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Wiesbadener Tsgbis

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ft#» 440 # verlagSHerufprecher N». 2953.

Montag» den 21. September.

Redaktions-Fernsprecher No. 52.

1903.

Abend-Ausgabe.

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Werkag des „Wiesbadener Kagblatt".

WinbnlM als (SuEriUa-fjaujtmaiin.

Unser Londoner n.-Korrespondent schreibt uns unterm-19. cr.:

Mr. Chamberlain hat zwar resigniert, ist aber weit davon entfernt, resigniert zu sein. Drei Minister sind vorläufig aus dem Kabinett geschieden, und zwar samt- lich aus dem gleichen Grunde, nämlich weil Mr. Balfour zum Schutzzöllner bekehrt worden ist. Das hätte nun eigentlich den Kolonialmmister a. D. zum Bleiben ver­anlassen sollen, boc£) er erklärte in seinem Scheidebriefe an den'Ministerpräsidenten, er müsse sich nun auf Privat- vgitation verlegen, da die Wähler vorläufig noch gegen sein Zollprojekt wären. Woher er das nur gewußt haben mag? Es war von jeher ein rechter Unfug, daß hoch- estellte Persönlichkeiten und mitunter auch Preßorganc ei besonderen Gelegenheiten diesem oder jenem im Namen der Nation für etwas danken oder erklären, die ganze Nation teile mit ihnen gewisse Gefühle, ohne daß .dieser vorher Gelegenheit geboten wurde, sich zu äußern. Wenn Mr. Chamberlain aber nun in der gleichen albernen Weise seinen Rücktritt motiviert, so erscheint das sehr verdächtig, und die liberale Presse Englands täte gut, über seine scheinbare Niederlage nicht zu sehr zu jrcheln. Die liberale Partei würde zudem einen ungeheuren Fehler begehen, übersähe sie die Tatsache, daß wohl der Mann, nicht aber seine Politik gegangen. Mr. Chamberlains Körper wird zwar nicht mehr im Kabinett sitzen, aber sein Geist durchweht es nach wie vor. Er hat gewissermaßen nur die regelrechten militärischen Operationen eingestellt und geht nun zur Guerilla-Kriegführung über, die er­fahrungsmäßig einem kühnen und unskrupulösen Haupt­mann die größten Chancen bietet. Wenn man jetzt jubelnd schrie „zu Ende ist der Krieg", lediglich weil Mr. Chamberlain unter der eigenen Flagge weiter kämpft, so hieße das eine Dummheit wie die Regierung im Ok­tober 1900 begehen, wo sie die Buren so vorzeitig ver­

