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I. jfeilnp zum Mesbaükner TugblaN.

Uo. 433. Morgen-Attsgal»e.

Freitag» den 18. September.

61. Jahrgang. 1903.

Z

Zu»ti fein ist Glück lind berpelit wie Dunst. Jung bleibe» ist mehr und ist eine Kunst.

Fr. Th. Bischer.

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(1. Fortsetzung.)

Cna Keoni.

Roman von Marie Bernhard.

.... "^ Q ' ^ Seibel gehört mir!" sagte ich nach einigem Zögern. Mrr war es noch nie eingefallen, darüber nach, zudenken; aber dieser Helene von Wellingen gegenüber kam rch nur so unbeschreiblich dumm und unbedeutend vor, daß ich zu dieser kindischen Lüge griff, um in ihren Augen etwas zu gelten. Es mußte mir damit gelungen sein, denn sie musterte mich ganz respektvoll.

„Siehst du deinem toten Papa oder deiner toten Mama ähnlich, Eva Leoni?" ging es nach einer Pause werter. ^ 1

„Ich weiß nicht!"

„Du weißt nicht? Erzählt dir denn deine Tante E von lhnen und hast du keine Bilder von deinen Eltern? Maßloses Erstaunen sprach sich im Tone dieser Fragen aus.

. -Nom!" entgegnete ich gedrückt und fand es im selben Augenblick sehr sonderbar, nie danach gefragt zu yao-en.

„Aber wie schrecklich!" Helene ließ all' ihre Flieder- dolden auf die Erde fallen, weil sie vor Staunen die Hände zusammenschlagen mußte. „Seine Toten mriß man sehr lieb haben und maß alles genau von ihnen wissen, ganz so, als ob sie noch zu uns gehörten sagt meine Mama! Ich habe eine ältere Schwester Marga­rete gehabt, die ist schon einige Jahre tot, und ich be­sinne mich nicht mehr sehr gut auf sie; aber Mama er­zählt mir und den Brüdern jeden Tag viel von ihr und sagt, wir dürften sie niemals vergessen. Jeder von uns hat em Bild von ihr, — sieh' her, das ist das meinige!"

Sie nestelte ein feines Goldkettchen von ihrem Halse los und öffnete das daran hängende Medaillon: ein zartes Mädchengesicht, von langen Locken umrahmt wurde sichtbar.

„Und jeden Abend", fuhr Helene vor Eifer glühend fort „müssen wir für unsere verstorbene Schwester zu -Gott beten! Betest du auch zu Gott für deine Eltern, ifva?

„Nein, nie!" flüsterte ich beklommen.

„Dann bist du eine Sünderin, und Gott wird dich schon strafen! Für seine Toten muß man beten iind ihre Gräber mit Blumen schmücken, wenn man selber selig werden und einmal in den Himmel kommen will' Wie wir noch in Mainz waren, sind wir- jeden Tag bei­nah auf den Friedhof gegangen und haben Margarete die schönsten Blumen gebracht. Wo liegen deine Eltern begraben?"

„ -r®°L EH alles nicht!" Ich sprach in ver- stocktem Tone und sah zu Boden. Hinter kindischem Trotz suchte ich merne tiefe Niedergeschlagenheit zu verbergen- denn eigentlich fühlte ich mich sehr unglücklich, daß ich

eine Sünderin sei und keinen Anspruch auf den Himmel habe.

„Wenn deine Tante dir daS nicht sagt, dann mußt du kluger sein als sie und es heimlich zu erfahren suchen!" schlug Helene jetzt vor. „Ick, will dir dabei helfen. Wir lescri einmal einen Brief von deiner Großmama, da wird schon etwas davon drin stehen, — du wirst mich besuchen und ich dich, nicht wahr?"

„Wenn Tante Gina erlaubt

„Ach, die! Wenn mein Papa und meine Mama es erlauben, dann wird die wohl auch so gnädig sein!"

Hier wurde unser Gespräch durch eine hochgewachsene, schlanke Dame unterbrochen, die „Hella!" rief und der meine neue Freundin entgcgenhüpfte. Die Dame sah sehr hübsch, aber ungemein hochmütig aus und trug ein lang nachschleppendes, graues Seidenkleid.

„Wen hast du denn da, Hella?" fragte sie und nahm eine Lorgnette vor die Augen. „Ein fremdes, kleines Mädchen? Wie heißest du. mein hübsches Kind? Eva Leoni also? Ob du die Kleine besuchen und sie dir ein- laden darfst? Wir werden sehen. Hella! Ich würde mich ja sehr freuen, wenn du passenden Umgang fändest' Komm einstweilen nachmittags ein Stündchen zu uns herüber, mein Kind, ich will den Diener schicken und deine Mama um Erlaubnis bitten lassen. Eva hat keine Mama mehr? Das ist sehr traurig für sie. Nun also die Tante dann! Auf Wiedersehen, kleine Eva! Komm jetzt. Helene, Papa wartet!"

Sie nahm ihre Tochter bei der Hand, beide nickten nur freundlich zu und verschwanden . Ich stand lange wre angewurzelt und sah auf die Stelle, Ws sie gestanden hatten. Allerlei unklare Empfindungen wogten in mir durcheinander, und heute weiß ich es genau, daß an jenem Tage der Trieb zum selbständigen Denken in mir angeregt worden war und zum Durchbruch kam.

