die Armee gerichtet. Das Volk setzt auch jetzt in das Heer das vollkommene Ver­trauen, das durch die Geschichte des Heeres begründet ist. Als oberster Kriegsherr bin ich glücklich, konstatieren zu können, daß ein Zerwürfnis nicht besteht (?), daß die Armee einig ist und auch weiterhin SaS Vertrauen des Volkes verdient. Die Eintracht zwischen den Offi­zieren untereinander, sowie zwischen den Offizieren und dem Volke wird ermöglichen, Serbien aus allen schwie­rigen Lagen glücklich herauszuführen. — Das Amts­blatt in Belgrad brachte folgende interessante Auf­forderung: „Der Leutnant Georg Petro vic, der NeffederverstorbenenDragaObrenovic, der sich mit den Schwestern Ljumjevica im Auslande befindet, wird hiermit aufgefordert, sich binnen 14 Tagen bei seinem Regimente zu melden, da er sonst als Fahnen- f l ü ch t l i n g behandelt wird."

* Portugal. In Barcellos hat ein Bataillon des dort stationierten Regiments sich geweigert, an den Manövern teilzunehmen. Da Zwangsmaßregeln ange­wendet werden sollten, desertierten die Soldaten in großen Haufen.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 21. September.

— Personal-Nachrichten. Herr Steuerausseher H o f m a n n zu Biebrich ist mit dem 1. Oktober d. I. als Stcuereiniichmer nach Hadamar versetzt morden. — Herr ReqieruiigS-Nsscssor a D vr. Walter v. Brüning ist wieder in die allgemeine Staats­verwaltung übernommen worden und wurde der König!. Regie­rung zu Wiesbaden zur dienstlichen Verivendung überwiesen

— Kurhaus. Herr Meunier-SLlar und Madame Louise Mcnnier-Selar, welche am Mittwochabend 6 Uhr im weihen Saale be§ Kurhauses eine Zauber-Sotrse ver­anstalten werden, sind bet u»S stets willkommene Gäste, denn cs gibt nur wenige Vertreter dieses Faches, welche wie Herr Meunier seine Kunst in so dezenter und vornehmer Art beherrschen und durch die Wahl ihrer Piecen ihre Zuschauer in die angenehmste Täuschung zu versetze» wissen. Herr Meunier hatte daher auch sehr häufig die Auszcichnniig, zu Soireen vor Fürstlichkeiten ein- geladen zu werden. Auch an» Mittwochabend wird sein Programm wieder ein sehr gewähltes sein. Wir wünschen ihm einen recht besetzten Saal.

— Residenz-Theater. Überall wo der urkomische „Hochtourist^ seine Iiisttgeu, nicht ganz schwindelfreien Touren unternimmt, trügt er einen kolossalen Lacherfolg davon. An fast allen Bühnen erweist sich dieser tolle Schwank unseres Mitbürgers Kraatz als ein Zugstück ersten Ranges. Auch hier erlebt er morgen Dienstag schon seine 14. Aufführung. Am Donnerötag wird auf Vielsachen Wunsch mit Fräulein Erlholz in der Titelrolle wieder»

holt. Die nächste Premiere bildet ein nettes englisches Lustspiel: „Miß Hobbö", das am Samstag und Sonntag in Szene geht.

— Landtagswahl. Der geschäftsführende Ausschuß des Landesausschusses der nationalliberalen Partei hatte zur Besprechung der Kandidatenfrage für die bevor­stehende Landtagswahl im 7. Naffauischrn Landtagswahl- krcise St. Goarshausen-Rheingau-Meisenheim die O!^ männer der nattonalliberalen Wahlvereine aus den drill Kreisen, sowie den bisherigen Abgeordneten, Herrn I)r. Lotichius aus St. Goarshausen, und den Wahlkreis­vorstand des 10. Landtagswahlkreises — Obertaunus- kreis-Landkrcis Frankfurt a. Bi. — nach Wiesbaden ein- geladen. Die eingehende Besprechung der politischen Ver­hältnisse und der Stimmung im Wahlkreise bestätigte, haß Herrn vr. Lotichius unausgesetzt das vollste Ver­trauen cntgegengcbracht wird. Einstimmig wurde des­halb an Herrn vr. Lotichius das dringende Ersuchen ge­richtet, für seinen Wahlkreis, den er seit 21 Jahren ver­treten, auch bei der bevorstehenden Wahl die Kandidatur wieder zu übernehmen. Man gab ebenso einstimmig der Hoffnung Ausdruck, daß die Parteifreunde im 10. Wahl­kreis, für den Herr vr. Lotichius bereits die Kandidatur übernommen, nach Lage der Verhältnisse und im Inter­esse der Partei denselben von seiner Zusage wieder ent­binden würden. Die anwesenden Herren aus dem 10. Wahlkreise sagten unter Würdigung der Lage zu, bei rhren Vertrauensmännern einen entsprechenden Vor­schlag zu machen und zu befürworten. Da an der Zu- stiMMung nicht gezweifelt wurde, erklärte Herr vr. Loti­chius alsdaiin, die Kandidatur in seinem alten Wahlkreise wieder anzunehmen.

