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Jtll« 435 . BerlagS-Fernfprecher No. 2858.
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Die Baumwolle in der Weltwirtschaft.
Obwohl die Baumwolle schon lange vor unserer Zeitrechnung in Indien und Syrien zu Bekleidungsstoffen verwendet wurde, ist ihr Massenverbrauch zu diesem Zwecke in China doch erst vor etwa 600 Jahren, in Europa nach den Kreuzzügen allgemeiner geworden. Im 16. Jahrhundert nahm Deutschland in ihrer Verarbeitung die erste Stelle ein, und Ulm, Augsburg, Nürnberg, Chemnitz trieben einen schwunghaften Handel damit. Dieser Borsprung des deutschen Baumwollgewerbes ging aber bald an Holland verloren, dem dann England folgte, das bis zur zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts seinen Vorrang behauptete. Jetzt stehen an der Spitze ihrer Verarbeitung die Vereinigten Staaten von Nordamerika, dann folgt der europäische Kontinent und erst an dritter Stelle folgt England.
Die Baumwollernten der Welt betragen gegenwärtig rund 16 bis 17 Millionen Ballen (ll 200 Kilogramm netto) Jahresproduktion mit einem Werte von 3400 Mill. Mark (das Kilo — 1 M. gerechnet), zuzüglich des Nebenprodukts, der Baumwollensaat, 3600 Mill. Mark. Hiervon liefern die Vereinigten Staaten allein 2200 Mill., Indien 500, Ägypten 300, China 200 Mill. Die zur See verladene Baumwolle beansprucht zu ihrem Transport ca. 2000 Dampfer in einmaliger Fahrt und jährliche Frachtkosten in der Hohe von 300 Mill. Mark, der Anbau bedarf ungefähr einer Gesamtfläche von der Größe des Königsreichs Preußen und die Verarbeitung der Baumwolle etwa 120 Mill. Spindeln und 3 Mill. Webstühle mit 2y 2 Mill. Arbeitern, so daß außer den so bedeutenden Betriebskapitalien in der Baumwollinöustrie der Welt ein Kapital von 10 Milliarden investiert sein wird. Nimmt man an, daß außerdem in der Hausindustrie an Spinnrädern und Handstühlen P/ 2 Mill. Arbeiter beschäftigt sind und schätzt man den durchschnittlichen Jahreslohn auf 500 M., so ergibt sich eine jährliche Lohnsumme von 2000 Mill. Mark an Baumwoll-Jndustrtearbeiter. Dazu treten noch die im Handel und in der Verfrachtung
Freilag» den 18. September.
tätigen Personen, so daß man annehmen kann, daß der 60. Teil der Gesamtbcvölkerung der Erde sich durch die Baumwolle den Lebensunterhalt erwirbt.
Die Baumwolle dient zur Bekleidung von ca. 1200 Millionen Menschen und ihr Bedarf ist in stetem Steigen begriffen gegenüber dem Konsum von Seide, Schafwolle und Leinen. So stieg der Bedarf auf den Kopf der Bevölkerung in Deutschland von % Kilogramm in 1840 auf 6 Kilogramm in 1800, in Amerika von 20 Prozent der amerikanischen Ernte in 1860 auf 40 Prozent, so daß in etwa 60 Jahren bei gleichem Fortschritt die Ernte in Amerika selbst aufgebraucht würde. Bei jetzigen Preisen verdient Amerika, die Anbaukosten bereits abgerechnet, jedes Jahr ca. 1 Milliarde Mark an Baumwolle, deren Abnehmer England mit etwa 600 Mill., Deutschland mit 260 Mill. Mark sind. Es diktiert die Preise, gleichviel, ob die Lage der Bevölkerung die Anlegung höherer Preise gestattet oder nicht, was die beispiellos schlechte Lage der kontinentalen, teilweise auch der englischen Spinnerei in den letzten 8 Jahren erklärt, denn Deutschland bezieht 81 Prozent seines Jahreskonsums an Baumwolle, der ca. 