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Krieg in Sicht?
<v "^°uu eine orientalische Krisis eintreten kann?
.darüber haben wir keine Sicherheit." So führte rZurst Bismarck im Februar 1888 aus, indem er meinte, IM neunzehnten Jahrhundert habe man vier Krisen ge- vabt. .im Jahre 1809, 1828, 1834 und endlich 1877, „also in Etappen von ungefähr zwanzig Jahren. Warum sollte denn nun gerade die nächste Krisis früher als etwa m dem gleichen Zeitraum, also ungefähr 1899 eintreten."
' 1899 ist ohne Krisis vorübergegangen
und zetzt schreiben wir 1903. Soll dieses Jahr doch noch die gefürchtete orientalische Krisis bringen, welche hinten zu halten sich die vereinigte Diplomatie der europäischen Großmächte seit Jahren so redliche Mühe gegeben hat?
Es sieht leider ganz so aus, als ob das Jahr 1903 nicht zu Ende gehen wird, ohne die große Explosion, nicht üblichen Dynamitexplosicmen, sondern eine kriegerische, auf dem Balkan, diesem Wetterwinkel Europas, zu bringen. Mit dem Lokalbrand in Make- dornen, wo die Bevölkerung, deren Ziel nicht die Herbeiführung der so oft verlangten Reformen, sondern die Los- ^ . ^on der Türkei ist, sich eben deshalb gegen die
Durchführung der Reformen mit aller Gewalt sträubt, hatte^ die ^-urkei zum Schluß fertig werden können Aber fe offener und rücksichtsloser die Bulgaren ihr Jntriguen- spiel betrieben, dessen, „Endziel" die Sck>affung eines Großbulgariens aus türkische Kosten ist, desto geringer wurden die Aussichten aus die Erhaltung des Friedens Und heute sind diese Aussichten nahezu auf den Gefrier- punkt gefunken. ' 1
Jo mehr die aufständischen Makedonier einzusehen be- gannen, daß es den Großmächten ernst ist mit der Nicht- einmiichung in die makedonischen Wirren, und daß sie selbst die Suppe auslöffeln müssen, die sie sich allen Warn- ungen zum Trotze eingebrockt haben, desto mehr richteten sie ihr Augenmerk auf Bulgarien, und hier kam ihnen
Feuilleton.
der Größenwahnsinn der bulgarischen Politiker zugute. Diesen ist die bulgarische Grenze längst zu eng, und der Traum von einem Königreich Großbulgarien, welches Bosporus bis zu dem Hafen von Saloniki seine Fittiche ausbreitet, hat in Bulgarien längst die Bedeu- tung eines Glaubensdogmas erhalten. Fürst Ferdinand ^osi, welcher me für Heldenrollen geschwärmt hat, hat persönlich»nicht die mindeste Neigung zur Verwirklichung oreser Plane, aber er ist längst nicht mehr Herr der Er- ^llhifse in Bulgarien. Er weiß, daß er bei diesem politifchen va bangue-Spiel seinen Thron riskiert, aber in Bulgarien gilt das Wort der makedonischen Revolutionäre zurzeit viel mehr als das des Fürsten und der hciben^ ^oiitiker, die noch ihre klare Vernunft behalten
Die neuesten Maßnahmen Bulgariens zeigen, daß man dort entfchlossen ist, alles zu riskieren. Die bul- garische Regierung hat in einer Art Ultimatum an die beteiligten Großmächte ziemlich verblümt erklärt, daß sie zu einem kriegerischen Vorgehen entschlossen sei, wenn Turkei ihr Vorgehen gegen die makedonischen Aufruhrer emstelle, und dieser Drohung ist bereits die Einberufung eines Teiles der Reservemannschaften ge- Diesen kriegerischen Maßnahmen gegenüber ist °uch dre Türkei nicht untätig geblieben und hat eben- salls mit der Mobilmachung begonnen. Die Ereignisse sind also bis W dem Punkt gediehen, wo die Gewehre leicht von selbst losgehen können.
