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am. JahrgaNg.

•rf*rfw w zwei Ausgabe«. — VezugS-Prei»; durch den Verlag S» Pfg. monatlich, durch die Post S Mk. La Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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/ S } erscheinenden Ausgabe, wie für die Anzergen-Aufuahme «n bestimmt vorgeschrlebenen Tagen wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

As». 438. Berlags-Fernsprechcr No. 2953. KttMStag» d-tt IS. Sept-MÜrr. Nebakti°nS.Fern,prcchcr No. 52. 1903.

fibend-flusflabe.

Der Rücktritt Chambrrlams.

Was kommen mußte, .ist gekommen. Seit der Der- tagung des englischen Parlaments im August d. I. hatten sich die Gegensätze zwischen den beiden feindlichen Gruppen in England, den Schutzzöllnern und den Freihändlern, innerhalb des Kabinetts derart verschärft, daß alle Der- kittungsversuche des Premierministers Balfour, der ein Feind jeder politischen Aufregung und eine ausgeprägte Kompromißnatur ist, den tiefen Riß im englischen Kabinett nicht mehr verkleben oder auch nur zu ver- tuschen vermochten. Seit der berühmten Unterhaus- sitzung, in der der Finanzminister Ritchie sich offen zum Freihandel bekannte und aus seines Gegnerschaft gegen die Chamberlainschen Schutzzollplänc kein Hehl machte, war es klar, daß die schleichende Krisis innerhalb der englischen Regierring früher oder später zum Ausbruch kommen mußte.

Jetzt ist der Ausbruch erfolgt, aber Herr Chamber- lain ist nicht, wie er es erträumt hatte, als Sieger ans Ziel gelangt. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt oft genug selbst hinein, diese böse Erfahrnug ist auch dem verschlagenen Herrn Jo6 Chamberlain nicht erspart ge­blieben. Seit im Juli vorigen Jahres die Kolonial­konferenz strttgefunden hatte, die freilich wie das Horn- Schießen ausgegangen war, hat Herr Chamber- kasit. hem jedenfalls eine ganz hervorragende Energie und Zähigkeit nicht abzusprechen ist, mit unermüdlicher Aus­dauer für seinen Plan eines „Größeren Britannien" ge­wirkt, zu dessen Verwirklichung der Übergang Englands vom Freihandel zum Schutzzoll die unumgängliche Vor­bedingung war.

Eine Zeit lang schien es, als ob Chamberlains Be­redsamkeit hinreichen würde, nicht nur einen Teil des eng­lischen Vol^s, sondern^ auch die Kolonien für den Ge­danken einer großbritischen Zollunion zu erwärmen. .Aber in der letzten Zeit ist in England die Opposition gegen die Chamberlainsche Zollpolitik unverkennbar er­starkt, und insbesondere innerhalb der minderbemittel­ten Klassen begann sich ein Sturm gegen die Politik der Regierung vorzubereiten. Nicht minder aber machte sich in den Kolonien eine wachsende Strömung gegen die Chamberlainschen Pläne geltend, und insbesondere die jüngsten sensationellen Enthüllungen über die unglaub­liche Verlotterung im englischen Heerwesen konnten be­greiflicherweise die Neigung der Kolonien zu einem enge­ren Anschluß an das Mutterland nicht verstärken.

Trotz alledem gab Herr Chamberlain die Hoffnung, seine Pläne zu verwirklichen, nicht auf und er versuchte zu diesem Zweck zunächst das Kabinett entweder für seine Pläne zu gewinnen oder aber zu sprengen. Das letztere ist chm gelungen, aber Herr Chamberlain ist dabei selbst in die Luft geflogen. Der Premierminister Balfour hatte bis zum letzten Augenblick versucht, die Krisis hinauszuschieben, aber es zeigte sich immer mehr, daß

ein Ministerium ohne innere Einigkeit zur Ohnmacht ver­urteilt ist und das Gemeinwesen in Verwirrung stürzen muß. Der innere Zwist im Kabinett begann bereits die konservativ-unionistische Partei zu demoralisieren, und iinmer lauter ertönte im Lande der Ruf entweder nach einer Säuberung des Kabinetts von den einander wider- strebenden Elementen oder aber nach der Auflösung des Parlaments und der Ausschreibung von Neuwahlen, da­mit eine Klärung darüber geschaffen werde, tvas das Land will, und was es nicht will.

