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Verlag: Langgaffe 27 .
Abonnenten.
Arneinen-Dreis r
9 4 !4. ». Donnerst»,,, dcn 17. Sept-mbrr.
Abend ■flusqabe.
Jlorteitna der DwemkmWei Jtartel.
F. Dresden, 15. September.
*«»2?»™* .^^^"asssitzung beantragte Grünwald-
E n s Mt Mp n ba L^ aubat , Delegierten Nußbaumer
k^eis? sn!,^ \(! n UIctjt von einem Wahl-
kreise, sondern von einem Privatverein gewählt wurde,
für ungültig zu erklären. Nach kurzer Reiv'-eckuva
wurde faft ^"stimmig zugestimmt. Danach
Erörterung über die Mitarbeit von Sozialdemokraten an bürgerlichen Blättern fortgesetzt. -Es nahm das Wort Abg Bebel'
des 0ef 5 0t worden: Es handelt sich um clcn-
des Lrteratengezank, es ist eine Berliner Pfütze, die cs nicht veröient, die kostbare Zeit des Parteitages in io ausgiebiger Weise in Anspruch zu nehmen, ich kann den Genossen es nachfühlen, wenn sie ihrem Unmut Ausdruck geben, daß der Parteitag sich wiederum mit einer r^rage beschäftigt, die angeblich die Partei als solche wenig
ar^-4?0 ^2 Jahren genötigt gewesen, uns auf allen
Zu beschäftigen, die uns unange- "E" ^uren. Wenn ein Arzt eine Eiterbeule zu operieren hat, so macht ihm das sicherlich auch kein Vergnügen. Eine so gewaltige Partei, wie die unsrige, hat unt Krankheiten zu kämpfen. Bei einer solch großen Partei ,tellen sich Geschwüre und Eiterbeulen ein, die, so sehr man es auch bedauern mag, operiert werden muffen, Sozialdemokratie hat aber vor allen anderen Parteien voraus, daß sie ihre Geschwüre vor aller Welt operiert. Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die ihre schmutzige Wäsche offen vor aller Welt wascht. Darin liegt die Stärke unserer Partei Sie operiert ihre Geschwüre vor aller Welt, ohne den gering, sten Schaden zu leiden. Die gegnerischen Parteien baben so viele Eiterbeulen am Leibe und so viele schwarze Wasche, daß sie es nicht wagen können, diese offen zu operieren. Sie müssen in eine Kammer gehen und diese hinter sich verschließen, wenn sie ihre Eiterbeulen operieren, ihre schwarze Wäsche waschen wollen. Das Maß ist in vielen Dingen voll zum Überlaufen, deshalb mutz sich der Parteitag mit Dingen beschäftigen, die den meisten Genossen so sehr unangenehm sind, die aber behandelt werden müssen, weil das Parteiinteresse es gebieterisch fordert. Deshalb hat der Parteivorstand mit Ausnahme des Genossen Auer, der wegen Krankheit der Vorstandssitzung nicht beiwohnen konnte, einstimmig beschlossen diese Frage auf die Tagesordnung zu setzen. Es wird leider notwendig werden, uns noch vielfach mit ähnlichen Fragen auf unseren Parteitagen zu beschäftigen, wenn
Rcöaktionö-Fernsprccher No. 52.
LL?°rtet und unsere Grundsätze reinhalten wollen. ^ Ä ?raun, Mehring und lutti quanti spielen vorliegenden Frage nur eine ganz untergeordnete wurde die Frage aufgeworfen, ob wir es £ Ul ^ n r» f0nnen ' daß Genosse Bernhard noch länger Handelsredakteur der „Berliner Morgenpost" sein darf. ^ "Berliner Morgenpost" ist infolge ihrer sehr geschick ten Redaktion eine große Konkurrentin des „Vorwärts".
ausgeschlossen, daß die Frage später einmal in Erwägung gezogen werden wird. Vorläufig glauben * 0f!)Cn äU s^en. Anders steht es be- treffs der Mitarbeiterschaft an der „Zukunft", diese ist t f unanständigste, niederträchtigste und gemeinste Blatt. Ich muß offen gestehen, ich kann cs nicht begreifen, daß ein Genosse moralisch so sehr tief gesunken sein kann, für ^*7,3»tu 11 fi des Herrn Maximilian Wittkowsky-Harden irfi Kn« ße a ' '^?°ll und Widerspruch.) Ich wiederhole, ^/ann es nicht begreifen, daß ein Genoffe so tief mora- li,ch gesunken sein kann, für die „Zukunft" des Herrn Maruintian Wittkowsky-Harden zu schreiben. Der Vater Haröens, der alte Wittkowsky, war im Gegensatz zu seinem Sohne ein hochachtbarer Mann, ein alter Demokrat und Verehrer Jakobys. Ich habe die Ehre gehabt, mit dem alten Wittkowsky persönlich bekannt zu ein.
