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ei!age mm Wlesbaüener Tagdlatt.

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E m . Gegner ßlnubeti uns ju widerlegen wenn sie ihre Meinung-wadcrholen und auf die unselige nicht eichten.

^ Goethe. ».

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(2. Fortsetzung.)

Eva Keorn.

Roman von Marie Bernhard.

. to H& te sie es auch in Szene zu setzen,

von eurem Briefe meiner Großmutter mit mir zusammen Kenntnis zu nehmen. Sie besuchte mich eines Nach- mittags, als Tante Gina zur Stadt gefahren war, wir schlichen uns aus dem Garten heimlich in die Zimmer j^ r . fanden ihren Schlüsselbund unter einem

Sofanssen, — ich hatte zufällig einmal gesehen, daß sie ihn dort verbarg, wenn sie fortging — und es gelang nach einigem Probieren den Schreibtisch mit einem der Schlüssel zu offnen. — Ich muß sagen, daß mir das Herz gewaltig schlug und daß, als ich den obersten Brief m der Hand hielt, eine große Reue über mich kam und ich meiner Gefährtin den Vorschlag machte, das Schub- fach wieder zuzuschließen und davonzugehen. Allein Hella lachte mich aus, sie nannte mich ein furchtsames Häschen und Ente sie brenue vor Neugier, zu erfahren, was m dem Briefe enthalten sei. Wir saßen beide eng zu- soNIM"6NIPIchmiegt in Tanto (Äinas groß^nr ÜbbnstssÄ, meme kluge Freundin las geläufig vor, und ich folgte mühsam, mit dem Zeigefinger unter jeder Zeile har- fahrend.

. Das war ein sonderbarer Brief, und Hella hatte, von einem gewissen Standpunkte aus, recht, wenn sie nach be- «ideter Lektüre triumphierend behauptete, es verlohne sich doch, so etwas zu lesen. Hatte ich schon zuweilen ge- ahnt, daß etwas Geheimnisvolles, Dunkles sich an meine Person heftete . . . jetzt, nach gewonnener Einsicht in diesen Brief, wußte ich es ganz bestimmt.

Meine Großmutter schrieb „ihrer lieben Mertens" in einer hübschen, ein wenig verschnörkelten Handschrift und in emem Tone, wie eine Herrin ihn gegen eine Untergebene annimmt. Da später sämtliche Briefe meiner jGroßmutter in mernen Besitz übergegangen sind, so brauche ich diesen, um den es sich handelt, nur abzuschreiben:

„Meine liebe Mertens, es hat mich in Erstaunen ge- setzt, wahrzunehmen, daß Sie mit der Aufgabe, welche ich Ihnen gestellt babe. noch immer nicht vertraut lind und beständig von dem Ihnen stteng vorgezeichneten Wege ab- ^uschweifen wünschen. Das darf nicht sein, ich wieder-

. le es Ihnen in allem Ernst! Sie meinen, Eva sei zu einsam, sie müsse mit anderen Kindern in Verkehr treten, sonst Werwe sie Grillen fangen und ein mißtrauisches, der- schlossenes Mädchen werden, wozu sie alle Anlage be­sitze! Ich aber sage Ihnen: ich verbiete ihr den Verkehr mit Kindern, und er verbietet sich überdies von selbst, denn es müßten Väter und Mütter von der größten Vorurteilslosigkeit sein, die ihren Töchtern den Umgang mit Eva gestatten wollten. Sie ist ein unglückliches Kind,

lousen-Seide

Samstag, den 1v. September.

das ist richtig ihr ganzes Dasein gereicht niemandem zur Freude, ich meinerseits werde mich, das wissen Sie, niemals dazu zwingen können, dies Kind zu lieben, ob- gleich es das einzige Vermächtnis meiner Tochter ist, nnd ich hatte erleichtert aufgeatmet, wenn Eva frühzeitig ge- storben Ware, ehe sie das verhängnisvolle Schicksal, das auf ihr ruht, durchschaut hätte. Sie wird bald beginnen, es zu ahnen, da sie, wie Sie mir stets wiederholen, in- lelligent ist, — sie wird Sie mit vorwurfsvollen Fragerl bestürmen, weshalb ihr Dasein so ganz verschieden von demienlgen anderer Kinder gestaltet sei, sie nnrd viel- leicht weinen, bitten oder trotzig aufbegeh ren, gleichviel, was sie auch tun mag, — Sie, liebe Mertens, müssen fest bleiben: „Deine Großmutter hat es so be­stimmt, — es ist zu deinem Besten, — du bist zu jung, um das ernzusehen, mußt dich aber darein fügen!" — Nicht ein Wort weiter, — keine Andeutung, keine Er- klarring — vor allem keinen Aufschluß über die Eltern! Sie müssen es verstehen, solch kindischen Fragen einen festen Damm entgegenzusetzen! Müleid ist hier nicht am Platz! Gewiß ist das unglückliche Kind um seiner Existenz willen, die keinem erne Freude, mir aber eine schwere Sorge ist, zu beklagen . . . aber geschehene Dinge sind dadurch nicht zu ändern! Suchen Sie Eva im übrigen auf jede Weise zu entschädigen, liebe Mertens, suchen Sie ihr die besten Lehrer, kaufen Sie ihr die elegantesten Kleider, das kostbarste Spielzeug — sie ist ja reich, sie kann später auch Reitstunden nehmeii, meinet­halben sogar Klavierunterricht, wenn sie Neigung dazu hat, ich mag sie hier in nichts beschränken und möchte ihr gern Ersatz zu bieten suchen für vieles, was sie später vermutlich sehr entbehren wird! Nur isolieren Sie sie, soviel Sir irgend können, halten Sie sie fern von allem Verkehr — die Zeit wird ohnehin kommen, da sie merkt, daß sie von allen gemieden wird, wenn ihr auch niemand sagen wird, warum! Pflegen Sie Evas Gesundheit, ent- wrckeln Sie ihren Verstand, ihre Talente, so gut sie können — aber Härten Sie nach besten Kräften ihr Ge- fühl ab, es wäre für ein Mädchen in ihrer Situation geradezu ein Unglück, wenn sie ein weiches Gemüt hätte! Machen Sie einen Bernunftmenschen aus ihr, meine gute Mertens, und ich werde Ihnen aufrichttg dankbar dafür sein!