Der Ministerrat, der zu Beginn dieser Woche in London getagt hat, hat jetzt die Entscheidung gebracht. Sowohl die Vertreter der extremen Schutzzollpolitik, Herr Chamberlain, als auch die beiden überzeugten Ver­fechter des entschiedenen Freihandels, der Finanzminister Ritchie und der Staatssekretär für Indien, Lord Hamil­ton, haben eingesehen, daß das bisherige Fvrtwursteln vom Übel ist, und sie haben die Konsequenzen dieser Er­kenntnis gezogen. Herr Chamberlain hatte noch einen letzten Versuch gemacht, das Kabinett unter das Schutz- zolljoch zu bringen, indem er dem Premierminister Balfour gleichsam die Pistole auf die Brust setzte, aber Herr Balfour blieb diesmal standhaft.

Niemand aber wird den jetzigen Ausgang der Krise für eine endgültige Lösung halten. Wer wollte im Ernst glauben, daß Herr Chamberlain für immer auf die Ausführung seiner weitgehenden Pläne verzichten wolle, wenn auch frcllich seine Chancen, sie jemals zu verwirk- lichen, ganz außerordentlich gesunken sind! Voraus­sichtlich werden jetzt erst die Vorbereitungen und die Rüstungen zu dem Entscheidungskampf beginnen, der sich bei den Neuwahlen, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr lange auf sich warten lassen werden, abspielen wird. Diese Neuwahlen werden sich unter der Parole „Freihandel oder Schutzzoll!" vollziehen, und es ist sehr leicht möglich, daß dieser Wahlkampf eine völlige Der- schiebung der jetzigen Parteiverhältnisse in England brin- gen N'ird, denn auch unter den Unionisten und Konser­vativen sind zahlreiche Elemente, die in den Fragen der Handelspolitik den freihändlerischen Liberalen weit näher stehen als ihren Parteigenossen. Selbstverständlich wäre eS leichtfertig, schon heute einen Sieg der freihändlerischen Richtung prophezeien zu wollen, aber die Niederlage der extremen Schutzzollpolitik steht schon jetzt fest.

*

hd. Berlin, 19. September. Der Rücktritt des eng­lischen Kolonialministers Chamberlain wird, einer Lon­doner Depesche des „B. L.-A." zufolge, auch im konser­vativen Klub als eine Schwächung der Regierung ange­sehen, der man keine zu lange Lebenszeit mehr zuspricht. Einen Sieg der Opposition bei den nächsten General­wahlen hält man auch im unionistischen Klub für wahr­scheinlich. Die Tatsache, daß alle Minister London ver­lassen haben, zeige, daß trotz der Gerüchte weitere Demissionen nicht zu erwarten sind. Die parlamenta­rische Stimmung ist vorläufig schwer zu ermitteln, da fast alle Abgeordnete auf dem Lande weilen. Als Nach­folger Chamberlains wird jetzt auch der erste Lord der Admiralität, Earl of Selborne, genannt.

