Wiksbadener Tsgblstt.
Kl. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BezugS-Pret«: durch den Verlag 5« Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. 50 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.
Verlag: Langgaffe 27.
19,000 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Pctitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für auswärts 1 Mk.
k' e Abend-Ausgabe bis 12 Uhr mittags, für die Morgen-AuSgabe bis 3 Uhr nachmittags. — Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur nächst« e * e " erscheinenden Au sgabe, w ie für die Anzeigen-Aufnahme an bestimmt vorgefchricbenc n Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
it». 439.
Berlagö-Fernfprechcr No. 2953.
Sonntag, den 20. Septemdev.
Redaktions-Fernsprecher No. 52. !903.
Borgen«Aysgahei
Politische Übersicht.
,,B ald hebt sich auch das Herb st enan!" Aer Anfang der nächsten Woche fällt nach dem Kalender mit dem Anfang des Herbstes zusammen, aber in der Natur, welche dem Kalender oft genug sein Teil wegnimmt, sieht es schon seit einiger Zeit recht herbsllich aus. Schon färben die Wälder sich ganz bedenklich gelb, und die Stoppelfelder bieten einen ausgeprägt herbstlichen Anblick. Nicht minder ungebärdig, als es in diesem Jahre der Frühling getan hat, hält auch der Herbst mit Sturm und Brausen seinen Einzug. Herbststürme allüberall! Nicht nur in der Statur, sondern auch in der Politik, und zwar in der inneren sowohl wie auch in der äußeren, wo im Wetterwinkel Europas Verderben drohende Herbststürme die Ruhe Europas bedrohen.
Herbststürme künden sich auch auf dem Gebiete der inneren Politik an. Die Reichstagssession wird diesmal manche Nuß zu knacken geben, wobei die handelspolitische die am schwersten zu knackende sein wird. Auch der Kampf um die p r e u ß i s ch e n L a n d t a g s - w a h l e n, der bereits lebhaft eingesetzt hat, wird uns manchen herbsllichen Gewittersturm bringen. Das neue Schulunterhaltungsgesetz droht dm Anstoß zur Aufrollung der grundsätzlichen Streitfragen zu geben, die zur Zeit des Zedlitzschen Volksschulgesetzes die Geister kriegerisch auf einander Platzen ließen. Und auch diesmal wird man sich auf heftige Kämpfe gefaßt machen dürfen, wenn auch der größte Zankapfel, die Kanalborlage, in der Versenkung bleiben sollte, in welche eine Politik zaghafter Vorsicht sie verbannt hat.
Heftige Kämpfe und herbstliche Stürme hat es auch auf dem sozialdemokratischen Parteitage gegeben, der diesmal noch mehr schmutzige Wäsche als gewöhnlich, zu waschen hatte. Den Herrn Akademikern ist in Dresden von den „Männern der schwieligen Faust" übel mitgespiclt und ist ihnen bedeutet worden, daß sie mehr oder weniger „Salon-Sozialisten" seien. Wehrte doch einer der Angegriffenen sich gegen die „Verdächtigung", daß er Akademiker sei, mit der Geltendmachung
inin)era&eTt Umstands, daß er „nur Handlungs- tzehülfe" gewesen sei. Es hat niemanden überrascht, daß auf dem Parteitage die Bebelsche Richtung der „Unentwegten" auf der ganzen Linie gesiegt hat und daß die Revisionisten ängstlich ins Mauseloch krochen. Nach den verschiedenen Vorspielen in den sozialdemokratischen Versammlungen und in der Parteipresse konnte ein anderer Ausgang der sozialdemokratischen General-Abrechnung füglich nicht erwartet werden.
Es wäre dringend zu wünschen, daß auch das große Tohuwabohu auf dem Balkan so harmlos endete wie das in Dresden, wo die Klingen nur aus der Scheide gezogen wurden, um friedlich und unblutig wieder hineingesteckt zu werden. Aber die interessanten Völkerschaften auf dem Balkan sind kriegerischer gesinnt und es
fehlt dort vor allem an einem Mann, der, wie in Dresden der Donnerer Bebel, den Unruhestiftern die Parole zuruft: Wer sich nicht fügt, der fliegt! Der Konflikt zwischenBulgarienundderTürkei hat sich so bedrohlich zugespitzt, daß die Aufrollung der gefürchteten orientalischen Frage in bedrohliche Nähe gerückt ist. Hoffentlich bewährt sich in dieser gefährlichen Situation das österreichisch-russische Balkan-Übereinkommen noch einmal, und hoffentlich gelingt es der europäischen Diplomatie, den lodernden Balkanbrand zu dämpfen und sich die Rettungsmedaille für internationale Feuerwehrdienste zu erwerben!