den 1860er Jahren zum Reichstage oder Zollparlament in Berlin war, habe ich so manche ange- Stunde mit dem alten Wittkowsky, Liebknecht Gmdo Weiß, William Spindler, Singer, Stephany usw' verlebt. Da wurde so manches Problem erörtert. Herr Maximilian Wittkowsky-Harden hat sein Blatt gegründet, um damit Geld zu machen. Er hat sich, ich will nicht beleidigend werden, denn ich gehöre selbst dazu, an Krethi und Plethi gewandt und zur Mitarbeiterschaft aufgcfor- ^ A sich selbst an den alten Engels in London,
an Liebknecht und mich gewandt. Engels kannte Harden mcht er lehnte daher in einem höflichen Entschnlöiguugs- schrelben ab. Liebknecht und ich antworteten nicht Da chricb Harden: Der Generalissimus der Partei antwortete nnr in einem höflichen Schreiben, die Herren Liebknecht und Bebel hielten cs nicht einmal für wert, zu antworten. Ich schrieb darauf an Harden: „Was fällt Ihnen denn ein!? Wie können Sie mir zumuten, für ein Blatt zu schreiben, das in der gemeinsten Weise die Sozialdemokratie beschimpft." Da antwortete mir Harden- «laubte. Ihnen einen Gefallen zu tun. Ich wollte Ihnen eine Tribüne zur Verfügung stellen, von der aus Sie sonst nicht sprechen können." Darauf habe ich Herrn Harden keine Antwort geschrieben. Dies erklärt vielleicht, daß Herr Wittkowsky-Harden mich so sehr augreiit Herr Harden hat eine feine Nase. Er wollte sein Blatt pikant machen,' deshalb machte er cs wie der Rattenfänger von Hameln. Er blies die Flöte, damit ihm ein Schwanz von Mitarbeitern aus allen Parteien folge >cnn der alte Bismarck noch lebte, dann wäre er heute
1903.
Der Bruder Serafin.
Novelle von Viktor Blüthgcn.
(5. Fortsetzung.)
Ist das hier ein unterirdisches Gelaß, oder ein An- bau außerhalb der Berglehne, da wo der Tunnel sich öffnet? ‘
Der Staatsanwalt setzte sich auf die eine Ecke des Sarkophags, grübelte unruhig und horchte dabei, zehn Minuten lang, Nichts rührte sich. Dann erhob er sich, gmg an dm ewige Lampe — ohne Zweifel brannte sie beständig, die beiden dosenartigen Bestandteile, rechts und links von dem Beleuchtungskörper, die mit feinen Röhren an ihn anschloffen, waren offenbar Bassins für Ql, die ihn speisten. Eines Tages muß also doch jemand kommen, um nachzugießen.
Er zog seine Uhr und prüfte: sie zeigt ein paar Minuten über elf.
Er wird sehen, ob Aussicht besteht, eine der Türen zu offnen So gmg er: Die Tür am Gang war ins Schloß geschnappt und es gab da ein Schlüsselloch, nichts weiter, das Schloß befand sich drüben; mit der zweiten -Ä ^bnau ebenso. Er probierte die Schlüssel, die er bei sich trug, aber sie paßten nicht.
Mangen; keine Möglichkeit, sich mit eignen Mitteln zu befreien. Man muß abwarten. „Die Sache kann aut werden", murmelte der Staatsanwalt.