nichtet zu haben behauptete. Joe erklärt, vorläufig keine Aussicht für die Einführung der Lebensmittelzölle zu sehen, aber ba§ ist alles, und im übrigen hat sich nichts geändert. Er ist weit davon, sich für besiegt zu halten, erachtet jedoch eine andere Kampfesweise für angebracht. „Doujaurs l’audace" lautete stets sein Motto, und in der Verfolgung seiner Ziele, in seinem Streben nach der höchsten Gewalt im Reiche kennt jener Mann kein Hinder­nis, keine «Skrupel und keine Grundsätze. Mr. Chamber­lain ist m i t der Regierung, wenn er auch nicht in ihr sein mag, und diese Regierung hat sich dem Schutzzöllner mit Leib und Seele verschrieben. Letzteres beweisen drei Tatsachen, nämlich die Resignafion Ritchies und Lord Hamiltons, das Verbleiben und die wahrscheinliche Be­förderung Mr. Austen Chamberlains, und schließlich ein Passus in Mr. Balfours Brief an den scheidenden Kolonialminister, in dem es hieß: „Ich bin mit Ihnen der Überzeugung, daß ein Zollverein, vom Mutterlande und den Kolonien gebildet, von großem Nutzen für den Handel beider sein würde, und ferner, daß die- Vorteile eines engeren Anschlusses unter geeigneten Bedingungen für beide Kontrahenten im Laufe der Zeit und in dem Maß wachsen würden, in dem das der Wohlstand und die Bevölkerung der Kolonien tut." Wenn das Glück den Ministern bei den nächsten Generalwahlen abermals hold sein sollte, würde aus der Partei unbedingt wieder fast dieselbe Kombination herauskrystallisieren, die bisher das Kabinett bildete, nur mit dem Unterschiede, daß Mr. Chamberlain dann wahrscheinlich an seiner Spitze an Stelle Balfours zurückkehrte. Joe erlebte soeben nur sein Elba, und ein Belle-Alliance wird er möglicherweise zu vermeiden wissen. Gerüchte beschäftigen sich noch mit weiteren Resignationen, und zwar in erster Linie mit der­jenigen des Lords Balfour of Burleigh, Lord London- derrps, Mr. Elliots und des Herzogs von Tevonshire. Es ist in der Tat auch unverständlich, wie diese, zum Teil ungemein schroffen Gegner des Schutzzöllners Balfour, im Kabinett verbleiben könnten. Ein ganz besonders interessantes, und bemerkenswerterweife von mehreren Seiten zugleich aufgetauchtes Gerücht behauptet, Lord Milner wäre zum Nachfolger Mr. Ehaniberlains im Kolonialamt ausersehen. In den Kreisen der Liberalen würde man darüber nicht wenig erbaut sein, denn Milner ist in England kein besonders populärer Mann, dessen An­sehen noch ungeniein -eit Veröffentlichung des Berichtes der Kriegskommission gelitten. Er war es bekanntlich, der die Zurückberufung des Generals Sir William Butler verschuldete, der, wie sich inzwischen heraus­stellte, der einzige war, der s. Zt. die Situation in Süd­afrika und die Leistungsfähigkeit der Buren als kriege­rische Gegner richtig beurteilt und die Regierung gewarnt hatte.

Parteitag Der WaldemkratWn Partei.

hd. Dresden, 10. September. In der heutigen Vor» mittagssitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde die gestrige Debatte fortgesetzt. Als erster Redner sprach K a n t s k p. Dieser beschuldigte die Revisionisten, daß sie eine Annäherung an die bürgerlichen Parteien anstrcb- tcn. Er wandte sich insbesondere gegen die gestrigen Äußerungen des badischen Landtags-Abgeordneten Kolb, es sei möglich, die soziale Frage auf friedlichem Wege zu lösen. Wenn das Proletariat die Macht habe, dann würde es dieselbe nicht mit einer bürgerlichen Partei teilen, sondern für sich selbst in Anspruch nehmen. Nach ihm folgte B e r n st e i n. Derselbe erklärte, wenn die bürgerlichen demokratischen Parteien sich mit den Sozialdemokraten einigen wollten, so liege es im Interesse des Proletariats und es wäre eine Pflichtvergcssenheit, ein solches Bündnis abzulehnen. Er halte die Erledigung der sozialen Frage auf friedlichem Wege wohl für mög­lich. Ferner betonte er die Notwendigkeit, die Vizepräsi­dentenstelle im Reichstage zu verlangen. Durch die Be­setzung dieses Postens würde der Partei kein Schaden zu­gefügt. Es sei im nächsten Reichstag noch mehr wie im vorigen eine Überrumpelung zu befürchten. Die sozial- demokratische Partei müsse hierauf möglichst vorbereitet sein und dafür mit aller Macht sorgen, den Posten zu er­halten. Die Sozialdemokratie habe ihren großen Einfluß auf das Volk nur dadurch erlangt, daß sie sich von Stufe zu Stufe im Parlament mauserte und diese Mauserung habe nichts geschadet, sondern im Gegenteil genutzt. Red­ner wandte sich dann gegen die Resolution Bebel und gab den Rat, dieselbe im Interesse der Einigkeit zurückzu­ziehen, da der Parteitag schon jetzt Beschlüsse gefaßt habe, welche man nicht befolgen könne. Heute nachmittag er­folgt Schluß dieses Punktes der Tagesordnung, morgen wird weiter beraten, Montag soll die Beteiligung an den preußischen Landtagswahlen zur Sprache kommen.