1% Mill. Ballen beträgt, aus Nordamerika, den Rest aus Ägypten und Britisch-Jndien. In der gleichen Lage völliger Abhängigkeit ihrer Baumwollversorgung von Amerika und England befinden sich auch die übrigen Staaten des Kontinents mit Ausnahme von Rußland, das bereits fast die Hälfte seines Bedarfs mit selbster- bauter, in Transkaukasien und Turkestan erzeugter Baumwolle deckt. Die Erkenntnis dieser gefährlichen Lage bricht auch überall hervor und allenthalben werden Anstrengungen gemacht, durch Anbanversuche in den beherrschten Kolonialgebieten eine allmähliche Emanzipation vorzubereiten, so von Frankreich im Sudan und in Hinterindien, von Italien in Erythrea, von Deutschland in Togo und Ostafrika. Was ein Versagen der Vaumwoll- zufuhr für Europa bedeutet, zeigte schon die Not an ägyptischer Baumwolle während der BeschießungAlexandricns, in bei weitem höheren Matze aber die Baumwollyungers- not während des amerikanischen Bürgerkriegs, wo in England 278 Betriebe feiern und 400 000 Menschen unterstützt werden mußten, die baren Geldverluste der 3 Jahre ca. 1400 Mill. Mark betrugen und der Preis für das Pfund von V/s d. im März 1860 auf 31% d. im Jahre 1864 stieg. — Wenn nun in einigen Jahrzehnten Amerika seine Baumwollproduktion selbst zu konsumieren anfängt oder die amerikanischen Häfen während eines Krieges mit einer ersten Seemacht blockiert oder endlich Exportprämien für amerikanische Garne und Gewebe cingcführt würden (eines Ausfuhrzolls auf Baumwolle nicht zu gedenken), — in welch prekäre Lage wäre da die europäische Produktion versetzt!
Ein wichtiger Schritt ans dem Wege der Emanzipierung Deutschlands ist durch die Gründung der Bremer Baumwollbörse geschehen, die dem deutschen Spinner das so gefährliche Jmportrisiko abgenommen und gestattet hat, seine Garnkontrakte rasch und ohne jede Gefahr auf heimischem Markt durch Baumwolleinkäufe zu decken. Damit ist der deutsche Spinner unab-
Redaktionö-Fernsprecher No. 52.
1903.
hängig vom englischen Bankier, vom englisch-nordamcri» kanischen Kommissionshansc geworden und braucht seine Baumwolle nicht, wie früher, schon tatsächlich zu bezahlen, lange bevor er sie erhält.
Einen zweiten Faktor zur Vorbereitung einer gewissen Unabhängigkeit der deutschen Banmwoll-Jndustrie bildet die Einführung der Baumwollkultur durch das wirtschaftliche Komitee der Kolonial-Gesellschaft als B o l k s k u l t u r in Togo, wo Klima, Boden, Bevölkerung und Lage der Gebiete den Anbau begünstigen. Und ähnlich günstige Verhältnisse haben wir auch tu Teilen Oslafrikas. Das allein in Togo für diesen Anbau geeignete Areal erreicht den Umfang der Baumwolle erzeugenden Distrikte Ägyptens und produziert eine Baumwolle, die einer schönen good middling American entspricht. Sie hat eine gelbliche Farbe und zeigt einen 25 bis 30 Millimeter langen kräftigen Stapel. Die gefertigten Garne ergeben ein dem Gespinst aus amerikanischer Baumwolle vollständig gleichwertiges Produkt,' nur dürfte die Togo-Baumwolle ihrer Farbe wegen sich mehr für Garne eignen, die nachher gefärbt werden. Diese Erfolge sind von hoher Bedeutung, werden auch von England anerkannt und verdienen das lebhafteste Interesse der deutschen Industriellen und eine tatkräftige Unterstützung derselben mit allen Mitteln. W.
Deutsches Deich.
Vom Verein für Sozialpolitik.