Anscheinend plant man in Bulgarien, die Mächte vor eme vollendete Tatsache zu stellen, und die bulga- r-schen Politiker rechnen wohl darauf, daß Rußland, trotz aller Abmahnungen, zum Schluß, wenn es zum Schlagen kommt, seine Glaubensbrüder doch nicht im Stiche lassen werde. Dazu kommt, daß die Befreiung Kretas, die fro^ des verunglückten Aufstandes erfolgte, begreislicher- woise den anderen interessanten Völkerschaften" auf dem Balkan den Mund wässerig gemacht hat. In dieser Beziehung durften aber die Bulgaren die Rechnung ohne r m ?' tc an den Orientfragen interessier-
ten Machte werden, durch Erfahrungen gewitzigt, schwerlich Neigung haben, dm Bulgarm hülfreich beizusprinqen in frevelhafter Frivolität einen Krieg gegen die Türkei Provozierm.
Ob es noch gelingen wird, den Stein, der ins Rollm glommen ist, aufzuhalten, steht dahin. Jedenfalls darf erwartet werden, daß die Mächte in erster Reihe die beiden am meisten beteiligten, Österreich-Ungarn und Rußland, deren Balkan-Ubereinkommen jetzt' die ernste Probe auf seine Haltbarkeit durchzumachen hat, unge- aumt energische Maßnahmm treffen werden, um wenn irgend möglich, dm Ausbruch des großm Balkan-
$0äU Sohört in erster Reihe, daß die Machte mit Bulgarien eme unverblümte Sprache reden und keinen Zweifel darüber lassen, daß Bulgarien seinen Strauß mit der Pforte allein auszufechten haben
würde. Die schleunigsten Maßnahmen der Mächte sind um so bringender notwendig, als die Gefahr vorliegt, daß ein türkisch-bulgarischer Krieg auch nach Serbien und !?hr leicht auch nach Griechenland und Rumänien hin- ubergreisen und zum Schluß schwere internationale Verwickelungen im Gefolge haben könnte. Hoffentlich gelingt es den Bemühungen der europäischm und insbesondere der österreichischen und russischen Diplomatie, den bereits aufflammmden Balkanbrand, an dem sich leicht ein Weltbrand entzünden könnte, noch im letzten Augenblick zu ersticken!
Deutsches Deich.
Die Balkailkrisc.
. L. Berlin. 17. September.
Für die Zuspitzung des Konflikts zwischen der Pfortl und Bulgarien wird an hiesigen maßgebendm Steller die Verantwortung in erster Reihe der bulgarischen Re> grerung zugewalzt, die trotz aller Warnungen nicht be> Flierl hat, welch ein verhängnisvolles Spiel sie treibt Die Vorstellungen der zunächst beteiligten Mächte, Rußlands und Österreich-Ungarns, in Sofia sind von hier S*? von anderen 5dabinetten unterstützt worden, dock ist dav zum Ten mit der resignierten Erkenntnis geschehe a ^ W ori 5 u sehr ins Rollen gekommen sind,
Hü} T^n bmd) die Einsicht der bulgarischen Machthaber aufgehalten werden zu können, selbst wenn diese Einsicht, was aber fteider nicht der Fall ist, in Sofia vorhanden riur die deutsche Politik ist es der gegebene Boden sowohl der Betrachtung wie des fermeren Verhaltens, daß
dav rulllsch-osierreichlsch-ungarischeEinoernehmen in bezug auf die Balkanfragen als eine tragfähige, richtung- gebende ^wtsache anzusehen ist. Es besteht somit die Zuversicht, daß ein etwa entstehender größerer Brand immer noch auf seinen Herd wird beschränkt werden können Von diesem Gesichtspunkte aus werden die Baltandinge hier zwar mit gebotenem Ernst, jedoch ohne Beunruhigung betrachtet. Die Mächte erachten das zwychen dm Kabinetten von Wien und Petersburg ver- einbarte Resormprogramm für Makedonien als das- gmige Maß der Zugeständnisse an das bulgarische Ele- mmt, mit dem sowohl die Aufständischen wie ihre Pro- tektoren in Sofia zusriedm zu sein haben. Ein Mehr wird nicht zugestanden werden. ‘
Pariser Brief.