„Tante Gina", sagte ich plötzlich bei Tisch, nachdem ich von meiner neuen Bekanntschaft und der Einladung kurz berichtet hatte, „wo liegt meine Mama begraben?"

Sie schrak leicht zusammen und ließ Messer und Gabel aus ihren Weißen, vollen Händen gleiten.

„Was ist das für eine Frage, Eva? Kinder, wie du gehören -nicht auf den Friedhof!"

„Ich will aber hingehen! Man muß für seine Toten beten und ihnen Blumen aufs Grab legen, sonst kommt man nicht in den Himmel und ist eine Sünderin. Warum erzählst du mir nie etwas von meinem Papa und meiner Mama, und warum schenkst du mir kein Bild von ihnen?"

Tante Gina sah sich ganz bestürzt im Zimmer um, als suche sie irgendwo Hülfe. Da sie aber mit mir allein blieb, so mußte sie sich schon beguemen, mir zu ant- Worten.

..Wenn du größer und klüger sein wirst, Eva, wirst du es einsehen lernen, daß man es gut mit dir meint, wenn man dir nicht alles sagt, was du wissen möchtest Tie alten Leute verstehen das besser als die Kinder, und diese sollen sich bescheiden fügen, nicht aber naseweis und dreist sein. An verbotene Dinge darf man nicht denken."

„Warum sind für mich Dinge verboten, die es für andere nicht sind?" fragte ich weiter. „Hella hat ein Bild von ihrer toten Schwester und betet für sie und ist immer an ihr Grab gegangen, und jeden Tag erzählt ihre

Mutter ihr von Margarete. Ich will das alles auck haben!"

.. «Du wirst es aber nicht bekommen, weil >vir es nichs wünschen, deine Großmutter und ich! Kinder müssey ihren Vorgesetzten gehorchen und sie lieben!"

„Liebst du mich, Tante Gina?"

Ich sah, daß sie errötete und verlegen aussah.

„Gott im Himmel", rief sie unwillig, „was ist das für ein Gespräch! Welchen Ton schlägst du mir gegen­über an, Eva, und welch einen Blick hast du! Hüte deine Zunge und deine Augen, ich rate es dir!- Hör« ich noch eine einzige naseweise Frage von dir, dann darfst du heute nachmittag keinesfalls in die Nachbarvilla!"

Das half,— das heißt, es brachte meinen Mund zun> Schweigen, nicht aber meinen erregten Argwohn. Zeig! einem lebhaft empfindenden Kinde irgend ein geheimnis­volles etwas und sagt ihm dazu: „Daran rühre nicht! Das ist dir verboten!" und sofort wird seine Einbildungs- kraft entfesselt, es strebt aus allen Kräften, danach, das Rätsel zu lösen, und jedes Hindernis, das ihm in den Weg gelegt wird, lockt und reizt es nur um so mehr, di« verbotene Frucht dennoch zu pflücken und seinen ganzen kindlichen Scharfsinn aufzubieten, um heimlich und aus Schleichwegen das zu erreichen, was auf einfache Weis« nicht zu erlangen war.

Ich ging also des Nachmittags zu Wellingens hin- über. In den Zimmer standen die Möbel mit Bast um­wickelt umher, große Körbe voll Glas- und Porzellan­sachen dazwischen, — wir Kinder mußten daher im Garten spielen und das war uns schon recht. Hellas Brüder, zwei Kadetten „auf Urlaub", gesellten sich zu uns. Bei meinem Anblick stieß der größere den jünge­ren an und sagte leise, doch so, daß ich es verstehen konnte: „Du, wenn die so hübsch bleibt, dann wird sig mal mit ihren schwarzen Augen viel Brand stiften — und reich ist sie auch noch!" Was „Brand stiften" be­deuten sollte, begriff ich in meiner Unschuld gar nicht, überhaupt wünschte ich mir, Hellas Brüder hätten uns in Ruhe gelassen; sie waren sehr wild, mischten sich in alles, kommandierten und neckten uns, und wir hätten ohne sie viel schöner gespielt. Hella dagegen gefiel mir sehr, sie imponierte mir gewaltig, denn sie wußte tausend Dinge, von denen ich nichts ahnte, und ich lernte inner­halb weniger Stunden vielerlei von ihr. Der Papa Oberst kam auch auf fünf Minuten zu uns, er war ein stattlicher, strammer Herr, der mir durch die Locken fuhr und mich ein „reizendes Mäuschen" nannte.

Während einiger Tage — es kann eine Woche etwa gewesen sein — verkehrte ich eifrig mit Hella und fühlt« mich sehr glücklich dabei. Denke ich jetzt zurück, so mutz ich mir gestehen, daß die kleine Freundin sehr adelstolz und von einem ausgesprochenen dünkelhaften Kastengeist beseelt war: außer Offizieren und Adligen hatte nur noch das Geld und ein hübsches Gesicht einigen Wert für sie,, und sie pflegte mich zuweilen großmütig damit zu trösten, daß ich wenigstens reich und (gut aussehend sei, da mir das Glück versagt wäre, einen „Namen" zu haben und zum Militär zu gehören. Damals nahm ich das alles wie ein Orakel hin; Hella war gewandt und klug und verstand zu reden, ich kam mir neben ihr stets wib ein Gänschen vor.

(Fortsetzung folgt.)

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