*

F. Dresden, 20. September.

In der heutigen siebenten und letzten Sitzung wurde die Erörterung über die Maifeier 1904 fortgesetzt. Es wurde von den Rednern die Notwendigkeit betont, daß am 1. Mai die Arbeit vollständig ruhe. Man dürfe aller­dings nur dort für vollständige Arbeitsruhe eintreten, wo nicht zu befürchten sei, daß die Arbeiter aufs Pflaster gesetzt würden. Es wäre verfehlt, die Gewerkschaftskassen aus Anlaß der Maifeier in Anspruch zu nehmen, diese könnten alsdann bei Lohnstreitigkeiten versagen. — L ö v e - Breslau befürwortete einen Antrag der Bres­lauer Genossen: Den 1. Mai nur des Abends durch Demonstrationen zu feiern. Es gelangte schließlich der Antrag des Vorstandes zur Annahme, wonach den Ge­nossen empfohlen wird, überall dort, wo deshalb keine

Der Bruder Serafm.

Novelle von Viktor Vlüthgen.

(8. Fortsetzung.)

6 .

Acht Tage war der Staatsanwalt bereits Gast auf dem Landsitze der Raczeks. Es war auszuhalten hier, auch länger noch, obwohl der Wandertrieb in den Gliedern des Gastes heimlich zu rebellieren begann.

Das Wetter war prachtvoll, die Tage wie geschaffen für behagliche Siesta in den kühlen, überwiegend alter­tümlich vornehm ausgestatteten Räumen des Schloß- innern, die Abende für Spazierritte und die erste Frühe ßum Streifen durch den erwachenden Wald, die Büchse tm Arm. Das Geschwisterpaar bemühte sich ersichtlich, um dem Eingefangenen den halb abgerungenen Aufent­halt angenehm zu machen, als klammere man sich an den einzigen Rettungsanker, der vorm Austreiben in uferlose Langeweile schützte. In der Tat waren die nächsten — weit genug entfernten — Edelsitze ausgestorben, da machte alles irgendwo „Saison".

Wenn eine Frau, wie die Baronin Walzl, es daraus absieht, einen Mann zu fesseln, so ist es nicht gerade leicht, ruhige Nerven und kaltes Blut zu behaupten. Eine schöne, an freie Bewegung gewöhnte Frau, wird in Furcht vor Langeweile immer zum Kokettieren als dem Nächstliegenden Auskunftsmittel greifen; und nun gar eine Österreicherin, der das Kokettieren im Blut liegt. Der etwas trocken und kühl veranlagte Staatsanwalt entdeckte seine Jugend und fand, daß'es recht reizvolle Empfindungen gab, wenn man hier ein wenig mitspielte — alles in Ehren: ja er sagte sich nach acht Tagen, daß, wenn die Mutter der Tochter geglichen, jener verdächtige Maler vielleicht ein recht beneidenswerter Mann gewesen.

Vorausgesetzt, daß . . .

Ah — diese Sache lag nun so viele Jahre zurück, daß nur krankhafte Verranntheit in eine fixe J'd^ wie die des Bruders Serafin noch leidenschaftlich darüber grübeln konnte. Die Geschwister beide schienen ja völlig drüber tveg zu sein.

Wenigstens warf eine gelegmtliche Frage, die der

Staatsanwalt auf einem Gang durch den Garten an den Grafen richtete, nur einen flüchtigen Schattm über diesen.

Er hatte sich diese Frage in längerem Besinnen vor­her zurecht gelegt.

„Verzeihung — ich hatte am Tage, bevor wir uns begegnet, im Dorfwirtshause vorgesprochen und hörte dort von dem trüben Geschick Ihrer Eltern: hier soll ja wohl ein wertvoll ausgestattetes Mausoleum existieren, das die Überreste Ihrer Frau Mutter birgt. Darf man das nicht einmal besichtigen? Ich möchte der Verstorbenen meine Ehrfurcht bezeigen."

Er beobachtete den Grafen verstohlen Überseite bei bieder Frage. Der zuckte mit den Augen, sah starr vor sich hin, schien sich steif aufzurichten.