Pest in Marseille. — Neue Heilmittel „egen die Pest — Der Lpmmtanmel unl> seine Verkünder. — Ein Dicbskiinig und sein Lehrbuch.
Wieder einmal bat sich die Pest in Europa gezeigt, -rer unheimliche Gast, welcher die großen europäischen Hasen abwechselnd zu besuchen pflegt, wählte diesmal Marseille als Absteigequartier, als ob diese Stadt in den letzten Jahren noch nicht genügend durch Arbeiteraus- Itande und vor allem durch die zunehmende Konkurrenz des Auslandes geprüft worden wäre. Freilich wollen gewisse französische Zeitungen den wahren Charakter der Epidemie immer noch nicht zugeben, aber ihre Verheim- Iichiings- und Vertuschungsmethoöe wirkt nachgerade lächerlich. Wenn auch die Ergebnisse der bakteriologischen Untersuchungen, welche I>r. Chantemesse im Auftrag der Regierung vornimmt, noch nicht öffentlich bekannt gegeben sind, so genügt doch die Vielfältigkeit der in Marseille ergriffenen Schutzmaßregeln, um auch die zweifelsüchtigsten Leute stutzig zu machen und sie darüber zu belehren, daß es sich bei den Fällen von „verdächtiger Pneumonie", von welchen die offizielle Note spricht, um etwas sehr Ernstes handelte. Die auswärtigen Konsuln in Marseille haben sich nicht dadurch beirren lasten, daß bisher in keinem behördlichen Schriftstück der Ausdruck Pest gebraucht wurde, sondern sind über dieses Schweigen zur Tagesordnung übergegangen und haben gehandelt, wie 's die Verhältnisse erheischten. Darüber großer Zorn m Marseille und einem Teil der französischen Presse später, wenn die Gefahr der Weiterverbreitung der Seuche endgültig beseitigt sein wird, dürften die Konsuln einigen Anspruch auf Entschuldigungen von seiten gewisser chauvinistischer Elemente haben.
Noch vor zwanzig Jahren würde das Auftauchen der Pest eine gewaltige Panik hervorgerufen haben. Heutzutage sieht man dem fürchterlichen Feind unerschrockener inS Auge und die Bevölkerung von Marseille hat ihre
Kaltblütigkeit zu bewahren gewußt, weil sie sich erinnerte, daß in ähnlichen Fallen die betroffenen Hafenstädte das Übel stets in kurzer Zeit einzudümmen verstanden. Außerdem verlaßt man sich auf das Pestserum des Pr AArw welches zwar keineswegs absolute Wirksamkeit besitzt, aber doch mehr Heilungen liefert als andere Be Handlungsweisen. Weil die Ratten unstreitig die haupt- sachllchstcn Vermittler des Pestbazillus sind, bestand die in Marseille eingesetzte Gesundheitskommisston in erster auf der vollständigen Vertilgung dieser Nagetiere, welche freilich leichter dekretiert als aus- gesuhrt wird. Merkwürdiger Weise kamen die Elemente von selber den Desinfektionsarbeiten der Behörden zu Hülfe und das Feuer zerstörte die Kartonnagenfabrik in Saint-Barnab«, den Ursprungsherd der Epidemie, von Grund aus. Seitdem eine zweite Feuersbrunst in die- stehengebliebenes Warenmagazin derselben Fabrik in Asche legte, schwören viele Leute Stein und ■®", n darauf, daß dies nicht mit natürlichen Dingen zu- geht, und daß eine menschenfreundliche Hand kräftig zur radikalen Desinfektion beigetragen hat.