Parteitag der WMinakratWn Partei

F. Dresden, 17. September.

In der Nachmittagssitzung führte wiederum Abg. Singer-Berlin den Vorsitz. — Es folgte die Taktik der Partei, im Anschluß hieran der Btzepräsidentenposten im Reichstage und die revisionistischen Bestrebungen. Singer teilte mit, daß zu dieser Frage bisher 20 Anträge einge- gangen seien und sich 56 Redner gemeldet haben. Für diese Verhandlung wird die Beschränkung der Redezeit aufgehoben. — Bon einer Reihe Delegierten war folgen­der Antrag eingegangen: „Der Parteitag spricht einhellig der Fraktion seine vollste Anerkennung, seine Zustim­mung und seinen ausdrücklichen Dank aus für die zur Abwehr des Wuchertarifs im Reichstage angewandten Maßnahmen, im besonderen für die energische An­wendung der sogenannten Obstruktion." Der Antrag wurde sogleich ohne Besprechung einstimmig angenom­men. — Es entspann sich hierauf eine längere Erörterung über die Feststellung der Rednerliste. Singer be­merkte: Es sei vorgeschlagen, zuerst den Genossen Bebel und v. Vollmar das Wort zu geben. Diesem Vorschläge wurde sogleich zugestimmt. — Abg. Bebel: In dem gestern von Singer, Kautsky und mir gestellten (in dem gestrigen Nachmittagsbericht bereits mitgeteilten) Antrag ist ein Irrtum passiert. Der erste Satz muß lauten: „Der Parteitag fordert die Fraktion auf, daß dieselbe zwar den Posten des ersten Vizepräsidenten und der Schriftführer im Reichstag fordert, sie hat aber alle höfischen und sonsti­gen Verpflichtungen, die nicht durch die Geschäftsordnung geboten sind, abzulehnen". Im Jahre 1898, so fuhr Bebel fort, wurden in der Hauptwahl für die Sozialdemokratie fast 2 Millionen, 1903 : 3 Millionen 10 000 Stimmen abgegeben. Es hat also 1903 eine Zunahme von 43,7 Prozent sozialdemokratischer Stimmen gegen 1898 statt­gefunden. 1898 wurden 68 sozialdemokratische Abgeord­nete, 1903: 81 gewählt. Es muß ausgesprochen werden, daß der Sieg der Sozialdemokratie in der Hauptsache.auf Kosten der bürgerlichen Linken erfolgt ist, wenn auch allen anderen Parteien von den Sozialdemokraten Sitze abgenommcn wurden. Trotz der Zunahme der sozial­demokratischen Abgeordneten wird das Zentrum im Reichstag immer noch den Ausschlag geben. Es kommt noch hinzu, daß angesichts des Anwachsens der sozialdemo­kratischen Abgeordneten es auch keinem Zweifel unter­liegt, daß sich die bürgerlichen Parteien immer enger, aus Angst vor der Sozialdemokratie, zufammenschließen wer­den. Charakteristisch war es, daß unter dem Eindruck der Hauptwahl die „Kreuz-Zeitung" schrieb: „Angesichts des Wahlausfalles ist es notwendig, daß der Kampf zwi­schen Rom und Wittenberg, der seit vierhundert Jahren bereits das deutsche Volk spaltet, eingestellt werde." Selbst­verständlich soll die Einstellung dieses Kampfes erfolgen, lediglich um das Volk zu unterdrücken. Der deutsche Kaiser mit seinen impulsiven Empfindungen ist auch für uns eine willkommene Persönlichkeit. Durch die Haltung des deutschen Kaisers sehen wir genau, wie der Wind weht. Auch der Umstand, daß der einzige Vertreter des protestantischen Kaisertums zu dem Oberhaupt der katho­lischen Kirche und der oberen und niederen katholischen

Der Kruder Kerasin.

Novelle von Viktor Blüthge«

(7. Fortsetzung.)

„Hm. Er macht ja nicht gerade beit Eindruck eines Menschenfreundes . , ."

Weiter kam er nicht, denn der Graf trat noch einmal in das Zimmer.

„Ihr Name ist von Rechberg, wenn ich recht ge­hört?"

„In der Tat."

„Er kam mir bekannt vor — nachträglich besann ich mich, von wem ich ihn öfters gehört: ein Vetter von mir, ein Baron Nemczyk, der in Breslau studierte, war sehr intim mit einem Ihres Namens, der ein Korpsbruder von ihm war, steht wohl auch noch in Korrespondenz mit ihm ... ist das vielleicht ein Verwandter von Ihnen? Es wäre ein Zufall."

Über das Gesicht des Staatsanwalts ging es wie Triumph. „Ah — der Nepomuk Nemczyk?"

„Derselbe —"

„Dann bin ich in der Tat mit dem Freunde Ihres Vetters identisch. Mich dünkt auch . . . Graf Raczek... ja, Sie haben offenbar ein glücklicheres Gedächtnis als ich . . . Er schrieb mir zuletzt aus Wien, wollte mi-t seiner jungen Frau nach Nizza gehen. Ich war seinerzeit leider verhindert, an seiner. Hochzeit teilzunehmen . .

„Wir hätten einander dort nicht getroffen, ich fehlte and)", sagte der Graf und seine Miene verschüttete sich. „Aber unter diesen Umständen möchte ich Sie doch nicht meinem Gärtner überlassen, Herr von Rechberg. Der Nepomuk würde mir das nie vergeben. Wollen Sie mich dafür zum Wirt nehmen?, So lange es Ihnen gefällt."