Angesichts der gespannten Situation auf dem Balkan kommt dem BesuchedesdeutschenKaisersin Wien eine verstärkte Bedeutung zu, denn wenn auch die deutsche Politik den Orientfragen gegenüber eine weitgehende Reserve an den Tag legt, so hat sie sich doch nie ihrer Aufgabe entzogen, im Sinne der Wahrung des europäischen Friedens zu wirken, der durch die Umtriebe auf dem Balkan ernstlich bedroht ist. In bezug auf das Verhältnis zwischen Deutschland und Österreich-Ungarn bedeutet der Wiener Besuch des deutschen Kaisers deshalb keine neue Nummer, weil dies Verhältnis erfreulicherweise nur ein Weiterspinnen des alten bewährten Fadens darstellt.
Die schleunige Löschung des Orientbrandes ist schon deshalb dringend notwendig, weil auch sonst gerade genug „Fragen" vorhanden sind, welche den Frieden Europas bedrohen. Insbesondere liegt die Gefahr vor, daß durch die Wirren auf dem Balkan auch in S e r b i e n, wo ohnehin alles drunter und drüber geht, und wo König Peter zu einer Art Zaunkönig degradiert zu sein scheint, die Steigung wachgerufen sein könnte, den inneren Schwierigkeiten durch eine „äußere Aktion" aus dem Wege zu gehen. Dazu kommt, daß auch in M a r o k k o die Kämpfe noch immer fortdauern und Herr C a st r o von Venezuela wieder bockbeinig zu werden beginnt. Dian braucht garnicht, wie zur Zeit in Österreich-Ungarn und in England, die schwersten Krisen im eigenen Lande durchzumachen, um zu der Erkenntnis zu kommen, daß wir zur Zeit in der Politik Herbst haben, st ü r m i s ch e n Herbst!
Aber die erzieherische Migkeii des Mziers.
Aus Offizierskreisen wird uns zu diesem Thema geschrieben:
„Der Geist des Heeres sitzt in seinen Offiziers", sagte der General v. Rüchel, ein Soldat aus der Zeit Friedrich Wilhelms I. Wurde dies damals schon als die wichtigste Vorbedingung für eine kriegstüchtige Armee erkannt, um wie viel mehr heute. Trotz unserer Vervollkommnung auf allen Gebieten der Kriegstechnik, trotz der vortrefflichsten Organisation unseres ganzen Heeresapparats wird die Entscheidung immer von dem ethischen Wert einer Truppe abhängen. Das ist die Grundlage, ans welcher sich alles übrige ausbauen mutz. Diese bei unseren Leuten zu schaffen, dazu ist der Offizier da, das ist neben der Anlernung der körperlichen Fähigkeiten für
den Krieg seine Hauptaufgabe. Ohne das eine können wir mit dem anderen nichts anfangen.
Nun haben wir allerdings noch die Unteroffiziere. Hier sei folgendes erwähnt. Es ist in letzter Zeit so viel über das Zurückgchen des Offizierersatzes geschrieben worden, sowohl quantitativ wie qualitativ. In weitaus verstärktem Matze gilt dies qualitativ von den Unteroffizieren. Diese kapitulieren in ganz vereinzelten Fällen aus Liebe zum Soldatenstand, aus Freude an ihrem Beruf, sondern nur wegen dem Zivilversorgungsschein. Die 12 Jahre Dienstzeit sind nur eine üble Zugabe. Die Unteroffiziere sind ein Faktor, mit dem man im Frieden nur im einzelnen nicht, aber im allgemeinen zu rechnen hat.
Der Offizier mutz sich gerade in unserer heutigen Zeit der ethischen Wichtigkeit seines Berufes in vollem Umfange bewußt sein. Wenn man einmal gemerkt, ein wie autzerordentlich seines Gefühl die Leute für die kleinste Schwäche des Vorgesetzten haben, so wird ohne weiteres klar, datz auch jeder Verstoß des Offiziers nach irgend einer Richtung hin von den Leuten genierkt wird. Gelegentlich des letzten Manövertages ‘ beim Reserve- Parademarsch und Löffelbegraben wird dem Offizier plötzlich klar, wie gut ihn seine Leute kennen. Allerdings in harmloser Weise.