Sozialpolitik an der Oberelbe und an der Unterelbe^ aber wie anders wirkt, wenn man voni Dresdener Parteitage _ der Sozialdemokratie auf die Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Hamburg blickt, dies Zeichen, auf uns ein! In Dresden Haß und'Wut, in Hamburg, Friedlichkeit sogar unter Männern, von denen man bis dahin vermuten konnte, daß sie sich nicht sonderlich lieben. Wir denken dabei an das Verhältnis des Staatsministers! Frhrn. v. Berlepsch zum Privatdozenten Dr. Jastrow., Man kennt die „Affäre", die zwischen beiden gespielt Hai. Jastrow wurde disziplinarisch wie gerichtlich ge- büßt und gepönt, weil er aus seinem Buche „Sozialliberal" einen Satz nicht hatte streichen wollen, durch den sich Frhr. b: Belepsch als Verwandter des Grafen Tiele-Winckler beleidigt füblte. Jastrow verlor weiterhin den Posten als Redakteur der „Sozialen Praxis", nachdem dies von ihm gegründete Blatt offizielles Organ des Vereins für Sozialpolitik geworden war. Jetzt, in Hamburg, sprach Frhr. v. Berlepsch als Bor- sitzender den Dank des Vereins für den Vortrag Jastrows über den „Arbeitsmarkt" aus. Mehr kann man eigentlich nicht verlangen. Von demselben Geiste der Eintracht sind auch die Verhandlungen erfüllt: sie sind es vielleicht gar zu sehr. Wre lebhaft ging es früher im Verein 'für Sozialpolitik zu, damals, als noch Adolf Wagner und der Freiburger Professor Max Weber den Versammlungen beiwohnten! Inzwischen haben sich die Geister
Feuilleton.
Frühreife.
Ein frühreifes Kind pflegt von vielen nicht gerade als ein Segen des Himmels betrachtet zu werden, denn nach mancher Ansicht wird aus jugendlichen Phänomenen meist nichts, während andere sogar der Meinung sind, daß der Tod sie sich in noch zartem Alter als Opfer erwählt. Die Eitelkeit oder Habsucht der Eltern, die oft eine Überanstrengung der Kinder herbeiführt und so deren Verstand schwächt oder sie vor der Zeit ins Grab bringt, mag wohl schuld an diesen Annahmen haben, doch beweisen zahlreiche Beispiele, daß es falsch ist, dieselben zu verallgemeinern.
Bekannt ist öie außerordentliche Frühreife Mozarts, öie doch nicht hinderte, daß er einer der genialsten Musiker aller Zeiten wurde, und Mendelssohn erregte, bevor er 5 Jahre alt war, schon das Erstaunen seiner Lehrer durch sein ungewöhnliches Gehör und Gedächtnis und die Leichtigkeit, mit der er schwierige Stücke vom Blatt spielte. Mit 6 Jahren wirkte Meyerbeer bereits in einem Konzert mit und 3 Jahre später galt er als einer der besten Pianisten von Berlin, während Beethovens Genie sich so früh zeigte, daß sein Vater seine musikalische Erziehung begann, als er 5 Jahre alt war. Auch Robert Schumann gab im frühesten Alter seine Liebe und Begabung für die Musik zu erkennen. Eine Fingerlähmung hinderte ihn, seine Absicht auszuführen, sich zum Virtuosen auszubilden, aber nicht sich der Kunst mit all seinen Kräften zu widmen, die er als die höchste und schönste betrachtete.
Auch bei Sängern und Schauspielern zeigt sich das Talent oft sehr früh und gelangt dennoch zur vollsten Entfaltung. Henriette Sontag betrat schon als Kind die weltbeöeutcnden Bretter und war Primadonna der Berliner Oper und der Liebling der Metropole, ehe sie das 18. Jahr erreicht hatte. Auch die Tietjens zeigte in frühester Jugend großes musikalisches Talent. Ehe sie noch
sprechen konnte, summte sie Melodien vor sich her und kaum fest auf den Füßen, belustigte sie ihre Umgebung durch ihre Anstrengungen zu singen und zu spielen.