„Ich weiß nicht, was man Ihnen da gesagt hat. Ich rühre_ nicht gern an diese Erinnerung, und die Krypta, die Sie meinen, ist das spezielle Eigentum Meines armen Vaters, der sich aus Schmerz über den Verlust völlig von der Welt zurückgezogen hat. Wenn Ihnen nicht allzuviel daran liegt . . ."

„Pardon — unter diesen Umständen verzichte ich selbstverständlich. Ich begreife sehr wohl, daß, solange Ihr Herr Vater lebt, diese Wunde trotz der Jahre nicht verheilen will."

Sie schritten schweigend; der Staatsanwalt konnte sich nicht zu der Taktlosigkeit überwinden, weiter zu fragen, was ihm auf den Lippen lag.

Er hatte ohnehin noch nach einer anderen Seite um Aufklärung gebohrt: an den Baron Nemczyk geschrieben, er habe unter eigentümlichen Umständen die Bekanntschaft seiner Verwandten in St. Velten gemacht und gebe, setzt hier eine Gastrolle. „Von dritter Seite wurden mir übri­gens geheimnisvolle Andeutungen über eine Familien­tragödie bei den Raczeks gemacht — der alte Herr lebt ja als Bruder Serafin oben im Kloster . . . was ist denn da geschehen? Du wirst Bescheid wissen, schreib mir doch rasch ein paar Zeilen drüber, ich möchte mir nicht den Mund verbrennen. Volle Diskretion selbstverständlich .."

Er brannte auf die Antwort. So vertraut, wie er mit dem famosen Aduki stand, durfte er erwarten, alles zu er­fahren, was der wußte. Daß der Freund von den Rac- Ms als Verwandten gesprochen, erinnerte er sich immer

deutlicher •— mein Himmel, was interessiert es sonderlich, wenn ein Freund gelegentlich einen oder den anderen Verwandten nennt, wer sorgt, sich den Namen einzu­prägen!

Dem Gärtner hat er unter der Hand Geld gegeben, wird „alles tun, um das Interesse des alten Herrn 'wahr­zunehmen" ; vorläufig scheint ihm die Sache doch anders zu liegen, als der vermutet.

Klosterleute hat er ein paarmal auf dem Gute von ferne gesehen, darunter den Bruder Jldesonsus — drüben auf dem Wirtschaftshofe, den er von einem Fenster seines Zimmers aus übersehen konnte.

; Da — endlich der Brief von Nepomuk Nemczyk.

Eine große Enttäuschung.

„Wenn Du herausbekommen könntest, was da passiert ist, wäre mir das sehr angenehm. Wir in der Familie wissen gar nichts, als daß die Tante Raczek plötzlich ge­storben und in St. Velten beigesetzt ist. Beim Begräbnis ist niemand von der Familie zugegen gewesen, Tod und Begräbnis hat mein Vetter Franz zugleich gemeldet — der Alte war auf Reisen gegangen, hat sich wohl ein Jahr lang nicht überwinden können, nach Hause zurück- zukehren. Tie Anfragen wegen der näheren Umstände wurden höchst lakonisch beantwortet: Schlagfluß, fertig. Die Sache scheint aber- nicht ganz normal verlaufen zu sein, nian bringt den Umstand, daß kurz vorher ein Maler die Tante gemalt, ein junger Mensch, den sie in Abbazia kennen gelernt, mit ihrem Tode in Verbindung und macht eine Tragödie draus. Aber wer will da näher Nach­fragen, wenn sie in St. Velten sich drüber aus- schweigen . . ."

Der Staatsanwalt barg den Brief sorgfältig zu- sammengefaltet in seiner Brieftasche und war so klug wie vorher. Er bestellte unten die Grüße des Freundes.

„Der Muki schreibt, es existiere ein sehr gutes Bild Ihrer verstorbenen Frau Mama. Darf man das einmal sehen ..."

„Ah", sagte der Graf rasch, ..er wird die Plastik auf dem Sarkophag meinen, die ist nicht sonderlich ähnlich."

Die Baronin sckh starr Überseite.

„Nein, er erwähnt ausdrücklich einen Maler, der sie hier im Schlosse gemalt."