Wie wird aber der Offizier den hohen Anforderungen, sittlich veredelnd auf seine Leute einzuwirken, gerecht? Hier mutz zunächst eine Basis geschaffen werden, auf der man nachher fortarbeiten kann.
Franz Adam Beyerlein sagt: „Es gibt drei Arten von Offizieren für den Soldaten. Eine kleine Zahl, für die alle durchs Feuer gehen, weitaus die grötzte Mehrzahl sind ihnen gleichgültig, den Rest hassen sie." Die Schlimmsten sind nun gewiß die Gleichgültigen. Wehe denen, die weder kalt noch warm sind) heißt es im Evangelium! So auch hier. Wie leicht aber ist es dem Offizier, diese Gleichgültigkeit zu heben. Jeder, besonders! aber der mit der Rckruteuausbildung betraute Offizier sollte von Zeit zu Zeit die starre Schranke, die Vorgesetzten und Untergebenen trennt, fallen lassen und auch einmal als Mensch zum Menschen reden. Geschieht dies öfters und in der richtigen Weise, so wird auch nie eins die Disziplin schädigende, ungehörige Verhaltungsweise der Soldaten die Quittung darauf sein. Ein mit Achtung verbundenes Vertrauen ist der Anfang von dem erstrebenswerten Ziel. Unsere Leute sind z. B. so dankbar, wenn das oft recht einförmige Exerzieren mit einem Scherzwort unterbrpchen wird, das hilft mehr als wie alles Schimpfen und Fluchen.
Ein Wort über das Schimpfen!
Gewiß soll der Offizier vor seinen Leuten Achtung haben und sich hüten, das Ehrgefühl zu kränken. Geschieht dies aber durch den gelegentlichen Gebrauch eines Schimpfwortes? Gewiß nicht! Es kommt nur darauf an, wie man schimpft. Unsere Leute sind 18 Jahre — meist 20 — und darüber alt. Glaubt man wirklich, daß unsere Leute vor ihrem Diensteintritt in Dorf oder Stadt kein hartes Wort gehört haben? Es gibt nur einen Unterschied zwischen dem „Schimpfen" und dem „B e schimpfen". Sicher ist unsere Jugend nicht so zart
FemUelon.
Zehn Jahrtausende ägyptischer Geschichte.
Uber den „Beginn des ägyptischen Königtums" hielt der bekannte Ägyptologe Dr. Flinders Petrie, über dessen ergebnisreiche Ausgrabungen in Abydos unlängst berichtet wurde, auf der Jahresversammlung der „British Association" einen bemerkenswerten Vortrag, der in dem Schluffe gipfelte, daß es jetzt möglich wäre, die geschichtliche Entwickelung in Ägypten in einem Zeitraum von 8000 bis 10 000 Jahren zu übersehen. Der Ursprung der ägyptischen Zivilisation ist, so führte er aus, lange ein Geheimnis gewesen. Die früheste Periode, die man bis vor kurzem kannte, die Pyramidenzeit, zeigte eine sehr hohe Zivilisation, deren Entstehung jedoch gänzlich unbekannt geblieben war. Aber in den letzten 10 Jahren sind die meisten Stufen, die von einem wilden Zustand bis zur höchsten Entwickelung führten, ans Licht gebracht worden. Die Entdeckung des vorgeschichtlichen Zeitalters und seine Einteilung in regelmäßige Stufenfolgen von Kulturresten hat eine Periode von über 2000 Jahren ausgefüllt, die mit Menschen in Ziegenfeüen mit den einfachsten Töpferwaren beginnt, ein reiches und hochentwickeltes Zeitalter der Zivilisation durchläuft und in Verfall war, als es von den dynastischen Ägyptern vernichtet wurde. Die Entstehung der dynastischen Macht wurde in den Überbleibseln der Königsgräber der ersten und zweiten Dynastie und einiger wahrscheinlich vor der ersten Dynastie, die er 1900 und 1801 in Abydos ausgegraben hatte, ans Licht gebracht. Die Verbindung des Schlusses der vorgeschichtlichen Stufenfolge mit den ersten Königen wurde durch die Töpferwaren genau festgestellt, «nd ihre Geschichte zeigt sich in den aufeinanderfolgenden