Eine Photographie Evas wünsche ich nicht, lasten Sie leine anfertigen —, wer in der weiten Welt würde sich freuen, ein Konterfei dieses Kindes zu besitzen? Kr genügt es schon zu wissen, daß sie die Augen ihres Vaters hat! Sie haben ja aus meinen früheren Briefen er- fahren, daß es meine Absicht ist, Eva nach ihrer Konfir- mation eine Zeitlang in mein Haus zu nehmen, ich halte dies für meine Pflicht, ich will sehen, ob ich es erttagen kann. mit ihr zusammen zu leben — und sie kennen mich: ich pflege mir selbst und anderen Wort zu halten.

Genug für heute! Auf Ihre Anfrage bezüglich meiner Gesundheit erwidere ich Ihnen, daß ich mich wohl be- finde, ebenso Hannah, die sich Ihnen bestens empfiehlt

Die Rechnung des Gärtners können Sie ohne weiteres begleichen, seine Arrangements auf dem Friedhofe der Kreuzkircbe haben, nach ihrer Schilderung, meinen vollen Beifall! Zum Schluß nochmals meine ernstliche Mahnung,

51. Jahrgang. 1803.

liebe Mertens: Wachen Sie mit Strenge über Eva, lassen Sie sie mit niemand in Verkehr treten und folgen Sie lediglich den Mahnungen Ihres Verstandes!

Es grüßt Sie

Renate, Gräfin von Neiienburg."

, Nach beendeter Lektüre schauten Hella und ich uns eine Zeiüang stumm an. Ich war unter dem ersten Eindruck mehr verdutzt, als gekränkt, . . . viel zu kindisch- uner­fahren noch, um alles, was ich gelesen batte, in seinem vollen Umfang gleich zu begreifen. Aber meine Ge­fährtin sorgte schon dafür, daß ich begriff!

„Also du sollst immer allein bleiben, Eva, nie mit anderen Kinder spielen und nichts von deinen Eltern er­fahren? Was deine Großmutter damit ioollen mag?! Und ein unglückliches Kind bist du, sagt sie! Ja, tauschen möchte ich auch nicht mit dir, trotzdem du so hübsch und reich bist und deine Großmama eine Gräfin ist! Daß deine Mutter einen Bürgerlicher: hat heiraten können! Aber du heißest doch nur Eva Leoni schlechtweg und sollst immer allein bleiben, und die Menschen werden sich alle von dir zurückziehen und ihren Kindern verbieten, dich zp besuchen, .... das möchte ich alles nicht! Was helfen mir schöne Kleider und Spielsachen, wenn keiner da ist, der sie bewundert und mich darum beneidet? — Aber es lohnte sich doch sehr, daß wir den Brief lasen, Evchen, und sei du nur ruhig, die Geheimnisse bekommen wir alle nach und nach heraus, ich werde dir schon Helsen! Eins haben wir ja schon: Deine Mutter ist auf dem Friedhof der Kreuzkirche begraben. Wenn wir da 'mal hingehen könnten! Natürlich in aller Stille, ohne daß deine Tante es weiß — die muß auch so tanzen, wie deine Großmutter pfeift! Ja — aber — Eva, wenn mir nun meine Mama auch verbietet, mit dir umzugehen?"

Mein fleines, dummes Kinderherz war während Hellas Reden immer schwerer geworden, — jetzt stand es mir fast füll vor Schreck und ich konnte kein Wort er­widern.

„Ach was, noch sind wir zusammen und wollen lusttg sein!" rief Hella leichthin. „Geschwind mit dem Briefs an seinen Platz, ehe uns jemand ertappt!"

Wir spielten mit Puppen und kochten schöne Sachen, aber mit meinem Frohsinn war es vorbei, — es lag mir wie ein Alp auf der Seele, und als Tante Gina heim­kam, vermochte ich es nicht, ihr in die Augen zu schm, und staunte Hella an, die so dreist mü ihr redete.

Danach vergingen zwei Tage-und es stand um

die Mittagsstunde eine schöne Equipage am Eingangs der Nachbarvilla, ein Diener mit abgezogmem Hut daneben: Hellas Mutter, schr elegant in rauschenden Damast ge- kleidet, der Papa in großer Uniform mit vielen Orden, sttegen ein, um in der Stadt ihre Besuche zu machen. —> Gegen Abmd wartete ich im Garten, nachdem ich meine Aufgabm gearbeitet hatte, auf Hella, — sie pflegte um dieseZeit stets zu kommen, um mit mir zu spielm. Heute dauerte es sehr lange, und schon sing ich an, die Geduld zu verlieren, als ich jmseits des Gitters Frau von Wellingen gewahrte, die sich hastig der jetzt immer ge- öffnetm Pforte näherte.

(Fortsetzung folgt.)

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