„Sehr liebenswürdig » * > Ich habe nur ein schweres

Bedenken: ich bin mit keinerlei Besuchstoilette ausge­rüstet —"

„Aber ich bitte, das macht nichts . . ."

„Ich kann unmöglich, so wie ich bin, einer Dame in Ihrer Häuslichkeit gcgenübertreten, bin so ganz unsalon- sähig ..."

„Ich übernehme die Verantwortung. Übrigens — ich kann aushelfen — wenn es Ihnen nicht unangenehm wäre. Aber meine Schwester wird ganz gewiß den Um­ständen Rechnung tragen. Der Nepomuk —! Er hält ja so große Stücke auf Sie. Das ist doch zum Lachen. Erzeigen Sie mir doch die Ehre — wir sind im Augen­blick ganz ohne Besuch, in dieser Zeit, wo alles in den Bädern ist. Sie sind, wenn ich nicht irre, Jurist?"

„Ja."

„Schade, daß Sie kein österreichischer Jurist sind, ich möchte Sie gleich ausnutzen nachdem. Nun, also —?"

Der Staatsanwalt lächelte, zögerte . . . „Ja, da habe ich mehr Glück, als auf das ich vorbereitet bin, und ich mutz in der Tat bitten, die Verantwortung zu über­nehmen. Gestatten Sie nur, daß ich hier erst meine Schuld begleiche —"

„Aber nicht die Rede! Die Leute kommen darum nicht zu kurz."

Der Staatsanwalt tauschte einen vielsagenden Blick mit dem Gärtner. „Wir sehen uns nach", nickte er. Und der Alte wußte, daß man ihn nicht verraten würde und daß die Sache des Bruders Serafin in guten Händen blieb. Wirklich? — in seinem Sinne?

Es war um die Mittagszeit, als die beiden Männer jetzt durch den Garten gingen, durch die heiße Sonne eines unbewölkten Himmels, und der Staatsanwalt, dessen wenige Effekten der Gärtner nachzubringen beauf­tragt war, hatte sich zunächst vorgenommen, über die so unerwartet geschaffene Situation nicht weiter zu reflek­tieren. Es erforderte ungestörtes Nachdenken, um sich

mit ihr auseinander zu setzen. Man schaltet das, was man vom Schicksal der Familie Raczek weiß, zunächst gänzlich aus und macht hier eine ganz neue Bekanntschaft, die ein glücklicher Zufall vermittelt hat. Dabei kann man immer die Augen offen halten.

„Sie warm, wie ich glaube, gestern schon in der Gegend? Ich denke, ich bin Ihnen mit meiner Schwester bei einem Ausritt begegnet."

Eine heikle Frage! Wie wickelt man sich heraus?

„In der Tat. Ich bin zurückgekehrt, als ich erfuhr, daß es hier in der Nähe ein Kloster gebe . . ."

„Ah — ja wohl, ganz nahe. Ein Franziskanerkloster, das unsere Familie aus dem alten Burgsitz im Walds droben begründete. Haben Sie es gefunden?"

„Gesehen. . . ."

Zwei Kinder sprangen hinter einem Boskett vor und hängten sich an den Grafen, ein Knabe und ein Mädchen, fünf-, sechsjährig, blühende, lebhafte Dinger, jener brünett, diese rotblond, wie es die Überlieferung der Raczeks zu wollen schien. Ein hübsches, junges Geschöpf von Erzieherin stand jetzt bei dem Boskett und rief ihre Namen. „Die Kinder meiner Schwester; ihr Vater ist mit dem Erzherzog Franz Ferdinand in Kärnten auf Jagd, und ich vertrete Vaterstelle an ihnen. — Wo ist denn die Mama?"

„Die sitzt immer und schreibt", sagte die Kleine.

„Na, da geht nur und spielt, Ihr seht, ich habe Be- such."

Sie flogen davon, und der Staatsanwalt beeilte sich aus dem Zwischenfall Kapital zu schlagen und von dem Kloster abzulenken . . .

In dem kühlen, offenen Gartensaal gab es Frühstück zu Dreien: der Gast, der in einem konsortablen Frem- genzrmmerchen seinen äußeren Menschen nach Möglichkeit in Stand gesetzt, mußte wenigstens noch mit naschen, im übrigen trinken — trinken, hier, so nahe dem Lande des