Nun ist häufig behauptet worden, daß derartige Frühreife sich hauptsächlich bei musikalisch Begabten bemerkbar mache, und man wollte sogar dadurch beweisen, daß die Musik hinter den anderen Künsten zurückstehe, da sie keinen Verstand erfordere, denn junge Kinder zeichneten sich schon darin aus. In Wirklichkeit gibt es aber fast kein Gebiet, das nicht Phänomene aufzuweisen hätte, die schon im zartesten Alter sich hervorgetan. Als der große italienische Poet Metastasio 10 Jahre alt war, zeigte er ein solches Talent für das Improvisieren von Versen, daß er die Aufmerksamkeit des berühmten Rechtsgelehrten Gravina auf sich zog, der für seine Erziehung sorgte und ihm sein Vermögen vermachte. So konnte er seinen Studien leben und wurde, durch die Sängerin Maria Bulgarini, die in seinem ersten Werke aufgetreten war, angefeuert, der Schöpfer der italienischen Operndichtung. Ebenso bewies Adam Oehlenschläger bereits als Kind eine außerordentliche Geschicklichkeit, Berse zu schreiben. In seinem neunten Jahre verfaßte er kurze Komödien, in denen er, seine Schwester und ein Freund auftraten.
Ein richtiges Wunderkind war John Payne, ein amerikanischer Schriftsteller und Schauspieler. Kaum 13 Jahre alt, schrieb er für Zeitungen und gab ein eigenes Blatt heraus, den „Thespian Mirror". Drei Jahre später trat er in New Jork als Schauspieler auf, wurde als solcher berühmt und ging nach England, wo er viele Stücke für die Bühne teils herrichtete, teils selbst verfaßte.
Maler nnd Bildhauer hat es ebenfalls gegeben, die im jugendlichsten Alter sich als außergewöhnlich erwiesen und trotzdem nicht nur zu Jahren kamen, sondern auch die Hoffnungen voll rechtfertigten, die man auf sie setzte. Prinzeß Maria von Orleans, öie Tochter Louis Philippes, zeigte bereits als Kind besondere Liebe und große Begabung für die schönen Künste, besonders die Bildhauerei. Sie war noch nicht 20 Jahve alt, als sie
im Auftrag ihres Vaters ihr bedeutendstes Werk schuf, die „Jeanne ü'Arc" im historischen Museum zu Versailles, die durch zahlreiche Kupferstiche allgemein bekannt geworden ist. Zahlreiche Basreliefs, Büsten und Statuetten, alle durch große Schönheit ausgezeichnet, rühren von ihr her. Der berühmte englische Maler Turner trat mit 14 Jahren in die Akademie ein und war mit 27s Mitglied dieses Instituts. Landscer erregt Bewunderung durch die Geschicklichkeit, mit der er Tiere zeichnete, ehe er 5 Jahre alt geworden.
Aber selbst Universalgenies haben oft schon in ihrer Jugend gezeigt, was die Welt von ihnen zu erwarten habe. Wenn man einigen ihrer Biographen Glauben schenken kann, so war Anna Maria Schürmann ein solches und hat dafür sehr zeitig den Beweis geliefert. Als sie das achte Jahr erreicht hatte, malte und stickte sie bereits, trotzdem sie nur wenig Unterricht genossen hatte, wundervoll, als sie 12 Jahre alt war, ergab es sich, daß sie all das, was ihre Brüder lernten, durch Uberhören derselben im Gedächtnis behielt, sie machte dann rasende Fortschritte in ihrer Bildung nnd soll nicht nur Deutsch, Französisch, Englisch, Lateinisch, Italienisch und Griechisch, sondern auch Hebräisch, Chaldäisch, Syrisch und Arabisch und die äthiopischen Sprachen beherrscht haben. Daneben besaß sie hervorragendes Talent für Musik, Maleret und Skulptur und schrieb die wunderbarsten Briefe, was Stil und Handschrift anbelangt. Mehr kann man füglich von einer Person nicht verlangen, und all diese Talente nnd trotzdem sich dieselben so früh offenbarten, hinderten Anna Maria Schürmann nicht, das biblische Alter zu erreichen und selbst zu überschreiten.
Im allgemeinen ist aber ein frühreifes Kind insofern nicht zu beneiden, als es in den Jahren, öie dem Spiel und der Sorglosigkeit geweiht sein sollten, über Büchern brütet oder an einem Instrumente sitzt, und es ist die Frage, ob die Triumphe, die es dann oder erwachsen einheimst, die Freuden aufwiegen, die öie Natur für ihre weniger begabten Kinder in Bereitschaft hat.