, , Htwr von Rechberg war eine zu besonnene, verstand- beherrschte Natur, um sich einem Ausbrirch von Miß- vergnugms oder gar Verzweiflung zu überlassen, auch wenn nicht die Ruhe, des Todes in dieser weihevoll qc- chmmten Umgebung ihm einen Dämpfer aufgesetzt hätte. Wie unheimlich natürlich das schlafende Marmorweib da ! Q 0 —: als atme sie Mit ihm um die Wette, als höbe und lenke sich der prachtvoll jugendliche Bau des hingegossenen, °°m Schlummer gelosten Körpers. Ein verräterisches Nachtgewand, eine schmiegsame, bis zur Lüste binab- gerutschte Decke- das Lager, in der fünen, ufLchen Faltung gebildet, wie sie bei ruhigem Schlaf sich formt aber alles von einem wunderbarem Stilgefühl beherrschst
Wie absichtslos der schone Arm mit der weichen, schlam den Kopf bettete — und doch konnte ihn keine r---* graziöser legen. , Diesen Kopf mit dem halb gelosten Haar, der an die Reiterin vom Vormittage er^ Q Ä er weicher, weiblicher, sinnlicher anmutete. Der Staatsanwalt vergaß, indem er sich tief niederbeuqte und sich in das Studium des Kunstwerks vertiefte für einige Zeit ganz seine üble Lage. Erst als er zurücktrat, um die ganze rosige Schönheit noch einmal in einem zu erfaßen, kam ihm plötzlich wieder das Gefühl, daß sich unter dem Marmor ein Sarg befand mit dem schauerlichen Beweis irdischer Vergänglichkeit.
.. i® 01 ’ das Bildwerk ähnlich? Dann mußte der Zufall günstig gewesen sein, auch wenn dem Künstler wertvolles malerisches oder plastisches Material nach dem Leben vor- gelegen — oder er mußte die Verstorbene gekannt und einen tiefen Eindruck von ihr bewahrt haben. Ter Staatsanwalt, rechnete nach ... die Gräfin mußte fast eine Vierzigerin gewejen sein, als sie starb. Die Marmor- figur gab sie mindestens zehn Jahre jünger. Vielleicht ^w^?we!lts junge ^rau? eine Stiefmutter Ah, das eröffnete eine Perspektive!
Er ffrübelte darüber; dann dachte er wieder an sich. Eine nette Aussicht, vielleicht die Nacht hier kampieren zu müssen; aber das war das wenigste: was dann?
Und der Staatswalt wartete, saß, vertiefte sich wohl zehnmal m me , geheimnisvoll verschütteten Züge der Marmorschonhcit, in den Betrug leiser Regung, schwachen
Müde. Zum Henker er mußte sich , darauf emrichten, m dieser Gruftkühle zu schlafen, auf diesen Fliesen von istrischem Kalkstein. Das war kein Genuß!
s^wrckelte seinen Mantel aus, so dünn und feucht- versuchte aus oem Boden verschiedene Lagen, die Tasche alv Kopfkissen benutzend. Darüber schlief er ein.
Vielmehr er erstarrte mit einer Art Halbschlaf, durch ben a e Ji utlb lüe Harte des Steinlagers empfand
SchL,Ll.^«° " “ ,ä
„ , genug hatte, sah er das Auge aus
rotem Zellglas über sich durchsonnt schimmern. Er
noch Mitarbeiter der Wittkowsky-Hardenschen „Zukunft", Braun, Göhre, Lilly Braun, Borchardt, Bernhard ufw L mindesten das Taktgefühl haben müffcn, di«
VeraanaenN?^^?^ Harden, eines Menschen, der eine So * cw - wie gewisse Damen, abzulehnen, L \ ^ habe bereits gesagt,
fjL erklärlich, daß ich von Wittkowsky-Harden ?2fi?, ut . ro€ri>e -. bekomme oftmals Schriften zuge. schickt, ,n denen ich angegriffen werde, wenn ich mii meiner Frau gerade beim Frühstück fitze. Ich sage als. rann gewöhnlich zu meiner Frau: „Siehst . Du, Julie a ÖC X r ro l eI)er angegriffen, mir macht es Spaß> a te,t 6en Artikel auch und ärgert sich darüber.