— Verein vom „Roten Kreuz". Am Samstagnach- mlttag wurde in dem Mutterhause auf der Schönen Aus­sicht Fräulein Anna v. N t h m a n n var dem versammel­ten weiteren Vorstand und einer kleinen Zahl geladener Ehrengäste in das Amt der Oberin der Schwestern- genossenschaft, das sic im Frühjahr probeweise aus V 2 Jahr übernommen hatte, endgültig cingeführt. Der kurze feierliche Akt in den schönen, mit frischem Grün ge­schmückten Räumen war würdig und eindrucksvoll. Zu­erst sprach Herr Pfarrer V e e s e n m e y e r. Er führte in seiner Festrede mit warmen, zu Herzen gehenden Worten aus, -atz das Amt der Oberin zwar ein schweres und opfervolles sei, daß es aber, verwaltet in dem rechten christlichen Sinn, im Geiste der Nächstenliebe und Barm­herzigkeit, reichen köstlichen Lohn in sich selber trage, und erbat den Segen Gottes, auf d»ß der jungen Oberin das schwere Werk gelinge zu ihrem eigenen Heil und zum Wohl der ihrer Sorge anvertrauten Leidenden luid Kranken. Der Vereinsvorsitzende dankte Hierauf der Oberin für die in ihrer Probezeit betätigte treue Pflicht­erfüllung, sprach die Erwartung aus, daß sie auf dem betretenen Weg fortschrciten werde und versprach ihr Halt und jede mögliche Förderung durch den Vorstand. Zugleich richtete er an die, so weit es der Dienst gestat­tete, vollzählig erschienenen Schwestern die ernste Er­mahnung, auch fernerhin der Oberin treue Helferinnen zu sein und immer den edlen Zweck vor Augen zu halten, den die unter dem Zeichen des Roten Kreuzes stehenden

Feuilleton.

Berliner Ktimmnngsbilder.

Von Paul Lindenbcrg.

Allerhand Zugvögel. — Wo man sie trifft und was sie bedente«. - Hoffe« und Harren. — Vom Bühncnvölkchen. — Größenwahn und seine Erscheinungen. — Die Schuld des Publiknms. — Der oerschwnu-ene Bühnenprinz. — Die Richard Wagner-Dcnkmals- we,he. — Seid einig! — Ans nnserem Theaterlebcn: Die Er­öffnung des Theaters des Westens.

Wenn die Schwalben südwärts ziehen und zwit­schernd Abschied nehmen von den nicht allzu gastlichen Gefilden der Reichshauptstadt, dann stellen sich andere Zugvögel bet uns ein, die uns durch ihr Kommen verkünden, daß der Winter im Nahen begriffen. Männ­lein und Weiblein sind's, dem kundigen Auge sofort er­kennbar als charakteristische Erscheinungen des Straßen- bilöes. „Er" meist von schlanker Figur, mit glattrasiertem Kinn, zu dem häufig recht abgetragenen schwarzen Geh­rock der nicht minder stark benutzte Zylinder, oder zum flatternden Kaisermantel der breite Kalabreser passend, von selbstbewußter Haltung und mit herausforderndem Gesichtsausdruck, „sie" oft recht hübsch und von quecksil­berner Lebhaftigkeit, das Kostüm etwas bunt zusammen­gesetzt mit verschlissener Eleganz, die Augen keck umher­schweifen lassend — so trifft man sie einzeln oder auch paarweise an, unwillkürlich ihnen Aufmerksamkeit wid­mend. In größeren Gruppen finden wir sie nachmittags in bekannten Wiener Caf6s Unter den Linden und am Gendarmenmarkt,' stundenlang sitzen sie da bei einer Melange, einem Kapuziner oder einem Glase Pilsener, bald Dutzende von Zeitungen durchschmökernd, bald in eifriger Unterhaltung, die auf 20 Meter Entfernung zu vernehmen ist und bei der gelegentlich heftig die Meinungen aufeinander prallen. Ein Thema nur ist's, das da behandelt wird, nur einem Gegenstand wird allseitiges Interesse entgegengebracht,' ob endlich Bul­garien sich mit der Türkei hernmprügelt, ob in Belgrad blutige Empörung ausgebrochen, ob blühende Land­strecken in Tirol und Steiermark durch Überschwem­mungen jäh vernichtet wurden, all das erweckt auch nicht die mindeste Teilnahme, aber nun lauschen alle gespannt auf, als plötzlich dröhnend eine Faust auf die Marmor- platte eines Tischchens fällt und eine jede Silbe scharf be­