Kulturschichtcn der ersten Stadt Abydos, so daß wir ohne Unterbrechung von den Daten des vorgeschichtlichen Zeitalters zu den geschichtlichen Regierungen der Könige übergingen. Die Namen von vier Königen wurden gefunden, die nach der Patur ihrer Überreste und Gräber zu der Dynastie der zehn Könige zu gehören scheinen, die Menes, dem ersten Könige von ganz Ägypten, vorangingen. Von der ersten Dynastie sind alle acht Könige identifiziert worden; ihre Gräber, Vasen, Siegel und Beamten sind jetzt alle bekannt, und die allmählichen Veränderungen zwischen einer Regierung und der anderen können deutlich verfolgt werden. Der zunehmende Gebrauch der Sckrift ist deutlich auf den Siegeln zu erkennen,' es sind die Abdrücke von über 200 gesammelt worden — zuerst nur ein einziges Zeichen für den Eigennamen eines Königs, dann ein mehr zusammengesetzter Name, dann der Wesir mit dem König genannt, dann die Titel verschiedener Beamten und am Ende der zweiten Dynastie die vollen Namen und Titel. Die Kunst des dynastischen Volkes unterschied sich völlig von irgend einer des vorgeschichtlichen Zeitalters, wenn sie auch damit im Zusammenhang stand und einige charakteristische Züge davon übernahm. Die prädynastischen Völker waren mechanisch veranlagt, die dynastische Rasse künstlerisch: schon in den frühesten Werken der Könige war der beste Stil, wenn auch noch archaisch. Am Ende der Regierung Menes und unter seinem Nachfolger waren die künstlerischen Typen gänzlich fixiert, und sie blieben die Muster, auf die die Ägypter bei jeder folgenden Erneuerung der Kunst 4000 Jahre lang zurückgingen. Der vol- lendetsteZustand herrschte in der Mitte der ersten Dynastie: bei ihrem Ende war eine gewisse Verschlechterung zu beobachten. Der Zustand der Kunst zwischen der ersten und der vierten Dynastie ist noch nicht klar: sie scheint konventionell und der Lebenskraft beraubt worden zu sein, bis sie mit der großen Ausdehnung der Tätigkeit
unter den Pyramidenbauern einen neuen Anlauf machte. Die Königsgräber der ersten Könige waren erweiterte Formen der vorgeschichtlichen Gräber. Während des vorgeschichtlichen Zeitalters war die einfache Grube in der Erde verbessert und zu einem großen Zimmer mit Matten und mit einem Dach aus Holz und Reisig entwickelt worden, das reichlich mit Vasen und anderen Gegenständen ausgestattet war. Die ersten Königsgräber waren fast ebenso, nur waren auch der Fußboden und die Wände mit Holz bekleidet: die Opfergaben ließ man zwischen die Holzbekleidung und die Seite der Grube fallen. Dann wurden für die Opfergaben regelmäßige Zellen gebaut, darauf eine Reihe kleiner Kammern abseits vom Grabe, und schließlich eine sorgfältig ausgeführte Reihe verschieden großer Vorratskammern. Das Grab hatte ursprünglich einen Eingang, dann führte eine schräge Höhle dazü, darauf eine Treppe und zuletzt ein langer schräger Gang wie in den Pyramiden. Die äußere Form war zuerst ein leicht aufgeschtttteter Haufen über dem Dach des Grabes. Dieser wurde dann rund umwallt, um die Erde zu halten: darauf wurde das Mauerwerk höher aufgeführt und bildete einen Block von Vacksteinbau mit schrägen Seiten. Dies wurde später durch Hinzufügungen rund herum und nach oben ausgedehnt, so daß es eine Masse konzentrischer Schichten war, und als das Ganze am Ende der dritten Dynastie in Stein übertragen wurde, erinnerte es an pyramidische Außenlinien, und so entstand der Pyramidentypus. Petrie schloß, daß man jetzt zum ersten Male wisse, was während eines Zeitraumes von neun oder zehn Jahrtausenden in jeder Generation vorging. Einige dunkle Zeiten müssen noch durch Details ausgefüllt werden, aber der allgemeine Gang der menschlichen Entwickelung und Fähigkeiten ist jetzt vollständig zu verstehen und bietet eine feste Grundlage für allgemeine Übersichten.