acarissev^^a^^ «enn ich von Gegnern an. ■”? C i röe ' ffh weiß alsdann wenigstens, daß ich Eö^ge bm. Wenn ich von den Gegnern ? werde, dann kratze ich mich hinter den Ohren unü sage. „Hast Du nicht wieder einmal eine Eselei bc. gangen:. fHelterkcit.) Ich wende mich jetzt zu Meh, ring. Ich kenne Mehring seit Ende der 1860er Jahre; er war damals ein ganz junger Mann von 22 bis 2g fahren, wohl kaum von der Universität gekommen. Er war Mitarbeiter der demokratischen Guido Weitzschen „Zukunst , und wenn er auch nicht organisierter Genosse w°r. s° war -r Sozialdemokrat. Er hat so manchen guten Artikel für die Partei geschrieben. Nachdem ich mit Lieb- knecht zwei Jahre in Hubcrtusburg und ich allein noch neun Monate in Kvmgstein gesessen hatte, und 1875 nach Berlin kam, hörte ich, daß Mehring zu unseren Gegnern K; „Daß Mehring angesichts feiner eminenten schrlfhtellerischcn Befähigung des Geldes halber ins gegnerische Lager übergegangen ist, kann ich nicht glauben. Ich muß gestehen, Mehring ist mir ein psychologisches Rät- [ cL .. Angriffe von Mehring waren um so schlimmer,
da sie in die schlimmste Zeit der Verfolgungen fielen und die Gegner sich sagten: Das ist ein Mann, der selbst zur Partei gehört hat und die Leute persönlich kennt Die Mehringschcn Angriffe trafen um so härter, da sie von einem sachkundigen Manne geschrieben waren und auch so manches Mahre darin enthalten war. Da plötzlich erschienen in der nationalliberalen „Weser-Zeitung" Artikel, die das Vorgehen der Polizei gegen die Sozialdemo- „ ^ geißelten, öaß diese Artikel allgemeines
Aufsehen erregten. Auf unsere Erkundigungen erfuhren wir, der Schreiber sei Franz Mehring. Eine solche Wandlung konnten wir uns schon gefallen lassen. Einige Zen darauf wurde Mehring Chef-Redaktcur der „Ber- lincr Volkszeitung". In diesem damals sehr einflußreichen Blatte ist Mehring in mannhaftester Weise für die Partei cingctreten. In diese Zeit fiel das bekannte Loupcr, das Genosse Singer bezahlen mußte, da er seine Wette verloren hatte. Die politische Vergangenheit Meh- iings war der ganzen Partei bekannt, nur Heinrich Braun, der seit 1878 der Partei angchört, will sie nicht
sprang auf, zornig, erbittert. Der Märchenzauber dieser Grabkammer war ihm gleichgültig. Das schöne Frauen- r° n b£ ™ Oberlicht aufgehellt, schien ihn durch die ^!ßßostenen Lider hindurch fragend zu mustern — er fmille nichts dabei. Nichts von Grauen; nur die Ent» ru,tnng über diesen verrückten Grafen, über sich selbst, der der Verjuchung nachgegeben, sich in Dinge zu mischen die ihn gar nichts angingen. Er zog den Mantel an und begann in dem kleinen Raume auf- und abzugehen und
sich durch Bewegung der Arme und Händereiben zu erwärmen. 0
uoch einmal die Türen untersuchen ....-'"cht me geringste Aussicht, sie zu öffnen! Fußtritts hubm und drüben verhallten gleich dumpf.
Die Tür zum Gang muß außer Betracht bleiben: wer soll da etwas Horen? Er wird ab und zu kräftig die andere bearbeiten. J
. SJfjn hungert. Er untersucht die Tasche auf Rester —
2LwV-L G S, ^ schluck Kognak in der leder- umhullten^ Reisetasche, die er leer trinkt.
e * nen Aormittag, um wahnsinnig zu werden vor stumpfsinniger Langeweile und Hunger.
Er muß es aushalten. Aber er zieht alle fünf Mi- .miten einen Stiefel aus, um gegen die Tür zu donnern. £r c . r herausholt, ist ihm völlig gleichgültig
»Mcht » aa ' in Swisch»,d»rch
war zehn geworden, und er stand eben im Be- griff, den Stiesel nach einem Dutzend wütender Schläge wieder an den Fuß zu ziehen, da war ihm, als höre er hinter der Tur em Brummen. Eine Menschenstimme. „Holla — ist winand draußen?" schrie er
rasselte jenseits ein Schlüsselbund und ein Schlüssel tastete und schob sich in das Schloß. Die Tür ging auf. —
.Ter Staatsanwalt sah einen Hintergrund von Ge- wachshauspflanzen, eine kleine Trepve und aus den Stufen dicht vor sich die mit gebeugtem Rücken stehende
Mannes, der ihn mißtrauisch forschend aniah. Im Arbeitsanzuge. ■
„91a, wie kommen denn Sic dahier her?"