Noch in anderer Weise als durch die Pest machte Marseille in letzter Zeit von sich sprechen. Diese Stadt ist in der Tat derjenige Hafen, durch welchen eine der schlimmsten Geißeln der Menschheit, der wie die Pest aus dem äußersten Orient stammende Opiumgenuß, in Frankreich Fuß zu fasten beginnt. Seit langer Zeit war es kein Geheimnis mehr, daß die französischen Beamten in Jndochina dieser verderblichen Leidenschaft ausgiebig opferten, und mehrere Zirkulare des Generalgouverneurs in Hanoi benachrichtigten die dem Opium ergebenen Mitglieder der dortigen Verwaltung, daß sie ihres Amtes verlustig gehen würden, wenn sie bei ihrer Gewohnheit blieben. Verschiedene Abberufungen erfolgten aus diesem Grunde. Aber mit Rundschreiben ist gegen diese Seuche nichts auszurichten, und während man in Jndo- china einen erfolglosen Feldzug eröffnete, hatte sich das llbel bereits recht gründlich im Mutterlande, Frankreich eingenistet. Die Verhandlungen des letzten Kolonial- kongresteS in .Paris förderten in dieser Hinsicht erbauliche
Parteimoral mit doppeltem Boden.
Die bösesten Schlmpfworte haben sich die Herren si Dresden zugerusen. aber vor einem hat man sich hübet radikalen wie auf der revisionistische, Seite gehütet, nämlich vor der Feststellung, daß in Wahlkampf ganz^ nach der „Parteimoral" versahrer worden ist, derenFeststellung in derHardenschen „Zukuns? dem armen Herrn Bernhardt zu so schwerem Verbrecher
S “ t öen . m 5en Hafenstädten Marseill r sftoulon schon überreichlich vorhandenen Lasterstättei hat sich eine neue Kategorie gesellt, die meistens vo, ^emimondaincn gehaltenen Opinmsalons. Aber nich sorm m?^ wohlhabenderen Klaffen ist in Marseille ge sorgt, sondern auch für den Mittelstand öffnen sich in de,
stätten^üi^wiz-^ S^dt allnächtlich zahlreiche Opium in w' -r öe mtr SU großen Zulauf haben. Selbs in den Familien wird die verhängnisvolle Sitte gepfleat und wie früher zu einer Tasse Tee, lädt man sich st manchen aus Ostasien zurückgekehrten Haushaltungen zi ei«» Meise Opium ein. In Paris ist man noch nA st ? ^en Gestaden pes mittelländischer icceres. Aber mehrere heimliche famei-ie« d’oDinm wanden auch in der Hauptstadt unlängst von der Polizei M^i und es steht außer Frage, daß das Beispiel von r fl ^ und sonlon bei dem bekannten Snobismus «rar « hierorts bald nachgeahmt werden wird. Mit dieser Ausbreitung der Opiumsucht, welche das Kolonial-
. o6cr f te Gesundheitsvehvrde bereits angelegentlich beschäftigte, eröffnen sich für Frankreich kerne angenehmen Perspektiven, welches in den letzten zwanzig Jahren die schmerzliche Erfahrung machen mußte, daß der Alkoholismus in einer Weise überhand nahm, die man früher für unmöglich gehalten hätte. Vor f ronr bc l Dpiumgenuß in der breite» ^ olksmasse so gut wie unbekannt. Die überreizten Dtcb- L"nL?^k/tell-r, welche sich demselben7n der H?uL Itadt offenkundig Hingaben, betrachtete man mit überlege, nem und mitleidigem Lächeln. Einzelne dieser krankhaft veranlagten Schöngeister hatten sich zu Klubs zusammen- getan, in welchem dem Opium und dem Haschisch eifria zugesprochen wurde. Der bekannte Charles Banöelaire der Verfasser der „Fleurs du Mal", ein sehr begabter' aber imllensschwacher Dichter, gehörte unter die Zahl dieser Verirrten und soll am übermäßigen Haschisch-Genuß zugrunde gegangen sein. Aus seiner Feder stammen „Fes Parade artificiels", naturwahre Schilderungen öOpium, Haschisch und ähnliche Mittel erzeugten tuiistlichen Erregungen. Wenn die damaligen Versamm-
