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Der Roman.

i« = »i Morgen-Beilage des Wiesbadener Tagblatts, s u—- i

Nr. 211. Freitag» 10. September. 1915.

( 12 . Fortsetzung.)

$rle6els Ctebe. «««»druck verboten.»

81 oman von Anny von PanhuyS. *

„Friede! genießt ihr Lehen in vollen Zügen", schrieb die Gräfin Sorhagen kürzlich an ihren Mann, und sie war auch fest von dem, was sie schrieb, überzeugt. Wie sollte sie auch nicht, machte Friede! doch alles mit, was das elegante Nordsecbad an Vergnügungen bot. Immer befand er sich in ihrer Nähe, der blonde, breitschultrige Jonkheer van Moelen mit dem dichten, ins rötliche spielenden Schnurrbart und den Hellen, grauen Augen, die einen so weiten Vlick besaßen, wie er Seeleuten eigen ist, die gewohnt find, in die Ferne zu spähen.

Friede! mochte ihn gern, den ruhigen, immer gleich­mäßigen Junker, er war keiner von den Schwätzern, die sie mir Schmeicheleien müde redeten. Er konnte neben ihr hergehen oder bei ihr sitzen und dabei lange schwei­gen. Er störte ihr Nachdenken nicht, wie die anderen Herren, die hier in ihrem vornehmen, eng begreiizten Kreise Aufnahme gefuirden. Er hatte so eine sympathi­sche Art, nur zur rechten Zeit zu reden, fand sie, und deshalb ward er ihr erwählter Ritter. Wie ein großes, gutes, treues Tier kam er ihr manchmal vor, und sie dachte keinen Augenblick daran, daß der reiche Holländer mit hoffnuugssrohem Herzen in ihr vielleicht die zu­künftige Herrin seiner Güter erblickte. Nein, daran dachte sie nicht, dann hätte er nienials in ihr Leben treten dürfen, der rassige, junge Offizier, der einmal ihr Bräutigam gewesen und der nun wieder ihr Vetter war. Nur ihr Vetter. Zu Ende mußte sie sein, die große heiße Lrcbe, die ihrem Herzen Wunden geschlagen. Tiefe, schmerzhafte Wunden. Und sie kaufte im Haag die teuersten, ausgesuchtesten Toiletten und hüllte ihre junge Schlankheit hinein, doch unter den Spitzen und Seidenstoffen brannten die Wunden und ihre Sehn­sucht schrie laut nach dem, der sie belogen und betrogen und ihrer kaum noch gedachte. Was er ihr güwesen? Nimmer würde er es erfahren. O, sie hatte ihren Stolz, und deshalb spielte sie der Mutter und den anderen die Rolle der lebenslustigen Friede! Sorhagen vor. Wen kümmerte es, daß sie nachts in ihre Kissen schluchzte und immer wieder den einen geliebten Namen flüsterte, den über alles geliebten Namen. Wen kümmerte das?

Wenn sie am Strands faß und die Wogen sich breit und stürmend heranwälzten, miit den weißen Schaum­kronen, mächtigen Meerungcheuern gleichend, dann stieg «in Verlangen in ihr auf, ihre quälende Sehnsucht zu enden, sich von den Meerungcheuern erdrücken zu lasten, sich das törichte Herz totdrücken zu lasten. Leicht konnte Las geschehen. Nur ein wenig zu weit schwimmen beim Baden — man würde an einen Unfall glauben. Natür­lich. Die stolze Komtesse Sorhagen hätte Loch niemals einen Selbstmord begangen. Selbstmord! Welch häß­liches Wort. Aber ob Selbstmord oder Unvorsichtigkeit, Vater und Mutter würden sich grämen um ihre Einzige. Und die Eltern waren immer gut zu ihr gewesen und hatten nur an ihr Glück gedacht. Kummer wollte sie Dnen nicht bereiten. So verbarg sie denn tapfer ihr .Leid.

Gräfin Sorhagen traf in Scheveningen eine glte

Jugendfreundin wieder. Nachmittags saßen dre beiden Damen fast täglich auf dem weit ins Meer hinaus» ragenden Königin-Wilhelmina-Pier ^ und beim Genuß eines kühlen Getränkes plauderten sie von ihren jungen Tagen. Von dein Tage, da sie beide ihren ersten Hof» ball mitgemacht, bis zu dem Tage, -da sie sich verlobten. Beide hatten ihre Jugend und Mädchensahre in Berlin zugebracht. Noch heute lebte die Baronin Stellfeld in der ReichÄhauptstadt: ihr Gatte war Ministerialrat. Ihr Sohn, ein kleines, hyperelegantes, einglasbewaff- netes Herrchen, der als Referendar am Kammergericht arbeitete, gab sich die größte Mühe, mit Friede! zu flir­ten, doch bald mußte er seine Bemühungen fallen lassen.

„Vci der Eisjungfrau is nischt zu wollen", äußerte er zu seiner Mutter, die cs sehr gerne gesehen hätte, wenn aus ihrem etwas leichtsinnigen Sohn und Friede! Sorhagen ein Paar geworden iväre. Und seit der junge Stellfeld eingesehen, daß bei der „Eisjungfrau nischt zu wollen is", begann er seine Tätigkeit auf ein anderes Gebiet zu verlegen. Er studierte Holland, „Land und Leute" wie er sagte. Namentlich die Großstädte. Nach­dem er die Vergnügungslokale der benachbarten Residenz einer eingehenden Prüfung unterzogen, dehnte er bald seine Streifzüge bis nach Amsterdam und Rotterdam aus. Friede! war froh darüber, der fade Mensch lang­weilte sie entsetzlich, da war ihr die Gesellschaft van Moelens viel, viel angenehmer.

Gräfin Sorhagen und Baronin Stellfeld saßen an ihrem gewohnten Tischchen auf dem Königin-Wil­helmina-Pier. Friede! lehnte nicht weit davon an der Brüstung und blickte aufs Meer hinaus. Die Flut be­gann und donnernd schossen die riesigen Wogen gegen den auf massigen effernen Pfeilern ruhenden Pier. Manchmal ging es wie eine Erschütterung «durch den eisernen Bau. Wie große Niesen rüttelten die Wasser an diesem Werk, das Menschenhände schufen. Menschen­hände, die ein kluger Baumeister leitete, trotzten ener­gisch rohen Naturgewalten. Wild aufbrüllend vor Wut über die nutzlose Mühe schäumten die Wasser weiter dem Ufer zu, eine Sturzwelle nach der anderen. Am Strande bauten die Kinder sich Wasserburgen .unö schrien vor Vergnügen laut auf, wenn die Bungen über­schwemmt wurden. Ganz ferne auf der See. wie in den klaren Horizont hineingezeichnet, sah man Schsveninger Fischerboote, die waren zum Fange draußen. Der Sonnenball senkte sich schon tief, er lag förmlich auf dem Wasser und leuchtende, breite Goldstreifen schwammen aus den Wellen. Goldene Wege, die mitten hineinführ' ten in das herrliche Tagesgestirn. Die Wolken hingen gleich rosigen, zarten Federchen am Himmel und zwi­schendurch brachen grelle Flammen.

Sonnenuntergang!

Und wütender tobten die Wasser.

Jonkheer van Moelen erschien und drückte sein? Überraschung ans, die Damen hier „zufällig" zu treffen. Der „Zufall" passierte ihm beinahe jeden-Dag zur sel­ben Zeit. Die Damen boten ihm «inen Platz an. Er

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