tonende, rollende Stimme erschallt: „Kinder, hört, ist das nicht eine Ge—mein—heit, ich sage: eine Ge—mein—heit durch und durch! Wie es hier groß und breit in der „Btthnen-Genossenschaft" steht, ist Andreo Andamo — der Kerl heißt Karl Lehmann und war seines Zeichens mal Affenwärter im Breslauer Zoologischen Garten — ist dieser Schurke und Hanswurst, der über seine eigenen langen Beine stolpert und statt eines richtigen „r" bloß einen blöden Knurrton hervorstottern kann, ist dieser Jammerfritze und heimtückische Intrigant, der einzig auf Schleichwegen zu wandeln versteht, für das Fach der Heldenväter — hahaha, die Weltgeschichte hört auf — nach Schrimm engagiert worden! Und unsereiner muß in diesem elendiglichen Berlin, wo man überhaupt keine Komödie spielen kann, wo diese Botokuden von Publi- kttmmern keine blasse Idee von richtiger Bühnenkunst haben, stille sitzen, mutz diesen erbärmlichen Kaffee hier schleckern und um die käufliche Gunst der Halsabschneider, der Agenten, buhlen — und so was, so'n klappriger Idiot, geht nach Schlimm! Was sagt ihr dazu?" — Und sie haben alle was zu sagen, jeder kramt sein Päckchen Miß­gunst und Neid hervor und sein großes Bündel von Er­innerungen an Triumphe in irgend einem deutschen Kleinstadtwinkel, o, welch phantastische Berichte werden da laut, und wie spöttisch zuckt es oft in den Mienen der Zuhörcnben, sie wissen ja genau, was sie voneinander zu halten haben, und sie wissen, daß, wenn einer den Rücken kehrt, die anderen nicht gerade das beste von ihm erzäh­len. Um die siebente Abendstunde ist denn auch der Auf­bruch ein allgemeiner, in die Theater eilt man, die diesen Engagement suchenden Künstlern und Künstlerinnen Freikarten gewähren, und am nächsten Tage beginnt von neuem der Sturm auf die Bühnenagenturen, bis endlich irgendwo ein Unterschlupf gesunden und ein Kontrakt unterschrieben war für Romst, Drossen, Benschen oder Mücka, und mit welchen Hoffnungen geht's alsbald dort­hin, mit welchen Erwartungen auf Erfolge unerhörter Art, auf Abenteuer und Romane, wie sie nie zuvor er­lebt wurden!-

Eigentümlich, dies B ü h n e n v ö l k ch e n, das noch immer beansprucht, anders beurteilt zu werden wie die übrigen Menschenkinder und sich Besonderheiten zu erlauben. Letztere freilich sind vielfach selbst daran schuld, wenn bei verschiedenen Damen und Herren des Kulissenreiches eine Art Größenwahn entsteht, der sich

in den seltsamsten Formen zeigt. Kaum glaublich sind die Geschichtchen, die man aus unseren besten Berliner Kreisen über Verhimmelung und Umschmeichelung ein­zelner Theatergrößen vernimmt: diese „Verehrung" artet vft in direkte Belästigung und Zudringlichkeit aus, die recht weit verschieden ist von jener Vornehmheit, welch« die hier in Frage stehenden GesellschaftSschtchten gern als ihr Vorzugsrecht beanspruchen. Erst kürzlich laS man ja, daß sich die Mitglieder unserer Königlichen Theater mit einer Beschwerde an die Aufsichtsbehörden gewandt, da sie beim Verlassen des Hauses nach Schluß der Vorstellung in hinderlichster Weise bedrängt werden urtd kaum zu den harrenden Wagen gelangen können. Es muß schon schlimm sein, wenn unsere Mimen offiziellen Schutz vor Vewundc. rung nachsuchen! Und was hörte man nicht alles im letz, ten Winter von Umwerbnngen, denen der schmucke Dar- steller des Prinzen Heinz in „Alt-Heidelberg" ausgesetzt gewesen. Tatsächlich sollen die Bitten um sein Bild und seine Handschrift nach Tausenden gezählt haben, und das war noch das harmloseste, viele der oft recht jungen, oft recht reifen Verehrerinnen glaubten, der gerade Weg sei

der beste-, ob sie wußten, daß sie damit auch einen

krummen Pfad einschlugen, bei dem eventuell Ent­gleisungen nicht ausgeschlossen waren? Falls die Gattin des bewußten Künstlers die Sache von der humoristischen Seite nahm, mag sie oft zu herzlichem Lachen Veran. lassung gehabt haben, aber in gewissen Dingen entwickeln unsere Frauen recht wenig Sinn für Humor! Dann kam ein vielbesprochener Roman jenes Vühnenprinzen mit einer unserer gefeiertsten Künstlerinnen, die bereits über ein Vierteljahrhundert dem Theater angehört und in scheinbar glücklichster Ehe lebte, und nun ist derselbe Prinz Heinz plötzlich ans und davon, ohne daß er auch nur mit dem kleinsten Wort Abschied genommen von den Leitern des „Berliner Theaters" — pah, was sind Ver­pflichtungen und Verträge für solch einen bevorzugten Liebling Thalias, der denkt, sich die gröbste Rücksichts­losigkeit gegen Direktion und Publikum herausnehmen zu können! Ob letzteres auch in diesem Falle seine Lammsgeduld bewahren und den jungen Herrn nach seiner reuevollen Rückkehr mit Blumen uird Beifall emp­fangen wird, bleibt abzuwarten. Die Direktion hat den einzig richtigen Weg beschritten, indem sie nicht in Jeremiaden ausbricht, sondern den Künstler für jedes Versäumnis einer Vorstellung mit einer Strafe in Höhe

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